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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 40, (Winter 2005)

Unterwegs mit Jigme Rinpoche

Von Kerstin Seifert

Jigme Rinpoche unterrichtete im letzten Jahr für mehr als drei Wochen in den verschiedenen deutschsprachigen Diamantweg-Zentren. Ramona Kramp, die seit vielen Jahren im Auftrag des BDD die Vortragsreisen tibetischer Lehrer organisiert, und Kerstin Seifert begleiteten Jigme Rinpoche auf seiner Reise und nutzten die Gelegenheit, viele Fragen zu stellen.

Seit vielen Jahren besucht Lama Jigme Rinpoche nun schon die deutschsprachigen Diamantwegzentren und fördert aktiv den Laien- und Verwirklicher-Buddhismus. Er ist Mitte Fünfzig und wuchs mit seinem Bruder Shamar Rinpoche zusammen in Osttibet auf. Unter der Anleitung des 16. Gyalwa Karmapa erhielten beide die vollständige Übertragung der Karma Kagyü Linie. Bei Karmapas Besuch in der Dordogne 1975 bat Karmapa ihn, von nun an in Frankreich zu leben. Seit dieser Zeit begleitet Jigme Rinpoche tatkräftig die Arbeit der unterschiedlichen buddhistischen Übertragungen unserer Linie im Westen.

Im letzten Jahr hatte Rinpoche den ganzen September hindurch Zeit zu reisen und wir lernten ihn bei etlichen Erklärungen, Praxiseinweihungen und vor allem langen Autofahrten immer besser kennen. Jigme Rinpoche hat eine sehr besondere Weise, die Segenskraft des großen 16. Karmapa entstehen zu lassen. In seiner warmherzigen Art lässt er es sich nicht nehmen, in englischer Sprache zu unterrichten, damit seine Zuhörer ihn ungefiltert verstehen können. An den vielen Abenden nach Abschluss der Belehrungen hat er oft bis spät in die Nacht von seinem Onkel, dem 16. Karmapa, erzählt. In gemütlicher und vertrauter Runde sind dabei viele Bilder in unserem Geist entstanden. Zum Beispiel die Geschichte, als Karmapas Pferd aus Versehen Rhododendronblätter fraß und sich tödlich vergiftete, aber im Sterbeprozess sein Bewusstsein in tiefer Meditation im Herzen binden konnte. Oder wie sie bei der Flucht 1959 als Kinder morgens um 4.00 Uhr gemeinsam mit Gyalwa Karmapa das Kloster Tsurphu auf ihren Pferden verließen. Zuvor waren die allerwichtigsten Reliquien der Übertragungslinie in die Satteltaschen verstaut und Wünsche gemacht worden, dass sie ungestört den Himalaya-Pass in Richtung Bhutan erreichen, ohne von den sie verfolgenden chinesischen Besatzern entdeckt zu werden.

Besonders berührend waren für uns die Erzählungen, wie Gyalwa Karmapa seine Schüler in Rumtek (Sikkim) unterrichtete. Obwohl es ausreichend Personal im Kloster gab und in Indien immer noch ein sehr starkes Kastendenken vorherrscht, hat Karmapa immer wieder alle seine Schüler, ohne Ausnahme, die Räume reinigen lassen. Er hat ihnen dabei eindringlich erklärt, dass es sehr sinnvoll ist, in der Meditation Mitgefühl zu entwickeln, aber dass dies praktische Arbeit zum Nutzen anderer nicht ersetzen könne. Er betonte, dass es die gleichen Resultate hervorbringe, ob jemand das Meditationszentrum mit Putzarbeit oder mit oft wichtiger eingeschätztem Organisationsgeschick unterstützt. Die Herz-Übertragungen des Großen Siegels gab Gyalwa Karmapa Jigme Rinpoches Erzählungen zu folge immer erst nach Mitternacht, nachdem er seine Tagesgeschäfte beendet hatte. Eine besondere Unterrichtszeit, wenn man bedenkt, dass ein Klosterleben bei Sonnenaufgang beginnt. Viele von ihnen konnten sich lange nicht erinnern, welche Inhalte Gyalwa Karmapa sie genau gelehrt hatte. Erst Jahre später reiften die Bedingungen und tiefe Erfahrungen zeigten sich. Bei einigen der Geschichten fühlten wir uns immer wieder an Lama Oles Reiseberichte erinnert. Es offenbarten sich viele Parallelen und die durchscheinende Kraft ihres gemeinsamen Lehrers wurde sehr deutlich.

Während der Autofahrten nutzten wir die Gelegenheit, die buddhistische Welt im Lichte von Jigme Rinpoches Weisheit kennen zu lernen. Sehr offen und ehrlich beantwortete Jigme Rinpoche alle Fragen und erzählte von der Herausforderung, die Karmapas Auftrag für ihn mit sich bringt - zwischen den verschieden Schülern Karmapas und den von ihnen gegründeten Zentren zu vermitteln.

