Aus: Buddhismus Heute Nr. 41, (Sommer 2006)

"Es ist Lama Oles Beispiel, das mich bewegt und motiviert"

Interview mit Tomek Lehnert

 

Tomek, kannst du dich vorstellen? Wann und wie bist du
Buddhist geworden?

Mein Name ist Tomek Lehnert und ich bin Pole. Ich traf Lama Ole im Januar 1983 in Danzig, in der Zeit des damals noch kommunistischen Polen unter Kriegsrecht, das verhängt wurde um die freie Gewerkschaft „Solidarnosz“ zu brechen. Schon bei unserer ersten Begegnung übersetzte ich einen Vortrag für Ole in Danzig, direkt neben der Lenin Schiffswerft, am Geburtsort der „Solidarnosz“. Es ist wichtig zu erwähnen, dass Oles frühe Aktivität in Polen völlig mit dem Kampf für die Freiheit in unserem Land verwoben war.
Ein halbes Jahr bevor ich Lama Ole traf, hatte ich schon von ihm gehört. Als ich dann sein Bild sah und seinen Namen hörte, traf es mich wie ein Blitzschlag. Ich wusste sofort, dass er mein Lehrer ist. Ole Nydahl ist überhaupt kein tibetischer oder buddhistischer Name, aber ich wusste es einfach – er ist mein Lehrer.

Warum bist du 1985 von Polen nach Kopenhagen gezogen?

Das ist eine lange Geschichte. Im Winter 1985 begleitete ich Ole und eine Gruppe von Freunden auf eine Pilgerreise nach Rumtek in Sikkim, dem Hauptsitz des 16. Karmapa außerhalb Tibets. In diesen Tagen brauchte man noch ein zusätzliches Visum um nach Sikkim einzureisen. Unsere Freunde aus Polen konnten solche Visa nicht bekommen, deswegen entschied Ole, uns von Indien aus über die sikkimesische Grenze zu schmuggeln. Der Plan war, an der Grenze so viel Unruhe zu stiften, dass die Grenzposten die zusätzlichen 16 Polen im Bus gar nicht bemerken würden. Unser natürlicher Verbündeter war das allgemeine Chaos, das an solchen Plätzen normalerweise herrscht. Das Spektakel, das wir veranstalteten, erreichte seinen Höhepunkt, als die Grenzsoldaten in unseren Bus stiegen um die Kopfzahl mit der Anzahl der Pässe, die sie erhalten hatten, zu vergleichen. Im entscheidenden Moment rief Ole einfach: „Alle raus auf die Toilette!“ Das war genug. So sehr es unsere hilflosen Soldaten auch versuchten, sie hatten keine Chance und zehn Minuten später fuhren wir über die Grenze, mit breitem Grinsen im Gesicht und mit unseren 16 „Illegalen“ erfolgreich an Bord. Heutzutage kann man diese Einreisegenehmigung gleich bei der Landung am Flughafen Bagdogra bekommen, aber damals war das eine echte Schwierigkeit.

Kaum angekommen, wurde ein dänisches Mädchen aus der Gruppe von einem der berüchtigten Hunde aus Rumtek gebissen. Bloßer Augenkontakt mit einem dieser Kreaturen machte einen schon für Tage bettlägerig; ein Biss aber bedeutete mit Sicherheit ernsthafte Schwierigkeiten. Jemand musste das Mädchen zum Krankenhaus nach Gangtok begleiten. Es war der letzte Tag des tibetischen Jahres, die Lamatänze fingen gleich an und Freiwillige zu finden, um von Rumtek zu einem 40 Meilen entfernten indischen Krankenhaus in Gangtok zu fahren, war nicht leicht. Am Ende entschied ich mich zu fahren. Die königliche Familie von Bhutan lieh uns einen Jeep mit einem Fahrer und wir schlängelten uns durch die enge Straße hinunter nach Gangtok. Ich verpasste die Lamatänze, aber gewann dafür eine Freundin.

