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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 41, (Sommer 2006)

Zurückziehungen – Gezielte Arbeit mit dem Geist

Interview mit Lama Ole Nydahl und Hannah Nydahl

Meditation ist die gezielte Arbeit mit dem Geist. Der Geist ist dabei die Grundlage, sowohl für unsere derzeitigen Erfahrungen als auch für Erleuchtung selbst. Erleuchtung bedeutet, die wahre Natur des Geistes zu erkennen, wohingegen man sich im gewöhnlichen Leben dieser Natur nicht bewusst ist. Worum es bei der Arbeit mit dem Geist also geht, ist mit geschickten Mitteln die Illusionen zu entfernen.

Zurückziehungen im buddhistischen Sinn sind intensive Phasen der Meditation – Tage, Wochen, Monate oder Jahre – an einem ruhigen abgeschiedenen Ort. Man zieht sich ganz bewusst von sämtlichen nach außen gerichteten Aktivitäten zurück, um möglichst einsgerichtet seine Aufmerksamkeit nach innen zu richten. Da dies insbesondere zu Beginn nicht einfach und recht ungewohnt für den Geist ist, ist ein vorgegebener Tagesablauf an einer geschützten und gesegneten Stelle zusammen mit einer Betreuung durch einen in Meditation bzw. der Arbeit mit den Geist Erfahrenen und eine Abstimmung mit dem Lehrer sehr sinnvoll, um auch die gewünschten Resultate – Freude und Überschuss – zu erzielen.

Ebenso wie damals der 16. Karmapa gegenüber euch, betont auch ihr immer wieder, dass die Arbeit für den Buddhismus ähnliche Resultate bringen wird, wie lange intensive Zurückziehungen. Das Aneignen buddhistischer Sichtweisen, die Teilnahme an Meditationskursen und die Verwendung der Mittel im Alltag steht daher für viele von uns Praktizierenden im Mittelpunkt. Inwiefern sind für uns in diesem Zusammenhang Zurückziehungen sinnvoll?

Die Arbeit mit dem Geist sollte stets dazu führen, dass man die einem innewohnende Freude erfährt und dadurch besser mit Körper, Rede und Geist für andere arbeiten kann. Das gilt insbesondere für Zurückziehungen. Sie ermöglichen einem, das Bewusstsein festzuhalten, wodurch eine gezielte Arbeit mit dem Geist erst möglich wird. Man setzt dabei bewusst die ablenkenden Eindrücke der Außenwelt herab, um dadurch leichter das innere Geschehen zu beobachten und zu beeinflussen. So kann man allmählich lernen, nicht auf Störungen einzugehen, sondern sie zu lenken und bewusst mit ihnen zu arbeiten. Zurückziehungen sind daher vor allem für reife Menschen eine Möglichkeit in die Tiefe zu gehen. Für Anfänger sind sie nur sinnvoll, wenn sie wirklich dickhäutig sind.

Kalu Rinpoche hat es spaßvoll einmal so ausgedrückt:
"Mit dem Geist arbeiten ist so, als ob man jemanden schminken will. Wenn diejenige währenddessen tanzt, malt man ihr vielleicht den Lippenstift auf die Nase und die Wimperntusche aufs Ohr – es geht nicht. Bringt man sie aber zum Stillsitzen, bekommt man alles genauso hin wie man möchte."

Bei einem Retreat ist es wichtig, dass man in seiner inneren Zurückziehung nicht gestört wird, gleich was es an Unterbrechungen im vorgefassten Tagesablauf geben kann. Dies wird durch die richtige Sicht möglich. Wenn der Geist ständig die Frische des Augenblicks erlebt und Buddhas Lehre von Ursache und Wirkung die Welt erklärt, ist man in jeder Situation und jeder Lage zu Hause. Anders gesagt: Man kann in einer Höhle sitzen und von der Stadt träumen, und man kann die Hauptstraße hinuntergehen und währenddessen seinen Geist erkennen. Es ist alles eine Frage der Einstellung und der erworbenen Reife.

Wie seht ihr den Stellenwert von Zurückziehungen in der heutigen Welt?

