HOME 0 ARCHIV 0 BUDDHISMUS ABO NACHBESTELLUNG IMPRESSUM KONTAKT
BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 41, (Sommer 2006)

"Was ist es, das den Gleichungen Feuer einhaucht?"

Quanten-Realitšt und Buddhismus

Von Sasha Rozenberg

2005 wurde in Gedenken an den 100. Jahrestag der bahnbrechenden Arbeiten von Albert Einstein zum Welt-Physik-Jahr erklärt. 1905 entwickelte er die Spezielle Relativitätstheorie, begründete die Gleichwertigkeit von Materie und Energie und brachte die Teilchen-Theorie des Lichtes voran. Die ersten dieser Ideen wurden später zu der Allgemeinen Relativitätstheorie entwickelt. Sie beschreibt, wie Schwerkraft aus der gegenseitigen Beeinflussung von Raum und Materie entsteht. Wie man Jahrzehnte später verstand, spiegelt die Teilchen-Theorie des Lichts die Quanteneigenschaften wieder1.

Sowohl Quanten-Mechanik als auch Allgemeine Relativitätstheorie brechen radikal mit unserer gewöhnlichen Wahrnehmung. Das Gewebe der Realität ist aus der Sicht der modernen Physik viel weniger solide als wir uns vorstellen mögen. Quanten-Physik ist explizit nicht-dual und arbeitet zwischen den Extremen entweder dies oder das zu sein; Quanten-Gesetze sind zugleich sowohl-als-auch und weder-noch. In der Allgemeinen Relativitätstheorie ist Raum weit davon entfernt, nur ein statischer Hintergrund zu sein, sondern kann sich dehnen, biegen, verzerren, explodieren und verschwinden.

Diese Konzepte sind in der buddhistischen Weltsicht sehr natürlich und logisch fundiert. Buddhismus beschränkt sich nicht auf die innere Welt der fühlenden Wesen, sondern liefert auch einen erstklassig intelligenten Rahmen für äußere Phänomene. Die moderne Wissenschaft drückt häufig in ihrer präzisen Sprache Ideen aus, die einem buddhistischen Publikum in anderer Darstellungsweise vertraut sind. Man kann sich deswegen fragen, ob buddhistische Philosophie besser als naiver objektiver Materialismus zu moderner Wissenschaft passt?

Quanten-Mechanik

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Physiker verwundert über sich widersprechende Eigenschaften des Lichtes. In den meisten Fällen verhält sich Licht wie eine Welle, aber unter bestimmten Umständen scheint es aus Teilchen zu bestehen. Dies sind sich gegenseitig ausschließende Beschreibungen: Wellen bewegen sich im Raum, sie können sich überlappen und Interferenzen bilden, wohingegen Teilchen als kleine Kanonenkugeln vorzustellen sind: unteilbare, lokalisierbare harte Objekte.

Mit dem Aufkommen der Quanten-Mechanik erkannte man, dass das Elektron – eines der elementaren Materie-Teilchen – sich ebenso wie eine Welle verhalten kann. Man kann nicht sagen, ob ein Quantenobjekt ein Teilchen oder eine Welle ist. Es kann beides sein, je nach dem Aufbau des Experimentes, bzw. ob wir seine Teilchenoder seine Wellen-Eigenschaften beobachten wollen. In der Physik als Welle-Teilchen-Dualismus bekannt, ist dies wohl das einfachste Beispiel für die nicht-duale sowohl-als-auch Quanten-Logik. Die grundlegende buddhistische Einsicht in die Natur der Erscheinungen bringt ebenfalls die Nicht-Dualität der Gegensätze zum Vorschein.

1926 führte Erwin Schrödinger die Idee des Welle-Teilchen-Dualismus zu ihrer logischen Schlussfolgerung und stellte die Hypothese auf, dass Materie durch Wellen-Funktionen beschrieben werden kann. So wie Wellen sich überlappen und eine andere Welle formen, kann ein Quanten-Teilchen als eine Kombination verschiedener Wellen-Funktionen dargestellt werden. Nicht-dualistisch, kann es eine Kombination aus sich gegenseitig ausschließenden Zuständen sein. Es kann sowohl diesen als auch jenen Weg einschlagen; es kann sowohl hier als auch dort sein, und vielleicht sogar auch dort drüben. In der Tat ist eine der fruchtbarsten Formulierungen der Quanten-Mechanik, der so genannte Pfad-Integral-Formalismus, auf der Idee aufgebaut, dass ein Quanten-Objekt alle Wege zugleich einschlägt.

