Aus: Buddhismus Heute Nr. 42, (Winter 2006)

Kuchary - Treffpunkt von Ost und West

Von Leszek Nadolski

Im Jahre 1984 herrschte in Polen das Kriegsrecht, das behinderte aber in keiner Weise die Entwicklung des Diamantweg-Buddhismus. Lama Ole Nydahl besuchte uns auch weiterhin mindestens einmal im Jahr. Auf einer seiner Reisen mussten wir in Plotsk den Vortrag eher als geplant beenden und Lama Ole erzählte uns danach in völliger Dunkelheit in einem alten Amphitheater am Wisla-Fluß unglaubliche Geschichten über die freie Welt und den Dharma und er beantwortete Fragen.

Dort traf uns plötzlich eine seiner Aussagen wie ein Blitz: Er sagte, es könne nicht schaden, ein Stück Land mit einem Haus irgendwo in der Mitte Polens zu finden. Einer von uns nahm ihn beim Wort und einige Zeit später tat sich eine Möglichkeit auf - Kuchary. Es war eine alte Ruine auf einem Acker, die 50 Jahre Nachkriegs- Geschichte ertragen hatte, dazu sechs Hektar eines 100 Jahre alten Parks. Die nackte Angst überfiel den Vorstand unseres Vereins als klar wurde, dass der Lama nicht gescherzt hatte. Er wollte tatsächlich diese Ruine kaufen! In jenen Jahren hatten wir uns immer nur in privaten Wohnungen getroffen. In keiner einzigen Stadt gab es ein richtig funktionierendes Zentrum. Unser Geldmangel trug auch nicht gerade dazu bei, uns Mut zu machen. Aber der Lama war nicht zu Kompromissen bereit. Er drohte: "Wenn ihr es nicht kauft, dann tue ich es". So wurde Kuchary im Herbst 1986 für umgerechnet 800 Deutsche Mark unser Eigentum. Viele Idealisten mit viel freier Zeit, aber wenig Geld und Erfahrung und genausowenig Baumaterial, welches man nur im Schwarz-Weiß-Fernseher sehen konnte, standen vor einer großen Herausforderung.

Kuchary war von Anfang an ein Treffpunkt für alle möglichen Aktivitäten - gemeinsames Wohnen, Bauen, Meditationskurse und persönliche Praxis. Es war wie ein Dampfdruck-Kessel in dem alle Hoffnungen und Wünsche schnell hochgekocht wurden. Dies alles geschah unter spartanischen Bedingungen: ohne Heizung, ohne heißes Wasser, in einem zerfallenen Haus mit undichtem Dach. Der Lebensstandard und die Arbeitsbedingungen waren völlig anders als wie wir es heute vorfinden. Es gab keine Autos, kein Telephon, kein Internet. Nur ein Postbote kam ab und zu auf dem Fahrrad vorbei und brachte Post aus fernen Ländern.

Unter diesen Bedingungen war es schwer für uns, Lama Oles Worte zu verstehen: "Sehr bald wird Kuchary ein Platz, an dem sich Ost und West begegnen..." Wir dachten: Osten - ja, davon haben wir hier schließlich im Überfluss. Aber Westen? Diese schöne, strahlende, saubere und reiche Welt in diesem polnischen Kaff?

Hilfe kam jedoch regelmäßig und von selbst. Dinge, die für die Entwicklung der Stelle wesentlich waren, erschienen auf mysteriöse Weise. Erste Gesandte des Westens tauchten auf. Das Mandala begann zu arbeiten.

Bauen
Zuerst arbeiteten wir nur am Haus und alles erschien uns so riesig: 1000 Quadratmeter Wohnfläche könnten immerhin 15 Wohnungen ergeben. Und zu jener Zeit lebten die meisten von uns bei den Eltern. Nicht nur weil wir sie so sehr liebten, sondern weil es damals einfach nicht genug günstige Wohnungen gab.

