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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 40, (Winter 2005)

Interview mit Mipham Rinpoche

Von Pedro Gomez, Antonio Herrero, Elena Sanchez

Mipham Rinpoche und seine Frau Dechen Wangmo reisten auf Einladung von Lama Ole Nydahl und Hannah Nydahl im Mai und Juni 2005 fast einen Monat durch Mitteleuropa und besuchten dabei einige Diamantweg-Zentren der Karma Kagyü Linie. Sie waren stets für einige Tage an den verschiedenen Stellen und es gab viel Zeit zu meditieren und seine Belehrungen zu hören. Sie besuchten das Retreat-Zentrum Amden, Hamburg, das Retreat-Zentrum in Rödby, Graz, Haus Schwarzenberg und waren für einen Tag auch in München. Dort wurde ihnen unter anderem eine Präsentation über die Arbeit von Lama Ole im Westen gezeigt.

Woher stammt die Linie der bewußten Wiedergeburten der Mipham Rinpoches? Was ist ihre Geschichte?
Die Miphams sind Lehrer der Nyingmapaschule. Der erste Ju Mipham lebte im 19. Jahrhundert und war ein großer Gelehrter und verwirklichter Meister, der mehr als 300 Lehrbücher mit Erklärungen und Erzählungen verfasste. Er war ein spiritueller Mann aus dem Kloster Jum Hor, im Osten von Tibet, in Dzachuka. Der zweite Mipham wurde 1916 als Kind des Königs von Derge geboren und von dem großen Jamyang Khyentse Chökyi Lodrö anerkannt. Er starb sehr jung, mit 27 Jahren.

Ich selbst wurde 1949 geboren und von Tengye Rinpoche als der 3. Mipham anerkannt. Tengye Rinpoche war ein Meister, der seinen Körper beim Sterben in Regenbogenlicht auflöste, also keinen physischen Körper hinterließ. Ich hatte zwei Hauptmeister, die beide Khenpos waren: Khenpo Ngawang Chodar und Khenpo Rigtsak Dorje. Als Tibet von China „überrollt“ wurde, bekam ich wegen einer Krankheit die Erlaubnis in meinem Kloster Junyung Gompa zu bleiben. Das Kloster wurde 1959 komplett zerstört, aber ich erhielt mit Hilfe des 10. Panchen Lama und anderen großen Lamas die Erlaubnis, es wieder zu rekonstruieren. Heute studieren und praktizieren ungefähr 120 Mönche und Verwirklicher den Dharma in Junyung Gompa unter der Leitung der Khenpos. Ich habe einen engen Kontakt zu ihnen, helfe ihnen spirituell und materiell in jeder Weise, die mir möglich ist.

Könnten Sie etwas über Ihre buddhistische Praxis erzählen?
Sehr jung, im Alter von 13 Jahren, fing ich meine Praxis mit einer Zurückziehungen im Kloster Junyung Gompa an. Diese Praxis zog sich über 15 Jahre hin und ich machte in diesen Zurückziehung zweitausend Nyungnes (Rituale des Fastens und Meditierens auf den tausendarmigen Chenrezig) und unterschiedliche Yidampraktiken.

Wie sind Sie und Ihre Familie aus Tibet geflohen?
Nachdem mein Sohn als Wiedergeburt des Sonam Tsemo Rinpoche – eines wichtigen Gelugpa-Lamas – anerkannt wurde, fingen die Chinesen an die ganze Familie zu beobachten. Es war die Zeit, als die chinesische Regierung Urgyen Trinley als Karmapa anerkannt hatte und die Chinesen bekamen mit, dass mein älterer Sohn behauptete, Karmapa zu sein. Natürlich war die Regierung Chinas nicht bereit einen zweiten Karmapa zu tolerieren und aus diesem Grund kontrollierten sie uns immer schärfer.

Zu dieser Zeit wurde ich krank, aber diese Krankheit war vorübergehend und durch sie konnten wir Tibet verlassen. Ich ging zuerst in ein kleines Krankenhaus in meiner Ortschaft. Vier Männer, einer von ihnen der Polizeichef, besuchten mich dort und forderten, dass ich mein älteres Kind in eine Staatsschule in Peking schicken solle. Zum Ausgleich würden sie alle Kosten des Krankenhausaufenthaltes übernehmen. Ich antwortete ihnen, dass meine Gesundheit sehr schwach sei und ich nicht wüsste, wann ich sterben würde, deswegen wollte ich, dass mein Kind bei mir bliebe. Außerdem bat ich sie, mich für eine Behandlung in ein besseres Krankenhaus nach China zu schicken. Sie stimmten zu, aber nur unter der Bedingung, dass ich alleine ginge. Ich verweigerte dies erneut und sagte ihnen, dass ich nicht zulassen würde, dass sie meine Familie trennen.

Nachdem sie sich besprochen hatten, stimmten sie meiner Bitte, nach China in ein anderes Krankenhaus zu gehen, zu. Sie boten uns zwei Autos an, aber unter zwei Bedingungen: erstens, dass wir das Benzin selbst bezahlen und zweitens, dass wir die Ausweise aller Familienmitglieder an zwei Begleiter abgeben, die Spione waren. Weil auf dem Weg zum Krankenhaus die Situation immer schlimmer wurde, dachte ich an die Möglichkeit nach Indien zu fliehen.

