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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 42, (Winter 2006)

Erfahrung – oder warum alles ganz anders ist, als man denkt

Von Ralph Bohn

Warum passt der Buddhismus in eine wissenschaftlich-technische Kultur wie die unsere? Wissenschaftler entwickeln doch Theorien, wir aber halten uns an die Praxis. Buddhismus und Wissenschaft haben aber gemeinsam, dass sie sich letztlich nur auf Erfahrung berufen. Und deshalb kämpfen die Wissenschaften auch mit den gleichen Schwierigkeiten wie wir. Andererseits haben wir auch alle unsere Theorien im Kopf. Wir nennen sie nur Konzepte. Und deshalb haben wir auch die gleichen Probleme wie die Wissenschaft. Buddhismus und Wissenschaft sind die natürlichen Verbündeten auf dem Weg zur Wahrheit. Und beide können voneinander lernen.

Das Orakel von Delphi
Wir stellen immer wieder fest, dass sich die Wissenschaft dem Buddhismus annähert, je besser und präziser sie wird. Dies trifft vor allem auf die so genannten Grundlagenwissenschaften zu, wie zum Beispiel die Physik, in der die Freaks sitzen, die wissen wollen, wie die Dinge sind. Ihnen ist es gleichgültig, ob sich ihre Erkenntnisse verkaufen lassen. Gerade die Quantentheorie, so wird uns oft erzählt, kommt der buddhistischen Sichtweise schon sehr nah. Und das stimmt ja auch. Aber Hand aufs Herz! Hat jemand die Quantentheorie verstanden? Einer ihrer Schöpfer, der amerikanische Physiker Richard Feynman, der diese Theorie maßgeblich mitgestaltete, sagte einmal: "Wer glaubt, dass er die Quantentheorie verstanden hat, der hat sie nicht verstanden".
Das einzige, was wir über die Quantentheorie wissen, ist: Wenn wir sie anwenden, liefert sie korrekte Vorhersagen. Wenn wir ihren formalen mathematischen Apparat als einen großen Kasten verstehen, der eine Eingangsöffnung und einen Ausgang hat, dann geschieht Folgendes: In die Eingangsöffnung stecken wir einige Daten hinein, die einen experimentellen Aufbau im Labor beschreiben, und verbinden dies mit einer Frage. Am Ausgang kommt dann die Antwort heraus, die vorhersagt, wie sich dieser Versuchsaufbau verhalten wird, das heißt: welche Messergebnisse an irgendwelchen Apparaten abzulesen sein werden. Das ist aber exakt das Qualitätsmerkmal einer wissenschaftlichen Theorie: dass sich aus ihr Aussagen ableiten lassen, die durch Erfahrung bestätigt werden können. Eine wissenschaftliche Theorie ist nur eine Verfeinerung der alten Kunst der Prophezeiung.
Das Orakel von Delphi funktionierte genauso. Man ging in den Tempel des Orakels und rief seine Daten und Fragen hinein. "Ich bin Themistokles, Stratege von Athen, und unsere Stadt wird von den Persern bedroht. Wie kann ich die Bedrohung abwenden?" Dann rief das Orakel die Antwort zurück: "Verlasse die Stadt und verteidige sie mit einer Mauer aus Holz. Dann wirst du die Perser besiegen." Themistokles interpretierte die Antwort richtig, indem er eine Gleichsetzung machte: "Mauer aus Holz = Flotte von Athen". Er verließ die Stadt und verteidigte sie in der Seeschlacht von Salamis 480 vor unserer Zeitrechnung erfolgreich gegen die Perser. Ob der Output also wahr ist, muss durch empirische Überprüfung nach geeigneter Interpretation festgestellt werden.
Athen hätte die Seeschlacht ja auch verlieren können. Das Orakel hatte allerdings nicht immer Recht. Oder wurden seine Antworten nur falsch interpretiert? Das gleiche Problem der Interpretation haben die Quantenphysiker auch: Sie müssen gewisse Formeln, die in ihrer Theorie auftauchen, richtig interpretieren: "Formel X = Elektron" oder "Zahlenfolge Y = Lampe Z blinkt am Messapparat". Sie müssen also die Orakelsprache in unsere klassische Sprache zurückübersetzen. Dann können sie ein Experiment machen (eine Schlacht) und die Vorhersage (Sieg) mit den Ergebnissen überprüfen. Manchmal erleiden sie auch eine Niederlage.
Wissenschaftliche Theorien sind natürlich etwas komplexer als ein einfaches Orakel. Sie bestehen aus vielen Aussagen und Begriffen über einen Ausschnitt der Welt, die sie in sprachlicher Form nachmodellieren. Diese Sätze sind miteinander logisch verknüpft und bilden dadurch eine systematische Einheit. Dabei ist die Logik ebenfalls als eine Sprache zu verstehen, die bestimmte Regeln hat, wie unsere Alltagssprache. Wenn ich sage "Sonne gehen und", dann habe ich die Regeln unsere Sprache verletzt - und heraus kommt Unsinn. Eine Theorie muss sich also an bestimmte logische Regeln halten, damit sie sinnvoll ist.

