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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 41, (Sommer 2006)

Retreatzentrum Altmühle

Von Johannes Ambrosius

... eine neue Stelle bei Worms? Ein ehemaliges Mühlenanwesen mit südeuropäischem Flair, das der Diamantweg-Stiftung geschenkt wurde? Wir sollten lieber doch kein eigenes Haus kaufen, um dort Retreat anzubieten, sondern die neue Stelle aufbauen?! Wie oft im Leben bekommt man vom Lama eine solche Chance geboten? So haben Maria und ich nicht lange überlegt, sondern gleich - noch vor Ort in Becske im August 2005 - fest zugesagt. Das Berufliche würde schon finden, wenn auch mit weiten Anfahrten. Und die ortsübliche Miete, die wir im Zentrum zu zahlen haben, ist niedriger als in unserem bisherigen Wohnort Heidelberg.

Dann kam eine Phase des Wartens auf Abruf. Wann würde die großzügige Spenderin (die nicht gennant werden möchte) ausziehen? In der Zwischenzeit wurde die Altmühle der buddhistischen Öffentlichkeit vorgestellt und spontan begeistert entschlossen sich Ellen und Rudi, zu uns zu stoßen. Das passte gut, denn wir waren bereits befreundet, alle vier hatten keine Vollzeit-Jobs, aber dafür umso mehr Energie und Freude für die ehrenamtliche Tätigkeit in diesem neuen Projekt.

Am 17. Dezember war es dann soweit: Die Altmühle stand leer. Wir wollten nicht weiter warten und entschieden uns zu einem überstürzten Umzug. Außerdem sollte das Gebäude im tiefen Winter nicht leer stehen und wir wollten so bald wie möglich die buddhistische Aktivität starten.

Eine besondere Stimmung
Als wir das erste Mal an der Altmühle eintrafen, flog ein Bussard mehrmals tief über unser Auto hinweg und als wir das große, schwere Holztor öffneten, umflatterte uns aufgeregt ein Schwarm Singvögel, der unter der Durchfahrt gewartet hatte.

Betritt man den Hof der Altmühle, fühlt man sich nach Italien oder Südfrankreich versetzt. Ein Innenhof mit Linde, eine plätschernde Quelle, gelbe Wände mit der Patina von Jahrhunderten, weiß umrandete Sprossenfenster. Hinter dem Anwesen liegt ein parkähnlicher Garten mit riesigen Bäumen, von Buchsbaumhecken gesäumten Wegen, Natursteinmauern, dem stillgelegten Mühlwasserkanal sowie dem riesigen alten Mühlrad. Vor den Gebäuden befindet sich ein großer Weingarten, nach französischem Vorbild mit einer hohen Mauer umgeben. Alles strahlt Ruhe und eine friedvolle Atmosphäre aus.

Bei allen Besuchern stellt sich sofort ein Urlaubsgefühl ein die beste Voraussetzung, den Alltag hinter sich lassen, sich der Meditation oder der Dharmaarbeit zu widmen und gerne wiederzukommen.

Die Schwefelquelle im Hof ist ein Sinnbild unermesslichen Reichtums. Kristallklar und in bester Trinkwasserqualität sprudelt das heilende Wasser. Lama Ole möchte, dass über der Quelle eine Medizinbuddha-Statue angebracht wird.

Die Altmühle liegt im Wonnegau, einer der sonnenreichsten und trockensten Regionen Mitteleuropas, mit 550 l/qm Jahresniederschlag. Der Regen bleibt in den Erhebungen des Hunsrücks sowie der Pfalz hängen und mit fast 1600 Stunden Sonnenscheindauer gehört dieses Gebiet zu den wärmsten Weinanbaugebieten Deutschlands.

Pionierarbeit
"Ihr seid die Pioniere", hatte der Lama gesagt. Die ersten Monate waren eine Herausforderung. Unser gemeinsamer Einzug fand zum 1.1.2006 statt. Auf der äußeren Ebene galt es, den Umzug zu meistern, unsere ehemaligen Wohnungen zu renovieren und Nachmieter zu finden, unsere Wohnräume in der Altmühle zu erschließen, unser Bad zu sanieren und an die Kanalisation anzuschließen.

