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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 40, (Winter 2005)

Der Raum, der die Dinge ermöglicht

Über Systemtheorie und Buddhismus, von Wolfgang Poier

Was kann der Nutzen sein, Buddhismus und Systemtheorie zueinander in Bezug zu setzen? Bei meiner Beschäftigung mit Systemtheorie stellte ich mehrfach fest, dass gewisse Aspekte des Buddhismus mir in ihrer Wirkungsweise - durch den Raster der Systemtheorie betrachtet - bewusster wurden und für mich schärfere Konturen annahmen. Es ist eine Art Perspektivenwechsel, der einem helfen kann, das angewendete System, in meinem Fall den Buddhismus, besser oder zumindest aus einem anderen Blickwinkel zu verstehen.

SYSTEMTHEORIE

Die Systemtheorie als Wissenschaftsdisziplin ist in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden. Sie ist mit dem technischen Fortschritt, der Entwicklung der Computertechnologie und der Erforschung des menschlichen Gehirns und Bewusstseins verbunden. Systemtheorie findet heute in unterschiedlichsten Gebieten Anwendung, wie zum Beispiel in der Biologie, der Organisationsberatung, den Wirtschaftswissenschaften, der Psychologie oder der Soziologie. Sie hat den Anspruch, eine Metatheorie zu sein, da sie versucht, übergeordnete Erklärungsansätze für Systeme unterschiedlicher Art zu finden und diese miteinander vergleichbar zu machen. Im Rahmen dieses Artikels interessiert uns vor allem, inwieweit buddhistische Inhalte mit Begriffen der Systemtheorie aus anderer Perspektive verstanden werden können oder überhaupt Ausdruck systemischen Bewusstseins sind.

System-Modelle entstehen durch gezieltes Beobachten von Erscheinungen der relativen Wirklichkeit. Kann man die Wirklichkeit beschreiben, versteht man sie auch; damit kann man sie gegebenenfalls verändern oder selbst erzeugen. Systemtheorie auf dieser Ebene, der Kybernetik 1. Ordnung (von griechisch kybernetes, Steuermann), ist also vor allem der Versuch, Systeme zu kontrollieren, zu beeinflussen oder zu steuern. Der Erfolg und Nachvollzug von Systemen hängt meist davon ab, ob diese Modelle den gewünschten Effekt hervorbringen, nämlich die Dinge für die Menschen begreifbar und gestaltbar zu machen. Damit lässt sich ein Gutteil der menschlichen (Wissenschafts-)Geschichte erklären. Wären beispielsweise die Naturwissenschaften als Modell in praktischer und technischer Hinsicht nicht so erfolgreich, würden sie unser heutiges Leben nicht in einem so hohen Maß bestimmen.

BUDDHISMUS ALS SYSTEM

Wir können im Sinne der Systemtheorie unter folgenden Voraussetzungen von Systemen sprechen: Ein System ist eine Ganzheit, die aus Elementen besteht. Diese Elemente haben zueinander Beziehungen. Das System unterscheidet sich durch Grenzen von einer Systemumwelt. Im System und seinen Beziehungen wird eine Dynamik sichtbar. Ein Zweck des Systems ist vorhanden.

Untersuchen wir den Buddhismus anhand dieser Kriterien, kommen wir zur Feststellung, dass der Buddhismus tatsächlich als System betrachtet werden kann. Der Buddhismus als Ganzheit besteht aus Elementen, wie beispielsweise Theravada, Mahayana und Vajrayana oder Weisheit und Methode. Zwischen den Elementen gibt es Beziehungen, so fördert beispielsweise das Wissen über den Buddhismus unsere Meditationserfahrung, umgekehrt wird vieles am Buddhismus erst durch meditative Erfahrung verstanden; damit unterstützen sich innerhalb des buddhistischen Weges Weisheit und geschickte Mittel gegenseitig. Der Buddhismus als System hat auch Grenzen - und unterscheidet sich damit von einer sog. Systemumwelt.

