Aus: Buddhismus Heute Nr. 42, (Winter 2006)

Die Prozesse beim Sterben verstehen

Buddhas Erklärungen zum Sterben und dem Tod / Von Lama Jigme Rinpoche

Ein Buddha gibt Erklärungen und Belehrungen, denen viele Generationen von Schülern und Praktizierenden folgen, bis die Ära dieses Buddhas vorüber ist. Irgendwann kommt dann wieder ein Zeitalter, in dem ein Buddha erscheint. Zurzeit leben wir in der Ära des 4. Buddha, Buddha Shakyamuni, der in Indien lebte. All die buddhistischen Lehren, das so genannte "Dharma", gehen auf ihn zurück.

Der Ausdruck "Buddha" bezeichnet einen Geisteszustand, den jeder erreichen kann - so hat es Buddha gelehrt. Jeder hat das Potenzial, um einen Geisteszustand völlig frei von Verdunkelungen zu erlangen. Einen Buddha nennt man dann jemanden, der einen solchen transparenten Geist verwirklicht hat. Das tibetische Wort für Buddha ist "Sangye". Das bedeutet: völlig frei und mit allen Qualitäten.

Buddha lehrte, wie man all die Probleme und Komplikationen im Geist auflösen kann. Er lehrte, indem er auf Fragen von Menschen antwortete, die wegen ihrer Störgefühle Probleme hatten, die sie daran hinderten zu verstehen, zu sehen und klar zu wissen. Seine Antworten gingen darüber hinaus, nur Theorie oder philosophische Ideen zu sein, sondern sie alle zeigten praktische, machbare Lösungen. Sie gingen direkt auf all die Probleme der Wesen ein und konnten sie lindern. Im Laufe der Zeit wurde die Sammlung seiner Antworten als das "Dharma", die Lehren Buddhas, bekannt.

Sehr einfach formuliert ist die Kernaussage des Dharma, dass allen Menschen Weisheit innewohnt. Unser gewöhnlicher Geist ist jedoch unwissend, deswegen sind wir nicht besonders klar und machen Fehler. Das Dharma zeigt uns, wie wir die Unwissenheit überwinden können. Im tibetischen Wort für Buddha, "Sangye", bedeutet "San" völlig klar, und "gye" bedeutet im vollem Umfang Wissen zu haben. Jeder einzelne Mensch hat dazu die Fähigkeit.

Sein allumfassendes Wissens machte es dem Buddha möglich, alle Fragen zu beantworten und uns so einen Pfad aufzuzeigen, der jenseits der Unwissenheit führt. Man mag sich fragen: "Was bedeutet es eigentlich, unwissend oder jenseits von Unwissenheit zu sein?" Es bedeutet zum Beispiel: Wenn der Geist unklar ist, dann finden sich viele Anlässe, zornig zu werden. Mit einem völlig klaren Geist gibt es jedoch keinerlei Grund mehr für Zorn.

Ein sehr klarer Geist hat viele Qualitäten. Wenn wir ihn erlangen könnten, dann würden sich alle Probleme in den Menschen und zwischen den Menschen auflösen. Es gäbe keinen Anlass mehr für Konflikte und Schwierigkeiten. Buddhas Antworten dienten alle dazu, uns zu dieser Ebene von Klarheit zu führen, auf der dann alle Schwierigkeiten aufhören. Wenn wir mit seinen Lehren in Verbindung treten und sie in unserem Leben üben, werden wir immer klarer werden. Das ist ganz allgemein das Ziel der buddhistischen Praxis.

Auch zum Thema Leben, Tod und Wiedergeburt gab Buddha viele Erklärungen, als Antworten auf die vielen Fragen der Leute. Auch heute sind die Menschen an diesem Thema sehr interessiert und erachten es als sehr wichtig, insbesondere in buddhistischen Ländern wie Tibet. Buddhas ausführliche Erklärungen dazu sind sehr praktische und spezifische Anweisungen, wie man mit den verschiedenen Situationen individuell umgehen kann.

