Aus: Buddhismus Heute Nr. 41, (Sommer 2006)

Milarepa goes Hollywood

Nyingma-Lama verfilmt das Leben Milarepas

Wie oft dachten wir schon, dass die Lebensgeschichten unserer großen alten Meister hervorragenden Stoff für spannende Filme liefern könnten? Nun ist der Anfang gemacht:

Der Nyingma-Lama Neten Chokling Rinpoche hat den ersten Teil des Lebens von Milarepa verfilmt. Der 90-Minuten-Film lief im Februar 2005 auf dem Berliner Film-Festival und dem Bangkok Film-Festival. Ende 2006 soll er in Deutschland als Video/DVD erhältlich sein.

Neten Chokling Rinpoche wurde 1973 in Bhutan geboren und vom 16. Karmapa Rangjung Rigpe Dorje sowie von Dilgo Khyentse Rinpoche als die vierte bewusste Wiedergeburt des Meisters Chogyur Dechen Lingpa anerkannt. Er leitet das Kloster Pema Ewam Chogar Gyurme Ling in Bir, im indischen Himachal Pradesh.

Ein anderer großer Nyingma-Lama, Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche, oft einfach "Khyentse Norbu" genannt, begann vor einigen Jahren buddhistische Filme zu drehen. In seinem "The Cup" ("Spiel der Götter" war der Titel in Deutschland) spielte Neten Chokling als Schauspieler mit und in "Travellers and Magicians" als Stuntman und Assistent des Direktors. Während dieser Arbeit kam er auf die Idee, selbst Filme zu machen, und "Milarepa" ist sein Debüt.
Khyentse Norbu und Neten Chokling haben schon in früheren Leben wichtige Arbeit zusammen gemacht: Khyentse Norbu ist die Wiedergeburt des großen Sakya-Meisters Jamyang Khyentse Wangpo, der mit anderen großen Lehrern wie Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye und eben Chogyur Dechen Lingpa im 19. Jahrhundert in Ost-Tibet die Rime-Tradition begründete und viele wichtige Belehrungen vor dem Aussterben bewahrte und wiederbelebte.

Neten Chokling Rinpoche:
"Ich wollte einen Film drehen, der den Menschen hilft und mit meiner Arbeit zu tun hat, etwas Nützliches eben. Für Buddhisten ist Milarepas Geschichte sehr inspirierend. Sie kann das aber auch für Nicht-Buddhisten sein, wenn sie die Botschaft verstehen: Rache ist tatsächlich keine Lösung. Der Film zeigt die Ideen von Mitgefühl und Vergänglichkeit. Es ist eine wahre Geschichte, weswegen ich dachte, die Leute könnten sie vielleicht in Bezug setzen zu ihrem eigenen Leben."
"Filme sind sehr kraftvoll. Jeder schaut sich gerne Filme an, von kleinen Kindern bis zu älteren Leuten. Die meisten kommerziellen Filme drehen sich um Töten, Kämpfen oder Romantik. Die Geschichte von Milarepa ist ein guter Weg, um Menschen mit dem Buddhismus in Verbindung zu bringen."

Milarepas Lehrer Marpa hatte ihm selbst prophezeit: "Du wirst der berühmteste aller tibetischen Verwirklicher werden".
Gedreht wurde im Herbst 2003 im Spiti-Tal an der indisch-tibetischen Grenze. Laien-Schauspieler aus der tibetischen Exilgemeinschaft in Indien arbeiteten mit dem (natürlich) aus 108 Leuten bestehenden Team, das teilweise aus australischen, amerikanischen und indischen Profis bestand, sowie aus 80 Mönchen von Rinpoches Kloster in Bir. Für die Authentizität des Filmes war als Art Director der Historiker Orgyen Tobgyal Rinpoche verantwortlich. Seinen Spitznamen "O.T. Rinpoche" verdiente er sich dadurch, dass er selbst im Film mitspielte, und es immer nur "One Take" brauchte, um die Szenen mit ihm zu drehen.

