HOME 0 ARCHIV 0 BUDDHISMUS ABO NACHBESTELLUNG IMPRESSUM KONTAKT
BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 42, (Winter 2006)

"Es gibt keine Freikarte zur Erleuchtung"

Erklärungen zum Bodhisattva-Versprechen - Von S.H. 17. Karmapa Trinle Thaye Dorje

Am 17. März 2006, dem Tag nach der Einweihung des Lhabab-Stupa in Valle de Bravo in Mexiko, kehrte Gyalwa Karmapa noch einmal zum Stupa zurück und gab das Bodhisattva-Versprechen. Zuvor erklärte er dessen Bedeutung:

Das Bodhisattva-Versprechen ist einer von vielen buddhistischen Wegen, die wir einschlagen können, um uns selbst und andere Wesen zum letztendlichen Glück zu führen. Wir alle haben die Fähigkeit und das Potenzial um großartige Bodhisattvas zu sein.

Oft ist das aber nicht möglich, weil uns die richtigen Bedingungen dafür fehlen. Die Ursache dafür sind negative Umstände, wie zum Beispiel, dass wir unseren Emotionen nachgeben. Dadurch entfernen wir uns tatsächlich von diesem großartigen Weg und uns ist nicht klar, dass es sehr schwer ist, so eine kostbare Gelegenheit zu bekommen.

Diese Wiedergeburt ist eine von unzähligen Wiedergeburten, die wir bereits angenommen haben. Von den zahllosen Lebenszeiten ist diese derzeitige menschliche Geburt sehr, sehr wertvoll, denn wir können jetzt Buddhas Lehre verstehen und den Bodhisattva-Weg üben. Deswegen wird diese Gelegenheit - unsere derzeitige Wiedergeburt - mit dem buddhistischen Begriff „kostbares menschliches Gefäß“ oder auch „kostbarer Menschenkörper“ bezeichnet.

Diese Geburt ist wirklich unbezahlbar wertvoll, weil wir die Weisheit und das Mitgefühl haben um in den Bodhisattva-Weg einzutreten. Andere Existenzformen, wie zum Beispiel die Tiere, haben auch ihre eigene Intelligenz und Weisheit, aber sie sind nicht vergleichbar mit dem Mitgefühl und der Weisheit, die mit einer  menschlichen Geburt erlangt werden können.

Ihr seid wahrscheinlich mit den anderen Existenzbereichen, wie zum Beispiel den Bereichen der „hungrigen Geister“ oder den „Paranoia-Bereichen“, vertraut. Diese  anderen Bedingungen oder Bereiche existieren als Resultat unserer guten und schlechten Handlungen. Sie sind nicht ohne irgendeine Ursache entstanden und sie wurden auch nicht von irgendjemand erschaffen. Alles, was wir erleben, sei es gut oder schlecht, ist die Folge unserer eigenen Handlungen und Gedanken. Um es  noch einmal zu sagen: Diese kostbare menschliche Geburt ist ein großartiges Werkzeug und eine Gelegenheit um unsere liebevolle Güte, Mitgefühl und Weisheit zu verstärken.

Es liegt in unserer Natur als fühlende Wesen, Glück zu suchen und Leiden zu  vermeiden. Da wir aber durch unsere negativen Gefühle verwirrt sind, wählen wir meistens eher den falschen Weg. Wir haben die Gewohnheit, unsere Existenz als fühlende Wesen für dauerhaft zu halten, wir halten uns für beständig. Hier machen wir den ersten Fehler, denn wir und diese ganze Existenz sind auf Ursache und Wirkung beruhend entstanden und daher vergänglich. Die Existenzform, die wir Samsara nennen, ist tatsächlich die Summe aller negativen Ursachen.

Um letztendliches Glück zu finden und Leiden wirklich zu vermeiden, müssen wir verstehen, was unsere wahre Natur ist. Das ist eine Frage, die wir uns selbst stellen sollten und woran wir uns die ganze Zeit erinnern sollten. Einfach gesagt ist unsere  wahre Natur Mitgefühl und liebende Güte. Um das Mitgefühl dann anzuwenden, brauchen wir auch Weisheit. Auf dieser Grundlage können wir den Erleuchtungsgeist – Bodhicitta – entwickeln.

Wir befinden uns alle immer wieder in schwierigen Zuständen und erleben negative Emotionen oder Resultate. Der Grund dafür ist unsere Verwirrung und der Weg um diese Verwirrung aufzubrechen ist unsere Weisheit zu vertiefen. Das bedeutet unser Wissen und unser Verständnis des Dharma so zu stärken, dass wir im Laufe der Zeit von unserem Ego loslassen können.

