Aus: Buddhismus Heute Nr. 41, (Sommer 2006)

Verhaltensweisen eines Bodhisattvas - Teil 2

Kommentar von Lopön Tsechu Rinpoche zum Text von Ngulchu Thogme Sangpo

 

Vers 20

Wenn der Feind des eigenen Hasses nicht unterworfen ist, wird mit der Bekämpfung äußerer Feinde deren Zahl weiter zunehmen. Deswegen ist es das Handeln eines Bodhisattva, den eigenen Geiststrom durch die Armeen von Liebe und Mitgefühl zu zähmen.

Normalerweise sieht man Feinde als etwas Äußeres an und versucht, sie zu überwinden. Mit dieser Sicht wird man aber immer mehr Probleme bekommen und ständig kämpfen, um sie zu beseitigen, denn der Ursprung der Schwierigkeiten liegt in uns selbst. Es ist nicht klug, Äußeres zu bekämpfen, ohne zu verstehen, dass das eigentliche Problem unser eigener Zorn ist.
Der Meister Shantideva sagte einmal, es sei wesentlich, innere Störungen in den Griff zu bekommen, anstatt die Probleme immer für etwas Äußeres zu halten. Wenn man seine Fußsohlen schonen will, ist es effektiver Schuhe anzuziehen als die ganze Welt mit Leder zu überziehen. Deswegen arbeitet ein Bodhisattva daran, den eigenen Geist in den Griff zu bekommen, vor allem was den Zorn betrifft.
So übt man sich darin, den eigenen Geist in den Griff zu bekommen. Da wir aber so sehr an Zorn und Abneigung gewöhnt sind, wird es eine Weile dauern, bis wir das perfektioniert haben. Wir müssen dieser Gewohnheit von Abneigung eine andere Gewohnheit entgegenstellen, nämlich die von zunehmender Geduld, von innerer Ausgeglichenheit. Die Praxis eines Bodhisattva ist daher, durch Übung Geduld zur Gewohnheit werden zu lassen, um damit den eigentlichen Feind, die eigenen inneren Störungen, in den Griff zu bekommen.


Vers 21

Sinnesfreuden sind wie Salzwasser; soviel man auch genießt, der Appetit danach wird größer. Das Handeln eines Bodhisattva ist es, Dinge, an die Anhaftung entsteht, sofort aufzugeben.

Seinen Begierden nachzugeben ist so, als würde man Salzwasser trinken, wenn man durstig ist. Je mehr man trinkt, umso durstiger wird man. Das gilt für alle Arten von Begierden, sei es nach Ansehen oder Reichtum usw. Wenn man an ihnen festhält, wird man es nie schaffen, das Ich-Anhaften loslassen, sondern die ganze Zeit darin verstrickt sein, sich all die Wünsche zu erfüllen. Es ist kein Ende abzusehen, denn wenn man etwas bekommen hat, will man es doppelt oder dreifach. Daher übt ein Bodhisattva, innerlich von solchen Wünschen loszulassen und innere Zufriedenheit zu entwickeln. Er übt  sich darin, mit dem, was er hat zufrieden zu sein, anstatt den Wunsch nach mehr und Besserem zu hegen.
Der Wunsch nach äußerer Attraktivität wird mit einer Motte verglichen, die von einer Flamme angezogen wird und darin verbrennt.
Anhaftung an schöne Musik wird verglichen mit einem Reh. Es lässt sich mit schönem Klang anlocken und wird dann erschossen.
Anhaftung an guten Geruch wird verglichen mit Bienen und Fleisch fressenden Pflanzen. Die Biene setzt sich in die Pflanze, die Blüte schließt sich und sie stirbt.
Anhaftung an guten Geschmack wird verglichen mit einem Fisch, der in den Köder am Haken beißt. Wenn man an ein angenehmes Körpergefühl anhaftet, wird das verglichen mit Elefanten, die auf der Suche nach Feuchtigkeit und Kühle in den Sumpf gehen und dort versinken.
Das sind verschiedene Beispiele, um zu zeigen, wie sinnlos es ist, an diesen Wünschen festzuhalten. Man investiert sonst sehr viel Zeit in Dinge, die keinen Sinn haben in Bezug auf das Erlangen von Erleuchtung.


