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Aus: Buddhismus Heute Nr. 40, (Winter 2005)

Die Verhaltensweisen eines Bodhisattvas - Teil 1

Von Lopön Tsechu Rinpoche

Rinpoches Belehrung basiert auf einem Kommentar zum Text „Die 37 Bodhisattva-Praktiken“ von Ngulchu Thogme Sangpo, den der 17. Gyalwa Karmapa Thaye Dorje im Alter von zwölf Jahren verfasste.

Der Unterschied zwischen einem Buddhisten und einem Nichtbuddhisten ist, ob er „Zuflucht“ genommen hat oder nicht. Jemand, der Zuflucht genommen hat, also Vertrauen in Buddha, Dharma und Sangha setzt, ist ein Buddhist oder eine  Buddhistin. Innerhalb des Buddhismus wird dann unterschieden zwischen dem „Kleinen Fahrzeug“ (skt. Theravada) und dem so genannten „Großen Fahrzeug“ (skt. Mahayana).*

Die Praktizierenden des Kleinen Fahrzeugs sind die Shravakas und Pratyekabuddhas. Was ihre Praxis vor allen Dingen kennzeichnet, ist ihr ausgeprägter Wunsch, frei zu werden vom Leid Samsaras und einen Zustand von Befreiung zu erreichen - ohne dabei ausdrücklich den Wunsch zu entwickeln, das gleiche für alle Wesen zu erlangen.

Die Praxis im Großen Weg andererseits wird von den Bodhisattvas geübt. Das Besondere an ihnen ist, dass sie praktizieren, um alle Wesen zur Befreiung und zur Erleuchtung führen zu können. Ein Bodhisattva hat nur ein einziges Anliegen: anderen zu helfen. Das ganze Leben, jede Praxis, jede Handlung hat einzig und allein das Wohlergehen anderer im Blick.

Der Autor dieses Textes über Bodhisattvas ist Ngulchu Thogme Sangpo. Man kann sich in verschiedenen Weisen mit einem solchen Text befassen. Man kann einfach Erklärungen ausschließlich anhand der Verse geben oder Kommentare heranziehen, die von verschiedenen Autoren in späterer Zeit verfasst worden sind. Ich habe mich dafür entschieden, einen Kommentar zu wählen, der vom 17. Karmapa Thaye Dorje geschrieben wurde, als er zwölf Jahre alt war. Er war zwar sehr jung, als er ihn schrieb, aber er ist ein Bodhisattva und es ist sehr erstaunlich, in welchem Stil er diesen Kommentar verfasst hat.

Andere Kinder in diesem Alter wollen nur spielen, aber Karmapa hat hier etwas wirklich Außerordentliches geleistet. Ich habe den Text lange nicht gekannt und hatte nur davon gehört. Als ich ihn las, war ich sehr beeindruckt. Wir sind Karma-Kagyü-Praktizierende und der 17. Karmapa hat diesen Kommentar geschrieben - diesen dann als Grundlage für die Erklärung heranzuziehen, ist ein besonders segensreicher und Glück verheißender Umstand. Karmapa ist ein großer Bodhisattva, und so ist auch der Segen, der durch die Erklärungen von jemandem wie ihm gegeben wird, besonders groß.

VERS 1:

Damit sie selbst und andere in dieser Zeit, in der sie das schwer zu findende Schiff der Freiheiten und Ausstattungen erlangt haben, den Ozean des Existenzkreislaufs überqueren, ist es das Handeln eines Bodhisattva, Tag und Nacht ohne Zerstreuung  zu lernen, nachzudenken und zu meditieren.

Ein so genanntes „kostbares menschliches Leben“ ist deswegen kostbar, weil man hier acht bestimmte Arten von Freiheiten und zehn bestimmte Arten von Ausstattungen hat. Es ist außerordentlich schwer, diese zu erlangen, weil sehr viel positives Karma dafür nötig ist. Es gibt ja auch alle möglichen anderen Existenzformen, man kann zum Beispiel in der Tierwelt wiedergeboren werden. Wieder als Mensch geboren zu werden, ist nicht selbstverständlich und erst recht nicht als Mensch, der die Möglichkeiten hat, die Lehre Buddhas zu praktizieren.
Im Kommentar erklärt der 17. Karmapa Thaye Dorje, dass es deswegen sehr schade wäre, wenn jemand, der diese Voraussetzungen erlangt hat, dieses Leben einfach verschwendet, indem er oder sie nicht vollen Nutzen daraus zieht. Mit ‘Verschwendung’ ist gemeint, dass man nicht Dharma praktiziert, denn es ist die Praxis, durch die man Befreiung erreichen kann.

Man kann sinnbildlich selbst den Ozean von Samsara überqueren und auch anderen dazu verhelfen. Dharma zu praktizieren bedeutet, dass man Dharma erlernt, sich damit auseinandersetzt und ihn durch Meditation wirklich verinnerlicht.

VERS 2:

Begierde nach Freunden kocht wie Wasser, Hass auf Feinde lodert wie Feuer. Es ist das Handeln eines Bodhisattva, die Heimat aufzugeben, deren Finsternis der Unwissenheit vergessen lässt, was anzunehmen und was abzulegen ist.