Diese nicht-duale Natur der Quanten-Physik zeigt sich am lebhaftesten im Falle von eng verflochtenen Kombinationen (so genannten Superpositionen) mehrerer Teilchen. Solche Kombinationen werden „verschränkte Zustände“ genannt, weil sie nicht auf Ansammlungen individueller Elemente reduzierbar sind. Nicht im Raum lokalisierbar, dehnt sich ein verschränkter Zustand so weit wie seine Bestandteile aus, ohne aufzuhören, ein einzelner verbundener Zustand zu sein. Wenn man auf einen Teil eines verschränkten Systems Einfluss nimmt, werden alle Teile zugleich davon betroffen, da sie nicht „andere“ Teile sind, sondern ein einziges verbundenes Ganzes. Wenn man die (außerordentlich komplizierte) Wellenfunktion des ganzen Universums anschaut, so kann man schlussfolgern, dass kein Teil der Welt von irgendeinem anderen Teil getrennt ist. Die Beschreibung der Welt als Wellenfunktion ist dem buddhistischen Verständnis der wechselseitigen Verbundenheit aller Phänomene näher als dem aristotelischen Atomisierungs-Paradigma, das mit Information über die Fragmentierung der Materie arbeitet.

Im Laufe der Jahre hat das Konzept der Wellenfunktion die Auffassung der Physiker von der Realität subtil verändert. Ein Quanten-Teilchen kann in der Tat in vielen Zuständen zugleich sein, ohne wirklich in einem von ihnen zu sein und sich nur als Resultat von Beobachtung in einem bestimmten Zustand manifestieren. So widerspricht es direkt dem Konzept von unabhängiger Existenz, von „objektiver Realität“. Untrennbarkeit des Prozesses der Beobachtung, des Zustandes des Beobachteten und des Beobachters ist eine der Quanten-Mechanik innewohnende Eigenschaft. Auch hier betonen wieder die höchsten buddhistischen Lehren die Untrennbarkeit von Subjekt, Objekt und Interaktion.

Eine andere ungewöhnliche Eigenschaft der Quanten-Mechanik (der Quanten-Feldtheorie, um genau zu sein) zeigt sich im Casimir-Effekt. Er leitet sich von der Tatsache ab, dass kein Quanten-System völlig in Ruhe sein kann. Selbst wenn ein Gebiet des Raums völlig leer zu sein scheint, brodelt es von virtuellen Teilchen, die aus dem Raum entstehen, für kurze Zeit bestehen und in den Raum zurück verschwinden. Es wurde experimentell nachgewiesen, dass virtuelle Teilchen eine Anziehungskraft zwischen zwei Metallplatten im völligen Vakuum bewirken, obwohl es buchstäblich nichts Reales gibt, das diese Anziehung bewirken könnte. Die Energie dieser Kraft ist aus dem Raum selbst entliehen.

Die Quanten-Verbindung zwischen Beobachter, Beobachtetem und Beobachtung widerspricht direkt der wissenschaftlichen Methode. Descartes’ Trennung in „das, was denkt und das dort draußen“, also Unabhängigkeit von Naturphänomenen und dem bewussten Beobachter, war das wissenschaftliche Paradigma der letzten 300 Jahre. Befreit von ideologischen Beschränkungen über „das, was denkt“ und frei „das dort draußen“ objektiv zu studieren, haben die Naturwissenschaften mit präzisem Blick auf die Welt phänomenalen Erfolg gehabt2.

Kein Wunder, dass es mehrere Jahrzehnte dauerte, bis Quanten-Mechanik das Stigma los wurde, zwar rechnerisch präzise, aber konzeptuell falscher Formalismus zu sein. Ihre paradoxen Eigentümlichkeiten wurden lange als ein Ärgernis in einer „Mund halten und rechnen“-Interpretation angesehen. Quanten-Mechanik erhielt ihre „Rechtfertigung“ durch ihre präzisen rechnerischen und technologischen Rezepte. Laut dem Nobelpreisträger Leon Lederman machen heute Anwendungen der Quanten-Physik 25 % des US-Bruttosozialproduktes aus. Tatsächlich werden Quanten-Anwendungen in einer Vielzahl alltäglicher Geräte verwendet, so wie Chips, Laser (inklusive CD-Spielern!) und verschiedenen medizinischen Geräten.