Der Buddhismus weist zum Beispiel philosophische, psychologische und religiöse Aspekte auf und hat Berührungsflächen mit anderen religiösen, philosophischen und psychologischen Systemen, ist aber in seiner Ganzheit und in dieser Kombination von Elementen etwas ganz und gar Einzigartiges. Seine Dynamik hat der Buddhismus in seiner 2550-jährigen Geschichte schon oft unter Beweis gestellt: In vielen asiatischen Ländern zeigt sich der Buddhismus in unterschiedlichen Ausprägungen, hat kulturelle Elemente der Gesellschaft aufgenommen und seinerseits kulturell prägend gewirkt. So sagen wir, dass der Buddhismus wie ein klarer Kristall ist, der entsprechend den Farben des Untergrundes leuchtet. Auch in unserer modernen westlichen Gesellschaft, in der eine historisch gesehen bisher noch nie da gewesene Vielfalt an verschiedenen traditionellen Ausprägungen des Buddhismus zugänglich ist, zeigt sich der Buddhismus sehr anpassungsfähig

So präsentieren u.a. die weltweiten Diamantwegszentren der Karma Kagyu Linie einen praktisch-anwendbaren Buddhismus, in dem der Erleuchtungsweg keinen Widerspruch zum Leben in unserer sozialen, demokratischen und hochtechnisierten Welt darstellt. Der Buddhismus hat auch einen Zweck. Er ist ein System, das sich sehr gut begründet, weil es Wissen und Methoden vermittelt und dadurch auch Erfahrung ermöglicht. Der Buddhismus darf also an seinem Effekt gemessen werden. Wäre der Buddhismus als System nicht darin erfolgreich, die gewünschten Erfahrungen von Entwicklung, Befreiung und Erleuchtung hervorzubringen, würde er nicht seit rund 2550 Jahren praktiziert werden. Gleichzeitig ist Buddhismus aber auch ein System, das sich selbst relativieren kann - dies gelingt, soweit ich sehe, nur sehr wenigen geistigen oder religiösen Systemen der Menschheitsgeschichte. Ist nämlich das Ziel des Buddhismus - Erleuchtung - erlangt, bedeutet dies auch das Ende einer Notwendigkeit Buddhismus zu praktizieren. Der Buddhismus hat dann als Modell seine Wirksamkeit gezeigt. Wirksam wird der Buddhismus wieder in der Aktivität der Bodhisattvas, die ja zu anderen in Kontakt treten und die Wesen in ihrer Entwicklung unterstützen. Der Buddhismus als "Finger, der zum Mond zeigt, aber nicht der Mond selbst ist", als anwendbares und nachvollziehbares System, als "Fahrzeug", bleibt also weiterhin nützlich.

RÜCKKOPPLUNG

Ein System ist eine Einheit, die aus verschiedenen Elementen besteht und mehr ist als die Summe seiner Teile. Denn die Elemente eines Systems stehen untereinander in Beziehung. So verhalten sich Systeme oft anders, als es die Funktionsweise der einzelnen Elemente erwarten ließe. Wasser (H2O) besteht beispielsweise aus den Elementen Sauerstoff und Wasserstoff, die jedoch in Kombination völlig andere Eigenschaften aufweisen, als die Elemente isoliert betrachtet