Das Thema "Sterben" hängt eng mit dem Verständnis vom Geist zusammen. Wenn wir das Wort "Geist" hören, haben wir natürlich eine Idee dazu. Wenn wir aber aufgefordert würden, den Geist zu beschreiben oder zu definieren, dann würde das recht kompliziert und es wäre schwierig zu sagen, was der Geist ist. Im tibetischen Buddhismus gibt es sehr viele Erklärungen über den Geist, und auf diesen Belehrungen basieren auch viele Übungen für die Schüler.
Beim Versuch den Geist zu finden, wird man feststellen, dass er nicht so einfach aufzeigbar ist. Im Moment ist unser Geist mit einem physischen Körper verbunden und funktioniert mit ihm zusammen als eine Einheit, als ein individuelles menschliches Wesen. Aufgrund dieses physischen Körpers entstehen Ideen wie "Ich existiere", "Ich bin ich" oder "Ich kann denken". Das, was kontinuierlich in uns diese Idee eines momentanen Selbst aufrechterhält, wird Bewusstsein oder Geist genannt.

Um zu verstehen, was Buddha genau unter dem Begriff "Geist" verstanden hat, müssen wir sowohl seinen Lehren folgen als auch eigene Nachforschungen anstellen. Wir werden dann herausfinden, dass der Geist niemals zu sterben scheint. Wenn unser Körper stirbt, existiert er weiter und wird eine neue körperliche Form annehmen. Das ist in den buddhistischen Lehren mit "Wiedergeburt" gemeint.

Die Prozesse von Tod und Wiedergeburt, wie Buddha sie erklärt hat, haben für jeden Menschen offensichtliche und unbestreitbare Bedeutung. Ihre Wichtigkeit und ihr Einfluss spiegeln sich in den vielen Gebräuchen und Kulturen buddhistischer Gesellschaften wieder, einschließlich der tibetischen. Jeder Mensch will etwas über den Prozess des Sterbens wissen, was genau dabei geschieht und wie man damit arbeiten kann. Deswegen wurde viel in dieser Richtung geforscht und es wurden viele Meditationspraktiken entwickelt, um dieses Bedürfnis am Ende des Lebens zu befriedigen.

Jeder von uns Buddhisten weiß, dass wir sterben und wiedergeboren werden. Obwohl uns klar ist, dass Sterben ein natürlicher Prozess ist, hat das Sterben für uns persönlich eine große Bedeutung und wir wollen, wenn es dann für uns soweit ist, den Ratschlägen Buddhas so gut wie möglich folgen können. Die Erklärungen wurden gegeben, es stehen uns ganz genaue Anweisungen zur Verfügung. Es macht also Sinn, in diesem Leben schon ein wenig zu trainieren, zum Beispiel die Vorbereitungen auf den Tod entsprechend der tibetischen Tradition zu üben, so dass wir dann fähig sein werden, sie zu verwenden.1

Natürlich ist es schwierig zu verstehen, was zwischen Tod und Wiedergeburt genau geschieht. Es ist auch sehr schwer zu verstehen, wie man eine gute Wiedergeburt erwirken kann. Aber es ist möglich, das ist eine Tatsache. Einerseits stehen uns also all die Erklärungen und Anweisungen darüber, wie der Körper stirbt und was danach geschieht zur Verfügung. Andererseits müssen wir aber auch lernen, selbst den Anweisungen zu folgen, so dass wir fähig werden, sie beim Sterben anzuwenden.

Beim Sterben lösen sich die Elemente des Körpers auf und unser Geist wird dann, vorsichtig ausgedrückt, ziemlich unklar. Er wird von allen möglichen früheren Tendenzen gestört, und es ist daher sehr hilfreich, frühzeitig zu verstehen, in welcher Weise sich die Elemente auflösen. Wenn es dann soweit ist, wird der Geist fähig sein, den Sterbeprozess ein wenig zu erkennen, und das hilft uns, bei Bewusstsein zu bleiben und mit Klarheit weitergehen zu können. Beim Sterben lösen sich unvermeidlich all die physischen Elemente auf, ohne dass man etwas dagegen unternehmen kann. Aber die Lehren zeigen einen Weg, wie man das Bewusstsein aufrechterhalten und es ausrichten kann, um klarer und frei von Störungen zu sein.