Wegen des Erfolges ihrer praktischen Anwendung wurden die Grundlagen der Quanten-Mechanik als im Wesentlichen von philosophischem Interesse gesehen. Neuere technologische Fortschritte jedoch machten es möglich, verschränkte Zustände direkt zu erzeugen und mit ihnen zu experimentieren. So wurden die merkwürdigsten Voraussagen der Quanten-Mechanik nicht nur triumphal bewiesen, sondern es konnten auch fantastische neue Technologien von diesen seltsamen Eigentümlichkeiten abgeleitet werden. Da neu auftauchende Technologien direkt auf Quanten-Merkwürdigkeit basieren, müssen wir ganz klar zu einem besseren Verständnis der konzeptuellen Grundlagen der Quanten-Mechanik kommen.

In den letzten 50 Jahren erschienen mehrere neue Interpretationen der Quanten-Mechanik. Ein österreichischer Physiker namens Anton Zeillinger dachte zum Beispiel darüber nach, ob Quanten-Mechanik nicht eigentlich eine Informations-Theorie ist. Ihn umschreibend können wir sagen, dass ein Quanten-Zustand ein Zustand unseres Wissens über eine Situation ist. Information ist reine Abstraktion und kann daher weder existent noch nicht-existent genannt werden. Daher werden viele dualistische Fragen wie Existenz oder Nicht-Existenz eines Quanten-Zustandes, oder seiner Realität, aus diesem günstigen Blickwinkel irrelevant, denn ein Quanten-Zustand liefert einfach nur Information.

Eine Wellenfunktion ist in gewisser Weise der Träger von Information, denn sie enthält die vollständige Beschreibung eines Zustandes, ist überall im Raum vorhanden und erfordert keine physische Übertragungslinie. Man könnte spekulieren, dass, obwohl da vielleicht nichts als Information und ihre Manifestationen ist, wir dies dennoch als Wirklichkeit auslegen. Buddhismus bezieht sich auf diese abstrakte Natur der Welt als eine Illusion.

Allgemeine Relativitätstheorie und Kosmologie

Albert Einstein entwickelte 1905 die Spezielle Relativitätstheorie. Sie begründete eine tiefe Verbindung zwischen Energie und Materie und machte den ersten Versuch, die Eigenschaften des Raumes zu studieren. Seine Allgemeine Relativitätstheorie ging weiter und verband Raum, Zeit, Materie und Energie in einer außergewöhnlich schönen Theorie der Schwerkraft.

Schwerkraft ist keine gewöhnliche Kraft, sondern eine Eigenschaft des Raumes selbst. In der Allgemeinen Relativitätstheorie beruht die Geometrie des Raumes darauf, was der Raum enthält. Ein massiver Stern zum Beispiel krümmt und biegt leicht den Raum um sich herum. Dadurch wird jedes Objekt, das sich in seiner Nähe bewegt, diese Raumkrümmung erfahren und von seiner ursprünglichen Bahn abweichen, als ob eine „Kraft“ darauf einwirken würde. Je massiver der Stern ist, umso mehr wird der Raum darum gekrümmt, umso mehr Schwer-„Kraft“ wird gefühlt. Zum Beispiel ist ein Schwarzes Loch ein Fass ohne Boden im Raum-Zeit-Gefüge: ein so massives Objekt, dass der Raum drum herum völlig gekrümmt ist, so dass nichts, was hineinfällt, je wieder entkommen kann. Obwohl sich nichts schneller als das Licht bewegen kann, ist es selbst dem Licht nicht möglich, aus dem Inneren eines Schwarzen Loches zu entfliehen.

Einsteins einzigartige Genialität erkannte, dass Raum nicht ein stumpfer Hintergrund für andere Phänomene ist, nicht bloß ein leerer Behälter, sondern eine aktive, dynamische, sich entwickelnde Bühne – sich entfaltend zusammen mit dem, was sie enthält. Interessanterweise vergleicht man im Buddhismus oft den Geist mit Raum: Er ist leer von ihm zueigenen Eigenschaften, und dennoch enthält er alles; weit davon entfernt still zu stehen, ist er aktiv und verbindend.

Als es sich in den 1920ern etabliert hatte, dass das Universum sich ausbreitet, wurde die Evolution des Raumes zu einer anerkannten Tatsache. Wenn man die Entwicklung des Universums zurückverfolgt, deutet das auf eine ursprünglich sehr kleine Größe hin. Im am weitesten anerkannten kosmologischen Modell erzeugte eine enorme anfängliche Explosion – der so genannte Urknall oder auch Big Bang - Raum und Zeit und setzte die Ausdehnung des Universums in Gang.