Eine besondere Form der Beziehung von System-Elementen ist die Rückkopplung. Wir kennen sie unter der Bezeichnung "Feedback", wenn sich ein Mikrofon in der Nähe eines Lautsprechers befindet. Hier können sich relativ leise Raumgeräusche, die vom Mikrofon aufgenommen und dann in einem wechselseitigen, zirkulären Prozess vom Verstärker intensiviert und wieder vom Mikrofon aufgenommen werden, zu diesem nicht immer angenehmen Geräusch hochschaukeln. Gut wird diese Art der Rückkopplung auch am Beispiel des Bevölkerungswachstums sichtbar: Je mehr Paare, desto mehr Kinder, desto mehr Paare, die wieder Kinder zeugen usw. Das Bevölkerungswachstum ist im letzten Jahrhundert exponentiell verlaufen und von etwa 2 Milliarden Menschen Ende der 20er Jahre auf über 6 Milliarden Ende des 20. Jahrhunderts hochgeschnellt. Man nennt dies eine positive Rückkopplung, die entweder gegen Unendlich läuft oder gegen Null, und daher nicht automatisch etwas Gutes bedeutet. Positive Rückkopplung ist notwendig, um Entwicklungen in Gang zu bringen oder voranzutreiben, bedarf jedoch einer bewussten Steuerung, da ansonsten die Gefahr besteht, dass das System einen Point of no Return erreicht und zusammenbricht. Regulativ wäre da eine weltweite umsichtige Politik erforderlich, die allzu kinderreiche Regionen dazu anregt, Geburtenkontrolle und -planung zu betreiben: Im Interesse der Menschen, deren Lebensqualität und Entwicklungsmöglichkeiten dann hoffentlich steigen, und im Interesse der Erde, deren ökologisches Gleichgewicht bereits gefährdet ist

Die beobachtbare Balance in der Natur entsteht oft aus sog. negativer Rückkopplung, was nichts mit negativ im Sinn von schlecht zu tun hat. Diese Art der Rückkopplung meint einfach, dass sich die Dinge wechselseitig regulieren und so in einem fließenden Gleichgewicht halten. Es handelt sich hierbei um eine Art system-immanenter Selbststeuerung. So nimmt z.B. die Population von Fröschen rund um eine See zu, wenn ausreichend Nahrung vorhanden ist. Steigt die Zahl der Frösche dadurch an, vermindert sich jedoch die zur Verfügung stehende Nahrung und die Zahl der Frösche wird wieder sinken, wodurch sich das Nahrungsangebot wieder vergrößern kann usw.

DIE RÜCKKOPPLUNG ZWISCHEN GEDANKEN, GEFÜHLEN UND WELT

Eine Art der Rückkopplung, die für BuddhistInnen von besonderem Interesse ist, ist die Wechselwirkung von Gedanken und Gefühlen. Beide beeinflussen sich gegenseitig und können sich in einer positiven Rückkopplung hochschaukeln. Dies findet z.B. statt, wenn sich jemand angeregt durch die Handlungen eines anderen Menschen in seinen Ärger hineinsteigert. Die entsprechenden Gedanken wie, "Du bist so blöd!" verknüpfen sich mit Gefühlen von Ärger und Zorn. Hierbei ist nicht leicht zu beantworten, ob zuerst der Gedanke/das Konzept oder zuerst das Gefühl den Rückkopplungkreis (causal loop) auslöst.

Ein weiterer Rückkopplungskreis kann hier hinzugefügt werden, wenn das entsprechende Feedback der anderen Person durch nonverbale Signale, Worte und Handlungen dazu kommt. Im Falle einer solchen vielfachen Rückkopplung kann es leicht zu einem Streit zwischen diesen Personen kommen. Möchte man diesen vermeiden, sind Maßnahmen notwendig. Bei leidverursachenden Emotionen wie Zorn kann die Steuerung bis zu einem gewissen Grad über die Gedanken erfolgen, indem de-eskalierende Gedanken gedacht werden: "Aber eigentlich hat er/sie ja auch ein positive Seite", "Heute ist einfach ein sehr anstrengender Tag gewesen, da ärgere ich mich halt auch leichter über etwas." usw. Durch solche bewusste Gedanken- Aktivität werden die Gefühle und ihr Entstehungsprozess relativiert. Um das vielleicht negative Feedback der anderen Person nicht das eigene System beeinflussen zu lassen oder einfach die nötige Zeit zur Verarbeitung zu finden, kann man etwas Abstand voneinander nehmen und beispielsweise spazieren gehen. Oder man versucht die Rückkopplung direkt zu beeinflussen, was bei guter zwischenmenschlicher Basis in der Regel gelingt, indem man bewusst und offen miteinander spricht, positive Aussagen über die andere Person tätigt oder versöhnliche Handlungen setzt. Anders betrachtet haben Gefühle in der Regel eine Signalfunktion; so könnte uns Ärger darauf hinweisen, dass wir mit einer Sache grundlegend nicht zufrieden sind und sie auf Dauer ändern wollen oder dass wir uns in einer Situation hilflos fühlen, wo es dann darum ginge, eine gute Handlungsstrategie zu entwickeln und aktiv zu werden.