Bald zeigte sich deutlich ein Unterschied zu anderen Dharmaprojekten: Eine Stelle ohne Gruppe hat es noch nie gegeben. Normalerweise bildet sich über Jahre hinweg eine Gruppe, deren Mitglieder sich gut kennen. Die Arbeits- und Kommunikationsstrukturen sind schon gefunden und dann sucht die Gruppe gemeinsam eine Stelle. In unserem Fall kannten wir uns zwar teilweise seit Jahren, aber "nur" als Freunde, nicht in der Zusammenarbeit und im Zusammenleben. Somit mussten wir unsere spezifischen Fähigkeiten und Arbeitsweisen erst entdecken. Dabei hatten wir großes Glück: Es gab schlichtweg so viel zu tun, dass diesbezügliche persönliche Trips einfach keinen Raum hatten. Jeder tat, was er konnte und jeder war froh darüber - woran sich bis heute nichts geändert hat!

Gleichzeitig mussten wir das Anwesen kennen lernen. Ein solch großes, altes Gebäude hat nicht nur seine ganz eigene Ausstrahlung sondern auch Bedürfnisse, Gebrechen, Herausforderungen und Geheimnisse. Noch heute, nach so vielen Monaten, entdecken wir ständig Neues. Gedruckte Muster verbergen sich unter dem Putz, Zeitschriften von 1917 versorgen uns mit den neuesten Haushaltstipps, eingemachte Früchte von 1941 verbergen sich in gro§en Holzkisten hinter altem Feuerholz, ein vermeintliches Fundament entpuppt sich als großer Gewölbekeller unter der Scheune. Der Unterhalt dieses alten Riesen im Dornröschenschlaf erfordert viel Wissen und bedingt einen vollen Terminkalender und ganze Hefte voll Aufgaben und Informationen. Heizöl wird geliefert ... wo musste man noch das verstopfte Entlüftungsrohr anheben? Der Schornsteinfeger streitet sich mit dem Heizungsmonteur über die Größe der Brennerdüse (bis heute ungeklärt). Das Landesvermessungsamt klingelt um 7:30 Uhr und will in den Garten ... wo ist nur der Schlüssel?

Parallel zu diesen Aufgaben wollten wir natürlich möglichst sofort die buddhistischen Aktivitäten starten. Schon bald hatten wir offizielle Meditationstermine und auch einen (!) treuen Gast: Achim, ein Kagyü aus Osthofen.

Ein Retreat-Zentrum ohne Mitglieder zu betreiben ist eine interessante Aufgabe: Zuerst einmal brauchten wir eine Gompa sowie ein Gästezimmer und eine gemeinschaftlich nutzbare Küche. Dafür gab es aber keine finanzielle Unterstützung von der Diamantweg- Stiftung oder vom Verein, sondern es sollte alles mit Hilfe von Spenden (finanziell sowie materiell) aufgebaut werden. Daher unsere vielen Mails mit Wünschen vom Geschirr bis hin zum Anhänger. Über die direkte Beteiligung vieler am Aufbau des Zentrums sollten persönliche Verbindungen entstehen. Das hat funktioniert und wird fortgeführt. Vielen Dank den lieben Spendern!

Die Materialien für Renovierungen dagegen werden von der Stiftung getragen. Für den später folgenden Ausbau der Altmühle wird die Stiftung einen Kredit aufnehmen, der über die Mieten der Bewohner (für ihren Wohnraum sowie anteilig die Gemeinschaftsküche) finanziert wird. Das Buddhistische Zentrum Altmühle wird dazu ebenfalls einen Beitrag leisten.