Zurückziehungen sollten heute eine von drei Säulen sein: Sichtweise, Meditation bzw. Zurückziehung und Verhalten. In der heutigen Welt mit den breiten Ausbildungen und unserer Schulung im abstrakten Denken sind wir in der günstigen Lage, dass wir entsprechend der Lebensumstände abwechselnd alle drei Erleuchtungsknöpfe drücken und geschickt zwischen Alltag und Phasen der Vertiefung hin und her pendeln können.

Zuerst muss allerdings die Sichtweise stimmen. Diese ist entsprechend den verschiedenen Wegen – Kleiner Weg, Mittlerer Weg, Diamantweg – unterschiedlich. Sobald man sich für eine Ebene der Sicht entschieden hat, ist eine Zurückziehung möglich. In der Zurückziehung arbeitet man mit den der Sichtweise entsprechenden Mitteln (Meditationen) in die Tiefe und erfährt die entsprechenden Erkenntnisse so ganzheitlich wie möglich. Kehrt man wieder ins Leben zurück, kommt das richtige Verhalten dazu. Man lebt und benimmt sich gut. Die Rückkopplungserfahrung mit den anderen wird dabei der ständige Lehrer. Man nutzt das in der Zurückziehung Gelernte und den erworbenen Überschuss für andere und verfeinert sein Angebot an die Welt.

Wichtig im Diamantweg ist, dass die Erfahrungsebene sinnvoll bleibt und sowohl der Weg wie auch das Ziel überzeugen. Der Wechsel zwischen Alltag und Zurückziehung verhindert, dass Leute mit Schwierigkeiten nur noch stur auf Meditation zugehen und durch die fehlende Bereitschaft zu Freude steif oder komisch werden. Geschmeidig bleiben heißt heute im Westen: Bedingtes und Letztendliches mit viel Humor zusammenzuhalten, bei Vertiefungen nicht moralisch zu werden und die Verbindung mit der Freude nicht zu verlieren. Wenn Leute sich vor dem Leben verstecken und immer weniger scharfsinnig und lebensfähig werden, ist das ein deutliches Zeichen für eine Fehlentwicklung. Mehr Freiheit im Geist, Freude und Kraft zu immer müheloserem Handeln sind Sinn der Sache.

Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen Gruppenretreats, individuellen Praxistagen sowie offenen und geschlossenen Zurückziehungen?

Individuelle Praxis:
Die verschiedenen Formen der Zurückziehung unterscheiden sich durch die Intensität der Übung und welchen Rahmen man dem Gesamten gibt. Der wichtigste Unterschied zwischen Praxistagen und Retreats ist, inwieweit man während dieser Tage Verbindung zu anderen hat, sei es, dass man Blickkontakt eingeht, zusammen isst oder mit anderen redet. Während man dies bei Praxistagen recht locker handhabt, vermeidet man es bei offenen Retreats weitgehend. Bei einem geschlossenen Retreat hat man gar keinen Kontakt zu anderen. Mit der Zurückziehung grenzt man sich von der Außenwelt ab und erlebt sich als Festung - im Gegensatz zu den Praxistagen, bei denen man im Wesentlichen versucht, den Segen seiner Übungen entspannt mit anderen zu teilen.
In welchem Rahmen man praktizieren will, entscheidet man stets bevor man mit den Praxistagen oder der Zurückziehung beginnt. Ebenso legt man dann fest, welche Übungen man in welchem Zeitraum macht, wie viele Sitzungen man täglich durchführen wird und wie offen man der Welt gegenüber sein möchte. Wichtig dabei ist, es nicht zu streng, zu ehrgeizig und zu selbstgeißelnd zu planen, gleichzeitig jedoch das einzuhalten, was man sich vorgenommen hat.

Gruppenzurückziehung:
Hier geht es darum, gemeinsam Fülle und Erfahrungen zu entwickeln und die Ganzheit zu erleben. Daher ist es wichtig, dass man auf andere eingeht, sich in der Zusammenarbeit erlebt und zueinander offen ist. Die gemeinsamen Erfahrungen und Meditationen stehen im Mittelpunkt, weniger wichtig sind die eigenen Aufs und Abs die entstehen. Klatsch, Trips, Eifersüchteleien usw. bespricht man also nur, wenn sie die Gruppe wirklich stören, ansonsten werden sie als Schritte auf dem Weg des Einzelnen gesehen.