Vers 22

Wie die Erscheinungen auch sind, sie sind der eigene Geist. Der Geist selbst ist von Beginn an frei von extremen Aktivitäten. Dies wissend, ist es das Handeln eines Bodhisattva, die Merkmale von Erlebtem und Erleber nicht im Geist hervorzubringen.

Hier geht es um die wahre Natur der Dinge. Wenn man Wahrnehmungen - äußere Formen, Laute, usw. – genauer untersucht, stellt man fest, dass sie nicht vom Geist verschieden sind. Die äußere Welt ist nicht unabhängig vom Geist, der sie erlebt, und die als scheinbar real erlebten Dinge haben keine feste Eigennatur.
Auch der eigene Körper ist ein Ding, an dem man festhält, und man verbindet ihn stark mit der eigenen Person. Man hält den Körper für ein Ganzes und eine wahre Grundlage für das eigene Ich-Erleben. Aber wenn man ihn genauer anschaut, dann sieht man, dass er eigentlich nur eine Ansammlung verschiedener Körperteile ist.
Alle scheinbar äußeren Dinge haben keine Eigennatur und sind nicht unabhängig von dem sie erlebenden Geist. Was ist dann dieser Geist, der all diese Dinge erlebt? Wenn man ihn untersucht, stellt man fest, dass dieser Erleber nicht wirklich auffindbar ist. Wenn wir danach suchen, was in uns erlebt, dann finden wir nichts Greifbares. Der Geist ist frei von einer Eigennatur, unser Erleber ist nichts Festes und Reales, sondern seit jeher in seiner Natur leer.
Ein Bodhisattva übt sich darin, im Gewahrsein dieser wahren Natur der Dinge und des Geistes zu ruhen und sich nicht in Dualismus zu verfangen. Er übt das konstante Gewahrsein, dass in allen äußeren Dingen und ebenso im eigenen Geist nichts Festes, Reales, unabhängig Existentes auffindbar ist, sondern alle Dinge frei von einer festen Eigennatur sind.
Der dritte Karmapa Rangjung Dorje sagt in seinen ‚Mahamudra-Wünschen’: „Der Geist ist nicht vorhanden, denn sogar die Buddhas sehen ihn nicht; er ist nicht nicht vorhanden, denn er ist die Grundlage von allem, von Verwirrung wie von Einsicht. Dies ist kein Widerspruch – es ist der Mittlere Weg der Einheit.“


Vers 23

Wenn er angenehme Objekte trifft, auch wenn sie so schön wie ein sommerlicher Regenbogen erscheinen, ist es das Handeln eines Bodhisattva, sie als unwirklich anzusehen und Anhaftung daran aufzugeben.

Ein Bodhisattva versteht, dass die Dinge keinen Wesensgehalt haben. Sie entstehen und vergehen genauso wie ein Regenbogen, der sich am Himmel nur aufgrund bestimmter Bedingungen zeigt. Deswegen es die Praxis eines Bodhisattvas, die Dinge wahrzunehmen, aber nicht daran festzuhalten.


Vers 24

Die verschiedenen Leiden sind wie der Tod eines Kindes im Traum. Oh, wie ermüdend ist es, trügerische Erscheinungen für wahr zu halten! Deswegen ist es das Handeln eines Bodhisattva, beim Zusammenkommen ungünstiger Bedingungen diese als Illusion anzusehen.

Was immer einem im Leben widerfährt – wie hart oder schwierig es sein mag –, es ist nicht wirklich, sondern reine Illusion. Es ist nur von unserem Geist erschaffen und hat keine objektive Wirklichkeit in sich. Aber trotzdem leiden wir darunter, wie in einem Alptraum, in dem man träumt, dass man ein Kind auf die Welt bringt und diesesind stirbt. Eigentlich ist dieses Leiden aber sinnlos, denn das Erlebte ist nicht wirklich, sondern nur ein Traum. Genauso ist es mit all unseren Wahrnehmungen: Sie scheinen uns zwar real zu sein, haben aber keine objektive Realität in sich. Wenn man das versteht, kann man ganz anders mit Schwierigkeiten umgehen. Daher ist es die Praxis eines Bodhisattvas, mehr und mehr zu verstehen, dass die von uns als objektiv erlebte Wirklichkeit nur vom Geist erschaffen ist.


