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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 41, (Sommer 2006)

Die Pfeilmacherin

Die Gefährtin von Saraha, dem König der Mahasiddhas

Indien vor vielen Jahrhunderten: trotz zunehmender Verbreitung von Buddhas Lehre immer noch vom hinduistischen Kastensystem geprägt, welches die indische Gesellschaft in verschiedene Gruppen einteilte, denen jeder Mensch von Geburt an angehörte. In eine der untersten Kasten wurde ein Mädchen als Tochter eines Pfeilmachers geboren. Die damalige Gesellschaft erwartete von ihr, nur innerhalb ihrer Kaste Kontakte zu pflegen und zu heiraten, doch sie ging einen anderen Weg.

Als sie gerade 15 Jahre alt war, begegnete ihr der buddhistische Lehrer Rahulabhadra. Er hatte einen hohen gesellschaftlichen Status, da er aus der obersten Brahmanenkaste stammte und einst ein hoch gelehrter Brahmane gewesen war. Die Begegnung mit einer Weisheits-Dakini brachte ihn jedoch auf den buddhistischen Weg. Nach jahrelangem Studium wurde er Leiter der berühmten Nalanda Universität mit 10.000 Schülern. Doch plötzlich gab er seine Position auf. Statt seine Gelehrsamkeit weiter zu entwickeln, wollte er praktische Erfahrungen sammeln.

Als er die Universität verließ, begegnete er der jungen Pfeilmacherin auf einem Marktplatz, wo sie voller Anmut, Gewandtheit und Einsgerichtetheit Pfeile herstellte. Er sah, wie besonders dieses Mädchen war, und suchte ihren Kontakt. Als erstes sagte sie: "Der Sinn der Lehre Buddhas kann durch Symbole und Handlungen erkannt werden, nicht jedoch durch Worte und Bücher." Rahulabhadra erkannte sofort, dass er eine wertvolle Lehrerin gefunden hatte und bat sie mit ihm zu gehen. Aus gesellschaftlicher Sicht war eine Verbindung zwischen den beiden ausgeschlossen, und so war es ein regelrechter Skandal, als sie eine Beziehung zu einander aufnahmen. Die Umwelt reagierte entsetzt. Wie ein hoch angesehener Gelehrter einfach alles hinwerfen konnte, um mit einer Frau aus niederer Kaste umherzuziehen, konnte niemand verstehen. Das unschickliche Verhalten des Mädchens widersprach allen Regeln, und die Dorfbevölkerung reagierte mit entsprechender Missachtung. Doch die Pfeilmacherin und ihr Gefährte scheuten die Verachtung und den Tadel der Gesellschaft nicht, den sie durch ihr Verhalten auslösten.

Ungeachtet sozialer Konventionen blieben sie zusammen und ließen sich nicht voneinander trennen. Um die Leute nicht zu stören, verließen sie ihre vertraute Umgebung, zogen umher und ließen sich an einsamen Plätzen nieder, um gemeinsam die Vereinigungspraxis auf der Ebene des Diamantweges zu üben und eine Partnerschaft zu leben, die nicht auf gewöhnlicher Anhaftung beruhte. Sie lehrte ihn das Pfeilmacherhandwerk, mit dem sie fortan ihren Lebensunterhalt verdienten, und Rahulabhadra wurde seitdem nur noch Saraha genannt, der Pfeilmacher, oder genauer: "der den Pfeil abgeschossen hat."

Eines Tages bat Saraha seine Partnerin, ihm eine Rettich-Curryspeise zu kochen. Sie tat, wie ihr geheißen, und bereitete liebevoll sein Wunschgericht. Als sie es ihm brachte, reagierte er weder auf Ansprache noch auf Berührung, und sie erkannte, dass er in tiefer Meditation versunken war. Natürlich wollte sie ihn nicht stören, sondern warten, bis seine Meditation beendet ist. In der Zwischenzeit kümmerte sie sich in gewohnter Weise um ihr Zuhause, erarbeitete sich ihren Lebensunterhalt und praktizierte Meditation.