Eine Hilfe zum Verstehen des Sterbeprozesses ist zu beobachten, wie wir einschlafen. Natürlich sind die beiden Prozesse nicht gleich, aber es gibt ein paar Ähnlichkeiten. Wenn man müde ist, legt man sich hin und schläft ein. Aber normalerweise kann man nicht genau sehen, wie man in den Schlafzustand fällt. Man kann es auch nicht fühlen, und wahrscheinlich hat man auch nie groß darüber nachgedacht. Aber versucht einmal, euch auf euch selbst einzustellen, bevor ihr einschlaft. Richtet euer Bewusstsein auf den Geist aus und versucht, diesen Fokus zu halten. An irgendeinem Punkt werdet ihr trotzdem einschlafen; aber die Folge eurer direkten Fokussierung ist, dass ihr die Kluft zwischen dem Vor-Schlaf-Zustand und dem Traum-Zustand verkürzt. Ohne eure Konzentration wäre sie viel größer.
Ähnlich ist es im Prozess des Sterbens. Wenn man die Sterbevorgänge des physischen Körpers nicht versteht, dann tritt das Bewusstsein einfach in einen anderen Geisteszustand ein. Es wird eine große Kluft ohne jegliches Bewusstsein geben. Die buddhistischen Erklärungen zeigen einen Weg, wie man sein Bewusstsein aufrechterhalten und ohne Unterbrechung nach dem Tod fortführen kann.

Ihr habt vielleicht viel von den "wiedergeborenen" Lamas in Tibet gehört. Sie haben es geschafft, bewusst als Menschen wiedergeboren zu werden, weil sie diese Fähigkeit in früheren Leben praktiziert und geschliffen haben. Die Wörter "Reinkarnation" und "Wiedergeburt" scheinen übrigens oberflächlich gesehen das Gleiche zu bedeuten. Aber Reinkarnation ist eigentlich ein christliches Konzept, das eine tiefere und etwas andere Bedeutung hat als das, wovon wir hier sprechen. Hier geht es einfach nur um "Wiedergeburt", also neu geboren zu werden.

Es gibt viele Ebenen von Erfahrung in Bezug auf Wiedergeburt, entsprechend dem Geschick und dem Karma des Einzelnen. In der tibetischen Gesellschaft war die bewusste Wiedergeburt von Lamas immer ein heißes Thema. Man war sehr interessiert an der Tatsache, dass die meisten Lamas in der Umgebung, also in oder in der Nähe Tibets, wiedergeboren wurden. Die Menschen wollten das gerne verstehen und baten die Lamas zu erklären, warum und wie sie das machten. Eine Erklärung, die dazu gegeben wurde, ist zum Beispiel:
Stellt euch vor, dass Lamas viel Zeit mit dem Studium und der Praxis des Buddhismus verbringen. Es entstehen ganz natürlich viele Verbindungen zwischen ihnen und den Menschen und Stellen um sie herum. Sie haben dann starke Wünsche in ihrem Geist wie: "Ich würde gerne mit dieser Arbeit weitermachen. Ich mag die Leute und will helfen. Ich hoffe, dass ich in meinem nächsten Leben wieder mit den buddhistischen Aktivitäten in Verbindung komme. Ich würde gerne meine Praxis fortführen können ...".
Durch ihre Meditationspraxis haben diese Lamas einiges an Geisteskraft entwickelt. Wenn normale Leute sterben und ihre physischen Elemente sich auflösen, wird der Geist sehr unklar und sie stürzen in große Verwirrung. Je nach ihrem Karma werden sie dann sehr leiden. Einige Zeit nach dem Tod entsteht eine andere Vision im Geist und das Bewusstsein wird dann in eine andere Lebensform gezogen.
Die erfahrenen Lamas jedoch werden beim Nahen des Todes versuchen, so klar wie möglich zu sein, diese Klarheit aufrecht zu erhalten und fortzuführen. Sie bemühen sich, ihre Aufmerksamkeit nicht zu verlieren. So sind sie in der Lage, im Zustand zwischen Tod und der nächsten Geburt relativ klar zu bleiben. Durch ihre Bewusstheit und ihr Verständnis der schwierigen Lage, in der sie sich befinden, können sie dann den Bardo-Instruktionen, die sie im Leben gelernt haben, folgen.2

Unter den Umständen des Bardo bewusst zu bleiben, ist aber nicht so einfach, wie man vielleicht denken mag. Nichtsdestotrotz würden diese Lamas sich aber bemühen und Bedingungen suchen, um so schnell wie möglich wiedergeboren zu werden - und das heißt dann eben auch: so nah wie möglich. Wenn sie dann als Menschen wiedergeboren werden, haben sie wieder die Möglichkeit, ihre buddhistische Praxis fortzuführen, um die Qualität ihres Geistes zu entwickeln. Dies ist aber nur eine Möglichkeit der Wiedergeburt einiger Lamas. Es heißt nicht, dass alle Lamas diese gleiche Erfahrung haben.

