Im Westen kommen immer mehr Menschen zu den BelehrungenEin Interview mit Sherab Gyaltsen RinpocheMitte des Jahres 2006 besuchte Sherab Gyaltsen Rinpoche zum ersten Mal europäische Diamantwegzentren und gab Belehrungen und Ermächtigungen. Dieses Interview wurde während eines gemeinsamen Kurses zusammen mit Lama Ole Nydahl in Braunschweig geführt. In den letzten Wochen kamen viele Leute zu deinen Belehrungen und empfingen Einweihungen von dir. Nicht alle hatten aber die Möglichkeit, dich persönlich zu treffen. Möchtest du etwas über dich erzählen, woher du kommst zum Beispiel? Könntest du etwas über dein Leben erzählen? Wo hast du zum Beispiel deine Ausbildung bekommen? Meine Mutter nahm es an sich und zeigte es einem Mönch, der aus Samye Ling in Tibet kam. Sie fragte ihn, was es wohl bedeuten könne, dass ihr Kind das Buch gefunden habe. Der Mönch antwortete, dass es bestimmt etwas zu bedeuten habe, dass er es aber aufgrund seines mangelnden Wissens nicht interpretieren könne. Er empfahl, das Buch einem hohen Lama zu zeigen. Als dann die frühere Inkarnation von Shangpa Rinpoche in das Land kam, nahm mein Vater, der eigentlich krank war, mich zusammen mit dem in einen Katakh eingewickelten Buch auf seinen Rücken mit zu Rinpoche. Mein Vater hatte zwei Anliegen und sagte: "Ich bin krank. Bitte mache ein Orakel, ob es etwas Ernstes ist. Und ich habe mein Kind mitgebracht, es hat dieses Buch gefunden. Bitte sage mir etwas darüber." Rinpoche schaute sich das Buch an, sagte aber nicht, um was für ein Buch es sich handelte. Er meinte nur, dass ich im Alter von acht Jahren anfangen solle, das Dharma zu studieren. Wenn ich das nicht täte, dann würde ich kein langes Leben haben. Zu der Krankheit meines Vaters sagte er: "Du wirst sterben, auch wenn dir 100 Lamas Langlebens-Einweihungen geben würden." Als wir nach Hause kamen, sagte mein Vater zu meiner Mutter: "Unser Sohn soll, wenn er acht Jahre alt ist, das Dharma studieren, sonst wird er nicht lange leben. Merke dir das!" Er wollte meiner Mutter nicht sagen, dass er selbst bald sterben würde, um sie nicht traurig zu machen. Aber er erzählte es einigen anderen Leuten. Er starb, als ich vier Jahre alt war. Als ich acht wurde, begann ich, wie Shangpa Rinpoche es geraten hatte, das Dharma zu lernen. So kam es also dazu, dass ich bereits damals damit anfing. Die ersten Jahre lernte ich lesen, schreiben usw. Als ich zwölf war, machte ich Grundübungen - Verbeugungen, Diamantgeist, Mandala-Schenkungen, Guru Yoga. Im Alter von 13, 14 und 15 folgte ich in verschiedenen Häusern der Sitte, nach der man von Leuten eingeladen wurde, um wichtige Texte zu lesen und verschiedene Pujas zu machen, und sie gaben einem dafür zu essen. Das tat ich über drei Jahre, und währenddessen lebte ich bei meiner Mutter. Mit 15 Jahren reiste ich nach Rumtek, um Gyalwa Karmapa zu treffen. Zuerst ging ich zu dem alten Kloster, in dem Karmapa sich zu der Zeit aufhielt. Ich nahm Zuflucht bei ihm, wurde ein Mönch und blieb in Rumtek. Als das neue Kloster Rumtek fertig war, zogen wir dann alle dort hoch. Damals hatten wir dort noch keine Shedra, keine Schule. Die Hauptausbildung bestand darin, all die Tantras zu studieren. Wir lernten Bücher auswendig und übten Rituale wie Demchog, Phagmo usw. Das studierte ich über drei Jahre, auch wie man die Instrumente spielt, wie man Tormas macht und Mandalas zeichnet. All diese Fertigkeiten waren Teil der Studien. Ein sehr wichtiger Lama namens Sangye Rinpoche gab uns die Lungs für all die wichtigen Texte wie Gyü Lama, Hevajra-Tantra usw. Er gab uns auch die wichtigsten Belehrungen über die Ebenen von Versprechen, Gampopas "Juwelenschmuck der Befreiung" und viele andere Texte. Als ich 16 Jahre alt war, nahm ich die