Schließlich, nach 12 langen Jahren, kehrte Saraha aus seiner meditativen Versenkung zurück und fragte: "Wo bleibt mein Rettich-Curry?" Die Pfeilmacherin konnte es nicht fassen: "Zwölf Jahre lang sitzt du in Meditation und das erste, wonach du fragst, ist dein Rettich-Curry, das du vor zwölf Jahren bestellt hast?! Du bist wirklich wahnsinnig. Was meinst du wie dein Rettich–Curry jetzt aussieht? Das hat schon lange das Zeitliche gesegnet. Was ist das für eine Meditation, wenn du immer noch an deinem letzten Gedanken festhältst? Dafür hast du zwölf Jahre rumgesessen, wie ein Rettich der in einem Erdklumpen festhängt?!"

Saraha war zuerst fassungslos über ihre Worte. Er beschloss in die Einsamkeit der Berge zu gehen, um seine Übung fortzusetzen. "Wofür soll das gut sein?" fragte die Pfeilmacherin. "Wenn du nach 12 Jahren tiefster Versenkung immer noch an deiner Lust auf Rettich-Curry festhältst, was sollte in der Einsamkeit der Berge daran besser werden? Äußere Ruhe und Einsamkeit bringen noch lange keine Erfahrung von der Natur des Geistes. Statt dich von Äußeren Sinnesreizen abzuschotten und noch mehr Zeit zu vertrödeln, solltest du lieber die dualistischen Konzepte, vorgefassten Meinungen und Begriffe deines engen, unflexiblen Verstandes loslassen und nicht daran festhalten."

Die vor brennender Weisheit lodernden Worte seiner mutigen Frau rüttelten Saraha wach, und er konnte seinen Geist von Vorstellungen und dem Glauben an eine objektiv existierende Wirklichkeit befreien. Er erlangte die Erfahrung von Raum und Freude untrennbar, erkannte die Natur seines Geistes und erreichte die höchste Verwirklichung, das Große Siegel.

In dieser Weise enthüllte die Pfeilmacherin Saraha die wahre Bedeutung der Dinge und befähigte ihn, die Wirklichkeit zu sehen. Sie inspirierte ihn zu vielen gesungenen Versen, wie zum Beispiel:

"Sitz nicht zuhause herum und auch nicht im Wald.

Wo du auch bist, erkenne den Geist."

Oder

"Das Handeln dieser Verwirklicherin ist ohnegleichen.

Sie vernichtet den Haushälter,und erleuchtete Spontanität erscheint."

Sie gingen weiter ihrem Handwerk nach und halfen anderen auf ihrem buddhistischen Weg. Auf einer großen Versammlung, bei der auch die Königsfamilie anwesend war, lehrte Saraha in Form eines Gesanges über die Natur der Dinge, während er mit seiner Partnerin, der Pfeilmacherin, in Vereinigung am Himmel schwebte und gab die Übertragung des Großen Siegels. Viele haben dabei Stufen der Verwirklichung erlangt. Anschließend lösten sich die Pfeilmacherin und Saraha in Licht auf, und es gab keinen Zweifel mehr an ihrer hohen Verwirklichung.


Michaela Fritzges, Ergotherapeutin in eigener Praxis.1984 Zuflucht bei Lama Ole Nydahl. Seit 1994 lebt sie im buddhistischen Zentrum Kiel und ist in Europa und Amerika als Reiselehrerin aktiv.

Quellen:

  • Mündliche Belehrungen von Lama Ole Nydahl, Marpa-Kurs, Freiburg, November 2000
  • Jonang Taranatha, Seven Instruction Lineages
  • Keith Dowman, Die Meister des Mahamudra, Eugen Diederichs Verlag, München 1991
  • Miranda Shaw, Erleuchtung durch Ekstase, Wolfgang Krüger Verlag, Frankfurt/Main 1997
  • Surya Das, Tibetische Weisheitsgeschichten, Wilhelm Heyne Verlag, München 1999
  • Abhayadatta, Buddha’s Lions
  • Rice Schaeffer, Kurtis: "Tales of the Great Brahmin Poet-Saint Saraha" to the Department of Sanskrit and Indian Studies in partial fulfillment of the requirements for the degree of Doctor of Philosophy in the subject of Tibetan and Himalayan Studies Harvard University, Cambridge, Massachusetts, May 2000