Der Weg des VertrauensEin Interview mit Lama Ole Nydahl, von Kasia Biala, PolenWoher wissen wir welcher Lama unser Wurzellama ist? Schaut auf eure Träume, sie deuten auf eine nahe Verbindung. Ein wichtiger Punkt ist das Vertrauen bei erlebter Gefahr: Wen hätte man bei Schwierigkeiten am liebsten an seiner Seite? Derjenige, auf den man dann zählen würde, wird sicher auch derjenige sein, von dem man am tiefsten lernen kann, eben der Wurzellama. Ich würde auf die Übertragung und Festigkeit eines solchen Lehrers schauen - wer ihn segnete und ob seine Worte und Taten übereinstimmen. Bekommt man, was man sieht, und sind Peinlichkeiten deswegen ausgeschlossen, ist man auf einem sehr schnellen Weg. Vor allem, wenn die Lehrer-Schüler-Verbindung während früheren Leben entstand, erlebt man natürlicherweise die Erfahrungen und das selbstentstandene Vertrauen als riesiges Geschenk. Das wichtigste bei allem ist, dass er in der Lage ist, dem Schüler die Natur seines Geistes zu zeigen. Wie hält man eine persönliche Verbindung zum Lama aufrecht? Zum Besten aller zusammenzuarbeiten, gibt der Verbindung Kraft und Sinn, aber was sie absichert, ist die Ehrlichkeit ihm gegenüber. Auch wenn der Lehrer fähig ist, hinter die Worte zu schauen, ist er kein Polizist und muss wenigstens auf der Grundlage einsteigen, auf der der Schüler sich öffnen möchte oder kann. Ist alles zu weit hergeholt oder will sich jemand nur bedeutend machen, entsteht nach der ersten Öffnung keine nahe Verbindung. Übernehmen wir nur überpersönliche Qualitäten des Lamas oder auch persönliche Qualitäten? Es gibt hierbei keinen Filter und je näher man sich als Menschentyp ist, desto breiter ist die Begegnung und Übernahme von Eigenschaften, übrigens in beide Richtungen. Es ist eine Frage von Lebenserfahrung. Die menschliche Reife entscheidet in diesem Fall, wer am meisten beiträgt. Dauerhaft bleibt jedoch das, was auf den Geist zeigt. Was durch eine umfassende Sichtweise gebündelt ist, wird sich klarer vernetzen können und deswegen mehr Einfluss haben. Am wichtigsten sind dabei Hingabe und Offenheit, sie beflügeln jede Art der Entwicklung und ermöglichen riesige Entwicklungssprünge. Das geschieht nur, wenn man ehrlich ist, also das vertritt, was man tatsächlich lebt. Wie schafft man es, wenn man dem Lehrer nicht oft begegnen kann? Das war schon immer so, außer man wohnte vielleicht früher im selben Dorf. Heute ist die Möglichkeit zum Lernen besser denn je. Viele Belehrungen werden mittlerweile übers Internet übertragen oder aufgenommen. Bücher werden wieder wichtiger, die Gruppen reifer und ausgebildeter und man hat tatsächlich, wenn man tatkräftig für die Wesen arbeitet, Zugang zu einer runden Betreuung. Sie ist viel genauer, als man es aus den Lebensgeschichten früherer Verwirklicher kennt, deren Begegnungen mit ihren Lehrern mitunter zwischen Tür und Angel stattfanden. Das richtige Lernen geschieht sowieso, wenn das in der „warmen“ Zone um den Lama angeeignete in der „kühlen“ Außenwelt unter kritischer Beobachtung geschliffen und eingesetzt wird. Dafür nützliche Ratschläge einzuholen, ist heute leichter denn je. Was bedeutet Einswerdung mit dem Lama? Sie hat als Grundlage die Einsicht, dass man Vervollkommnung und Erleuchtung nur erreichen kann, weil einem diese Eigenschaften schon innewohnen…, dass die Verwirklichung, die der Lehrer zeigt, auch von einem selbst erreicht werden kann. Deshalb möchte man mit dem Geist des Lehrers einswerden. Danach folgt die tägliche Meditation und Bestrebung, so entspannt und mühelos zu werden, dass