Aus: Buddhismus Heute Nr. 42, (Winter 2006)

Zuflucht zur Sangha nehmen

Von Manfred Seegers

Der historische Buddha Shakyamuni hat gezeigt, dass es möglich ist, frei zu werden von allem Leid und bleibendes Glück zu erfahren. Um diesen Zustand zu erreichen, beschäftigen wir uns zuerst mit den vier grundlegenden Gedanken, die unseren Geist zur Befreiung und zur Erleuchtung führen.

Zunächst entwickeln wir ein klares Verständnis davon, wie selten und kostbar die Gelegenheit ist, die wir in diesem Leben haben, zahllosen Wesen zu nützen, indem wir die Mittel verwenden, die der Buddha gab. Dann denken wir über die Tatsache nach, dass nur die offene, klare Unbegrenztheit des Geistes dauerhaft ist und dass alle Dinge, die im Raum des Geistes erscheinen, vergänglich sind, einschließlich unseres eigenen Lebens und aller Dinge um uns herum.

Ebenso machen wir uns bewusst, dass die momentanen Taten, Worte und Gedanken die Samen für unsere Zukunft legen. Schließlich verstehen wir, dass der wichtigste Grund dafür mit dem Geist zu arbeiten darin besteht, dass im Vergleich zur Erleuchtung, die zeitlose, höchste Freude bedeutet, alle Erfahrungen in der bedingten Welt Leiden sind. Diese entstehen durch die Unwissenheit in Bezug darauf, wie die Dinge wirklich sind.

Mit diesem Verständnis wollen wir vor jeder Art von Leiden geschützt sein und nehmen deshalb Zuflucht zu denjenigen, die mit Sicherheit die Kraft haben, uns zu schützen, weil sie selbst frei von Leid sind. Buddha, der erleuchtete Geisteszustand, der die vollkommene Erkenntnis der Natur des Geistes ist, kann letztendlichen Schutz bieten, weil er der Wahrheitszustand oder die absolute Wirklichkeit aller Erscheinungen ist. Ein Buddha, der ja vollkommen vom Schlaf der Unwissenheit erwacht ist, hat alles gereinigt, was unsere wahre Natur verschleiert und hat all die perfekten Qualitäten der Erleuchtung entwickelt. Um genau denselben Zustand zu erlangen, brauchen wir die Lehren, die der historische Buddha uns gegeben hat, den Dharma. Diese Lehren enthalten alle Methoden, die notwendig sind, um den Zustand der Buddhaschaft zu erlangen. Weiterhin brauchen wir Freunde und Helfer, die die Lehre weitergeben können und uns auf unserem Weg anleiten, bis wir das letztendliche Ziel erreichen.

Im Zusammenhang mit der Zufluchtnahme hört oder liest man oft über Buddha und seine Lehre, aber es gibt nicht so viele Informationen über die Gemeinschaft der Praktizierenden, die ebenso eine wichtige Zuflucht ist. Im Zufluchtsbaum befinden sich, aus unserer Perspektive gesehen, auf der rechten Seite des Lehrers die historischen Bodhisattvas, sowie die anderen direkten Schüler des Buddha Shakyamuni. Mehrere von ihnen waren auch Linienhalter des Buddha, die die Gemeinschaft nach dem Eingehen des Buddha ins Parinirvana geleitet haben. Sie waren nicht nur die Vertreter des Buddha, sondern haben sich auch um den Erhalt seiner Lehren gekümmert. Daher wird von ihnen gesagt, dass sie in ihrer ausgedehnten Aktivität zum Wohl der Wesen dem Buddha mehr oder weniger gleichkamen.

Der Begriff "Sangha", der diese Gruppe auf Sanskrit bezeichnet, bedeutet eine Gruppe oder Gemeinschaft von Praktizierenden und beinhaltet darüber hinaus ein "nicht Zurückfallen". Dies bezieht sich auf das hohe Maß an Stabilität, das von den Mitgliedern dieser Gruppe erlangt wurde. Gleich auf welche Art von Hindernissen sie treffen, sie werden davon nicht beeinträchtigt, so dass sie zurückfallen würden oder ihre Praxis aufgeben würden. Daher wurde der Begriff Sangha im Tibetischen mit "Gendün" (dge-‘dun) übersetzt. Die erste Silbe "ge" bedeutet positives Handeln, und die zweite Silbe "dün" bedeutet Streben. Also sind "Gendün" diejenigen, die sowohl allgemein danach streben, positive Handlungen zu tun, als auch den Dharma zu praktizieren, die Methoden, die der Buddha gegeben hat, um sich auf Positives auszurichten.

Es werden zwei Arten von Sangha unterschieden - die gewöhnliche Sangha und die verwirklichte oder "edle" Sangha. Die gewöhnliche Sangha schließt alle Praktizierenden der buddhistischen Lehre ein. Im Allgemeinen haben diese Praktizierenden noch keinen verwirklichten Geisteszustand, also im Mahayana die Bodhisattva- Stufen, erlangt. Sie besitzen keine direkte Erkenntnis von der Natur des Geistes, denn sie stehen noch unter dem Einfluss der Störgefühle und Schleier der falschen Vorstellungen. Jedoch haben sie ihren Geist völlig auf alles Positive ausgerichtet und bemühen sich äußerst darum, Gutes zu tun.