Das Ziel ist es, gemeinsam den Raum zu erforschen und dadurch an innerem Reichtum zu gewinnen. Während der gemeinsamen Übungen spürt fast jeder, wie sich die Lage verändert und zum Besten aller weiterentwickelt. Da das Gemeinsame so stark erlebt wird, bringt jeder auch gerne sein Bestes und das was andere begeistert ein, wodurch wieder viel Wachstum möglich wird.
Die gemeinsame Sichtweise macht die Leute zur Familie, und da in den Übungen Körper, Rede und Geist mit einbezogen sind, entwickelt sich ein gemeinsamer Stil, der über die Landesgrenzen hinausgeht. Er wird allgemein von jedem genossen, der Blut und nicht Eiswasser in den Adern hat oder darauf besteht, unglücklich zu sein. Überall wo Diamantwegbuddhisten zusammenkommen, so wie zum Beispiel bei den Phowakursen, sieht man das sehr deutlich.

Woran erkennt man, dass der Geist stabil genug für ein Retreat ist und wie viele Tage oder Wochen man sich zumuten kann?

Lust muss die Sache treiben. Allerdings die Lust etwas zu erlangen und nicht der Drang etwas zu vermeiden. Man geht in Zurückziehungen, wenn man sich vertiefen oder etwas feiern will. Wer ein Retreat macht, sollte innerlich gesund sein, Überschuss haben und sich gut fühlen. Erst wenn man seine Sachen geregelt hat, kann man genießen und löst im Retreat vielleicht noch die letzten Schleier auf. Der Kluge geht nicht verknotet in eine Zurückziehung, außer er will eine besondere, unangenehme Sache gezielt durcharbeiten.
Wer versucht, vor irgendetwas zu flüchten, verstärkt meist seine Unfähigkeit, die Lage zu beherrschen, und wer als Hängemäulchen hineingeht, kommt meistens als Oberhängemäulchen heraus. Die Welt lässt sich nicht so leicht abschütteln und daher taucht Ungelöstes immer wieder auf. Das gilt vor allem dann, wenn Mut und Reife fehlen oder auch das Verhältnis zum eigenen Körper nicht geklärt ist.
Das konnte man auch recht deutlich bei den sehr langen Zurückziehungen wie den alt hergebrachten Dreijahres-Retreats sehen: Wer davor müde in den Raum schaute, sprang danach nicht als brüllender Löwe hervor. Man stärkt einfach die vorhandenen Eigenschaften, lernt viele tibetische Pujas, bekommt Meditationserfahrungen, aber große menschliche Veränderungen geschehen wohl eher selten.

Wie überall im Diamantweg sind einerseits die Reife der Schüler und andererseits die Fähigkeit der Lehrer entscheidend. Geistig wenig belastbare Kunden sollten nicht alleine und nicht auf schützende oder vereinigte Buddhas meditieren. Stattdessen sollten sie milde Mantras in angenehmer Gesellschaft sprechen.
Bei ausgeglicheneren, lebenserfahrenen Menschen, die zudem die Laiensicht des Großen Siegels halten können, sollte der Lehrer wenigstens erreichbar sein. Nur wer bereits Reife hat und seinen Geist gut kennt, kann sich hinsetzen ohne sich zuvor die Nähe zu einem vertrauten Lehrer zu sichern. Zudem ist es nicht schwierig, vor dem Retreat kurz anzurufen oder zu emailen: Wir haben inzwischen mehrere Lehrer mit richtiger Erfahrung. Sie kennen die Mittel und ihr guter runder Humor zeigt, dass sie die eigenen inneren Engpässe überwunden haben und den Leuten helfen können.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Im Alltag hat jeder viele Ablenkungen, was unvermeidbar ist. Durch ein Retreat schafft man sich die Möglichkeit, etwas einmal tiefgehender ohne Ablenkung zu bearbeiten. Dies muss langsam gelernt werden. Als erstes sammelt man Erfahrungen, wie sich ein Tag Retreat anfühlt. Ist die Erfahrung angenehm und stimmig, geht man beim nächsten Mal etwas weiter und zieht sich vielleicht für drei Tage zurück. Fühlt sich auch das gut an, steigert man die Dauer schrittweise.