diese Fähigkeiten auch bei einem selbst erscheinen können. Kann man hier Fehler machen? Sie sind fast unvermeidbar, können aber geschickt zu Stufen auf dem Weg verarbeitet werden. Bei starker Hingabe, verbunden mit fehlender Erfahrung, versucht der Schüler oft, eine Kopie des Lehrers zu werden, und dies ist selbstverständlich ein Fehler. Jeder zeichnet sich durch persönliche Merkmale aus und entwickelt sich nach den jeweilig vorhandenen Bedingungen. Die beste Weise, die überpersönlichen Eigenschaften des Lehrers zu erwerben, ist, die Ebene hinter und zwischen den Gedanken öffnen. Dieses Vertrauen lässt alle befreienden Eigenschaften erscheinen, auch zum Besten des Umfeldes. Und wie wirkt ein solches Zusammenkommen nach außen? Was sieht man? Das Teilen vom spielenden Raum der geistigen Möglichkeiten führt zum gesunden Austausch. Man ergänzt sich und tut einfach, was anliegt, ist ungekünstelt und froh. Der 16. Karmapa und die großen alten Lamas, die uns ausbildeten, fanden an allem etwas Sinnvolles, lachten über das meiste und hatten dabei immer wieder großen Spaß. Niemand musste etwas beweisen oder erklären. Je weiter man sich entwickelt, desto selbstverständlicher und entspannter wird jede Begegnung. Was würde das Band zum Lehrer schwächen oder brechen? Ich wurde zu einigen nicht-buddhistischen Gurus eingeladen, mehrmals in den USA, die mich recht verwunderten. Öffentlich und fröhlich lobten sie sich selbst durch Aussagen wie: „Meine Lehrer konnten mir nichts beibringen.“ Wenn ich selbst als Lehrer so etwas höre, denke ich jedes Mal: „Welche Leute sind es eigentlich, denen ich selbst nichts beibringen würde?“ Eben die Besserwisser, die die Aussagen sowieso in ihrem Sinne verdrehen würden. Solche Fälle stellen sich selbst ein Bein. Wer lernen will, muss wirklich mit seinem Stolz aufpassen. Wenige geistige Lehrer nehmen sich die Zeit, die fehlende Erziehung von Elternhaus oder Schule nachzubessern. Es gibt selbstverständlich auch den „einschließenden“ Stolz auf die Fähigkeiten aller. Also Freude an der Übertragung, der man angehört und der wichtigen Arbeit, die alle tun. Aber der übliche „Ich-bin-besser-als-ihr-Stolz“ ist ein riesiges Hindernis. Er macht einen steif und am Ende steht man alleine da wie ein Dinosaurier. Kann man so eine gebrochene Beziehung wieder aufbauen? Es sollte möglich sein, hängt aber von der Schwere der Verletzung sowie vom Grundvertrauen ab, aber auch von der Stärke des Egos der Schüler sowie von den gegebenen Reizen: Hat man sich zum Beispiel eingeredet, dass es den Leuten schadet, was der Lehrer sagt, oder findet der Lehrer die Schüler ungeeignet für die Gruppe, weil sie nicht werden mithalten können, sollte man sich trennen. Zeigt sich aber hinterher den Schülern, dass der Segen offensichtlich beim früheren Lehrer geblieben ist, dass er weiterhin erfolgreich immer mehr Leuten nutzt, kann man auch als Trittbrettfahrer am Vorteil teilhaben, indem man den früheren Mitschülern jede Art von Glück wünscht. Können wir im Traum oder einer Vision vom Lehrer einen echten Rat oder Hinweis bekommen? Ja, wenn es nicht gegen das Gesetz verstößt oder dick macht! Ist man schon übergewichtig und sagt einem der Lehrer nachts im Traum, man solle unbedingt aufstehen und den Kühlschrank leer essen, war er das vielleicht nicht. Zeigt die Botschaft aber auf nützliches Verhalten oder schützt der Lama einen sogar gegen Gefahr, ist es gut möglich, dass sein Kraftfeld spürbar wurde und Schützer oder Weisheitsgeber für den Träumenden arbeiteten, dass er den Segen seiner Zuflucht spürte. Gibt