Ein halbes Jahr später, als ich zurück in Polen war, entschied ich, sie in Kopenhagen während meiner Semesterferien von der Universität zu besuchen. Ich verließ Polen mit der Fähre von Swinoujscie aus. Als ich in Kopenhagen ankam, rief ich zuhause an und erfuhr zu meinem großen Erstaunen, dass die Geheimpolizei gekommen war, um mich wegen meiner Untergrundarbeit für die verbotene „Solidarnosz“
zu verhaften. Sie waren zehn Minuten zu spät gekommen. Ich war nicht gerade ein großer Fisch in der freien Gewerkschaftsbewegung, aber ich konnte trotzdem für die nächsten fünf Jahre nicht nach Polen zurück. Seither lebe ich in Dänemark. Es ist jetzt meine Heimat.

Kannst du etwas mehr über „Solidarnosz“ erzählen.
Wie hast du das erlebt?

Ich sehe das heute aus einer Perspektive von mehr als zwanzig Jahren Abstand. Alle die Menschen, die damals Stellung bezogen, riskierten eigentlich ihr Leben. Man bezog Stellung für die eigene Freiheit und Würde. Viele, die später unsere Zentren leiteten und Lama Oles nahe Schüler wurden, waren in diesen Tagen meine Freunde. Was Ole so anziehend für uns machte, als wir ihn das erste Mal trafen, war, dass er darauf bestand, wie wichtig es sei für gewisse Prinzipien zu kämpfen ohne dabei die zu hassen, gegen die man kämpfte. Das gab unserem Kampf eine völlig neue Dimension. Es war eine sehr wichtige Zeit in unserem Leben. Ich bin wirklich froh darüber, denn es lehrte mich, bestimmte Werte zu schätzen, die die Menschen heute für selbstverständlich halten.
Das waren sehr repressive und unangenehme Regime und was in Polen passierte, wurde der Startschuss für den Kampf für die Freiheit im restlichen Teil von Osteuropa. Ich bin zutiefst dankbar,
dass ich ein Teil dieser historischen Entwicklung war.

Du bist Oles Tour-Manager und der Koordinator für die Karma Kagyü Zentren. Was beinhaltet deine Arbeit?

Ich reise mit Lama Ole und bin Teil des TCHO-Team (Tomek, Caty, Hannah und Ole). Die Arbeit beinhaltet viele verschiedene Dinge: Alle praktischen Angelegenheiten, die damit zu tun haben, dass die Reisen funktionieren. Das heißt: Flüge, Züge und die Verteilung der Autos, und dazu sicherstellen, dass alle Visa da sind und dass jeder die richtige Information zur richtigen Zeit erhält. Das sind praktische und klare Aufgaben, aber man muss sehr genau damit sein. Wir möchten nicht an einem bestimmten Flughafen morgens um fünf Uhr ankommen, um dann herauszufinden, dass der Flieger eigentlich erst um fünf Uhr am Nachmittag geht.

Unsere Arbeit beinhaltet auch die Vorbereitung von Oles Reiseplan rund um die Welt. Das mache ich zusammen mit Caty und Gergö. Das ist sehr wichtig – Oles Zeit so zu verteilen, dass die meistmöglichen Leute davon Nutzen haben. Das Jahr hat 365 Tage und wir haben über 500 Zentren; Ole hat tausende von Schülern rund um die Welt und natürlich übersteigt die Nachfrage bei weitem das, was wir leisten können. Zeitmangel ist unsere größte Herausforderung. Es benötigt richtige Akrobatik um alle zu versorgen und trotzdem noch Zeit für Projekte, wie Bücher schreiben, zu finden, was ein wichtiger Teil unseres Jahresplanes ist. Um eine Idee davon zu geben, wie komplex es ist, Lama Oles Reiseplan zu erstellen, kann ich sagen, dass wir nicht nur die Ferienzeiten in den verschiedenen Ländern, in denen Ole lehrt, berücksichtigen, sondern auch, wann in den verschiedenen Regionen, in denen Ole Kurse gibt, Moskitos ihre Hochsaison haben.