Wenn wir Zuflucht nehmen, schauen wir tatsächlich nach jemandem, der uns vor dem Leid des Kreislaufs der Existenz beschützen kann. Nur Verwirklichte von der Befreiung bzw. der ersten Bodhisattvastufe an haben die volle Kraft, uns zu schützen. In den klassischen Texten, zum Beispiel im Juwelenschmuck der Befreiung von Gampopa, besteht die gewöhnliche Sangha nach den Theravada- Lehren mindestens aus einer Gruppe von vier ordinierten
Mönchen oder Nonnen. Die verwirklichte Sangha besteht dann aus einem Praktizierenden auf einer der vier Stufen der Verwirklichung, den drei Stufen, die der Arhatschaft vorausgehen und Arhatschaft selbst. Im Mahayana besteht die verwirklichte Sangha aus wenigstens einem Bodhisattva von der ersten Bodhisattvastufe an. Diese Praktizierenden auf einer hohen Stufe der Verwirklichung haben die volle Kraft, Schutz zu gewähren.

Aber auch auf der relativen Ebene können uns unsere Freunde und Helfer ein gewisses Maß an Schutz auf dem Weg zur Erleuchtung geben. Die erfahrenen Freunde unseres örtlichen Zentrums können uns durch ihr gutes Beispiel sehr berühren. Sie handeln weitestgehend von einer überpersönlichen Ebene aus, wie es auch die Reiselehrer tun. Sie helfen uns dabei, sicherzustellen, dass wir nicht zu weit vom Weg abschweifen und geben uns das nötige Feedback, um für uns selbst zu entdecken, dass Raum gleich Freude ist, indem sie ein gut funktionierendes Leben und überzeugende menschliche Entwicklung zeigen. Deshalb können diese Praktizierenden auch eine allgemeine Zuflucht sein.

Suchen wir nach der Resultat-Zuflucht, die wir letztendlich erlangen wollen, müssen wir über den Zustand gewöhnlicher Wesen hinausgehen. Verwirklichte Praktizierende sind jene, die die Natur des Geistes unmittelbar als "Klares Licht" erkennen und dass alle Störgefühle kein wahres Wesen haben. Nach dem Sutra der Erinnerung an die Drei Juwelen haben diese Praktizierenden das Leid der bedingten Existenz überwunden, denn wenn einmal der Weg des Sehens oder die erste Bodhisattva-Stufe erreicht ist, ist das mit einer direkten Erkenntnis der Leerheit gleichzusetzen, zu welchem Zeitpunkt jede Art von Leid beendet ist. Selbst wenn ein Bodhisattva unerwünschten Umständen oder irgendeiner Art von Leid begegnet, wird er nicht davon betroffen, denn er sieht, dass sie leer von innewohnender Existenz sind.

Das Sutra beschreibt das nützliche Verhalten der verwirklichten Praktizierenden als hervorragend und stellt fest, dass sie mit Einsicht handeln. Das bedeutet, sie haben eine ausgeprägte Bewusstheit von allen stabilen Meditationszuständen und praktizieren jeden mit tiefer Einsicht, ohne einen mit einem anderen zu vermischen oder durcheinander zu bringen. Weiterhin praktizieren sie ohne Täuschung. Sie fallen niemals in begrenzende Geisteszustände, so wie anzunehmen, dass die Dinge wahrhaft existieren würden (Existenzialismus) oder nicht-existent wären (Nihilismus). Daher haben sie Respekt verdient und sind ein wahres Objekt der Zuflucht.

Im Uttara Tantra, einem der Haupttexte über die Buddhanatur, wird die verwirklichte Sangha als mit zwei besonderen Arten von Qualitäten ausgestattet beschrieben, den Qualitäten des Wissens und den Qualitäten der Befreiung. Die Qualitäten des Wissens werden wiederum in drei Aspekte unterteilt. Zuerst gibt es die Qualitäten, die die Erkenntnis der Natur aller Erscheinungen ermöglichen, genau so wie sie ist. Man weiß, wie die Dinge wirklich sind und verwirklicht ihre ungeborene Natur, die letztendliche Selbstlosigkeit. Seit anfangsloser Zeit war diese Natur vollkommen rein, frei von allen vorübergehenden Verdunklungen. Alle Lebewesen besitzen diese reine Natur, die Buddhanatur. Zweitens erkennt man alle Erscheinungen in ihren vielfältigen Aspekten, in ihrer ganzen Bandbreite. Man versteht alles, was auf relativer Ebene erscheint. Es gibt nichts, das nicht erkannt wird. Es bedeutet zu verstehen, dass die wahre Natur des Geistes, die Essenz der Erleuchtung, ohne jede Begrenzung alle Lebewesen durchdringt. Der dritte Aspekt des Wissens ist die innere Weisheit, die von der Bewusstheit erfahren wird, die sich ihrer selbst bewusst ist. Das ist eine nicht-duale Einsicht, die durch nichts weiter bedingt ist, die unmittelbare Vision des Raumes aller Erscheinungen (skt. Dharmadhatu).