Darüber hinaus war der Bau eine riesige Herausforderung. Wir teilten die Bauarbeiten am Haus in drei Phasen ein, denn wir mussten neben dem Bau ja auch dort leben. Auch wurde uns klar, dass wir von nun an dort Kurse halten müssten, die unsere Leute mit der Stelle in Verbindung bringen würden. Zuerst bauten wir den rechten Teil des Gebäudes aus und hatten damit eine Gompa, einen Schützerraum, ein Büro, einige Zimmer und eine kleine Dusche mit WC. Nach einigen Jahren renovierten wir den zentralen Teil des Hauses und zum Schluss dann den linken Teil und den Keller. Die wichtigsten Bauarbeiten wurden vor zehn Jahren abgeschlossen. Wir hatten auch das Dach und 80 Prozent aller Wände und Decken erneuern müssen.

Im Laufe der Zeit kam alles, was nötig ist, um die Funktion eines Zurückziehungszentrums zu erfüllen. Im Ost-Teil des Parks bauten wir einen Retreat-Komplex und ein Haus für Lopön Tsechu Rinpoche. Mit der Zeit wuchs auch die Infrastruktur: Wasser, Kanalisation, Elektrizität, Telefonleitungen, Internet. Mit jedem Schritt wurde alles größer und größer. Wir erfuhren, dass Kuchary früher eine Siedlung war, die nach dem 2. Weltkrieg in kleine Bauernhöfe aufgeteilt worden war und dann von der Staatsmacht in die Hände der lokalen Bevölkerung gegeben wurde. Schritt für Schritt wuchs unser Stück Land und heute besitzen wir 29 Hektar. Wir kauften auch einen alten Lebensmittelladen und ein Milchgeschäft nah beim Haus. Diese Entwicklung geht weiter und die Grenzen sind noch nicht abzusehen. Die Liste unseres Besitzes umfasst auch einen Bauernhof mit drei Häusern, die als Werkstatt und Lager für technisches Gerät dienen. Ständig muss in Kuchary irgendetwas zu Ende geführt werden und es wird noch einige Zeit dauern, bis die Bau-Phase des Projektes als abgeschlossen betrachtet werden kann.

Kurse
Die Sommerkurse waren in Kuchary von Anfang an die Hauptereignisse für alle polnischen Schüler von Lama Ole. Die Organisation der ersten Kurse war allerdings wirklich dramatisch. Wir wurden ins kalte Wasser geworfen und sahen der Tatsache ins Auge, dass es einen Kurs geben wird und dass Menschen kommen werden, viele Menschen, die alle Essen, Getränke, Duschen und WCs brauchen. Niemand wusste, wie wir das managen sollten. Ohne ausreichend Wasser, Elektrizität, Essen usw. empfingen wir 1000, manchmal sogar 2000 Menschen, und alles musste in Hauruck-Aktionen und in Schnellspurts erledigt werden. Mangel an Logistik und Ausrüstung ließ einige Helden mit ganzem Herzen kämpfen und Tag und Nacht arbeiten, damit nicht alle Besucher zum Beispiel im Abwasser untergingen. Nichtsdestotrotz gewannen wir Erfahrung, und begleitet von der Entwicklung der technischen Infrastruktur, gelang es uns, dass die Organisation der Sommerkurse immer zivilisierter wurde. Heute sind unsere Kurse eher Begegnungsfeiern mit dem Lama und den Freunden. Ungefähr 100 Leute arbeiten an den Kursen und wir teilen gerne unsere Erfahrung mit anderen Stellen.

Neben den Sommerkursen führten wir auch Meditationskurse über das Jahr verteilt ein. Sie wurden zur Hauptaktivität des Zentrums. Über lange Zeit dient Kuchary nun schon als ein Platz, an dem man leicht studieren, meditieren und schöne Aussichten auf die Landschaft genießen kann.

Stupas
In Kuchary stehen zwei Stupas: Ein "Erleuchtungs-Stupa" und ein "Stupa der Wunder". Der Platz für den ersten Stupa wurde 1987 von Jamgön Kongtrul Rinpoche ausgewählt.

Im Herbst 1989 führte Tenga Rinpoche Rituale für die Nagas durch und in diesem Jahr wurde der Stupa zu ungefähr 2/3 gebaut. Die nötigen Bau-Formen dafür erhielten wir vom Zentrum in Rödby. 1990 wurden die Arbeiten am Stupa beendet und Tsechu Rinpoche weihte ihn ein.