Vers 25

Wenn man aus dem Wunsch nach Erleuchtung sogar den Körper hergeben muss, was soll man dann erst über äußere Dinge sagen? Deswegen ist es das Handeln eines Bodhisattva, Freigiebigkeit zu üben, ohne auf Gegenleistung und Reifen guten Karmas zu hoffen.

Um die Erleuchtung zu erreichen, trainiert man die Qualität von Freigiebigkeit so weit, dass man sogar bereit wird, den eigenen Körper zu geben. Im Vergleich dazu ist das Geben von anderen materiellen Dingen nicht schwierig. Es versteht sich von selbst, dass man lernen sollte, damit großzügig zu sein.
Wenn man sich in Großzügigkeit übt, ist es wichtig, dass man nicht berechnend ist. Man sollte sich keine Vorteile als Resultat großzügiger Handlungen erwarten, weder in diesem noch in späteren Lebenszeiten. Stattdessen sollte einfach deswegen großzügig sein, weil es sinnvoll für andere ist.

 
Vers 26

Wenn man ohne sinnvolle gute Lebensführung nicht einmal den eigenen Nutzen erreichen kann, ist es ein Witz, anderen nutzen zu wollen. Deswegen ist es das Handeln eines Bodhisattva, ohne weltliches Streben eine gute sinnvolle Lebensführung zu bewahren.

Eine sinnvolle gute Lebensführung ist die Basis für alle Arten von Nutzen. Wenn man es nicht schafft, sich anständig zu verhalten, dann wird man nicht einmal das eigene Leben nützen können. Die Möglichkeiten, die man jetzt hat, werden einfach ungenutzt vorbeigehen. Unter diesen Umständen macht es keinen Sinn, anderen helfen zu wollen, denn man kann sich ja nicht einmal selbst helfen. Es ist für einen Bodhisattva wesentlich, eine sinnvolle gute Lebensführung zu wahren und sich dabei gleichzeitig vom Festhalten an den allgemeinen Belangen dieses Lebens zu lösen.


Vers 27

Für Bodhisattvas, die Gutes erlangen wollen, ist alles, was ihnen schadet, wie ein Schatz an Kostbarkeiten. Deswegen ist es das Handeln eines Bodhisattva in jeder Hinsicht ohne Abneigung Geduld zu üben.

Ein Bodhisattva braucht Möglichkeiten, um sich zu entwickeln. Situationen, in denen man normalerweise zornig wird, sind für ihn wie ein kostbarer Schatz, denn es sind Gelegenheiten, um Geduld zu üben.
Shantideva sagte: „Es gibt nichts Leidbringenderes als Zorn und es gibt nichts Schwierigeres als Geduld.“ Von allen positiven Qualitäten ist die Geduld am schwierigsten zu entwickeln und von allen Arten des negativen Handelns ist Zorn am destruktivsten, denn er zerstört so viele Qualitäten im eigenen Geist. So wie ein riesiger Heuhafen durch eine kleine Flamme schnell abbrennen kann, so besteht die Gefahr, dass durch Zorn all das Gute, das man mit Körper, Rede und Geist getan hat, im Nu zerstört wird. Wenn man es nicht schafft, den eigenen Zorn in den Griff zu bekommen, wird der Zorn immer wieder das ganze aufgebaute Positive zerstören.


Vers 28

Da man sogar Shravakas und Pratyekabuddhas, die nur für ihren eigenen Nutzen praktizieren, sich anstrengen sieht, als ob sie ein Feuer auf ihrem Kopf löschen würden, ist es das Handeln eines Bodhisattva, freudige Anstrengung, die die Quelle aller Qualitäten ist, zum Besten aller Wesen aufzubringen.