BuddhistInnen steht im Umgang mit Gedanken und Gefühlen zusätzlich natürlich die Meditation zur Verfügung, die zur Entspannung, zum Loslassen bzw. bewussten Annehmen von Gedanken und Gefühlen führt. Manche BuddhistInnen erleben die Meditation als "echten Urlaub", weil in der Meditation keine Notwendigkeit besteht, entstehenden Gedanken oder Gefühlen weiter zu folgen. Damit kommt das Bewusstsein zur Ruhe. Klare Gedanken können wieder gefasst werden, die ihrerseits einen klärenden Einfluss auf die eigenen Gefühle haben. Indem aus dem gewonnenen Abstand Gefühle, Gedanken und Eindrücke aus der Systemumwelt als wechselseitig bedingt und daher letztendlich nicht wirklich erkannt werden, kann die Weisheitsnatur des Geistes hervortreten. Durch das direkte Schauen auf die Natur von Gefühlen in der Meditation erscheinen sie als verschiedene Formen von Weisheit.

Im positiven Sinn läuft eine positive Rückkopplung ab, wenn sich Leute gut miteinander verstehen und gemeinsam lachen. Positive Rückkopplung findet auch statt, wenn sich Menschen ineinander verlieben. Auch hier lässt sich nicht leicht sagen, ob zuerst die Idee "Ich finde dich sehr anziehend", das Gefühl des Verliebt-Seins/der Liebe oder die positiven Signale der begehrten Person stehen. Aber es ist einleuchtend, dass sich diese drei Bereiche wieder sehr stark gegenseitig beeinflussen.

Es gibt Liebe auch als Gesamtzustand eines Systems. Wenn wir durch Meditation, positive Handlungen und die reine Sicht zu einem Geisteszustand gelangen, wo unser Bewusstsein völlig von Liebe durchflutet ist, ist es auch völlig natürlich, Liebe auszustrahlen, sich zu verlieben, andere zu lieben und geliebt zu werden - wir können dann berechtigterweise sagen: "Love is in the air".

LINEARITÄT, KOMPLEXITÄT UND ZIRKULARITÄT AM BEISPIEL KARMA

Die Möglichkeiten eines Lebewesens sind buddhistischer Auffassung nach durch Karma, Ursache und Wirkung, bestimmt. Wir erleben momentan die Resultate früherer Gedanken, Worte und Handlungen, mit unseren jetzigen Handlungen von Körper, Rede und Geist bestimmen wir unsere Zukunft.