Wir sind auch mit allen Zentren in Kontakt und helfen mit Ratschlägen, wie man sie am Laufen hält. Wir koordinieren die vielen Bauprojekte, die vor allem in Osteuropa und Russland geschehen. Wir helfen bei Oles Manuskripten und Artikeln. Dabei ist Caty für die deutschen Texte und Hannah für die englischen und dänischen verantwortlich. Ich helfe bei bestimmten Projekten in englischer Sprache.
Das ist ein sehr wichtiger Teil von Oles Aktivität.
Wir haben auch eine sehr klare Vorstellung, wie wir Laienbuddhismus in den Medien präsentieren wollen. Ich kümmere mich um die englischsprachigen und in gewissem Maße auch die spanischen und polnischen Medien. Mit einer Gruppe von Freunden koordiniere ich unsere Aktivität im Internet. Ohne eine Dharma-Netz-Polizei zu schaffen, müssen wir doch bestimmte allgemeine Richtlinien erstellen, was wir auf unseren Seiten gerne betonen und was wir vermeiden möchten. Auf Lama Oles Bitte habe ich auch angefangen zu lehren. Ich denke, ich reise selbst etwa drei bis vier Wochen jedes Jahr während Oles Buchretreats.
Lama Ole hat tausende von Schülern und hunderte Zentren und so ein gesunder „Kundenstamm“ hält uns von morgens bis spät abends auf Trab. Gleichzeitig versuchen wir so viele Freunde um die Welt wie möglich in unsere Arbeit miteinzubeziehen. Das Internet gibt uns heute unbegrenzte Möglichkeiten. Wir haben es aber geschafft, eine gefährliche Gattung zu vermeiden – Bürokraten. Das ist unsere größte Stärke: unsere Aktivität basiert ganz und gar auf der idealistischen Hilfe, die von hunderten von talentierten Freunden, die unsere Zentren überall repräsentieren, angeboten wird. Die Geschichte ist voll von Beispielen, wie idealistische Bewegungen ihre meiste Anziehung verloren, als sie überinstitutionalisiert wurden und Ole ist sich völlig der darin liegenden Gefahren bewusst.

Was kann Buddhas Lehre modernen westlichen Menschen geben?

Das ist eine grundlegende Frage, ob wir jetzt über moderne westliche Menschen sprechen oder über Menschen aus anderen Zeiten – was kann Buddhas Lehre uns geben?
Diese Lehren sind einzigartiges Wissen über die Natur des Geistes. Dieses Wissen, zusammen mit den Methoden, wie es zu realisieren ist, wurde seit der Zeit des Buddha bis heute erhalten. Da dieses Wissen absolut praktisch ist, kann es jeder verwirklichen. Die Verwirklichung der Natur des Geistes ist letztendlich das, was Buddhas Lehren modernen Menschen geben kann, genauso wie sie sie Menschen aus allen Zeiten, allen Kulturen und allen Umgebungen geben konnte. Hier beim Diamantweg beginnen wir damit, uns mit der Vollkommenheit zu identifizieren. Ich denke, dass ein gut funktionierender moderner Mensch im Westen die Fähigkeit hat, sich mit seiner oder ihrer Buddhanatur zu identifizieren und der Nutzen davon ist riesig.

Es ist aber auch wichtig zu sehen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die sich von Gesellschaften in Asien unterscheidet – ebenso wie die meisten Teile Asiens anders sind als Tibet selbst. Buddhas Weisheit muss in einem bestimmten Rahmen gegeben werden. Es ist sehr wichtig, dass wir sie in einem Rahmen bekommen, den wir Westler verstehen, damit wir sie anwenden können. Das ist Lama Oles
einzigartiger Beitrag: er ist fähig, westlichen Menschen das großartige Wissen über die Natur des Geistes in einer Weise zu geben, die es ihnen ermöglicht, sich darauf zu beziehen, es zu praktizieren und Ergebnisse zu erzielen.

Welche grundlegende Information oder Sichtweise sollte jeder Praktizierende im Geiste halten?