Die Hauptmotivation der Shravakas und der Pratyekabuddhas ist, ihre eigene Befreiung aus dem Leid der bedingten Welt zu erlangen. Sie geben sich dabei viel Mühe, so schnell und zielgerichtet wie jemand, der ein Feuer im eigenen Haare löschen würde. Die Bodhisattvas sollten sich noch viel mehr bemühen, denn es geht ja nicht nur um ihren eigenen Nutzen, sondern den von vielen Wesen.

 
Vers 29

Durch das Wissen, das durch Höchste Einsicht, die völlig mit Geistesruhe einhergeht, wie die störenden Geisteszustände überwunden werden, ist es das Handeln eines Bodhisattva, meditative Konzentration zu üben, die in perfekter Weise über die vier formlosen Meditationsstufen hinausgeht.

Bei der Praxis geht es auf der einen Seite darum, Geistesruhe zu entwickeln, also die Fähigkeit, unzerstreut zu sein und dadurch die Störgefühle zu verringern. Allein durch diese Einsgerichtetheit der Shine-Praxis werden sie aber nicht entfernt, nur abgeschwächt. Man braucht zusätzlich die Praxis von intuitiver Einsicht, von Lhaktong. Dadurch kann man die wahre Natur der Dinge erkennen und damit die Störgefühle und die falschen Anschauungen völlig auflösen. Der Bodhisattva braucht die Verbindung der beiden Aspekte der Meditation – Geistesruhe und intuitive Einsicht.


Vers 30

Fehlt die Weisheit, ist man nicht in der Lage, mittels der ersten fünf befreienden Handlungen die vollkommene Erleuchtung zu erlangen. Daher ist es das Handeln eines Bodhisattva, Höchstes Wissen zu kultivieren, das mit geschickten Mitteln versehen ist und keine Konzepte über die „drei Kreise“ hat.

Auf dem Bodhisattva-Weg verbindet man Weisheit - die sechste der befreienden Handlungen - mit geschickten Methoden - den ersten fünf befreienden Handlungen. Wenn man nur die ersten fünf Paramitas praktiziert und keine tiefe Weisheit entwickelt, wird man zwar gute Qualitäten aufbauen, aber das reicht nicht, um Erleuchtung zu erlangen. Dafür braucht man mehr: einen Geisteszustand frei von jeglicher Konzepthaftigkeit, frei von den so genannten „drei Kreisen“, der Trennung in Subjekt, Objekt und Handlung.
Der Bodhisattva verbindet geschickte Methoden mit Weisheit. Geschickte Methoden ist aktives Mitgefühl, und tiefe Weisheit ist frei sein von Konzepthaftigkeit.


Vers 31

Wenn man nicht die eigene Verwirrung untersucht, ist es möglich, dass man in der Form des Dharma etwas tut, das nicht der Dharma ist. Deswegen ist es das Handeln eines Bodhisattva, durch ständiges Untersuchen der eigenen Verwirrung, Handlungen aufzugeben, die dem Dharma widersprechen.

Wenn man nicht darauf achtet, welche Gedanken einen gerade beeinflussen, kann es geschehen, dass man vorgibt, das Dharma zu praktizieren, aber nur dem äußeren Anschein nach ein echter Dharmapraktizierender ist. Weil man innerlich nicht auf eigene Täuschungen achtet, ist das alles nur ein Schauspiel, das den Kernpunkt völlig verfehlt.
Deswegen ist es wichtig, achtsam zu sein und wirklich zu schauen, was im eigenen Geist passiert. Nur dann ist man fähig, das Verhalten aufzugeben, das dem Dharma entgegensteht und stattdessen wirklich zu praktizieren.


Vers 32

Wenn man infolge von störenden Geisteszuständen über die Mängel anderer Bodhisattvas spricht, schadet man sich selbst. Daher ist es das Handeln eines Bodhisattva, nicht über die Mängel von Personen, die in das Große Fahrzeug eingetreten sind, zu sprechen.