Der Zusammenhang von Ursache und Wirkung entspricht in der Systemtheorie einer linearen Denkweise, einer Kausalkette. Dies gilt im Hinblick auf den zeitlichen Ablauf und auf die Beziehung zwischen Ursache und Resultat: Säen wir Weizen, werden wir Weizen ernten. Wie aus diesem Bild ersichtlich, wird jedoch die systemische Wirkung größer sein als die Ursache. Aus einem Samenkorn wächst ja eine ganze Pflanze mit vielen Körnern. Aus einem Kern im Laufe der Zeit ein ganzer Baum. Dies lässt uns verstehen, dass Karma sich exponentiell auswirken kann. Die karmischen Eindrücke aus bestimmten Handlungen bestimmen im Zwischenzustand zwischen Tod und der nächsten Wiedergeburt die zukünftige Lebensrealität. Wie sich Karma im jeweiligen Leben auswirkt, entspricht dann eher den Zusammenhängen in einem komplexen System. Welche karmischen Eindrücke aus welchen Leben in Zusammenhang mit welchen anderen und in welcher Intensität in einer Lebenssituation jeweils wirksam sind, lässt sich - so heißt es - nur von den Buddhas genau beantworten. Karma ist der buddhistischen Vorstellung entsprechend aber nicht mit Schicksal gleichzusetzen, sondern ist ein dynamisches Modell. Denn im menschlichen Bereich ist unser Leben etwa zur Hälfte als karmische Wirkung festgelegt, zur Hälfte ist es aber frei gestaltbar. Was wir erleben, ist zu einem Teil direktes Karma und entspringt zu einem Teil unserem Umgang mit den mitwirkenden Bedingungen. Als allgemeine Regel kann jedoch gesagt werden: Möchte man wissen, wie man im letzten Leben gehandelt hat, blicke man auf sein jetziges Leben, denn man erlebt gerade Resultate früherer Handlungen; möchte man wissen, wie man in Zukunft sein wird, blicke man ebenso auf sein jetziges Leben, denn man setzt gerade die Ursachen für spätere Erfahrungen. Wir haben also hier und jetzt die volle Freiheit, das zu tun, was uns befreit und zur Erleuchtung führt.

Ursache und Wirkung kann man sich jedoch auch als ein zirkuläres Modell vorstellen, indem nämlich Karma zu einer Kette von Wiedergeburten führt. Diese sind am Beispiel des Lebensrades in einem Kreislauf von Auf und Ab darstellbar. Zirkularität bedeutet in diesem Zusammenhang also etwas Problematisches, weil es das Gefangensein in einem Daseinskreislauf aufzeigt. Es geht also - buddhistisch gesehen - darum, überhaupt diesen Kreislauf zu durchbrechen. Im Theravada geschieht dies durch Einsicht in die karmischen Zusammenhänge und primär durch achtsames Vermeiden negativer und durch Ausführen positiver Handlungen. Im großen Fahrzeug wird das Aussteigen aus dem Daseinskreislauf vorwiegend durch Weisheit und Mitgefühl ermöglicht. Aufgrund der Unbegrenztheit des Geistes fühlen wir uns mit allen verbunden und die Anhaftung an die Ich-Illusion löst sich mehr und mehr auf. Das Glück der anderen wird dadurch wichtiger. Ist unser Ziel, anderen Wesen in Weisheit und Mitgefühl mit unseren Handlungen nützen zu wollen, werden die entsprechenden Fähigkeiten folgen und wir werden von großem Nutzen für andere sein. Im Diamantweg ist die Hauptmethode ein grundlegender Perspektivenwechsel, ein Paradigmen-Shift: Ist unerschütterliches Vertrauen in die Natur des Geistes entstanden und hält man die Reine Sicht, dass alle Erfahrungen, Erscheinung und Raum untrennbar sind, ist alles im Augenblick seines Entstehens in sich selbst befreit.

Oder wie es der Jamgön Kontrul Lodrö Thaye, der Lehrer des 15. Karmapa, in seinem Diamant-Gesang ausdrückt: "Aufgrund von Weisheit gibt es kein Verweilen in Samsara, aufgrund von Mitgefühl kein Verweilen in Nirwana, spontan wird mühelose Buddha-Aktivität vollbracht."

VERNETZUNG

Ein wichtiger Begriff der Systemtheorie ist die Vernetzung, ein Begriff, mit dem der Buddhismus auch im wissenschaftlichen Kontext gern verbunden wird. Die relative Wirklichkeit ist davon gekennzeichnet, dass es in ihr nichts Absolutes im Sinne unabhängiger, für sich selbst existierender Einheiten gibt. Da die Erscheinungen miteinander in Verbindung stehen, werden sie als relativ bezeichnet. Ein weiterer Grund dafür ist deren Veränderlichkeit. Systeme verändern sich die ganze Zeit. Geht man an zwei auf einander folgenden Tagen an derselben Stelle durch einen Fluss, sieht er zwar wie derselbe Fluss aus, das Wasser ist jedoch ein anderes.