Am besten können wir das tun, indem wir die Natur unserer Störgefühle verstehen. Wenn man sich diese im Detail anschaut, entdeckt man, dass es tatsächlich sehr viele sind, etwa 84.000. Um das zu vereinfachen, kann man sie in drei Kategorien einteilen und von diesen drei hören wir tagtäglich. In jeder Kultur und in jeder  Sprache ist von ihnen die Rede. Weil aber die Kulturen, Sprachen und Mentalitäten so verschieden sind, hat man unterschiedliche Auffassungen davon, was diese drei Störungen bedeuten. Die buddhistischen Begriffe dafür sind: Anhaftung, Abneigung und Unwissenheit.

Mit Anhaftung meinen wir die Anhaftung an uns selbst. Wir sehen uns selbst als eine physische Form – unseren Körper. Auch unsere Gedanken oder unseren Geist betrachten wir als das „Selbst“. Wir glauben, dass es uns Glück bringt, wenn wir uns um die physische Form kümmern und all ihren Bedürfnissen Folge leisten. Aber Tatsache ist, dass uns das keinerlei Glück bringen wird, stattdessen werden wir eher ein Diener dieser physischen Form, die das Resultat unserer meistens gemischten und einiger negativer Handlungen ist.

Aufgrund unserer Anhaftung halten wir unsere physische Form oder unser „Selbst“ für dauerhaft und perfekt. Wir denken in vielen Weisen, dass wir viel besser als etwas oder jemand anderes seien. Aus dieser Anhaftung heraus entwickeln wir dann natürlicherweise unsere Störgefühle. Wenn eine negative Emotion die Möglichkeit hat heranzureifen, dann kommt auch ihre ganze “Familie” mit.

Das zweite Störgefühl ist Abneigung. Zorn ist eindeutig eine der stärkeren negativen Emotionen. Sie sind alle sehr stark, aber Zorn gibt nicht nur schlimme Eindrücke, sondern ist auch sehr zerstörerisch. Selbst nachdem wir zum Beispiel das Bodhisattva-Versprechen genommen haben oder in den Bodhisattva-Weg eintreten, können einige negative Umstände entstehen. Wenn wir in diesem Moment dann unsere Achtsamkeit oder Vorsicht verlieren, geben wir unserem Störgefühl nach. Wenn Hass dann dieses Störgefühl ist und wir diese Emotion in Bezug auf ein anderes fühlendes Wesen entwickeln, tun wir etwas sehr Schädliches. Nur wegen dieses einen Augenblicks von Zorn wird man dann die Wurzeln seines Erleuchtungsgeistes völlig zerstören.

Einige von uns haben schon in vielen früheren Leben das Bodhisattva-Versprechen genommen und sind in den Bodhisattva-Weg eingetreten. Mit einem solchen Moment von Zorn kann man – trotz all dem positiven Verdienst, den wir angesammelt haben – all der harten Arbeit – all das Positive verschwinden lassen. Wir müssten wieder von vorne anfangen. Deswegen dürfen wir, wie gut die Gründe es zu tun auch scheinen mögen, nie dem Zorn nachgeben. Unter dem Einfluss von Zorn zu handeln oder zu sagen, dass man ihn fühlen müsse, ist nie eine gute Idee. Das müsst ihr verstehen.

Das letzte der drei Störgefühle ist Unwissenheit, die Basis für alle negativen Emotionen. Man kann sagen, es ist die eigentliche Wurzel Samsaras. Es ist auch eine Emotion oder ein Gedanke, der uns blind macht zu sehen, wie alles in Wahrheit ist. Die Natur von Samsara ist sehr tief, weit jenseits unseres Verständnisses. Wir werden unsere Weisheit durch das Verständnis der wahren Natur der drei Störgefühle vertiefen.

Werden wir von dem negativen Zustand der Unwissenheit beeinflusst oder mitgerissen, hindern wir uns daran, selbst die einfachsten Dinge zu verstehen und insbesondere die Natur der Emotionen. Werden wir also von diesen drei Emotionen oder den „Drei Geistesgiften“ mitgerissen, schneiden wir uns davon ab etwas Sinnvolles zu tun und verschwenden stattdessen diese kostbare  Gelegenheit. Deswegen versprechen wir uns, niemals solche Dinge zu tun oder mitgerissen zu werden.