Anstatt die Fehler anderer zu suchen und darüber zu reden, sollte man darauf schauen, was in einem selbst vorgeht. Die Fehler anderer aufzuzeigen bringt keinen Nutzen. Es bewirkt nur, dass man selbst anfängt, alle möglichen Fehler zu machen. Ein Bodhisattva achtet auf seine eigenen Störungen und kritisiert nicht die Fehler von anderen.

Eine kleine Geschichte zeigt, wie man viele komische Ideen über andere Leute oder Situationen um einen herum entwickeln kann:
Im Himalaja gab es einmal einen Bambusschneider. Eines Tages war er allein unterwegs, hatte den ganzen Tag hart gearbeitet, Bambus geschnitten und Bündel daraus gemacht, die er ins Tal tragen
wollte. Nachdem er die ganzen Bündel zusammengetragen hatte, setzte er sich hin und hörte drei Mal nacheinander ein Geräusch wie „Siii“. Nach dem dritten Mal hat ihn so die Angst gepackt, dass er ganzer
Tag war umsonst, er hatte völlig umsonst gearbeitet. Wie er zu seiner Hütte kam und verschnaufte, hörte er wieder diesen Laut - es war sein eigener Atem! Man kann sich alle möglichen Vorstellungen machen, daran festhalten und ihnen viel Bedeutung zumessen - ob sie der Wirklichkeit entsprechen oder nicht.


Vers 33

Infolge von Streben nach Reichtum und Ehre kommt es zu Auseinandersetzungen und die Taten des Lernens, Nachdenkens und Meditierens verschlechtern sich. Daher ist es das Handeln eines Bodhisattva, Anhaftung an die Haushalte der Nächsten und der Gönner aufzugeben.

Das Festhalten an Wohlstand und Unterstützung durch Sponsoren ist etwas, was die eigene Dharmapraxis sehr schnell zerstören kann. Wenn man erwartet, weiter Unterstützung zu bekommen, dann muss man sehr aufpassen, weil dadurch die eigene Dharmapraxis leicht beeinträchtigt wird.


Vers 34

Durch grobe Worte wird der Geist anderer aufgewühlt und das Verhalten eines Bodhisattva verschlechtert sich. Deswegen ist es das Handeln eines Bodhisattva, grobe Worte, die für andere unangenehm sind, aufzugeben.

Andere zu verletzen, indem man ihnen ihre Fehler vorwirft oder grob mit ihnen umgeht, ist sehr negativ. Einerseits ruft es in ihnen Störgefühle hervor, andererseits ist es auch für einen selbst schlecht, denn man verstärkt dadurch die Gewohnheit zu negativem Handeln. Ein Bodhisattva sollte davon Abstand nehmen.


Vers 35

Wenn man sich an störende Geisteszustände gewöhnt hat, ist es schwer, ihnen mit Gegenmitteln entgegenzuwirken. Deswegen ist es das Handeln eines Bodhisattva, als jemand, der Gewahrsein und Achtsamkeit besitzt, die Waffe der Gegenmittel zu ergreifen und störende Geisteszustände wie Begierde etc. unmittelbar beim ersten Entstehen zu überwinden.

Wenn man den eigenen Störgefühlen immer freien Lauf lässt und sich daran gewöhnt hat, sie auszuleben, ist es sehr schwer, sie zu überwinden. Aus diesem Grund ist es für einen Bodhisattva wichtig, sich ständig mit Achtsamkeit gewahr zu sein, was im eigenen Geist passiert, wie und warum bestimmte störende Emotionen aufkommen und sie im Moment des Entstehens mit Achtsamkeit in den Griff zu bekommen.


Vers 36

Kurz: Wie er sich auch verhält und welchen Weg er auch geht, es ist das Handeln eines Bodhisattva, das Wohl anderer zu bewirken, indem er mittels Gewahrsein und Achtsamkeit darauf schaut: „In welchen Zustand ist mein Geist?“

Dieser Vers ist eine Zusammenfassung der vorherigen 35 Verse und besagt, dass es wichtig ist, sich gewahr zu sein, was mit Körper, Rede und Geist passiert und darauf zu achten, sinnvoll zu handeln. Man sollte sich bemühen, ständig Nützliches zu tun und Negatives gleich im Keim zu ersticken.