Die Ausdehnung und Weitung des Raumes erzeugte Spannung und damit ein Energie-Reservoir, das sich in Strahlung und Materie wandelte. Als das Universum weiter expandierte, kühlte sich die überheiße Suppe von Energie und Materie ab und Teilchen gingen Verbindungen als Atome, Moleküle, kosmischer Staub, Galaxien, Sterne und Planeten ein.

Über 14 Milliarden Jahre (14.000.000.000), seit der Zeit des Urknalls, hat sich das Universum ausgedehnt und seine derzeitige Weite erreicht. Nach einigen Schätzungen gibt es zehnmal mehr Sterne im Universum als es Sandkörner an allen Stränden und in allen Wüsten der Welt zusammen gibt. Wenn man ein Geldstück auf Armlänge von sich entfernt hochhält, deckt es eine Fläche am Himmel mit 10.000 Galaxien, von denen jede 100.000.000.000 Sterne enthält, ab.

Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Universum ein auf Kohlenstoff basierendes, intelligentes Leben ermöglicht, ist wahrlich verschwindend gering. Intelligentes Leben in der Form, wie wir es kennen, erfordert, oder in anderen Worten, ist verursacht durch sehr besondere Bedingungen. Während die wissenschaftliche Methode auf Beobachtung und dem Herleiten von Wirkungen aus ihren Ursachen  beruht, beschränkt extremer Materialismus per Definition das Gesetz von Ursache und Wirkung auf die materielle Welt und versucht mit einem Flickwerk, bekannt als „anthropisches Prinzip“, den unwahrscheinlichen Zufall des intelligenten Lebens zu „erklären“.

Im Buddhismus auf der anderen Seite versteht man, dass das Gesetz von Ursache und Wirkung gleichermaßen für alles gilt, dass alle Erscheinungen durch ihre Ursachen bedingt sind. Die enorm hohe Unwahrscheinlichkeit von biologischen Organismen, die mit Intelligenz ausgestattet sind, ist ein Ausdruck ihrer bedingten Natur in einer Kette von Ursachen und Wirkungen. Ohne innewohnende Existenz ist die Trennung zwischen materiell und geistig illusorisch und daher „entsteht“ Intelligenz nicht aus Materie.

Die anfangslose Kette von Ursachen und Wirkungen, wie man sie im Buddhismus versteht, kann verglichen werden mit den Theorien zum Ursprung des Universums. Die Frage „Was war dort vor dem Urknall?“ ist besonders irreführend, da die ganze Idee von „dort“ und „vorher“ auf der Existenz von Raum und Zeit beruht. Aber Raum und Zeit selbst entstanden erst im Moment des Urknalls. Dem Beginn der Zeit gegenübergestellt, wird die nächste den Urknall erklärende Theorie ihre eigene Frage des Ursprungs stellen, was zu unendlichem Zurückschreiten führt: Was war vor dem Anfang?

Steven Hawking und Jim Hartle haben sich 1983 mit dieser Frage in ihrer ästhetischen „Keine Grenzen“-Hypothese befasst. In dieser Theorie hat Zeit keinen Anfang gehabt und wird kein Ende haben, und der Urknall ist ein relativ sanfter Übergang von einer anderen Ordnung des Universums, der den Punkt der klassischen verschwindend geringen Größe durchlief. Ohne Anfang oder Ende kann das Universum in diesem Bild nicht zur Existenz kommen oder verschwinden; es kann einfach nur sein, ohne irgendetwas „außerhalb“ von ihm. Wie Steven Hawking einmal sinnierte: „Ich stelle mir den Beginn des Universums vor, wie Blasen in kochendem Wasser entstehen. Quanten-Fluktuation führt zur spontanen Erschaffung von winzigen Universen aus dem Nichts.“ Fügte man dem Zitat ein „Nirgendwo“ hinzu, könnte man kaum besser das buddhistische Verständnis der leeren Natur der materiellen Welt ausdrücken. Komplementär hierzu: Die strahlende Natur des Geistes gibt die buddhistische Antwort auf Hawkings Frage: „Was ist es, das den Gleichungen Feuer einhaucht und ihnen ein Universum erzeugt, damit sie es beschreiben können?“