Bespricht man ein Retreat vorab mit dem Lama?

Hat man eine längere Zurückziehung als einige Tage vor, sollte man ihm dies kurz mitteilen: "Ich habe die und die Zeit und habe das und das vor." Damit ist das Kraftfeld aufgebaut, selbst wenn der Lama vielleicht erst später das E-Mail liest, weil er zum Beispiel in Gegenden ohne Internetanschluss reist. In dem Augenblick, indem man sein Schutzfeld zum Beispiel durch ein E-Mail wachruft, ist es bereits da. Die E-Mail-Adresse hierfür ist: wishes@diamondway-center.org. Plant man eine mehrwöchige Zurückziehung oder will eine andere Praxis machen als die vorgegebene, empfiehlt es sich, auf die Antwort des Lamas zu warten.

Gibt es eine Empfehlung für bereits in der Meditation Geübte zu Anzahl und Dauer von Zurückziehungen?

Hier gilt – wie bei so vielem – die Kunst des Möglichen. Jeder hat unterschiedliche Bedingungen und Bedürfnisse. Der 16. Karmapa sah es gerne, wenn man insgesamt ein oder zwei Monate pro Jahr mit Meditation verbrachte und dies ist sicherlich auch heute noch erstrebenswert. Bei den meisten von uns muss die freie Zeit aber auf Meditationskurse und -wochenenden verteilt werden und auch hier ist ständig abzuwägen, inwieweit es mit der Familie, dem Beruf und den Anforderungen der Welt vereinbar ist. Daher arbeiten viele erfolgreiche Diamantweg-Buddhisten vor allem mit der reinen Sichtweise im Alltag, in der so genannten "inneren Zurückziehung".
Wenn man die Sicht des Großen Siegels immer wieder und ganz allmählich ununterbrochen durch alle Erfahrungen des Tages hindurch hält, entsteht ein lebensnahes und tief greifendes Wachstum. Wer von dieser Ebene aus die Welt betrachtet und alles mit Weisheit und Witz angeht, entwickelt sich richtig. So lebt man die reine Sicht, die man vom Lama übertragen bekommt, während einen die Rückkopplungserfahrungen geschmeidig und nützlich halten. Mit den Zurückziehungen vertieft man die reine Sichtweise. Das Ergebnis dieser Arbeit zeigt sich später im Alltag, es wird sozusagen immer wieder auf der Straße auf seine Festigkeit überprüft. Hier begegnet man den Einflüssen, die einen bestätigen oder zum Umdenken bringen.

Wie weiß man, ob man sich als Paar für ein gemeinsames Retreat eignet? Ist es wichtig, die gleiche Praxis zu machen, und wie steht es mit Sex bei einem Paar-Retreat?

Wie so oft in der Partnerschaft gibt es auch hier keine unumstößlichen Maßstäbe. Man sollte es daher einfach gemeinsam versuchen und sehen, was kommt. Wenn man sich allerdings nicht liebt, wird es am Ende eher eine Qual. Dann ist es besser, auf ein Paar-Retreat zu verzichten.
Wenn man sich mag, ist es hingegen eine wirklich Freude und natürlich steht den Nachtfreuden auch im Retreat nichts im Wege. Wichtig dabei ist allein der Gedanke, dass man sich gegenseitig Glück schenken will. Am Besten ist es, wenn man sich völlig für die Eigenschaften des anderen Geschlechts begeistert und diese Begeisterung froh ausdrückt.
Da alle Buddhas dieselbe Essenz haben und jede Übung auf den eigenen Geist zeigt, können die Übungen durchaus unterschiedlich fortgeschritten sein. Wenn das Paar deutlich auf demselben Weg ist und ähnliche Meditationen macht, entsteht ein gutes Gefühl. Darüber hinaus verstärken sich die Ergebnisse. Die Mandala-Schenkungen sollte man allerdings alleine oder mit Gleichgesinnten machen, da diese Übung recht laut ist. Dasselbe gilt für Praktizierende, die Mantras sehr laut sprechen.

Wünsche euch Berge von Wachstum und glücklichen Erfahrungen, die Zeit für Zurückziehungen ist die kostbarste, gleichzeitig die schwierigste zu finden.