Meinem Verständnis nach sollten wir uns vor allem darüber bewusst sein, dass es ein Ziel gibt, das es wert ist zu erreichen, die Buddhaschaft. Ein Zustand von letztendlicher Vollkommenheit jenseits von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ein Zustand höchster Freude. Das ist unsere wahre Natur. Zweitens gibt es eine Fülle von Methoden, die der Buddha gab, um dieses perfekte Ziel zu erreichen. Der dritte Punkt ist, dass es eine Gemeinschaft von hochrealisierten Wesen gibt, ebenso tausende von Freunden, die den Weg gehen, und alle benutzen diese Methoden, um das höchste Ziel zu erreichen. Das sollte jeder Buddhist im Geist halten, die Grundlage des Buddhismus: Buddha, Dharma und Sangha.

Als Diamantwegs-Praktizierende üben wir bestimmte direkte Methoden, die der Buddha in besonderen Situationen an seine nächsten Schüler gegeben hat, um unseren Geist als „Klares Licht“ zu erkennen. Diese Methoden wurden in einer ungebrochenen Kette vom Lehrer zum Schüler bis heute übertragen. Um diese direkten Belehrungen anzuwenden, brauchen wir einen Lehrer - einen realisierten und verwirklichten Lehrer.
Ich denke, das sind die grundlegenden Dinge, die wir im Geist halten sollten und wenn sie ein Mittelpunkt unseres täglichen Lebens werden, liegen wir niemals falsch.

Was motiviert dich persönlich, für so viele Menschen zu arbeiten?

Ich bin ganz und gar durch einen Weg der Hingabe zu meinem Lehrer zum Buddhismus gekommen, und es ist das Beispiel Lama Oles, das mich bewegt und motiviert. Er ist das größte und inspirierendste Beispiel, das ich kenne und ich versuche ihm jeden Tag zu folgen, so gut ich kann.

Warum ist das Europa-Zentrum so wichtig für die Zukunft?

Diese Frage könnte zu einem allgemeineren Thema erweitert werden: warum ist europäische Kultur so wichtig für die Zukunft? Wir haben hier in Europa und in Nord-Amerika, Australien und Neuseeland eine in der Geschichte der Menschheit einzigartige Gesellschaft geschaffen. Niemals zuvor in der Geschichte konnten so viele Menschen so viel Freiheit erfahren. Wir haben einen gewissen allgemeinen Wohlstand erreicht, der unsagbare Möglichkeiten bietet. Samsara bleibt natürlich Samsara und wir können keine ideale Welt daraus machen, aber diese günstigen Bedingungen, die wir hier im Westen haben, sind entscheidend dafür, buddhistische Zentren zu gründen und zu unterhalten. Es reicht nicht aus, hervorragende Qualitäten nur auf der äußeren Ebene zu erreichen. Wir möchten diese Qualitäten gerne mit den letztendlichen Belehrungen über die Natur des Geistes verbinden und die Tatsache, dass Menschen die Fähigkeit haben, solche Lehren zu verstehen, wirklich voll nutzen. Das wird eine einzigartige Mischung: höchste Belehrungen die unter den bestmöglichsten äußeren Bedingungen gegeben werden. In diesem Zusammenhang ist ein Europa-Zentrum von größter Wichtigkeit.

Du bist ursprünglich aus Polen. Fühlst du dich als Pole oder eher als Europäer?

Ich wurde in Polen geboren und meine Familie ist zum größten Teil polnischer Abstammung, aber es gibt da auch noch andere Einflüsse. Als Kind wuchs ich in Süd-Amerika auf. Ich ging beinahe sechs Jahre in Argentinien zur Schule. Tatsächlich bin ich zweisprachig aufgewachsen, mit Spanisch und Polnisch. Als Kind lebte ich außerhalb Polens. Mit meinem Vater reisten wir in Afrika und ich lebte für einige Jahre in England, wo ich auch zur Schule ging. Als ich 1985 Polen für immer verließ, hatte ich die Hälfte meines Lebens bereits außerhalb meines Landes verbracht.

Natürlich fühle ich mich mit Polen sehr verbunden, aber ich habe so viele Jahre in so vielen Ländern gelebt und besonders jetzt, nach dem ich so viel gereist bin und so viele Freundschaften rund um die Welt geschlossen habe, fühle ich mich eigentlich überall sehr zuhause. Wenn ich heute einen Platz hervorheben sollte, an dem ich mich am meisten zuhause fühle, dann wäre das Dänemark. Das ist meine neue Heimat und dorthin fühle ich mich immer verbunden, egal wo auf der Welt wir gerade sind.