Novizen-Ordination. Mit 18 begleitete ich Karmapa zum Swayambhu-Stupa nach Nepal. Zu jener Zeit gab es noch keine anderen großen Klöster in Nepal. Dort blieb ich und bekam wichtige Ermächtigungen von Karmapa - Rote Weisheit (tib.: Dorje Phagmo), "Höchste Freude" (tib. Khorlo Demchog) usw. - und nahm die volle Ordination. Normalerweise muss man dafür 20 Jahre alt sein, aber Karmapa sagte damals, dass Swayambhu ein so wichtiger Platz und es gut sei, die Ordination dort zu nehmen. Es passte auch astrologisch mit dem Mondkalender, denn alle drei Jahre muss man einen Monat addieren. Auch deswegen sagte Karmapa, dass es günstig sei. Ich kehrte dann nach Rumtek zurück und bekam im Alter von 20 Jahren weitere Einweihungen von Karmapa - "Eins erkannt, alles verwirklicht" (tib. Tschig She Kün Dröl), das Große Siegel usw. Danach hatte ich in Rumtek verschiedene Aktivitäten. Die Mönche lernten dort Verschiedenes, kümmerten sich um die anderen Mönche und hatten über die Jahre verschiedene Funktionen. Mit 28 Jahren ging ich in ein Retreat und danach zurück nach Nepal. Zu jener Zeit starb Karmapa. Ich war zuerst in Pokhara, dann zurück an meiner eigenen Stelle, und gründete schließlich einen Retreatplatz für die Nonnen. In meiner Zeit in Pokhara begann ich mit den großen Versammlungen zum Rezitieren von Mani-Mantras. Du hast also Ordination vom 16. Karmapa empfangen und viel Zeit mit ihm verbracht. Könntest du etwas über diese Zeit und den 16. Karmapa selbst erzählen? Hier eine Geschichte als Beispiel dafür, wie Karmapa war und inwiefern er alles wusste, was die Leute dachten. Ein mittlerweile leider verstorbener Sikkimese namens Khyenpa Gyaltsen lebte damals in Sikkim, und es kamen immer wieder Touristengruppen dort hin. Eines Tages brachte er eine solche Gruppe nach Rumtek, damit sie Karmapa sehen könnten, denn er wusste, wie wichtig Karmapa war. Karmapa saß in dem großen Raum in Rumtek auf dem Boden zwischen verschiedenen Vogelkäfigen. Manchmal verbrachte er seine Zeit in dieser Weise, dass er sich um die Vögel kümmerte und mit ihnen kommunizierte. Karmapa hatte etwa drei Vögel in jedem Käfig, und er wechselte das schmutzige Wasser aus, gab ihnen Futter und war vollkommen mit ihnen beschäftigt. Diese Gruppe kam also herein, Khyenpa Gyaltsen stellte sie vor und erklärte ihr, dass dies der Karmapa sei. Karmapa sagte allen, sie sollen sich setzen und bat, dass man Tee für sie machen solle. Die Leute saßen also da und stellten manchmal Fragen. Karmapa war so sehr in seine Arbeit vertieft, dass er manchmal antwortete, manchmal aber auch einfach nur völlig beschäftigt war. Khyenpa Gyaltsen dachte: "Das ist irgendwie schade. Diese Leute kommen von so weit her, und Karmapa beachtet sie gar nicht richtig. Es wäre schön für sie, wenn er ihnen mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen würde." Im gleichen Moment, als er das dachte, schaute ihn Karmapa an, lachte und sagte auf Tibetisch: "Warum übersetzt du der Gruppe nicht, was du gerade gedacht hast?" Er war so geschockt, dass er danach in Karmapas Gegenwart verzweifelt versuchte, überhaupt nicht zu denken. Ihm war klar, dass Karmapa genau wusste, was er dachte und was in seinem Geist vorging. Trafst du Ende der 60er Jahre auch Hannah und Ole? Hast du Erinnerungen an sie? Wir hörten auch, dass du Lopön Tsechu Rinpoche kanntest. Er besuchte regelmäßig unsere Zentren. Hast du Erinnerungen an ihn? Als ich 25 Jahre alt war, kam Kunu Rinpoche - ein sehr besonderer Lama aus West-Indien. Er hatte einen Text über den Erleuchtungsgeist verfasst, reiste nach Nepal und lehrte über diesen Text. Wir bekamen gemeinsam die Erklärungen von diesem Lama. In dieser Weise kannte ich Lopön Tsechu Rinpoche. Er war einer meiner