Eine Theorie ist eine Folge von Sätzen, die miteinander logisch verknüpft sind, über einen Wirklichkeitsausschnitt. Aus diesen Sätzen kann man eine Schlussfolgerung ziehen: "Wenn du A tust, dann wird B eintreten." A ist der Input (die konkreten Bedingungen, zum Beispiel ein Experiment) und B ist die Vorhersage. Und wenn A gemacht wird und B durch die Erfahrung bestätigt wird, kann man schließen, dass die Theorie richtig ist.

Man kann deshalb sagen, die Athener haben im Krieg gegen die Perser die richtige Theorie angewandt. Dass auch wir ständig Theorien in der Erfahrung überprüfen, ist uns meist nicht bewusst. Wir sehen zum Beispiel einen Baum und könnten etwas gestelzt sagen: "Ich habe jetzt eine Baumerfahrung". Dazu brauche ich doch keine Theorie. Ich sehe ihn doch vor mir! Das ist aber falsch. Was wir sehen, sind grüne und braune Flecken. Wir müssen sagen: "Wenn das und das vorgegeben ist, dann sehen wir einen Baum". Die Baumerfahrung ist bedingt durch viele Faktoren. Das sind unsere Konzepte und Theorien wie zum Beispiel ein Baum auszusehen hat. Wenn wir dann einen Baum erkennen, ist unser Konzept bestätigt. Die Frage lautet also: Was sind die Bedingungen, dass ich einen Baum wahrnehme? Diese Frage stellt man in der Erkenntnislehre, einer philosophischen Disziplin, die man auch Epistemologie nennt. Es geht um die Bedingungen unseres Wissens. Es geht um die Bedingungen, dass eine Erfahrung (zum Beispiel von einem Baum) überhaupt möglich ist.
Wenn wir im Buddhismus einen Gegenstand oder den Geist durch Analyse untersuchen, dann tun wir das Gleiche. Und da der Buddhismus sich die Dinge durch das "abhängige Entstehen aller Phänomene" erklärt, ist er eine Epistemologie und damit eine Wissenschaft. Den Satz: "Alle Phänomene entstehen durch abhängiges Entstehen" kann man auch umformulieren in: "Alle Phänomene sind leer von nicht-abhängigem Entstehen". Dann sprechen wir von Leerheit. Es gibt keine bewusstseins-unabhängige Wirklichkeit, auf die sich Phänomene beziehen, oder deren Erscheinung sie wären, denn Phänomene sind im Geist. Leerheit und die Existenz von Phänomenen sind also logisch gleichwertig. Wenn der Buddhismus Recht hat, dann müssen alle Wissenschaftler irgendwann auf die Probleme stoßen, die der Buddhismus durch seine Antwort gelöst hat. Und das ist auch der Fall. Einige ihrer Antworten tendieren tatsächlich zur buddhistischen Antwort, andere Lösungsvorschläge weichen völlig davon ab.