Systeme setzen sich nicht nur aus zueinander in Beziehung stehenden veränderlichen Elementen zusammen, sondern bilden - je nach Perspektive - mit anderen veränderlichen Systemen neue Systeme und werden somit selbst zu einem Subsystem. Unser ganzes Leben ist in ein riesiges System aus Makro- und Mikrokosmos eingebettet und lässt sich in alle Richtungen unendlich denken und erfahren. Es ist z.B. unmöglich etwas zu finden, dass nicht mit uns und dem Blatt oder Computer, von dem wir gerade diesen Text lesen, in Verbindung steht. Das Papier beispielsweise wurde vielleicht aus Bäumen hergestellt, diese wiederum bedürfen der Erde, der Sonne und des Wassers, müssen von einem Menschen verarbeitet werden, der auch wieder Maschinen dazu gebaut hat, deren Bestandteile, z.B. Eisen, irgendwo abgebaut werden, als Metalle (chemische Verbindungen) aber irgendwann entstanden sind. Und wäre dies möglich ohne die Entwicklung der Lebewesen auf dem Planeten Erde, der diesen Lebewesen Lebensgrundlagen wie Nahrung bietet und in einem idealen Abstand um die Sonne kreist? So kann man alles diachron (in Vergangenheit und Zukunft) und auch synchron durch Verbindungen in der jeweiligen Gegenwart unendlich miteinander verknüpfen. Diese Gedanken eröffnen, weil sie die Unbegrenztheit der Welt und die Vernetzung der Erscheinungen nahe legen, eine spirituelle Perspektive.

Besteht die Verbindung zu einem Menschen, der irgendwo anders auf der Welt ebenso jetzt einen Text liest, vor allem im Benützen der gleichen Bewusstseinsfähigkeit des Sehens, Lesen-Könnens und Verstehens, so gibt es direktere Zusammenhänge zwischen Dingen, indem diese aufeinander Einfluss ausüben. Um Systeme also zu begreifen, führen wir immer eine Komplexitätsreduktion durch. So könnten wir beispielsweise die chemische Beschaffenheit des Papiers analysieren und damit seinen Herkunftsort oder sein Erzeugungsdatum feststellen. Auch wenn wir Systeme beeinflussen oder lenken wollen, geht es um ein klares Verständnis, welche Systemelemente in welcher Weise zusammenhängen, aufeinander wirken und welche verzögerten Wirkungen, die nicht sofort sichtbar werden, auftreten können. Sonst können Steuerungsversuche, die die Vernetzung und wechselseitige Abhängigkeit der Dinge nicht einbeziehen, leicht unerwartete oder gegenteilige Wirkungen hervorbringen, wie z.B. beim Super-Gau des Kernreaktors in Tschernobyl geschehen. Insbesondere trifft dies auch auf soziale Systeme - also Gesellschaften - zu, die durch die Kommunikation ihrer Mitglieder entstehen und aufrechterhalten werden. Einsicht in systemische Zusammenhänge ist ebenso beim Arbeiten mit Menschen als psycho-physische Systeme erforderlich.

SYSTEME SIND LETZTENDLICH NICHT WIRKLICH

Interessiert man sich für mehr als bloße Steuerung der relativen Erscheinungen und möchte mehr von der Wirklichkeit verstehen, reicht der Blick auf das beobachtete System nicht aus: Man muss den Beobachter selbst in Augenschein nehmen. Durch diesen nämlich wird die Beobachtung erst zu der, die sie ist. Wie Systeme erfahren werden, hängt von der jeweiligen Perspektive und Wahrnehmungsfähigkeit der Betrachtenden ab. Am Beispiel Wasser lässt sich das sehr gut illustrieren. Im buddhistischen Kontext dient Wasser ja zur Erläuterung unterschiedlicher Daseins-Illusionen: Für uns als Menschen ist frisches und sauberes Wasser ein wohltuendes Getränk, für Fische ist es ein Lebensraum.