Freunde, kein Lehrer, denn er kam aus einer anderen Linie. Er war Drukpa Kagyü, und ich Karma Kamtsang. Deswegen empfing ich keine Ermächtigungen, Übertragungen durch Lesen oder Erklärungen von ihm1. Als buddhistischer Lehrer und Rinpoche hast du vielleicht viele Schüler und allgemein eine große Verantwortung. Was ist deine derzeitige Aktivität in Nepal? Du bist ein Dorje Lopön, ein Vajra-Meister, für Retreats. Was bedeutet das? Was ist der Sinn eines Retreats? Wie kam die Idee auf, die Zentren in Europa zu besuchen? Aber dann wurde ich immer wieder eingeladen, und ab und zu kamen Leute nach Nepal und sagten mir, es sei gut zu kommen. Schon für letztes Jahr war ein Besuch in euren Zentren geplant. Da ich aber die Situation nicht richtig kannte und nicht richtig kommunizieren konnte, musste ich nach Belgien und das Visum passte nicht für die Reise. Deswegen klappte es letztes Jahr nicht, und ich kam erst 2006 zum ersten Mal in eure Zentren. Es geschah also, weil ihr mich eingeladen habt. Was sind deine Eindrücke von Europa und den Praktizierenden hier? Wie siehst du die Unterschiede in der Art zu praktizieren im Osten und im Westen? Und wie verhält es sich in Indien und Nepal? Im Westen sehe ich Entwicklung. Ich war vor 20 Jahren zum ersten Mal als Begleitung von Shamar Rinpoche hier. Zu der Zeit wurde Shamar Rinpoche bei Einweihungen gebeten, Erklärungen zu geben und es gab Fragen und Antworten. Aber seit damals hat sich die Qualität der Fragen der Leute sehr verändert. Damals lagen sie noch viel mehr im persönlichen Bereich, also über eigene Probleme und Fragen zu einem selbst, nicht so sehr in Verbindung mit dem, was eigentlich gelehrt wurde. Mir scheint, dass die Leute heute auch in ihren Fragen viel klarer sind. Wenn ich das "Große Siegel" lehre, drehen sich die Fragen um das "Große Siegel". Wenn ich über die Grundübungen lehre, wird über die Grundübungen gefragt. Die Fragen kommen mehr auf den Punkt. Hier sehe ich die Entwicklung im Westen. Du hast viele Segens-Ermächtigungen gegeben. Was ist deren Bedeutung? Die andere Art von Ermächtigung, die ihr gerade angesprochen habt, wird lange im Voraus groß ankündigt und es kommen viele Leute. Hier ist es dann nicht möglich, solch eine Verbindung zwischen Lehrer und Schüler aufzubauen. Deswegen geht es dann mehr um einen Segen, kann man sagen. Natürlich werden positive Eindrücke in den Geist gepflanzt und Leute bekommen dadurch eine Verbindung mit Dharma. Es hat diese Qualitäten, aber es ist nicht wirklich eine Einweihung im eigentlichen Sinne. Du bist ein Experte für Stupa-Bau. Was ist die Bedeutung eines Stupa? Wirst du wieder unsere Zentren besuchen? Ich habe auch die Verantwortung für Retreatzentren und muss mich um diese kümmern. Nächstes Jahr wird es in Pokhara eine weitere Retreatstelle wie die in Parping geben, und man hat mich gebeten, diese beim ersten Retreat zu betreuen. Die Wiedergeburt von Dusing Rinpoche - er ist jetzt im gleichen Alter wie Karmapa - wird daran teilnehmen. Ich werde ihn ausbilden, und wenn er alles gelernt hat, wird er die Leitung der Stelle übernehmen. Ich werde sie zwar nicht fortführen, aber ich habe für das erste Mal zugesagt. Das bedeutet also, dass ich nächstes Jahr zwei Retreatstellen betreue und zumindest für den Start Zeit brauche. Es wird zwei oder drei Monate im nächsten Jahr geben, in denen ich zeitlich flexibler bin und dann werden wir sehen, welche anderen Aktivitäten ich noch aufnehmen kann. Vielen Dank für deine Zeit und die Antworten!1 Anmerkung der Redaktion: Dies bezieht sich auf die ursprüngliche Ausbildung von Lopön Tsechu Rinpoche. Er erhielt später jedoch vom 16. Karmapa auch die Karma-Kamtsang-Übertragung.
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