Buddha vs. Aristoteles

Jede kreative Entwicklung innerhalb einer Kultur baut auf der Weltsicht dieser Kultur auf und ist auch beschränkt durch diese. Beispielsweise ist es kein Zufall, dass die Null in Indien erfunden wurde: Hebräer und Griechen, zwei andere Kulturen mit dauerhaftem Einfluss auf die westliche Zivilisation, hätten sie wohl nicht erfinden können. Für Hebräer repräsentiert die Null das Nichts, das Fehlen Gottes; Griechen hätten es zu merkwürdig gefunden, einer Nicht-Entität Bedeutung oder ein Symbol zu geben. Im alten Indien hat Null genau das bedeutet, was es ist: das Zeichen für kein Objekt, ein in der indischen Philosophie völlig legitimes Konzept.

Physikalische Theorien, die in dem Konzept eines materiellen Universums verwurzelt sind, werden nicht in der Lage sein, den Ursprung von Materie und Energie zu erklären. Wie tief ins Kleinste die fundamentale Physik auch immer gehen wird, die Frage nach dem „Zeug“, aus dem die elementarsten Bausteine des Universums bestehen, wird andauern. Viele Physiker verstehen, dass die Theorie die über Quanten-Mechanik oder Allgemeine Relativitätstheorie hinausgehen und diese vereinen wird, bedeutend radikaler als alles zuvor sein wird – aber wenige ziehen in Betracht, dass es das extreme materialistische Paradigma selbst ist, das in Frage zu stellen ist.

Andererseits braucht ein rein abstrakter Ursprung, und damit eine rein abstrakte Existenz, keine „erste Ursache“ oder einen „ersten Ursprung“ der Existenz. Vielleicht hat Einstein aus diesem Grunde einmal bemerkt: „Realität ist eine Illusion, aber eine sehr hartnäckige“. Buddhismus ist nicht eingeengt vom Materialismus mit seiner in mysteriöser Weise auftauchenden Intelligenz, noch ist er beladen mit wissenschaftlich unangemessenem „Kreationismus“. Frei von den Extremen von Existenz und Nicht-Existenz, ist sein „Materialismus“ von einer intelligenten Art. Leer von eigenständiger Existenz und daher immun gegen Paradoxien der dualistischen Konzepte, folgen Materie und Wechselwirkungen den Gesetzen von Ursache und Wirkung, welche sich spielerisch als die Naturgesetze zeigen.

In der modernen Welt sind Buddhismus und Wissenschaft natürliche Verbündete. Buddhismus stellt eine sehr intelligente und tiefgründig weite Sicht zur Verfügung, wohingegen Wissenschaft einzigartig ausgestattet ist, um mit exakten Details zu ergänzen.

Von der Gegenseite aus gesehen, ist Wissenschaft fast wie eine Religion unseres Zeitalters mit unzweifelhafter Autorität, nahezu vollständigem Vertrauen und offensichtlichem Nutzen für die Gesellschaft. Ein Zusammenkommen der wissenschaftlichen und der buddhistischen Sichtweisen auf theoretischer abstrakter Ebene gibt deswegen ein kraftvolles Signal über den Buddhismus als Ganzes.

1 Einstein hat die Quanten-Mechanik nie völlig akzeptiert. Aber sein beharrliches Stellen von schwierigen Fragen führte zu tiefen Diskussionen über die Grundlagen der Theorie und war förderlich beim Entwickeln ihres philosophischen Unterbaus.

2 Natürlich gibt es auch beachtenswerte Ausnahmen. Die Nazis haben die Allgemeine Relativitätstheorie zu einer “jüdischen Wissenschaft” erklärt; Marxisten in der Mechanik als „bourgeoise Erfindung“ abzutun; heute versuchen religiöse Fundamentalisten in den USA „Intelligent Design“ zur Wissenschaft zu ernennen.


Aus dem Englischen von Detlev Göbel und René Staritzbichler

Sasha Rozenberg
ist Russe und wurde in Ufa in der Nähe des Ural geboren. 1992 ging er in die USA, wo er seinen Doktor in Theoretischer Physik (String-Theorie) machte.
Er lebt in New York City, wo er als Quantitative Analyst bei Morgan Stanley arbeitet. Sasha reiste viel in Südamerika und studierte Pflanzen und Schamanismus, bis er 2001 Lama Ole Nydahl traf. Ein Jahr später begann er mit der Diamantweg-Praxis und genießt, Teil der New Yorker Sangha zu sein.