Ein Zweig der Systemtheorie, die Kybernetik 2. Ordnung, beschäftigt sich mit diesem Beobachtenden und kommt ähnlich wie der Buddhismus zur Erkenntnis, dass Systeme nicht letztendlich wirklich sein können, weil sie immer von einem Beobachter abhängen. Ihre Wirklichkeit besteht auf relativer Ebene in ihrer Wirksamkeit.

Als Wahrnehmende gestalten und "konstruieren" wir unsere Welt selbst. Wir gehen dabei bewusst oder unbewusst wie ein Maler vor, dessen Bild zwar durch die Wirklichkeit angeregt ist, aber die Wirklichkeit niemals so darstellt, wie sie ist. Auf einen Raum bezogen, in dem wir uns vielleicht gerade befinden, würden einige eher den architektonischen Aufbau wiedergeben, andere auf Details wie die Form und Farbe der Lampen eingehen, wieder andere vor allem die möglicherweise vorhandenen Personen ins Bild setzen.

Die Art der Malerei wäre von unserem Stil, den künstlerischen Konzepten und Gewohnheiten geprägt, die Farbwahl könnte annähernd der Wirklichkeit entsprechen, aber auch unsere persönliche Stimmung vermitteln, also expressionistisch verfremdet sein usw. Wir könnten aber auch versuchen, Ebenen der Wirklichkeit darzustellen, die der direkten Sinneswahrnehmung enthoben sind, abstrakt werden, indem wir uns auf eine Lichtspiegelung auf einer glänzenden Fläche konzentrieren, die in der Luft herumfliegenden Staubpartikel einfangen oder vorstellen, wie die Atome in einem Sessel vibrieren. Als BuddhistInnen würden wir vielleicht auch denken, dass dieser Raum und alle etwaigen Personen darin Ausdruck der Klarheit des Geistes sind und untrennbar vom strahlenden, unbegrenzten Raum des Geistes.

Die Möglichkeiten unserer Wahrnehmung der Welt stehen ihrerseits wieder in Wechselwirkung mit unseren Selbstkonzepten, unserem Bild, das wir von uns haben. Kurz gesagt: Unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit schafft die Wirklichkeit, wir selbst werden in diesem Prozess der Wahrnehmung geschaffen; somit bedingen sich diese Bereiche gegenseitig.

BEWUSSTSEIN

Im Buddhismus spielt das Ich des Beobachtenden als Objekt der Analyse und Arbeitsfeld in der Meditation eine sehr große Rolle. Es wird hier ebenso untersucht wie die so genannte äußere Welt und als unwirklich erkannt. Dies ist schon allein deshalb der Fall, weil der Beobachter wiederum durch seine Beobachtung definiert ist. Letztlich können also beide nicht als unabhängige, dauerhafte oder unveränderliche Systeme zu finden sein.

Der Beobachter ist buddhistisch gesehen "Name und Form", sprich Bewusstsein und Körper, die als komplexe strukturell gekoppelte Systeme in ständiger Wechselwirkung zueinander stehen. Unter Form versteht man den aus Elementen bestehenden materiellen Körper. Name steht für die "Anhäufungen" wie Gefühl, Unterscheidung, Geistesfaktoren und Bewusstsein (Skandhas). Die Inhalte unseres Bewusstseins, also Gedanken, Gefühle und Eindrücke, haben eine Auswirkung auf den Körper und umgekehrt: Durch Körperhaltung und -aktivität und Atmung lässt sich auch das Bewusstsein beeinflussen, was wir in der Meditation und in unserer Alltagspraxis ja ständig versuchen.