Je nach ihrem Verständnis über die Natur des Geistes denken Tibeter, dass Lamas die Kontrolle über ihre Wiedergeburt haben, auch etwas Geistes-Klarheit erlangt haben. Sie sehen diese Lamas höher an als andere Lamas, die eher sehr gelehrt oder akademisch sind. Obwohl es möglich ist, völlige Klarheit des Geistes in nur einem Leben zu erreichen, haben viele wichtige Lamas das schrittweise erreicht, über viele Lebenszeiten hinweg. Lamas mit korrektem Verständnis haben das Gefühl, dass es wichtig ist mit Studieren, Praktizieren und Arbeiten fortzufahren, um eine bessere Zukunft vorzubereiten, also die Qualitäten des Geistes Leben für Leben weiter zu entwickeln. Durch die breite Annahme des Konzeptes von Tod und Wiedergeburt war das Volk und die Kultur Tibets eng mit der spirituellen Praxis des Buddhismus verbunden. Dadurch erkennen und verstehen die meisten Tibeter, wie wichtig es ist, sich in diesem Leben auf die Zukunft vorzubereiten.

Mittlerweile wurden viele Texte über die Erfahrung des Sterbens veröffentlicht. Einige von ihnen sind sehr detailliert, einschließlich der vielen Stufen des Sterbeprozesses: vom Moment des Sterbens bis hin zum eigentlichen Tod, dem Bewusstsein im Bardo, dem Eintritt in die Gebärmutter, das Wachsen des Fötus und die Geburt. In diesen Texten sind auch all die Gefühle beschrieben, die mit diesen verschiedenen Stufen zusammenhängen. Ihr könnt das alles nachlesen, wenn ihr mögt. Ich bin mir allerdings nicht so sicher, ob diese Prozesse und die erlebten Gefühle wirklich bei allen Menschen genau gleich sind und denke, dass das eigentlich nicht sein kann.

1 wie zum Beispiel das Phowa, siehe Text von Shamar Rinpoche Auf den "Flügeln der Mantras" ins Reine Land

2 Rinpoche beschreibt hier den Prozess ohne die Anwendung des Phowa. Durch das Phowa erlebt man die Bardoprozesse nicht, sondern geht vorher schon in das Reine Land Dewachen.

 

Texte, die die Sterbeprozesse erklären:

1 Artikel-Serie "Die vier Bardos" von Tsechu Rinpoche in "Buddhismus Heute" Hefte 29 bis 32

2 Tsechu Rinpoches Belehrungen sind ein Kommentar zu "The Mirror of Mindfulness" von Tsele Natsok Rangdröl, Rangjung Yeshe Publications, ISBN: 9627341185

3 Ein anderer Kommentar zum gleichen Text: "Bardo Guidebook" von Chokyi Nyima Rinpoche, ebenfalls Rangjung Yeshe Publications, ISBN: 9627341118

4 "Death and the Art of Dying in Tibetan Buddhism", Bokar Rinpoche, Clearpoint Pr, ISBN: 0963037129


Jigme Rinpoche
ist ein verwirklichter Meister der Karma-Kagyü-Linie und ein Neffe des 16. Karmapa. Er wurde vom 16. Karmapa als sein europäischer Stellvertreter eingesetzt. Jigme Rinpoche wurde 1949 in Osttibet geboren. 1955 zog er nach Tsurphu, dem Hauptzentrum der Karma-Kagyü-Linie in Tibet. 1959 floh er zusammen mit dem 16. Karmapa vor den chinesichen Kommunisten aus Tibet und lebte anschließend viele Jahre in Rumtek/Sikkim. Seit 1975 leitet er das Zentrum Dhagpo Kagyü Ling in Südfrankreich.

Weitere Informationen auf www.jigmela.org