Vers 37

Um die Leiden der unendlich vielen Wesen zu beseitigen, ist es das Handeln eines Bodhisattva, das Positive, das durch Anstrengungen in jener Weise bewirkt wurde, mittels höchstem Wissen, das völlig rein von den drei Kreisen ist, der Erleuchtung zu widmen.

Die Widmung sollte mit Weisheit verbunden sein, also frei sein von Konzepten der Unterscheidung in jemanden, der widmet (einem selbst), den Empfänger der Widmung (den anderen Lebewesen) und der Widmung selbst.
Widmen bedeutet, dass man all das angesammelte Positive anderen schenkt. Man wünscht, dass es anderen hilft Erleuchtung zu erlangen. Es ist am stärksten, wenn es mit Einsicht in die wahre Natur der Dinge getan wird. Durch diese Einsicht lässt der Bodhisattva vom Konzept der Trennung in denjenigen los, der gibt, diejenigen, die empfangen und das, was gewidmet wird.

Nehmt den Bodhisattva-Weg ernst und entwickelt wirklich die beschriebenen Qualitäten, aber ohne zu Anfang übertriebene Erwartungen zu hegen. Es ist unwahrscheinlich, dass man ganz schnell ein großer Bodhisattva wird, denn die Qualitäten müssen trainiert werden. Es macht das Bodhisattva-Training aus, gezielt diese Qualitäten zu entwickeln, und dann werden sie auch immer stärker.
Das schließt auch mit ein, dass man achtsam darauf werden sollte, was im eigenen Geist passiert, vor allem in Hinblick auf die Geistesgifte, zum Beispiel Anhaftung. Wenn man den Dharma ein bisschen kennen gelernt hat, dann sollte man verstehen, wie der Geist unter dem Einfluss von Anhaftung arbeitet und davon loslassen, statt ihr immer zu folgen und sie zu verstärken. Wenn Zorn und Widerwillen das Problem ist, dann sollte man unbedingt Geduld üben. Bei Dummheit ist man achtlos und sich gar nicht bewusst, was man tun und was man lassen sollte. Man hat nicht den Überblick klar zu sehen, welche Handlungen sinnvoll sind und welche Leid bringend sind. Diese Art von Dummheit – die aber vielleicht im Westen nicht so ein Problem ist – muss man mehr und mehr überwinden.
Stolz und Neid sind sich sehr ähnlich. Stolz ist der Gedanke, man hätte mehr Qualitäten als andere, was nicht stimmt. Neid ist ähnlich, aber es richtet sich gegen die, von denen man denkt, sie seien besser oder sie hätten mehr als man selbst. Beide Einstellungen sind überflüssig und schaden einem nur.
Man kann alles zusammenfassen darin, dass es für einen Bodhisattva darum geht, negatives Handeln aufzugeben und alle Energie in sinnvolles, positives, glückbringendes Handeln zu investieren. Dazu gehört die Dharmapraxis wie die Grundübungen oder Meditation auf Buddha-Aspekte, Verbeugungen, anderen zu helfen usw., – einfach jede Art positiven Verhaltens, ein sehr breites Spektrum.
Da wir noch ganz normale Leute sind, ist es ganz natürlich, dass man auch einmal einen falschen Weg einschlägt und Fehler macht. Das ist sehr natürlich, weil man alle möglichen Konzepte hat. So sollte man hier auch achtsam sein, und wann immer man bemerkt, dass man einen falschen Weg eingeschlagen hat, bzw. Fehler gemacht hat, sich das eingestehen und es ändern. Es ist so, als ob man auf einer Reise eine falsche Abzweigung genommen hätte. Man fährt einfach zurück und nimmt die richtige Straße, ohne großes Drama. Aber diese Korrektur vorzunehmen, ist wesentlich.


Ich bitte euch: Nehmt euch diese Ratschläge über den
Bodhisattva-Lebensweg zu Herzen.


 

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