Versteckt zwischen den Bäumen, nah beim Haus, stand er viele Jahre friedlich da und nur wenige nutzten ihn für Meditation oder die klassischen Umschreitungen. Vielleicht war es das, was eines Tages zu einer Vermutung führte: Könnte es sein, dass etwas mit dem Stupa nicht in Ordnung ist?

Tsechu Rinpoche sagte uns: "Wenn ihr so denkt, dann werden wir eben noch einen Stupa bauen!" Lama Ole und Tsechu Rinpoche suchten einen angemessenen Platz aus und Tsechu Rinpoche sagte, dass wir bald beginnen sollten, denn er sei schon alt. Im Mai 2002 begannen wir mit dem Bau und im August fand die Einweihung statt. Ungefähr 3000 Menschen kamen, es war großartig und freudvoll. Einige besondere Zeichen erschienen und Rinpoche war sehr glücklich. Als wir mit ihm zusammen im Haus Tee tranken, sagte er: "Es ist wirklich nett, so zusammen zu sitzen und sich zu erinnern, wie wundervoll alles war, aber die Zeit läuft davon." Leider war das sein letzter Besuch in Polen.

Teiche
In der Vergangenheit mögen die Teiche vor dem Haus eine dekorative Rolle in der Szenerie gespielt haben. Aber über viele Jahre hin waren sie heruntergekommen und hatten sich in übel stinkende Sümpfe verwandelt. Tsechu Rinpoche war immer an ihnen interessiert und betonte, dass wir uns um sie kümmern sollten, Blumen pflanzen usw. Auch Lama Ole sprach von der Notwendigkeit sie zu reinigen. Aber wir verstanden die Situation mit den Teichen nicht wirklich ...

Ständig hatten wir Probleme mit der Elektrizität und dem Wasser. Die Lichter im Haus gingen an und aus. Ohne erkennbaren Grund brachen ab und zu Wasserleitungen. Oft mussten wir unsere Autobatterien wechseln, was aber nur für kurze Zeit half, dann brauchten sie schon wieder eine Aufladung.

Wir hörten von den Lamas, dass dies alles die Folge davon sein könnte, dass die Nagas den Zustand des Wassers in den Teichen nicht mögen. So entstand ein neues Projekt - die Teiche zu reinigen. Es wurden Hunderte von Tonnen Schlamm aus ihnen entfernt und die Ufer mit Steinen geschmückt. Die übel riechenden Tümpel verwandelten sich in elegante Teiche und die Probleme mit der Elektrizität und dem Wasser hörten auf. Unsere Ingenieure konnten sich jedoch nicht erklären, wie die Teiche mit der Elektrizität im Haus zusammenhingen.

Dieser schöne und nützliche Platz ist heute unser wertvollster Pluspunkt. Ein Haus mit Gompa, 15 Wohnräume, Retreat-Häuser, Stupas in einem schönen Park, technische Ausrüstung für große und kleine Kurse. Hier konnten wir beobachten, wie Diamantweg-Buddhismus sich von einer exotischen Form zu einem modernen westlichen Ansatz entwickelte. Viele von uns erlebten hier eine persönliche Entwicklung, die bis heute wichtig bleibt. Nichts kann uns besser unsere Stärken und Schwächen zeigen als Teamarbeit. Wir bauen Beziehungen auf, die immer nützlicher werden. Das ist ein Gütesiegel, das all unsere Projekte tragen.

Was in Kuchary noch eine Ausnahme war, findet man heute überall. Viele Projekte, bei denen wir mitmachen, bringen unseren Geist in einen Zustand permanenter Aktivität. Wie geht man damit um, ohne seine Frische und Leidenschaft zu verlieren? Nach unserer Erfahrung in Polen scheint das leicht zu sein. So leicht wie unser Treffen zwischen Ost und West in einem polnischen Dorf namens Kuchary.


Leszek "Misiek" Nadolski aus Gdansk, ist seit 1982 Schüler von Lama Ole. Er hilft beim Bau von Zentren und ist Reiselehrer. Lebt seit 1995 im Zentrum Kuchary