Jetzt nähern wir uns dem Grund, aus dem heraus wir das Bodhisattva-Versprechen nehmen. Um ihn zu verstehen, ist es gut zu wissen: In Samsara gibt es zahllos viele Wesen. Wir selbst sind nur ein einziges von vielen Wesen und es gibt nur ganz wenige wie uns, die eine solche perfekte Gelegenheit haben. Die anderen haben diesen Luxus nicht und erfahren tiefstes Leiden, Samsara.

Der zweite Aspekt des Versprechens ist unser wahres Wesen zu verstehen, nämlich Mitgefühl. Eines der besten Beispiele für unsere mitfühlende Natur sehen wir bei gefährlichen, Furcht einflößenden Wesen, wie es sie im Tierbereich gibt, wie Tiger und Löwen. Wie gefährlich sie auch sein mögen, so haben sie doch ihren  Nachwuchs und lieben und schützen ihn. Aus buddhistischer Sicht liegt es in ihrer Natur, dass sie solches Mitgefühl zeigen. Wie unwissend Wesen auch sind, in  irgendeiner Weise können sie doch ihre wahre Natur zeigen. So wie wir, können auch sie eine perfekte Wiedergeburt bekommen und all diese perfekten Qualitäten verwirklichen.

Eine der besten Weisen um das zu erkennen, ist zu verstehen, dass all die zahllosen Wesen mit uns in positiver und negativer Weise verbunden sind. In unserer derzeitigen Wiedergeburt haben wir uns bereits viele Freunde und Feinde gemacht. Denken wir dann an all unsere früheren Leben, so haben wir in ihnen noch viel mehr Verbindungen mit anderen Wesen geknüpft, und es ist sicher, dass wir an irgendeinem Punkt mit ihnen allen in sehr mitfühlender Weise verbunden waren: Alle fühlenden Wesen waren einmal unsere Eltern. Deswegen können wir Weisheit  entwickeln und diese perfekten Bedingungen nutzen um ihnen zu helfen. Wir tun das mit dem Verständnis, dass wir damit unsere Dankbarkeit ausdrücken und ihnen die uns in der Vergangenheit erwiesene Güte zurückzahlen. Aber unter den Umständen Samsaras verstehen wir nicht wirklich, dass es dabei nicht um ein oder zwei,  sondern um alle fühlenden Wesen geht. Deswegen sind alle Wesen gleich wichtig für uns und wir versuchen einen mitfühlenden Geist zu entwickeln, wodurch wir ihnen wirklich helfen können letztendliches Glück zu finden. Daraus können wir dann Bodhicitta, den Erleuchtungsgeist, entwickeln.

Nachdem wir das Versprechen genommen haben, bekommen wir einen Bodhisattva-Namen – das ist aber nur der erste Schritt. Wir haben noch viel mehr zu tun und zu verbessern. Wenn wir das Versprechen genommen und den Namen bekommen  haben, heißt das noch nicht, dass wir jetzt alle Buddhas sind und unsere Arbeit erledigt wäre. Diese Denkweise wäre noch weniger intelligent als gar nichts davon zu wissen. Es gibt keine Freikarte zur Erleuchtung und es ist wichtig zu verstehen, dass wir erst am Anfang stehen. Wenn wir das Versprechen genommen und verstanden haben, wie die Dinge sind, müssen wir uns nach besten Kräften anstrengen und unsere Chancen nutzen. Von diesem Punkt an üben wir uns auf dem Bodhisattva-Weg.

Es gibt unzählig viele gute Methoden, die wir nutzen können um diesen Bodhisattva-Weg zu üben. Aber es gibt eine Methode, die von allen früheren und heutigen  Bodhisattvas verwendet wurde. Sie nennt sich die „Sechs befreienden Handlungen“, die sechs Paramitas.

Diese sechs sind: Großzügigkeit, sinnvolle gute Lebensführung, Geduld, freudige Anstrengung, Meditation und Weisheit. All diese sechs müssen kombiniert werden. Die ersten fünf Paramitas geben die Struktur, die man aufbaut: und Weisheit ist das Ergebnis. Das ist ein absolut logischer Ansatz, der uns die Möglichkeit gibt uns zu engagieren oder die Methoden richtig zu verwenden und ist in dieser Weise schon sehr oft gelehrt worden. Als Anfänger kann man die Paramitas nicht alle in einem Schritt verwirklichen.