Eine weitere Aufgabe war das Herstellen der ersten Kontakte zu den Einheimischen bzw. zu den Nachbarn. Selbstverständlich ist der Ruf des Zentrums, vor allem in einem kleinen Ort, in dem jeder jeden kennt, von großer Bedeutung. Natürlich waren die Nachbarn bereits darüber informiert, dass das Anwesen "den Buddhisten" geschenkt wurde und waren sehr neugierig darauf, was hier geschieht. Jan und Achim, die die Schenkung des Anwesens an die Stiftung begleitet hatten, hatten hier gute Vorarbeit geleistet. Daher waren schon die ersten Kontakte sehr aufgeschlossen und freundlich. Unser Versuch, an einem Sonntagnachmittag im Januar alle Nachbarn Mühlheims persönlich zu Kaffee und Kuchen einzuladen, endete mit Tee, Gebäck und einer Flasche Sekt gleich im ersten Haus vorn an der Ecke und dauerte bis in den Abend. Dabei wurden viele interessante Geschichten über die Altmühle und den Ort erzählt.

Ein zweiter Versuch, eine Woche später, endete im Haus nebenan. Schließlich haben wir es geschafft, alle schriftlich einzuladen und das Treffen war ein großer Erfolg. Mittlerweile machen einige Nachbarn im Ort Werbung für uns! "Wir wussten, dass das Anwesen verschenkt wurde und dachten schon ,Gott-weiß-was‘, aber als wir hörten, dass es ,nur‘ die Buddhisten sind, da fiel uns ein Stein vom Herzen."

Noch viel wichtiger war aber, die Altmühle unter den Buddhisten bekannt zu machen und Helfer für die gewaltigen Aufgaben zu finden. In den ersten Wochen hatten wir Unterstützung von einigen Freunden aus der Region, so dass wir unsere Arbeitsgrundlage - Küche, Bad, Meditationsraum - bilden konnten. Erst Anfang März wussten wir genug über die Altmühle und hatten die nötige Infrastruktur gebildet, um das erste offizielle Arbeitswochenende per Mail an die Zentren Mittelrheins ankündigen zu können. Das Echo auf die Mail war nicht überwältigend, nur ein einsamer Held meldete sich an. Daraufhin griff Rudi zum Telefon und rief alle Zentren an, so dass sich sechs Helfer fanden.

Der derzeitige Stand
Mittlerweile - Mai 2006 - haben wir an fast jedem Wochenende ohne Aufrufe bis zu 15 Helfer und auch während der Woche oft zwei (Retreat-) Gäste. Als wichtiger Pfeiler, die Altmühle ins Bewusstsein der buddhistischen Freunde zu rücken, hat sich das Tagebuch auf unserer Internetseite (www.buddhismus-altmuehle.de) erwiesen. Dieses Tagebuch möchte gleichzeitig die Entwicklungen und Aufgaben vor Ort bekannt machen und darüber Freunde motivieren, uns einen Besuch abzustatten oder auch mitzuhelfen. Es hat sich gezeigt, dass fast alle Besucher - auch Nicht-Buddhisten wie unsere Nachbarn - unsere Meldungen regelmäßig verfolgen. Es war ein witziges Gefühl, als eine uns unbekannte Besucherin unser Bad sah und sagte: "Oh, das habe ich schon gesehen... da liegt der PVC mit der Rückseite oben."

Vor allem aber haben die Worte von Lama Ole Nydahl bei der Präsentation des Projektes anlässlich des Osterkurses in Heidelberg sowie der Besuch des Lamas mit Vertretern aus den Zentren am Ostermontag viel Energie in unser Zentrum gebracht.

Dank der unermüdlichen Helfer haben wir mittlerweile neben der Gompa eine eingerichtete Gemeinschaftsküche, einen Aufenthaltsraum, einen Gruppenschlafraum, ein Doppelzimmer, ein Bad sowie zwei Toiletten für Gäste, renovierte Flure, einen gepflegten Garten und vieles mehr. Sehr bald werden weitere sanitäre Anlagen sowie drei kleine Gästezimmer fertig sein. Danach wird voraussichtlich in den ehemaligen, noch ungeheizten Produktionsräumen eine größere Gompa und ein Gruppenschlafraum bzw. weitere Gästezimmer entstehen.