es unterschiedliche Methoden für den Lehrer, um verschiedene Arten von Qualitäten im Geist des Schülers zu erwecken? Die Entfaltung der innewohnenden Buddhanatur gelingt am besten, wenn man die Schüler dazu bringt, entspannt zu meditieren. Damit reifen alle besonderen Eigenschaften fließend heran. Zuerst begeistert man sie, indem man ihnen den Spiegel ihrer Möglichkeiten hochhält. Dadurch spüren sie, was zu erreichen ist und begeistern sich hoffentlich dauerhaft. Gewohnheit wird hier wie so oft zum verlässlichsten Freund, und wenn man die Leute dazu bewegen kann, täglich eine halbe Stunde eine sinnvolle Meditation wie die auf den 16. Karmapa zu üben, schenkt man ihnen einen Schlüssel zu ihrem innewohnenden Reichtum - etwas unendlich Kostbares. Welche Bedeutung hat Sex zwischen Schüler und Lehrer im Weg des Vertrauens? Das beruht völlig auf der Einstellung und der karmischen Verbindung der beiden. Wollen sie sich beide etwas Schönes geben oder lernen und bestehen keine weiteren Erwartungen oder Abhängigkeiten, ist jede Liebe zwischen Ebenbürtigen eine Bereicherung. Treten aber andere Bedingungen auf und verwenden die Lehrer ihren Einfluss, um die Schüler zu beherrschen oder die Schüler ihre Erotik, um dem Lehrer den Kopf zu verdrehen - was wohl ungefähr gleich oft vorkommt - hat man den Stoff für einen Skandal. Ziehen die Schüler durch ihre Liebe die Lehrer von der Arbeit weg, ist das auch eine Schwächung, die bemerkt wird. Ihre Kraft gehört halt allen. Deswegen sollten beide hier zusammenarbeiten, was einen Gewinn für alle bedeutet. Die übliche Diamantweg-Körpersprache, in der viel Berührung stattfindet, halte ich für höchst gesund. Die Leute kommen dadurch aus ihren Festungen heraus, und da mein Stil bei den Vorträgen die verdrehten oder schwierigen Fälle sowieso herausfiltert, haben wir keine größeren Dramen oder ungesunde Vorfälle. Ich würde sagen, wir sind sehr reif und jedes eigene Liebesglück bereichert auch andere. Warum wird der Weg des Vertrauens als der schnellste Weg angesehen? Weil die Austauschebene und die Lebensnähe so hoch ist. Er wirkt ganzheitlich und drückt dadurch mehr Knöpfe in Körper, Rede und Geist als jedes andere Mittel. Denkt man ein Buddha zu sein, wird man sich allmählich auch so verhalten und letztendlich zu einem Buddha werden. Man handelt dann weitblickend und furchtlos zum Besten aller. Wie sieht das auf bedingter Ebene aus? Man verhält sich wie ein Staatsmann, trifft Entscheidungen, die für die nächsten 100 Jahre von Bedeutung sind und denkt nicht nur an die Familie, den eigenen Gewinn oder die nächste Wahl. Man handelt überpersönlich und zum Besten aller. Schwächt es die Beziehung, wenn ein Schüler nicht den ratschlägen des Lehrers folgt? Wenn man um Rat oder Segen bittet und dem dann nicht folgt, ist das so wie gegen den Strom zu schwimmen. Denn schon beim Sprechen gibt der Lama der Sache Richtung und Kraft. In dem Augenblick, in dem er denkt, etwas sei für den Schüler gut, werden neue Kraftfelder wach. Deswegen, wer immer fragt, jedoch nicht folgt, macht die Verbindung zunehmend oberflächlicher. Gibt es irgendwelche Zeichen der Verwirklichung auf dem Weg der Einswerdung? Es ist eigentlich etwas sehr Fließendes, eine ganzheitliche Sache - nicht Kopf-Sutra sondern Körper, Rede, Geist zusammen - also Tantra. Erstaunt entdeckt man, dass eine Schwierigkeit weggefallen ist, dass man keine Angst mehr hat oder etwas Neues beherrscht. Dankt euch für die Fragen. Sie haben Spaß gemacht. Euer Lama Ole |
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