Die am leichtesten anzuwendende Paramita ist Großzügigkeit, denn es geht hier einfach um Geben. Wir haben alle die Fähigkeit das zu tun. Großzügigkeit wird in drei verschiedene Kategorien unterteilt: Die erste ist materielle Großzügigkeit. Diese können wir üben, indem wir armen Leuten helfen usw. Die zweite Art von  Großzügigkeit ist, dass man Wesen, die Hilfe brauchen unterstützt, sowohl physisch als auch geistig. Es geht hier mehr darum, anderen Wesen eine Hilfestellung und  Sicherheit geben. Aber worum es vor allem bei der Großzügigkeit geht, der dritten  Art, das ist die Lehren des Dharma zu geben und zu erklären. Es ist das allerbeste Werkzeug, das wir verwenden können. Es öffnet unseren Geist, so dass wir Weisheit entwickeln können. Dies ist dann die letztendliche Anwendung von Großzügigkeit und aus ihr können sich all die Paramitas entwickeln.

Die Paramitas ergänzen sich gegenseitig in sehr guter Weise. Um die Paramita der Großzügigkeit zu verbessern, müssen wir die Paramita von sinnvoller guter Lebensführung anwenden. Im Zusammenhang mit der Handlung von Großzügigkeit bedeutet das, dass wir großzügig sind, weil wir letztendlich anderen helfen wollen.

Wenn wir anderen helfen, erwarten wir keine Gegenleistung, wie das normalerweise unsere Gewohnheit zu sein scheint. Das ist die Natur von Samsara. Um aber diese gewohnheitsmäßige Reaktion zu vermeiden, müssen wir die Paramita von guter sinnvoller Lebensführung üben.

Tatsächlich gibt es zu all den Paramitas viel umfassendere Erklärungen und Bedeutungen. So beinhaltet zum Beispiel die Paramita der guten sinnvollen Lebensführung alles, was wir tun wollen, alles was wir erreichen wollen, sowohl in weltlicher als auch in spiritueller Hinsicht. Wenn man etwas erreichen will, muss man die dafür nötigen Dinge beachten. Auch in diesem Fall hier, wenn man den Bodhisattva-Weg üben will, muss man sich in dem engagieren, was dafür nötig ist. Und das ist, dass wir bewusster und achtsamer werden, dass wir immer  geistesgegenwärtig sind in Bezug auf das, was wir denken, sagen und tun. Wir müssen die ganze Zeit hindurch die drei „Tore“ von Körper, Rede und Geist beobachten. Durch diese drei Tore können wir sonst etwas Negatives tun und alles zunichte machen.

Einfach gesagt geht es mehr oder weniger darum Ausschau zu halten, ob negative Umstände unseren Weg kreuzen. Wenn man die drei Tore von Körper, Rede und  Geist bewacht, dann hat man bessere Chancen negative Emotionen zu vermeiden und gewinnt dadurch mehr positive Möglichkeiten.

Um den Bodhisattva-Weg in perfekter Weise zu üben, muss man die Paramita der Geduld anwenden. Wenn wir über Geduld reden oder nachdenken, denken wir dabei für gewöhnlich in allgemeiner Weise. Wenn uns zum Beispiel jemand wirklich wütend macht, dann schweigen wir und gehen weg, um geduldig zu sein. Das ist Geduld auf einer sehr relativen Ebene; aber letztendlich ist die echte Großzügigkeit der Geduld in ihrer Essenz, dass wir die Geduld haben, das wahre Wesen der Phänomene zu verstehen und hervorzubringen. Natürlich ist es sehr positiv, unter alltäglichen Bedingungen Geduld zu entwickeln. Es ist nötig und verfeinert sehr unseren Geist.

Es macht uns zu besseren Menschen und entwickelt unser Verhalten. Die positiven Auswirkungen von Geduld sind zahllos. Indem wir uns entwickeln und uns in diesen Paramitas üben, werden natürlicherweise all die richtigen Bedingungen zusammenkommen.

Das größte Hindernis, dem wir uns gegenübersehen, wenn wir etwas erreichen wollen, ist Faulheit. Das kennen wir auch alle aus dem täglichen Leben. Faulheit kann ein sehr großes Hindernis sein, insbesondere wenn man den Bodhisattva-Weg übt. Das perfekte Gegenmittel gegen Faulheit ist freudvoll zu sein, viel Enthusiasmus in die Aktivität, die man verwirklichen oder erlangen möchte, zu geben.