Der Werkzeugkasten
Eine wissenschaftliche Theorie ist nicht nur komplexer, sondern auch viel genauer als ein altmodisches Orakel, weil man alle Theorien verwirft, die ständig falsche Prophezeiungen machen. Da könnte man nun auf den Gedanken kommen, dass es so etwas wie eine notwendige Evolution und einen Fortschritt vom Falschen zum Wahren gäbe, der sich notwendig vollzieht. Dieser Glaube ist aber trügerisch. Nur wenn die Wissenschaft sich auf Erfahrung bezieht, macht sie Fortschritte. Aber nicht alles, was die Wissenschaftler in ihrem Werkzeugkasten haben, trägt das Qualitätssiegel "durch Erfahrung geprüft". Eines dieser Werkzeuge ist die Interpretation. Damit kommen wir zurück nach Athen.
In der Theorie des Orakels befand sich keine Anweisung dafür, wie "hölzerne Mauer" zu interpretieren sei. Themistokles überlegte sich nun Folgendes: "WENN: Unsere Stadtmauer ist aus Stein. UND WENN: Unsere Mauer aus Soldaten ist aus Eisenschwertern und Eisenschilden. UND WENN: Unsere Mauer aus Schiffen ist aus Holz. UND WENN: Das Orakel sprach von einer hölzernen Mauer. DANN: Das Orakel meinte die Kriegsflotte." Durch diese etwas umständliche Formulierung erkennen wir jetzt sofort, dass dieses Interpretationswerkzeug wie eine Theorie funktioniert: Wenn A, dann B. Deswegen sagt man zu diesem Werkzeugkasten auch "theoretisches Hintergrundwissen". Im Werkzeugkasten der Wissenschaftler befindet sich zum Beispiel auch die Logik. Die Wissenschaftler bauen dieses Hintergrundwissen in ihre Theorien mit ein. Im Falle der Logik ist es sogar ein besonderes Merkmal, denn wenn wir deren Regeln falsch anwenden, kommt entweder Unsinn heraus oder noch schlimmer: etwas Falsches.
Aber! Noch niemand hatte je eine unmittelbare Erfahrung davon, ob die Logik immer richtig ist. Oder gar, ob sie zur Welt gehört, wie das Mehl zum Brot. Die Logik hat sich allerdings recht gut bewährt. Die meisten Wissenschaftler halten sehr oft an solchen nicht erfahrungs-geprüften Werkzeugen fest. Am wenigsten aber klammern sich die Quantenphysiker an hergebrachte Werkzeuge, denn bei der Untersuchung der Natur stoßen sie auf sehr merkwürdige Phänomene, die sie mit diesen Werkzeugen nicht erklären können. Deshalb ist es ihnen so ziemlich egal, welches Werkzeug sie zur Erklärung dieser Merkwürdigkeiten heranziehen oder wegwerfen, Hauptsache es funktioniert. Sie sind sogar bereit, die traditionelle Logik über Bord zu werfen, um ihre Rätsel zu lösen.

Jeder Wissenschaftler hat in seinem Werkzeugkasten auch eine metaphysische Theorie herumliegen. So nennt man die Theorien, die uns sagen wollen, wie die Wirklichkeit "wirklich" ist, also "in echt". Metaphysische Theorien werden meistens von Wissenschaftlern mitbenutzt, ohne dass sie es merken. Der Job der Philosophen ist es, diesen Werkzeugkasten und besonders die metaphysischen Theorien zu erforschen. Sie wollen herausfinden, welche der Werkzeuge am geeignetsten sind. Dabei sind sie aber nicht immer einer Meinung. Eigentlich sogar nie.
Die einen Philosophen empfehlen folgende Theorie: Die Wirklichkeit ist bewusstseins-unabhängig und die Physik beschreibt sie. Das nennt man Physikalismus (ein schickes Wort für Materialismus). Zurzeit ist der Physikalismus die herrschende Metaphysik in der Wissenschaft. Manche gehen noch weiter: Alles, was es gibt, lässt sich letztlich auf die Physik zurückführen. Die Chemie lässt sich auf die Physik reduzieren, die Biologie auf die Chemie, der Geist auf die Biologie (Neurobiologie). Kurz: Der Geist lässt sich letztlich als ein physikalisches Phänomen beschreiben. Das nennt man Reduktionismus. Diese Philosophen wollen den Geist durch die Materie verstehen, merkwürdigerweise kommen sie nicht auf die Idee, den Geist mit der wissenschaftlichen Methode zu verstehen: Also durch Erfahrung! Immer und überall pochen sie auf Erfahrung und ausgerechnet hier nicht. Eine schlechte Gewohnheit.
Dann gibt es unter den Philosophen noch die wackeren Gallier aus dem kleinen Dorf. Sie sagen: Zwar ist fast alles physisch und durch Physik erklärbar, aber es gibt noch etwas, das wir nicht auf Materie reduzieren können: den Geist. Das sind die Dualisten. Dann gibt es welche, die sagen, es gibt überhaupt keinen Geist (die gibt's wirklich) und es gibt welche, die sagen Geist und Materie sind dasselbe. Und das war's. Noch gibt es keine Naturwissenschaft, die den Buddhismus in ihrem Werkzeugkasten hat.

Die Wissenschaft bestätigt ihre Theorien durch Erfahrung. Dazu benötigt sie aber Werkzeuge (zum Beispiel Interpretationen, Logik), die selbst wieder Theorien sind. In jeder Theorie verstecken sich also unzählige andere Theorien. Und wenn man diese durch Erfahrung überprüfen will, dann braucht man wiederum eine Theorie (zum Beispiel zur Interpretation). Die aber müsste auch wieder durch Erfahrung bestätigt werden. Aber dazu bräuchte man wiederum... und wieder... und wieder...