Aus diesen drei Arten des Wissens heraus entstehen drei Arten von Befreiung:

  1. Es gibt die Freiheit von allen emotionalen Schleiern, besonders von der Anhaftung an Existenz und den Sinnesobjekten.
  2. Das zweite ist die Freiheit von den Hindernissen der Schleier der Erkenntnis, aller dualistischen Vorstellungen. Es bedeutet Freiheit vom Haften an Subjekt und Objekt, so dass der wahrnehmende Geist und sein Objekt nicht länger voneinander getrennt werden.
  3. Schließlich gibt es den unübertroffenen Aspekt der Weisheit, die Freiheit von Unwissenheit, die die Wurzel der anderen Störgefühle ist. Hier bezieht es sich speziell auf die Freiheit von allen niedrigeren Sichtweisen oder Einstellungen bezogen auf den Weg der traditionellen Theravada-Praktizierenden.

Das Entfernen der ersten Art von Schleiern, der Störgefühle, lässt in uns die Weisheit des Wissens davon entstehen, wie die Dinge sind. Das Entfernen der Schleier der falschen Vorstellungen ermöglicht das Entstehen der Weisheit, die die Dinge in ihrem vollen Ausmaß erkennt. Durch das Entfernen unserer grundlegenden Unwissenheit erlangen wir die Weisheit, die die vollkommen reine Natur der Lebewesen versteht. Wir sehen, dass es eine unbegrenzte Zahl von Wesen gibt und dass alle diese reine innewohnende Natur besitzen.

Buddhaschaft ist ein Zustand, in dem all diese Qualitäten des Wissens und der Befreiung zur Vollendung gebracht sind, aber diese Qualitäten existieren schon in der Sangha. Sie werden auf dem Weg, auf den verschiedenen Bodhisattva-Stufen, vollendet. Wenn die Mitglieder der Sangha diese Qualitäten besitzen, sind sie schon sehr nahe an der Erleuchtung. Sie haben die unübertreffliche Weisheit verwirklicht und fallen nicht mehr in die bedingte Existenz zurück. Das qualifiziert die Sangha als besonderes Objekt der Zuflucht, denn wir können auf der Grundlage des Wissens dieser hoch entwickelten Praktizierenden ohne Zweifel selbst das Resultat erlangen.

Die Zufluchtnahme ist eine sehr tiefgründige Praxis, die Grundlage aller anderen Übungen, und deshalb sollten wir wissen, was Zufluchtnehmen tatsächlich bedeutet. Der Meister Atisha hat gesagt, dass die richtige Art der Zufluchtnahme für einen bedeutet, dass man ein unfehlbares Vertrauen und Zuversicht zu der Ursache für das Erlangen der Buddhaschaft besitzt sowie zur Buddhaschaft selbst. Das erfordert ein umfassendes Verständnis dieser Inhalte. Bezüglich Buddha, dem erleuchteten Geisteszustand, bedeutet es, ein unfehlbares Verständnis von Ursache und Wirkung zu entwickeln. Wahrhaft Zuflucht zum Dharma zu nehmen, baut auf einem voll entwickelten Verständnis des Erleuchtungsgeistes auf sowie niemals absichtlich einem Lebewesen Schaden zuzufügen. Zuflucht zur Sangha zu nehmen bedeutet, sich von Einflüssen durch Menschen mit negativen Anschauungen und Verhaltensweisen fern zu halten.

Im Sutra, das vom Nagakönig Anavatapta erbeten wurde, wird die Bedeutung der Zuflucht zur Sangha frei von Anhaftung und Verwirrung als die Erkenntnis der Untrennbarkeit von allem Bedingten und Unbedingten gelehrt. Diese Aussage macht gleichzeitig klar, warum das Symbol für die Sangha der Stupa ist, denn diese Form zeigt auf perfekte Weise das abhängige Entstehen aller Erscheinungen, bedingt oder unbedingt, und symbolisiert daher auch den Geist des Buddha.

Abschließend, um all diese Lehren über die Qualitäten der Sangha zusammenzufassen, haben wir die Worte des 16. Karmapa, Rangjung Rigpe Dorje. Er sagt, dass die Sangha die edle Gemeinschaft all der Menschen ist, die ein genaues Wissen vom Weg besitzen, um das Ziel der Erleuchtung zu erreichen und die sich auf die Verwirklichung dieses Zieles ausrichten, indem sie sich um positives Handeln bemühen, am Anfang, in der Mitte und am Ende.


Manfred Seegers: Nach Abschluss eines 5-jährigen Studiums authorisierter buddhistischer Lehrer. Studierte und lehrte von 1990 - 2000 am KIBI in Neu-Delhi. Er hält Vorträge und Seminare im In- und Ausland.

 

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