Manche Menschen glauben, ein guter Buddhist müsste ins Kloster gehen oder wenigsten einmal nach Tibet.

Bestimmt nicht! Das ist eine sehr unsinnige Ansicht. Sie unterstellt, dass Buddhismus nur in einer monastischen Umgebung oder bestenfalls in traditionellen östlichen Gesellschaften gedeihen kann und wir aus dem Westen könnten nur von außen zuschauen, die exotische Show beobachten und niemals Teil von ihr sein, geschweige denn sie erfahren. Man müsste Roben anziehen oder einen östlichen Lebensstil annehmen, wenn man teilnehmen wollte. Eine solche Auffassung macht Buddhismus ganz klein und unterstellt, dass Dharma nur in einer ganz bestimmten Umgebung wahr und nützlich sei. Sie raubt dem Buddhismus die Weite und Allgemeingültigkeit und sperrt ihn in eine kleine Kiste.

Ich möchte gerne ein klassisches Bespiel zitieren, in dem Buddhismus mit einem strahlenden Diamanten verglichen wird. Wenn man ihn auf einen schwarzen Hintergrund legt, leuchtet er schwarz, wenn man ihn auf einen roten Untergrund legt funkelt er rot. Der Diamant selbst bleibt aber derselbe, gleich auf welchen Untergrund man ihn legt. Buddhismus wird - abhängig von der Gesellschaft - einen gewissen Geschmack annehmen, um die Menschen bestmöglich zu erreichen.
Buddhismus will nichts anderes, als den Menschen zu nutzen und sie darüber zu lehren, wie die Dinge sind. Im feudalen Tibet waren Klöster Teil der Gesellschaftsordnung dieser Zeit, während der buddhistische Dharma eine universale Wahrheit ist und bleibt. Er kann nicht auf den Osten beschränkt werden, genauso wenig wie er auf den Westen begrenzt werden kann.

Wie können wir deiner Meinung nach allen Wesen am besten nutzen?

Allen Wesen zu nutzen, trägt einen riesigen Segen. Wenn wir uns nur auf uns selbst konzentrieren, bekommen wir die Energie für die Dinge, die wir für uns selbst benötigen. Wenn wir uns auf alle unsere Freunde einstellen, gewinnen wir viel mehr Möglichkeiten. Wenn wir uns auf unser Land einstellen, gibt es uns noch mehr Kraft, denn dann bringen wir Nutzen für fünf oder 85 Millionen oder wie viele auch immer in unserem Land leben.

Manchmal haben Menschen trotzdem ein Problem mit der Aussage „allen Wesen zu nutzen“, denn unendliche Zahlen klingen zu abstrakt. „Allen nutzen“ kann oft empfunden werden wie „niemandem nutzen“. Es klingt zu ungreifbar. Deswegen würde ich jedes Mal, wenn ich es verwende, versuchen ein richtiges Verständnis zu entwickeln. Da ist eine große Kraft dahinter. Wenn wir uns ernsthaft konzentrieren, dass wir so vielen Wesen, wie der Himmel weit ist, nutzen wollen, gibt das eine riesige Kraft und Motivation. Aber wir müssen uns darüber bewusst sein, was wir tun.

