Aus: Buddhismus Heute Nr. 42, (Winter 2006)

20 Jahre Karma Gön – eine Brücke zwischen Ost und West

Von Roland Beck

Karma Gön ist ein kraftvolles Meditationszentrum in den Bergen Andalusiens in Spanien, oberhalb der Stadt Velez-Malaga. Als buddhistisches Retreat und Studienzentrum ist es Teil eines weltweiten Netzwerks von über 540 Zentren des Diamantweg-Buddhismus, die alle ein gemeinsames Ziel haben: die zeitlosen Lehren Buddhas über letztendliches Glück zu vermitteln. Karma Gön ist in erster Linie eine internationale Retreatstelle - ein Ort, um zu praktizieren, zu studieren, Erfahrungen auszutauschen und am Zentrumsleben teilzunehmen.

Die Ursprünge
Für Karma Gön, das 1987 als Karma-Kagyü-Retreatzentrum auf den Ruinen eines verlassenen andalusischen weißen Dorfes gegründet wurde, war die Entwicklung in den ersten Jahren schwierig. Dies änderte sich jedoch 1994 mit dem Bau der Kalachakra-Stupa in unmittelbarer Nähe des Zentrums. Der Kalachakra-Stupa wurde als erster Stupa seiner Art in der westlichen Welt gebaut. Das Projekt war der Auftakt für Karma Göns Rolle als Brücke zwischen Ost und West. Die Leitung für dieses außergewöhnliche Bauwerk lag in den Händen des großen bhutanesischen Meditationsmeisters Lopön Tsechu Rinpoche. Der Stupa symbolisiert die zeitlose Natur des erleuchteten Geistes und trägt dazu bei, die Buddhanatur all derer, die sie sehen oder in ihrer Nähe meditieren, zu entfalten. Seither ist es eine Quelle der Inspiration für Tausende Besucher aus allen Teilen der Welt.

Seitdem war das Wachstum in Karma Gön sowie in allen anderen Meditationszentren Spaniens nicht zu bremsen. In ganz Spanien gibt es neue Diamantweg-Meditationsgruppen und -zentren, von Bilbao bis Barcelona im Norden über Madrid in der Mitte bis hin zu Granada, Sevilla, Almeria und Malaga im Süden.

In Karma Gön selbst hilft eine Gruppe von 15 Personen (aus neun Ländern), das Zentrum Tag für Tag am Laufen zu halten. Die Team-Mitglieder kommen aus Spanien, Dänemark, Tibet, Litauen, der Schweiz, Deutschland, Venezuela, Mexiko und Kanada.

Dieses Team unterstützt all diejenigen, die am Diamantweg- Buddhismus interessiert sind. "Frischlinge" und "alte Hasen" kommen, um entweder ein offenes oder ein geschlossenes Retreat (in der Höhle) zu machen oder zu studieren. Dabei stehen die Bewohner vor der Aufgabe, ein Gleichgewicht zwischen eigenem Alltag und Arbeit einerseits und der ehrenamtlichen Tätigkeit im Zentrum andererseits zu finden.

Eine Brücke aus vielen Teilen
Aus seinen einfachen Anfängen hat sich Karma Gön zu einem Ort mit vielen Facetten entwickelt. In erster Linie ist es ein Retreatzentrum. Darüber hinaus erfüllt es die Aufgabe einer interkulturellen Brücke: Die besten Aspekte des Kagyü-Buddhismus, die sich in Tibet entwickelt haben, stehen nun allen Menschen im Westen, die Antworten auf tiefer gehende Fragen des Lebens suchen, zur Verfügung.

Jedes Jahr im Mai oder Juni findet ein großer Kurs mit Lama Ole Nydahl statt, dem Lama (Lehrer) und spirituellen Leiter Karma Göns und all der von ihm betreuten Diamantwegzentren rund um die Welt. Zwischen 1200 und 2500 Buddhisten aus allen Kontinenten kommen, um am Phowa teilzunehmen, einer für den Kagyü- Buddhismus besonderen Praxis. Bei dieser Meditation, die vor 900 Jahren von Indien nach Tibet überliefert wurde, lernt man, den Geist zum Zeitpunkt des Todes bewusst aus dem Körper hinauszuführen, so dass er sich auf die bestmögliche Weise zur nächsten Wiedergeburt hin entwickelt. Tausende Westler kamen in Karma Gön zum ersten Mal mit dieser Praxis in Berührung und viele kehren Jahr für Jahr zurück, um die Praxis aufzufrischen.

Darüber hinaus gibt es einen offenen Studienkurs, der von einem Team von Lehrern unter der Leitung von Lamini Hannah Nydahl unterrichtet wird. Weitere Lehrer sind Khenpo Karma Ngedon, ein tibetischer Professor der buddhistischen Philosophie, der in Karma Gön lebt, und Manfred Seegers, einem buddhistischen Lehrer aus Deutschland. Studierende aus aller Welt bekommen frische Einsichten in die Lehren von der Natur des Geistes, indem sie klassische tibetische und indische buddhistische Philosophie studieren, zum Beispiel den Text Namshe Yeshe (die Unterscheidung von Bewusstsein und Weisheit) des 3. Karmapa Rangjung Dorje.