Leider hat sich im Laufe der Zeit gezeigt, dass ein Gebäudetrakt voraussichtlich entkernt und von innen komplett neu aufgebaut werden muss. Ebenso ist die gesamte Haustechnik (bis auf den Heizkessel) erneuerungsbedürftig und wir brauchen vor dem Winter neue Fenster, denn der Heizölbedarf ist um ein Vielfaches höher als in vergleichbaren Häusern.

Die bisherigen Renovierungen bzw. Sanierungen sind allerdings nur provisorisch, denn noch ist das endgültige räumliche Nutzungskonzept nicht entschieden.

Die Vision
Insgesamt 3700 qm umbaute Fläche erlauben große Visionen. Neben den Gästezimmern für Einzel- und Gruppen-Retreat könnte Platz für 10-15 Bewohner entstehen, Regionalkurse mit 60 bis 150 Personen (mit Schlafgelegenheit) oder überregionale Kurse mit bis zu 500 Personen (mit Zelten) sind denkbar. Die große Scheune könnte als ganzjährig nutzbare Halle Platz für über 700 Personen bieten und - eventuell unterteilbar - als Gompa dienen. Lama Ole Nydahl hat bereits den Platz für den Altar festgelegt. In der Kuhkapelle (einem ehemaligen Kuhstall mit neoromanischem Kreuzgewölbe) könnte neben einer Großküche ein gemütlicher Essraum mit Lounge und Freiflächen zu beiden Seiten entstehen. Eine der Freiflächen würde im jetzigen Weingarten liegen, der sich nebenbei auch als Zeltplatz eignen würde. Eventuell werden sogar noch zusätzliche, angrenzende Ackerflächen gekauft.

Die besondere Stimmung der Altmühle legt nahe, hier Dharma- Kunst auszustellen und Konzerte zu veranstalten. Bereits geplant ist ein Percussion-Abend im September. Auch ein Stupa ist denkbar. Als Vorbote dazu kam bereits die große Phurba-Statue, die Konrad aus einem Eichenstamm herausgearbeitet hatte, von Hamburg zu uns. Lama Ole Nydahl stellte sie in den Innenhof, von dem aus der Schutz von Phurba das ganze Anwesen umfasst.

Noch befindet sich die endgültige Vision im Entstehungsprozess. Erst wenn klar ist, welche Nutzungen in welchen Gebäudeteilen sinnvoll sind, können die einzelnen Bauphasen geplant werden. Bis dahin werden viele Renovierungsarbeiten notgedrungen provisorisch bleiben. Dennoch sind sie sinnvoll. Das gesamte Projekt soll möglichst ohne Zuschüsse von der Diamantweg-Stiftung aus eigener Kraft wachsen. Daher brauchen wir weitere Bewohner und Gäste, welche die Altmühle beleben und über die (Miet-) Einnahmen die Finanzierung des weiteren Ausbaus erlauben. Also wollen wir schnellstmöglich weiteren Wohnraum sowie Gästezimmer und Bäder gewinnen.

Fazit
Die Altmühle ist ein riesiges, großartiges Geschenk. Ein Lernfeld auf allen Ebenen. Wer hier herfindet, wird sich gleich in den Ort verlieben und nicht mehr wegwollen. Wir Bewohner freuen uns auf euch, ob ihr nun zum Ansammeln von Verdienst mittels Dharmaarbeit oder zum Meditieren oder auch nur zum Verweilen kommt.


Wir sehen uns in der Altmühle!


Johannes Ambrosius

Jahrgang 1964, Ausbildung zum Gymnasiallehrer (Musik, Biologie), tätig als Klavierlehrer. Buddhist seit Mitte der 90er, Zuflucht 2000 bei Karmapa, verantwortlich für die Internetseiten Mittelrheins, seit 1.1.2006 in der Altmühle.