Aus: Buddhismus Heute Nr. 41, (Sommer 2006)

Wiedergeburt von Urgyen Rinpoche anerkannt

Neten Chokling Rinpoche, über den wir an anderer Stelle in diesem Heft im Zusammenhang mit dem vom ihm gedrehten Milarepa-Film berichteten, ist zur Zeit noch aus einem weiteren Anlass in den buddhistischen Schlagzeilen: Sein Sohn wurde vor einiger Zeit als die Wiedergeburt von Tulku Urgyen Rinpoche anerkannt.

Urgyen Rinpoche war einer der ganz großen alten Nyingma-Meister, die ihre Ausbildung noch in Tibet erhielten. Er war 1920 in Ost-Tibet geboren worden und wurde vom 15. Karmapa als die Wiedergeburt von Nubchen Sangye Yeshe, eines der 25 Hauptschüler von Guru Rinpoche, anerkannt.

Im 13. Jahrhundert hatte sich dieser als einer der fünf größten Tertöns (Finder von versteckten Dharma-Schätzen), Guru Chowang, gezeigt. Das Hauptkloster Lachab Gompa von Tulku Urgyen lag in Nangchen in Ost-Tibet. Er studierte sowohl die Kagyü- als auch die Nyingma-Lehren, und seine Familie hielt insbesondere die Übertragung der Baram-Kagyü- Linie.

Seine besonderen Übertragungen waren die so genannten "Neuen Termas" (Chokling Tersar), die der Tertön Chogyur Dechen Lingpa, sein Großvater, gefunden hatte. Chogyur Dechen Lingpa hatte die Übertragung dafür an den 14. Karmapa gegeben. Sein Enkel Samten Gyatso, der Wurzel-Lama von Urgyen Tulku, gab sie an den 15. Karmapa, und Urgyen Tulku selbst übertrug sie dem 16. Karmapa. Nach seiner Flucht aus Tibet hielt sich Tulku Urgyen Rinpoche die meiste Zeit im Kathmandu-Tal auf, wo er sechs Klöster und Retreatstellen errichtete, die wichtigsten darunter bei der Boudha-Stupa und in Parping nahe der Asura-Höhle, wo Guru Rinpoche das Mahamudra verwirklicht hatte. Urgyen Rinpoche lebte die meiste Zeit in der Retreatstelle Nagi Gompa über dem Kathmandu-Tal.

Im Laufe seines Lebens verbrachte er über 20 Jahre in Retreat. Er hatte mit verschiedenen Frauen mehrere Söhne, darunter auch bekannte Rinpoches wie Chökyi Nyima Rinpoche, Chokling Rinpoche, Mingyur Rinpoche und Tsoknyi Rinpoche. 1980 bereiste er Europa, die USA und Südostasien. Einige seiner Belehrungen sind in English und Deutsch als Bücher erschienen. Rinpoche starb 1996 in seiner Retreatstelle Nagi Gompa. In der letzten Ausgabe der Buddhismus Heute stellten wir das 2005 erschienene Buch "Blazing Splendor" vor, die Biographie von Urgyen Tulku. Rinpoches Söhne gingen nach seinem Tod zu Ngaktrin Rinpoche, dem Leiter von Urgyen Tulkus Hauptkloster, um die Suche nach der Wiedergeburt ihres Vaters zu besprechen. Man kam überein, Trülshik Rinpoche damit zu beauftragen. Dieser ist ein sehr hoher Nyingma-Lama, der auch dem Dalai Lama viele Übertragungen gab. In Tibet lebte er im Kloster Rongbuk, nördlich vom Everest, und war in der ganzen Gegend sehr aktiv. Nach der Flucht siedelte er sich im Solo Khumbu, südlich des Everest an, machte Retreats und gründete Klöster wie das berühmte Thupten Chöling mit 350 Nonnen und 150 Mönchen. Trülshik Rinpoche war der engste Schüler des verstorbenen Dilgo Khyentse Rinpoche und wurde nach dessen Tod im Jahre 1991 sein Regent.

Einige Jahre zuvor war es ihm schon gelungen, die Wiedergeburt von Dilgo Khyentse zu finden, und nun identifizierte er den Sohn von Neten Chokling Rinpoche und dessen Frau Tendzin Choyang Gyari als die Wiedergeburt von Urgyen Tulku. Der "Yangsi" - wie die Tibeter eine solche bewusste Wiedergeburt eines Tulku nennen - heißt Urgyen Jigme Rabsal, wurde im "Schlangen-Jahr" (2001) in den USA geboren und hält einen amerikanischen Pass, zur Zeit lebt er mit seiner Familie im Kloster von Neten Chokling Rinpoche in Bir in Indien. Bevor ihr Sohn als hoher Tulku anerkannt wurde, hatten Neten Chokling Rinpoche und seine Frau vor, ihn nicht als Mönch aufwachsen zu lassen und ihm stattdessen eine normale weltliche Erziehung zu geben. Im Frühling 2006 ist eine Delegation, bestehend us einigen Söhnen von Urgyen Tulku und anderen Lamas, nach Bir gegangen, um die Wiedergeburt zu treffen und mit der Familie die weiteren Schritte zu besprechen.


von Detlev Göbel