Das Spiti-Tal ist weit ab aller Zivilisation, und die Dreharbeiten fanden unter erheblichem Zeitdruck statt, denn der bevorstehende Schnee-Einbruch brachte für das Team die Gefahr mit sich, den ganzen Winter dort verbringen zu müssen. Der Produzent nannte die Bedingungen einen "logistischen Albtraum". Um die vielen Hindernisse bei den Arbeiten aufzulösen, arbeitete Neten Chokling Rinpoche immer wieder mit Mos, tibetischen Orakeln. Einmal fielen beide Kameras aus und die Mos besagten, dass es dämonische Störungen gäbe. Die Tibeter sagen: "Je größer der Dharma, umso größer die Hindernisse". Eine so große positive Handlung, wie das Leben Milarepas durch einen Film unzähligen Menschen zugänglich zu machen, ist nicht einfach durchzuführen. So wurde schnell ein Team von Lamas und Mönchen zusammengestellt, um mit Pujas die Hindernisse zu befrieden. Tatsächlich wurden alle wichtigen Produktionsentscheidungen unter Zuhilfenahme von Mos getroffen - Termine, Besetzungen, Drehorte usw. So wurde zum Beispiel das Mo befragt, welches der allerletzte Tag sei, an dem man Spiti verlassen müsse, um nicht monatelang dort eingeschneit zu werden. Einen Tag später fuhr das Team bereits unter zunehmenden Schneefällen in Richtung Manali ab, und ab dem Tag danach war die Straße für die Wintermonate geschlossen.

Digitale Filmarbeiten in amerikanischen Special-Effects-Studios rundeten die "magischen" Szenen im Film ab. John Nugent und sein Team von Sandbox Pictures arbeiteten schon bei Filmen wie "Herr der Ringe", "Terminator 3" und "Matrix" mit.
Die Filmmusik basiert auf den "Hunderttausend Liedern" Milarepas, gesungen von der bekannten tibetischen Sängerin Kelsang Chukie Tethong, die im Film die Mutter Milarepas spielt, und der tibetischen Nonne Ani Choying Drölma.

Ursprünglich hatte Neten Chokling Rinpoche vor, das ganze Leben von Milarepa zu verfilmen, entschied sich dann aber erst einmal nur für die erste Hälfte. Rinpoche: "Milarepas Geschichte ist sehr lang. Es ist schwierig, sein ganzes Leben in einen Film zu bringen. Wenn mit diesem Film alles gut läuft, werde ich einen zweiten Teil machen." Dieser erste Teil endet, nachdem Milarepa seine Feinde mit Schwarzer Magie vernichtet hat und anfängt seine Taten zutiefst zu bereuen.

Milarepa selbst wird von dem Mönch Jamyang Lodro gespielt, der schon in "The Cup" eine Hauptrolle spielte. Er wuchs in einem tibetischen Flüchtlingscamp auf und studiert heute in Neten Choklings Kloster in Bir. Unter seinen Kollegen im Kloster ist er berühmt dafür, dass er es geschafft hat, Khyentse Norbu zu überreden, ihn für seine Mitarbeit in "The Cup" nach Disneyland zu bringen.

Orgyen Tobgyal Rinpoche, ein anerkannter Tulku der Chokling Tersar Tradition, spielt den Schwarzmagier Yongten Trogyal, der Milarepa unterrichtete. Für das Gewicht, das er seiner Rolle verleiht, wurde er vom Produzenten als "tibetischer Marlon Brando" bezeichnet.

Kargyen, Milarepas Mutter, wird von Kelsang Chukie Tethong gespielt.
Sie ist eine bekannte Sängerin, die seit 1996 weltweit Konzerte gibt, und sie kam auf wirklich interessante Weise an diese Rolle: Zwei Tage vor Drehbeginn hatte man noch keine Besetzung für die Rolle der Mutter Milarepas gefunden. Orgyen Tobgyal Rinpoche lief in den Straßen Dharamsalas umher und schaute nach einer geeigneten Tibeterin. Als er Kelsang Chukie Tethong an einem Fenster sah, wusste er, dass sie die Richtige wäre. Nach einigen Mühen hatte man ihren Namen herausgefunden, sie überredet Bilder zu schicken usw. Sie war aber gerade im Aufbruch zu einer Tournee nach Taiwan. Außerdem fand man sie von den Bildern her auch ungeeignet und sagte ab. Die Mos besagten jedoch, es gäbe keine andere - sie oder niemand. Am Vorabend ihres Abfluges nach Taiwan bekam sie Anrufe von mehreren hohen Lamas und tibetischen Regierungsbeamten, die sie anflehten, ihre Tournee abzusagen und die Filmrolle zu übernehmen.

Bis Redaktionsschluss waren noch keine weiteren Details über die Veröffentlichung des Films in Deutschland bekannt. Wir werden im nächsten Heft verfügbare Infos geben. Einen Trailer kann man sich schon unter http://www.milarepafilm.com/ anschauen.


Von Detlev Göbel