Jigme Rinpoche betonte immer wieder, dass es wichtig sei, breite Basisinformationen über Buddhas Lehre aufzubauen und dass dazu verschiedene Lehrer nützlich sein können, um neue Blickwinkel zu erfassen. Mit dem Wunsch, Diamantwegmethoden ernsthaft zu praktizieren wird es jedoch notwendig, sich für einen Meditationslehrer zu entscheiden und seinem Weg und seinen Meditationsanweisungen zu folgen, damit die Praxis Resultate erzielen kann. Wichtig ist, eine Klarheit in der Übertragung zu halten, und nicht unterschiedliche Richtungen der Meditation und Herangehensweisen, die das Potenzial des Geistes erwecken, vermischen zu wollen. Für ihn als Lama heißt es, die Besonderheiten der unterschiedlichen Stellen zu kennen und nur Erklärungen entsprechend der lokalen Bedürfnisse zu geben, um Verwirrungen zu vermeiden und schnelle Meditationsergebnisse zu fördern.

Eine wichtige Bedingung für das schnelle Wachstum von Lama Oles Diamantwegzentren sieht Jigme Rinpoche in der Übersetzung der buddhistischen Meditationen in die jeweilige Sprache, um ein tiefes Verständnis der dahinter liegenden Bedeutung zu erfassen. Es ermöglicht wichtige Rückkopplungen, die ein Erkennen der Natur des Geistes fördern. Wenn man Buddhas Lehre in einen neuen Kulturkreis transportiert, ist es sehr wichtig, einerseits natürlich keine inhaltliche Bedeutung mit der Übersetzung zu verlieren und andererseits sicherzustellen, dass die gefundenen Begriffe nicht schon zum Beispiel durch unseren christlichen Hintergrund belegt sind.

Eine der ersten buddhistischen Aktivitäten der Tibeter war, Buddhas zeitlose Weisheit aus dem Sanskrit in die tibetische Sprache zu übertragen. Natürlich tragen heute die verwendeten tibetischen Silben eine eigene Kraft, da sie in den letzten Jahrhunderten vielen Verwirklichern genützt haben, die letztendlichen Qualitäten ihres Geistes dauerhaft zu erfahren. Diese Verbindungskraft ersetzt jedoch kein tiefes Verständnis der Bedeutung, solange wir nicht nah mit der Natur unseres Geistes verbunden sind und dadurch jede konzepthafte Begrifflichkeit unwichtig wird. Aus diesem Blickwinkel ist es für Jigme Rinpoche verwunderlich, dass einige westliche Praktizierende bevorzugt Meditationen in tibetischer Sprache verwenden. Er selbst erzählte uns von seiner Erfahrung, dass nach all den Jahren der klassischen buddhistischen Ausbildung und aktiven Verwendung von Buddhas Lehre die buddhistischen Begriffe im Sanskrit immer noch weniger in seinem Geist auslösen als die entsprechenden tibetischen Worte seiner Muttersprache.

Selbst in unserer eigenen Sprache kommt es vor, dass gleiche Worte in unterschiedlichen buddhistischen Übertragungen verschiedene Bedeutungen haben können oder Lehrer gleiche Meditationsinhalte auf sehr unterschiedliche Weise weitergeben. Aus Jigme Rinpoches Sicht hat es einen sehr großen Nutzen, dass wir seit vielen Jahren an die gewählten Worte von Hannahs Übersetzungen und Lama Oles Belehrungen gewöhnt sind. Außerdem haben wir viele Belehrungen von Lopön Tsechu Rinpoche erhalten und Vertrauen zu Lama Oles Erfahrungsweisheit aufgebaut. Die so gebildeten Gewohnheiten sind die besten Bedingungen, erfolgreich zu praktizieren.

Wir bedanken uns sehr für die gemeinsame Zeit und Jigme Rinpoches Vertrauen und freuen uns auf ein Wiedersehen.


KERSTIN SEIFERT
Jahrgang 1972, Schülerin von Lama Ole und Reiselehrerin,
Leitung des Buddhistischen Verlages (www.buddhistischer-verlag.de)

Von Jigme Rinpoche ist dieses Jahr ein englisch-sprachiges Buch erschienen: "Working with Emotions". Es enthält eine Zusammenstellung von Belehrungen die Rinpoche in dem vom ihm geleiteten Zentrum Dhagpo Kagyü Ling in Südfrankreich gegeben hat.

Jigme Rinpoche: "Emotionen wie Zorn, Eifersucht oder Stolz sind natürlich. Aber sie beeinflussen uns sehr stark, ohne dass wir es bemerken. Um uns zu befreien, ist es nötig, die Emotionen klar zu sehen, sie als das zu erkennen was sie sind, sie zu bemerken und in den Geist zu schauen... Dieser Geist, der seinem Wesen nach Leuchtkraft hat, Klarheit und Weisheit, kann Lösungen für seine eigenen Probleme finden."

"Working with Emotions" wurde von den Bodhipath-Zentren in den USA herausgegeben und ist erhältlich beim Logos Buchvertrieb (www.logosbooks.de) für Euro 20,-