Karma Gön war über die Jahre hinweg Gastgeber für viele Einweihungen, die einige der größten Kagyü-Meister gegeben haben: Gyalwa Karmapa, Shamar Rinpoche und Lopön Tsechu Rinpoche gaben den Westlern die Möglichkeit, durch das geschickte Mittel der Einweihung an ihre innewohnende Buddhanatur anzuknüpfen.

Viele dieser Ereignisse fanden in der neuen Thaye Dorje Gompa statt. Dieses große Bauprojekt war viele Jahre lang ein Wunsch der Gründer von Karma Gön, und nach beträchtlichen Anstrengungen wurde die Gompa im Mai 2004 durch S. H. den 17. Gyalwa Karmapa eingeweiht. Sie bietet Raum für 2000 Personen und bringt die Verbindung von Ost und West durch die äußere und innere Gestaltung zum Ausdruck: Die Architektur und unterstützende High- Tech-Infrastruktur sind reinstes Westeuropa des 21. Jahrhunderts. Geht man jedoch hinein, befindet man sich in einer anderen Welt.

Der bekannte tibetisch-nepalische Maler Dawa Lhadipa und seine Mitarbeiter Gesellen arbeiten seit 2004 fast ununterbrochen daran, die Innenwände im traditionellen Karma Gadri-Stil zu bemalen. Dies ist noch nirgends außerhalb Asiens jemals in diesem Ausmaß geschehen: 350 qm Fläche zeigen den gesamten Umfang dieses seltenen und einzigartigen Stils aus dem Himalaja, der viele Bewunderer zum Betrachten und Studieren einlädt. Die Themen, die sich in den Malereien entfalten, entsprechen der Kagyü-Tradition. Eine Wand zeigt die Übertragungslinie des Großen Siegels (skt. Mahamudra), eine andere die Linie der Karmapas, eine dritte die wichtigsten Kagyü-Yidams. Buddhas vollständige Lebensgeschichte ist auf sechs weiteren Abschnitten der Gompa dargestellt.

Karma Gön ist nicht nur ein Ort großer Kurse mit Tausenden von Menschen, sondern auch ein Ort, an dem über das Jahr verteilt kleinere Kurse stattfinden. Internationale oder ansässige Reiselehrer geben buddhistische Belehrungen, unter anderem auch der große tibetische Meister Mipham Rinpoche, der mit seiner Frau Mayum und ihrem persönlichen Assistenten Sönam Palden in Karma Gön ansässig ist.

Eine Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
In Zukunft wird ein großer Teil von Karma Göns Arbeit die Unterstützung des International Institute for Tibetan and Asian Studies (ITAS) sein. Das ITAS ist ein in Karma Gön stattfindendes Universitätsprogramm in Zusammenarbeit mit der Canterbury Christ Church University in Großbritannien. Das Programm dient der Ausbildung in tibetischer Sprache und den klassischen indischen Sprachen. Es wird ein vollständiger BA (und später ein MA) in Tibetischer Übersetzung angeboten. Das Ziel des ITAS ist, umfassend ausgebildete Akademiker hervorzubringen, die überall im Westen Interessierten die Gelegenheit bieten, mit neu übersetzten Belehrungen des Buddha und der tibetischen Meister in Berührung zu kommen. Die Studentenzahlen wachsen, und es kommen Studierende sogar aus weit entfernten Ländern wie Russland und Australien.

Karma Gön ist dabei, eine Bibliothek mit Archivierungsmöglichkeit als Unterstützung für das ITAS zu errichten. Sie ist auf das Sammeln von seltenen Texten aus Tibet, Nepal, Indien, China und anderen Ländern spezialisiert, in denen die praxisorientierten Linien in der Vergangenheit florierten.

Durch all diese Aktivitäten seit der Gründung 1987 zieht sich ein roter Faden: Wie alle Diamantwegzentren in Europa und der Welt legt Karma Gön sein Augenmerk darauf, die Lehren des Buddha modernen, neugierigen Menschen nahe zu bringen und ihnen dadurch einen Zugang zur wahren Natur des Geistes zu ermöglichen.

Ganz besonders laden wir euch ein, an unserem 20-jährigen Jubiläum Ende Mai 2007 mit Phowa, Studienkurs und vielem anderen mehr teilzunehmen.

Informationen auf www.karmaguen.org


Roland Beck ist Kanadier und wurde 2001 Schüler von Lama Ole Nydahl. Er lebt zusammen mit seiner Frau und Tochter im Zentrum Karma Gön. Neben seiner Mitarbeit im Zentrum reist er entweder als Managment-Berater oder Reiselehrer.

 

 

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