Wenn wir von „Anstrengung“ sprechen, denken wir normalerweise an harte Arbeit. Das ist natürlich manchmal nötig. Aber wenn wir über die Übung des Bodhisattva-Weges sprechen, bedeutet Anstrengung alles, was man tut, zu genießen. Wir führen unsere Aktivitäten nicht aus, als seien sie eine schwere Bürde oder weil sie uns befohlen wurden, sondern wegen des positiven Nutzens der daraus entsteht. Wenn wir vor Hindernissen stehen, ist es sehr wichtig, dass wir uns von Zeit zu Zeit daran erinnern, die nötige Anstrengung und den Enthusiasmus aufzubringen. Alle  möglichen Hindernisse können aufkommen, insbesondere aber Hindernisse, die unseren Geist stören.

Die vorletzte Paramita ist die Entwicklung der Meditation. Sie ist genauso wichtig wie die anderen Paramitas, denn ohne sie können wir nicht die Wahrheit aller Phänomene verstehen. Zuerst müssen wir verstehen, worum es bei der Paramita der Meditation geht. In der Welt gibt es ja viele verschiedene Interpretationen darüber, was Meditation ist. In dieser materialistischen und hektischen Zeit sind manche Formen der Meditation sehr nützlich, sie können etwas Geistesruhe bringen. Aber wenn wir von Meditation auf dem Bodhisattva-Weg sprechen, ist etwas ganz Anderes gemeint. Hier geht es nicht einfach darum, auf ein Objekt oder auf Nichts zu meditieren, sondern darum die Umstände entstehen zu lassen um den Geist beruhigen zu können. Wir brauchen einen sehr stabilen Geist, denn wenn wir ständig gestört werden, können wir uns auf nichts konzentrieren. Aber wir sollten auch nicht in das andere Extrem verfallen. Wir sollten nicht zu dumpf werden, sonst schlafen wir ein. Stattdessen sind wir hier in einem Zustand, in dem wir den Geist kontrollieren können. Wir können ihn in jede beliebige Richtung wenden, und im Falle des  Bodhisattva-Weges wollen wir ihn in Richtung vollkommener Weisheit wenden. Um also unsere ursprüngliche Weisheit zu entwickeln, brauchen wir die Paramita der Meditation.

Schließlich kommen wir zu der Paramita der Weisheit. Weisheit kann als ein sehr allgemeines Wort gesehen werden und kann vielerlei bedeuten. Die Übung in den verschiedenen Arten von Weisheit kann gewaltige Resultate bringen. Wenn man sich in weltlicher Weisheit wie Politik und Wissenschaft übt, bringt das große Ergebnisse. In der Wissenschaft sehen wir ja zum Beispiel eine tägliche Weiterentwicklung von Technologie. Die Wissenschaft ist beinahe an dem Punkt, wo sie jedermann an viele unmögliche Dinge glauben lassen kann. Das hat seinen eigenen positiven Nutzen,  aber mit dieser Art Weisheit erlangen wir kein vollkommenes, dauerhaftes Glück. Ganz gleich, wie stark und großartig unsere weltliche Weisheit ist, so kann sie uns nicht vor unseren Störgefühlen schützen. Sie kann sogar in gewisser Weise zu  negativen Umständen führen und dann haben wir noch mehr negative Emotionen. Es gibt natürlich großartige Arten von Wissen und mit guter Motivation können wir damit gute Resultate erreichen, aber es ist nicht das letztendliche Ergebnis.

Die letztendliche Weisheit bedeutet, die Natur unseres Geistes oder die Natur der Phänomene zu verstehen. Das ist vollkommene Weisheit. In dieser Terminologie wird sie auch: „die nicht-weltliche Weisheit“ genannt. Es bedeutet, dass diese  Weisheit die Natur aller Phänomene als „ohne ein Selbst“ erkennt, also als ohne inhärente Existenz, so wie wir sie auch als vergänglich verstehen. Mit dieser Methode können wir unseren Erleuchtungsgeist zur Frucht führen.

Was ich hier bisher erklärt habe, war in sehr kurzer Form. Es gibt diesen Ausdruck „Denkanstoß“. Ich hoffe, dass dies hier ein solcher ist, aber letztendlich liegt es an euch. Ich würde es sehr zu schätzen wissen, wenn ihr euch etwas bemüht um die wahre Natur des Geistes zu finden.


Aus dem Englischen von Detlev Göbel und Claudia Knoll