Im Diamantwegsbuddhismus werden acht Bewusstseinsarten unterschieden. Es wird damit aufgezeigt, in welcher Weise Wahrnehmung, das Entstehen von Konzepten und Emotionen sowie Handlungen ineinander greifen und schließlich als karmische Eindrücke im Basisbewusstsein (Alaya) gespeichert werden. Diese Eindrücke werden in einem zirkulären Prozess wieder zur Illusion einer äußeren Realität und bedingen die Wirklichkeit. Die von den fünf Sinnesbewusstseinsarten erfassten Sinnesobjekte werden unterschiedlich erfahren, wofür das Geistbewusstsein, im Speziellen das sog. verschleierte Bewusstsein, verantwortlich ist. Letzteres überlagert die immer vorhandene Möglichkeit der direkten, unverschleierten Erfahrung der Welt mit den Konzepten und Emotionen der Ich-Illusion. In der Meditation können alle genannten Bewusstseinsarten in Formen von Weisheit umgewandelt werden und erscheinen dann als die verschiedenen Buddha-Zustände.

DIAMANTWEGSSICHT UND -PRAXIS

Die Erfahrung von Systemen hängt vom Blickwinkel ab. Damit wird es sehr wichtig, bewusst im Leben jene Perspektiven einnehmen zu können, von denen wir uns erwarten, dass sie zu einem Mehr an Entwicklung, Freiheit, Weisheit, Freude und Liebe führen. In der Praxis des Diamantwegs-Buddhismus setzen wir auf der - buddhistisch gesehen - höchsten Ebene an, bei der Erleuchtung. Wir üben uns in der reinen Sicht: Alle Wesen tragen die Buddha-Natur in sich und sind somit eigentlich bereits Buddhas. So können wir uns selbst wie Buddhas verhalten, bis wir tatsächlich solche geworden sind. Aus dieser Perspektive gesehen ist alles seinem Wesen nach schon befreit und an sich perfekt. Es ist tatsächlich nur eine Frage des Blickpunktes. Raum, der üblicherweise Trennung bedeutet, wird als "Behälter" erfahren, der die Dinge ermöglicht, miteinander spielen lässt und sie erkennt.

Lama Ole Nydahl sagt dies so: "Indem man beginnt, zu sehen, wie sich jedes bedingte Geschehen selbst befreit, zeigt sich, dass nur die wahrnehmende Raum-Klarheit- Unbegrenztheit des Geistes wirklich ist." (Lama Ole Nydahl: Wie die Dinge sind, S. 148).

Um dies zu erreichen, ist dennoch intensive Arbeit nötig: Zielorientiertheit und Motivation, Reinigung, Aufbau guter Eindrücke durch positives Handeln und Aufbau von Weisheit. Meditation lässt buddhistisches Wissen zu einer umfassenden Erfahrung werden, die Meditationserfahrung wirkt als bewusstes Erleben und sinnvolles Verhalten im Alltag weiter. Ein besonderes Phänomen zeigt sich im Diamantwegs-Buddhismus bei der Meditation des Guru Yoga. Durch Offenheit gegenüber dem Lehrer und Buddha und auf der Basis von Wissen und meditativer Erfahrung kann sich alles das auflösen, was einen daran hindert, die erleuchteten Eigenschaften, die wir in uns tragen, zu erleben. Hingabe ist hier eine Art "Interface", durch sie bilden wir einen Ring, in den der Haken - der Segen der Buddhas - greifen kann. So entwickeln wir uns, Unwissenheit wird entfernt und die Qualitäten, die im Geist liegen, entfalten sich.

Dank für mehrfaches Feedback und konstruktive Anregungen an Michael Fuchs, Maxi Kukuvec und Astrid Poier-Bernhard.


WOLFGANG POIER
buddhistischer Reiselehrer, lebt seit 1986 im Buddhistischen Zentrum Graz; arbeitet als AHS-Lehrer am Gymnasium und FH-Lektor (für Systemtheorie u.a.)