Als ich mit meinen Verbeugungen in Bodhgaya kämpfte, gab es mir höchste Motivation, mir alle Wesen um mich herumstehend vorzustellen. Bodhgaya ist ungefähr ein Drittel des Weges zwischen dem Golf von Bengalen und dem Arabischen Meer. Ich dachte also, wie diese erstaunliche Anzahl von Wesen von einer Küste zur anderen in den Startlöchern für ihre Verbeugungen standen und nicht anfangen konnten, weil ich nicht anfing. Und so schaffte ich meine Verbeugungen trotz der Hitze in Bodhgaya, indem ich mir die zahllosen Wesen ausgedehnt über den Indischen Subkontinent von einem Meer zum anderen, vorstellte.
Wie man am besten allen Wesen hilft? Mein Rat ist, in unseren eigenen Gruppen und Zentren anzufangen. Da fangen wir an. Wir könnten auf das Dach des höchsten Gebäudes in unserer Stadt klettern und unsere Bereitschaft den Wesen nah und fern nutzen zu wollen, verkünden, aber die Folge würde wahrscheinlich mehr komisch als wirklich nützlich sein. Die größten Visionen fangen immer auf dem heimatlichen Acker an. Unser Heimatacker ist unser Zentrum. Und zur gleichen Zeit praktizieren wir weiter. Unsere Meditationen beinhalten die höchsten aller Wünsche, allen Wesen zu helfen und die edelsten aller Gaben, alles Gute, was aufgebaut wurde, zu teilen.

Ist es möglich uns vorzustellen, dass wir ganz viel positive Energie aufbauen, wenn wir meditieren?

Sicher! Ich habe keine Zweifel, dass man eine Menge guter Energien aufbaut und man sich selbst entwickelt, während man meditiert. Es ist meine tiefste Überzeugung, dass jedes einzelne Mantra, das man sagt, jede einzelne Verbeugung, die man macht, uns ein kleines Stück näher an die Verwirklichung unserer wahren Natur bringt. Aber die Arbeit in den Zentren ist genauso wichtig. Wenn wir uns alle einsperren und nur meditieren, kann es leicht passieren, dass keiner von uns hört. Zur gleichen Zeit sollten auch die härtesten Arbeiter in den Zentren jeden Tag zwanzig Minuten für die Praxis finden. Ich kann nicht glauben, dass sie das nicht können. Wir sind keine Überflieger an der New Yorker Börse, die jeden Tag mit Milliarden von Dollar hin und her jonglieren. Zwanzig Minuten können wir immer finden. Ich kann hier das Beispiel eines sehr guten Freundes geben, Pedro: Er schloss die Verbeugungen und Diamantgeist ab, obwohl er in einem Restaurant jeden Tag Schichtdienst hatte. Er arbeitete ohne Pause dreizehn Stunden lang und bevor er zu Arbeit ging, machte er 500 Verbeugungen jeden Tag. Ich bin sicher, auch der beschäftigste Zentrumsarbeiter kann jeden Tag zwanzig Minuten finden. Und diese Worte richte ich im gleichen Maß an mich selbst, wie an andere.

Du hältst Vorträge, übersetzt ins Spanische und Polnische und schreibst Beiträge für Zeitschriften. Kurz gesagt – du bist sehr beschäftigt. Wie schaffst du es in deinem Alltag Zeit für Meditation zu finden?

Das ist eine zentrale Frage. Wir sind alle vielbeschäftigte Menschen, aber wir müssen jeden Tag die zwanzig Minuten für die Meditation finden. Ich muss zugeben, dass ich da mehr tun könnte. Es gibt natürlich immer den komischen Tag, an dem wir den Flieger um fünf Uhr in der Früh erreichen müssen und mit vollem Programm bis nachts um drei weitermachen. Aber allgemein glaube ich fest, dass man immer zwanzig Minuten für die Praxis finden kann. Ich bin absolut sicher, dass die so überzeugenden und komplizierten Ausreden, um nicht die halbe freie Stunde zu meditieren, nichts weiter als Ego-Spiele sind. Je mehr ich es schaffe mich selbst davon zu überzeugen, dass etwas anderes zu tun so viel wichtiger ist, desto mehr trickse ich mich selbst aus.

Hast du noch einen besonderen Kommentar oder eine Botschaft für unsere Leser?

Mein Rat ist: Seid euch darüber bewusst, dass die wertvollsten Schätze Teil unseres Lebens geworden sind: ein klares Ziel, die wirksamsten Mittel, die edelsten Freunde, und wirklich realisierte Lehrer. Meine Botschaft lautet: „seid dankbar, verwendet die Mittel und genießt.“


Das Interview führte Ilona Svetluska im September 2005. Aus dem Englischen übersetzt von Claudia Knoll.