Hat dieses Spiel irgendwo ein Ende? Oder einen Anfang? Anything goes?
Eine wissenschaftliche Theorie kann sich nicht erlauben, ständig falsche Vorhersagen zu machen. Sie wird ausgetauscht, wenn sie daneben liegt. Irgendwann verlor deshalb auch das Orakel von Delphi seine Attraktivität, da sich seine Antworten allzu oft in der Erfahrung nicht bestätigten. Wissenschaft vertraut nur auf Erfahrung. Im Westen wurde diese Regel zum ersten Mal deutlich durch den englischen Logiker und Philosophen Roger Bacon (1214-1292) ausgesprochen. Er sagte, dass ein logischer Beweis alleine keine vollständige Lösung einer Frage bietet, solange die Hypothese nicht durch das Experiment bestätigt worden ist. Man nennt das die wissenschaftliche Methode. Das war damals ein revolutionärer Gedanke, da die Philosophen der damaligen Zeit glaubten, durch rein logische Kunststücke erklären zu können, wie die Welt beschaffen sei.
Was soll aber durch Experiment und Erfahrung befragt werden? Was ist das Objekt dieser wissenschaftlichen Methode? Hier kommt es nun zu einem fatalen Versäumnis. Man glaubt, dass diese Methode nur auf die Welt der physischen Dinge anzuwenden ist. Nicht auf den Geist. Was im Geist ist, sei vor der Erfahrung. Man sah aber klar, dass die Natur uns immer nur in einer subjektiven Perspektive erscheint. Deshalb wollte man wissen, wie sie nun unabhängig von dieser Perspektive, also "an sich" ist. Man stellte Hypothesen über diese angebliche Wirklichkeit auf. Diese enthielten in ihren Voraussetzungen Sätze, die man Naturgesetze nannte. Daraus ergaben sich Vorhersagen, die fast immer zutrafen. Man glaubte nun, dass diese Hypothesen richtige Theorien sein müssten, die uns etwas über die Wirklichkeit sagen, wie sie "an sich" ist. Manchmal gab es aber in der Erfahrung seltsame Abweichungen. Dann stellte man einfach neue Hypothesen auf oder ergänzte und korrigierte die alten. Dann stimmte es für einige Zeit wieder, bis neue Abweichungen von der Theorie auftraten.
Lange bestand nun der Glaube, dass man diese Theorien nur immer weiter verfeinern muss, bis man auf die endgültige Theorie stößt, die die bewusstseins-unabhängige Wirklichkeit vollständig erklärt und beschreibt. Man drang zum Beispiel durch Experimente immer mehr in die Materie ein. Nun begann sich plötzlich dieses scheinbar kompakte Etwas zu verflüchtigen. Man stellte fest, dass ein Klumpen Gold nicht ein Klumpen Gold ist, sondern aus einem riesigen Haufen von Dingen besteht, denen die Goldeigenschaft zukommt. Man nannte diese Dinge Goldatome. Dann stellte man fest, dass ein Goldatom auch kein klumpiges Goldatom ist... Jeder weiß, wie die Geschichte weiterging. Man musste schließlich die Dinge sogar entstofflichen und sprach von Feldern und Schwingungen. Doch glaubte man, dass diese unstofflichen Felder unabhängig von unserem Geist existieren. Irgendwo da draußen. Über all diese unstofflichen Dinge stellte man ebenfalls Theorien auf, die sehr gute Vorhersagen lieferten und liefern. Die Quantentheorie ist die am besten bestätigte Theorie, die es jemals gab.
Die Philosophen, die darüber nachdachten, wie Theorien eigentlich funktionieren, haben nun ein völlig verrücktes Phänomen entdeckt. Ihnen fiel auf, dass sich jede Theorie über diese Dinge, auch völlig anders formulieren lässt. Das war ein Schock. Um das verständlich zu machen, gehe ich ein paar Jahrhunderte zurück. Da gab es die Theorie, die man heute ptolemäisches Weltbild nennt. Die meisten kennen sie: Die Erde steht im Mittelpunkt und die Planeten mitsamt der Sonne und den Sternen kreisen um sie herum. Es gab aber einige Himmelskörper, die sich sehr merkwürdig verhielten. Man nannte sie deshalb Planeten. Was war daran merkwürdig?
Nehmen wir die Sonne als Beispiel für ein "normales" Verhalten. Sie geht morgens im Osten auf, wandert über den Tageshimmel und geht im Westen unter. Am nächsten Tag wiederholt sich das Schauspiel. Das gleiche gilt für die Sterne. Sie ziehen korrekt immer in einer einzigen Richtung über den Himmel. Aber einige dieser Lichtpunkte verhalten sich ganz anders. Sie machen nämlich plötzlich kehrt und marschierten in die entgegengesetzte Richtung, machen wieder kehrt und ziehen dann wieder in die alte Richtung. Man nannte diese Sonderlinge Planeten. Wie kann man dieses Verhalten erklären? Die Menschen versuchten Theorien mit Rechenregeln zu finden, mit denen sie das erklären und den Stand der Planeten berechnen, also vorhersagen konnten. Man fand mathematische Formeln, mit denen man den Planentenstand in der Zukunft hervorragend berechnen konnte. Wohlgemerkt unter der Annahme, dass die Erde im Mittelpunkt feststeht und sich die andern Objekte, also auch die Planeten, um die Erde bewegen.
Dann kam Kopernikus, stellte alles auf den Kopf und behauptete, dass die Sonne sich im Mittelpunkt befindet und die Planeten um die Sonne kreisen. Er legte eine Theorie vor, mit der sich die zukünftigen Planetenpositionen viel einfacher berechnen ließen. Auch ließ sich die Rückwärtsbewegung der Planeten jetzt als eine nur scheinbare Bewegung erklären. Langsam setzte sich seine Vorstellung durch. Heute sind wir fast alle überzeugt, dass sich die Erde und die andern Planeten um die Sonne bewegen. Aber es ist nur ein Glaube. Wir glauben es deshalb, weil es einfacher zu berechnen ist! Das einzige was wir wissen ist, dass die Folgerungen der einen Theorie (des Kopernikus) sich in der Erfahrung bestätigen. Aber die Ergebnisse der andern Theorie (der geozentrischen) bestätigen sich auch in der Erfahrung! Wir können niemals sagen: Die eine Theorie ist richtig, die andere ist falsch.
Es kann auch niemand kommen und sagen: "Flieg doch in den Weltraum. Dort kannst Du es selbst sehen". Man kann dort bestimmt viele schöne Dinge sehen, aber genau das nicht! Man kann in der ISS um die Erde kreisen oder zum Mond fliegen oder zur Sonne oder irgendwohin fliegen und weiterhin annehmen, dass Sonne und Planeten um die Erde kreisen. Wir glauben das Gegenteil nur, weil es einfacher zu berechnen ist, weil es eine einfachere Mathematik ist. Es lässt sich aber nicht direkt beobachten und nicht beweisen. Es gibt keine unmittelbare Erfahrung, die uns sagt: Die Erde bewegt sich um die Sonne. Genauso gibt es umgekehrt keine unmittelbare Erfahrung darüber, dass sich die Sonne um die Erde bewegt. Was wir sehen, sind nur gewisse Phänomene. Der Rest ist eine austauschbare Theorie. Die Philosophen vermuten dahinter ein allgemeines Phänomen:

Zu jeder Theorie gibt es unendlich viele von ihr verschiedene Theorien, die die gleichen Erfahrungstatsachen vorhersagen. Und es gibt kein Kriterium, das es uns ermöglicht, zu entscheiden, welches die richtige Theorie ist. Anything goes!

Diese These stammt von dem amerikanischen Physiker Pierre Duhem und dem amerikanischen Philosophen Willard van Ormand Quine und wird die Quine-Duhem-These genannt. Die Naturwissenschaft kann uns niemals sagen, wie die Wirklichkeit wirklich ist. Nicht einmal die so gut bestätigte Quantentheorie, da auch sie durch unendlich viele andere Theorien ersetzt werden könnte. Sie sind vielleicht mathematisch komplizierter. Aber vielleicht gibt es sogar eine mathematisch einfachere Theorie, die wir nur noch nicht gefunden haben.

Wem das zu "theoretisch" war, möchte ich auf den Artikel im nächsten Heft vertrösten. Für unsere Alltagstheorien gilt nämlich genau das Gleiche. Ich werde dies an einem Beispiel erklären, das jeder kennt: an der "Parkplatztheorie". Wir werden dann sehen, was an der Erfahrung derart vertrackt ist, dass sich immer ein Konzept dazwischen schiebt.


Ralph Bohn
Seit 1990 Schüler von Lama Ole Nydahl, Autor und Regisseur, studierte Philosophie, Mathematik und Physik, lebt in Berlin.