Unsere Ankunft im Krankenhaus fiel in die Zeit von Weihnachten und Neujahr. Die meisten Ärzte hatten Urlaub genommen, verließen das Krankenhaus, und die Patienten blieben unbehandelt. Ich erkannte, dass diese Situation eine große Chance war der Polizeikontrolle zu entkommen und aus dem Krankenhaus zu fliehen. Ich ließ den Chefarzt rufen, dem man bei unserer Ankunft unsere Dokumente gegeben hatte und protestierte gegen das Fehlen der ärztlichen Betreuung, unter der wir als Patienten litten. Dann forderte ich ihn auf, mir die Rechnung für die Behandlung zu stellen und uns unsere Ausweise zurückzugeben, damit wir in ein anderes Krankenhaus gehen könnten, in dem sicher für weniger Geld besser behandelt werden würde. Der in Zorn geratene Arzt schleuderte unsere Papiere auf den Boden. Sonam Palden antwortete auf diese Geste, indem er auch das Geld auf den Boden warf. Wir nahmen die Ausweise und verschwanden schnell aus dem Krankenhaus. In der Stadt suchten wir uns einen Ort, um uns zu verstecken und mieteten zwei Zimmer in einem Haus. In einem Zimmer zogen wir uns um, kleideten uns wie gewöhnliche Leute, schnitten das Haar der Kinder so wie sie es in der Gegend gewöhnlich trugen und in dem anderen Zimmer brachten wir uns unter. Die Polizei suchte uns überall, sie kamen sogar bis zum Kloster in Kham um sicherzustellen, dass wir nicht dorthin zurückgekehrt waren. Am Schluss fanden wir alle – Mayum, meine Frau, meine beiden Kinder und Sonam Palden – einen Weg, um aus China zu fliehen. Karmapa ging direkt nach Indien und wir reisten nach Bhutan, wo wir einige Zeit wohnten. Danach gingen wir nach Dhera Dun im Norden Indiens.

Möchten Sie uns etwas zu Ihrer Krankheit erzählen, wie leben Sie damit?
Mein Geist ist in jedem Augenblick glücklich. Seit meiner Kindheit mache ich Wünsche die Leiden aller Wesen lindern zu können, indem ich sie auf mich nehme. Ich denke, dass diese Krankheit die Erfüllung dieser Wünsche ist. Zuerst erlitt ich mit 42 Jahren eine Lähmung auf der rechten Seite des Körpers. Ich dachte, es wäre ein großes Problem, weil es mich hinderte mit der rechten Hand zu schreiben. Nach einigen Monaten verschwand die Lähmung auf der rechten Seite und verlagerte sich auf die linke Seite des Körpers. Als Praktizierender des Dharmas bin ich glücklich, die Möglichkeit zu haben den Wesen Leid zu nehmen und ihnen alles Gute geben zu können.

Sie leben seit kurzem in Europa. Was ist Ihr Eindruck von den Buddhisten im Westen?
(Rinpoche lacht, hebt die Hand und legt sie über die Augen um zu visieren, wie einer, der in die Ferne schaut auf der Suche nach Praktizierenden. Wir verstehen, dass sie nicht gerade „Massen“ sind.)

In der Vergangenheit gab es die Lehren Buddhas im Westen nicht und jetzt sind sie hier in ihren Anfängen. Der 16. Gyalwa Karmapa und andere große Lamas übertrugen den Dharma in den Westen. Aber wenn wir die Größe unserer Sangha mit derjenigen von anderen Religionen vergleichen, sind die Praktizierenden immer noch wenige. Die westlichen Buddhisten sollten den Buddhismus studieren und ihn praktizieren. Die aktuelle Situation gleicht der Übertragung des Buddhismus von Indien nach Tibet. Zu Beginn verstanden nur wenige die Tiefe der Belehrungen. Aber die Entwicklung war viel einfacher in Tibet, weil es dort nur eine Religion gab, während es im Westen viele Religionen gibt.

Was wird jetzt im Westen Ihre Aufgabe sein?
Ich weiß nicht, wann ich sterben werde. Deshalb ist Praktizieren mein einziger Vorsatz. Aus diesem Grund habe ich keine Pläne.

Haben Sie, als Sie noch in Tibet waren, von der Existenz des spanischen Zentrums Karma Guen gewusst?
Als Kind träumte ich von diesem Ort Karma Guen. Später träumte ich oft von den Bergen und den gegenüberliegenden Dörfern (La Maroma und Canillas de Aceituno). Als ich hierher kam, erkannte ich die Landschaft als die aus meinen Träumen wieder und wusste, dass ich bleiben sollte.

Wie ist es möglich, dass in Ihrer Familie drei der großen tibetischen Linien vertreten sind?
Es sind nicht drei sondern sogar vier. Sonam Tsemo war bis zu seiner sechsten Wiedergeburt ein großer Sakya-Lama und nur in seinen zwei letzten Leben war er Gelugpa.

Stimmt es, dass der erste Mipham prophezeite, dass in Ihrer Familie ein Karmapa erscheinen wird?
Ja, es gibt einen Brief mit einer Prophezeihung des ersten Mipham Rinpoches in dem es heißt, dass sich in der Linie der Miphams der Gyalwa Karmapa zu erkennen geben würde. Dieses Schriftstück liegt in Tibet.

Wie fühlen Sie sich damit, der Vater des Karmapa zu sein?
Sowohl meine Frau Mayum als auch ich sind extrem glücklich zu wissen, dass die Aktivität unserer zwei Kinder sehr nützlich für alle Wesen ist.


 

Fragen von Pedro Gómez, Antonio Herrero und Elena Sánchez.
Übersetzung aus dem Spanischen von Janine Hadjeri.

Hintergrund: Die Linie der Mipham Rinpoches.