„Die Heimat aufgeben“ ist in unserer heutigen Welt nicht so wörtlich zu nehmen, denn heute bedeutet es nichts mehr, wo man sich niederlässt. Aber zur Lebenszeit des Autors hieß es, dass eine Person, die es schafft, von der Heimat loszulassen und wegzugehen, schon die Hälfte des Dharmaweges hinter sich gebracht hat.
Warum? In einer sehr vertrauten Umgebung gibt es Menschen wie Familienangehörige, Partner, Freunde usw., an denen man hängt. Auf der anderen Seite gibt es da andere Leute, mit denen man feindselige Beziehungen hat, mit Zorn und Ablehnung usw.
Für jemanden, der auf diese Weise in einem normalen sozialen Umfeld eingebunden ist, ist es schwer, Dharma richtig zu praktizieren. Es wird kaum möglich sein, den Dharma voll und ganz zu praktizieren, weil man so sehr gefangen ist in diesen Strukturen. Deswegen heißt es, es ist die Praxis des Bodhisattva, diese aufzugeben.

VERS 3:

Durch das Aufgeben einer schlechten Umgebung nehmen störende Geisteszustände schrittweise ab. Durch fehlende Ablenkung nimmt positives Verhalten natürlicherweise zu. Durch aufgeklärte Bewusstheit entsteht sicheres Wissen über den Dharma. Sich auf Abgeschiedenheit zu stützen, ist das Handeln eines Bodhisattva.

„Schlechte Umgebung“ bezieht sich auf Bedingungen, die in einem sehr viel störendes wie Begierde und Zorn auslösen. Es geht um Kontakte mit anderen  Menschen, durch die diese Art von Emotionen in einem selbst aufkommen. Wenn man davon physisch Abstand nimmt, wird das dazu führen, dass die eigenen Störgefühle von selbst allmählich abnehmen. Dadurch wird der Geist in sich ruhiger, denn er ist nicht mehr so belastet von diesen Emotionen. Der ruhige Geist wiederum wird immer klarer, und diese Klarheit ist nötig, um Sicherheit bezüglich der Belehrungen zu bekommen. Deswegen ist es gut für einen Bodhisattva, so zu leben,  dass er nicht ständig in Situationen kommt, in denen er sinnlos redet und sinnlos Zeit mit anderen verschwendet, sondern sich stattdessen lieber zurückzieht.

VERS 4:

Man wird von jedem Freund, mit dem man lange zusammenlebte, getrennt. Unter Mühen erworbener Reichtum wird zurückgelassen. Der Gast des Bewusstseins verlässt das Hotel des Körpers. Es ist das Handeln eines Bodhisattva, die Angelegenheiten dieses Lebens hinter sich zu lassen.

Im Moment unseres Todes ist unser Bewusstsein allein. Man kann nichts mitnehmen, ganz gleich wie stark die Liebe zwischen Menschen ist. Der Körper ist wie ein Hotel, in dem man vorübergehend gelebt hat, er nützt einem nichts mehr. Reichtum, Positionen - was immer einem im Leben so wichtig erschien - ist im Moment des Todes wertlos. Was dann wirklich zählt, sind die geistigen Gewohnheiten, die man angesammelt hat. Sie sind Teil unseres Geistes und werden uns begleiten, sonst nichts. In unserem Geist sind nur Eindrücke unserer Handlungen gespeichert. Wir können nicht zusätzliche positive Gewohnheiten von irgendwo hervorrufen und mitnehmen. Ebenso wenig können wir die Leid bringenden Gewohnheiten, die wir durch unser negatives Handeln angesammelt haben,  zurücklassen. All diese Gewohnheiten prägen unseren Geisteszustand. Man sollte sich dessen bewusst sein, dass jede Handlung Gewohnheiten im Geist entstehen  lässt, die ganz sicher zur Wirkung kommen. Im Moment des Todes ist das ein besonders ausgeprägtes Erleben, das vor allem dann auch die nächste Wiedergeburt bestimmen wird. Leid bringende Gedanken, die durch negatives  Handeln entstanden sind, bewirken Wiedergeburten in sehr leidhaften Situationen, in den niederen Daseinszuständen. Nützliches positives Handeln hat zur Wirkung, dass man in angenehmen Umständen wiedergeboren wird, im besten Fall in Reinen Ländern. Weil im Moment des Todes Beziehungen, Familie, Reichtum, soziale Stellung usw. nicht zählen, ist es der Lebensstil eines Bodhisattvas, davon loszulassen.

VERS 5:

In Gesellschaft von schlechten Leuten nehmen die drei Geistesgifte zu und die Handlungen des Lernens, Nachdenkens und Meditierens verkommen, so dass liebe und Mitgefühl zunichte gemacht werden. Es ist das handeln eines Bodhisattva, diese schlechten Freunde aufzugeben.

Setzt man sich dem Einfluss von Leuten aus, die einen sehr negativen Lebensstil haben, schadet das einem selbst. Dann werden unwillkürlich Zorn, Begierde, Unwissenheit usw. in einem immer stärker werden. Selbst wenn man bereits Qualitäten aufgebaut und sich bemüht hat, den Dharma zu verinnerlichen und  anzuwenden, wird die eigene Praxis immer schwächer werden, je länger man sich mit solchen Leuten umgibt. Man wird sich immer weiter von freudvollen Situationen entfernen. Deswegen wird einem Bodhisattva geraten, dass er oder sie darauf achten sollte, „schlechten Umgang“ zu vermeiden.

VERS 6:

Wenn man sich auf einen spirituellen Freund stützt, werden Mängel abnehmen und Qualitäten wie der zunehmende Mond anwachsen. Den spirituellen Freund lieb zu bewahren, selbst wenn es das eigene Leben kostet, ist das Handeln eines  Bodhisattva.

Hier geht es genau um das Gegenteil wie im letzten Vers. Es ist wichtig, sich Freunde mit positivem Einfluss zu suchen, so dass die eigenen Störgefühle  abnehmen und Qualitäten heranwachsen können. So wie der zunehmende Mond bis zum Vollmond immer voller wird, wachsen die Qualitäten stetig an, wenn man sie pflegt und wenn man sich einem guten Einfluss von Leuten aussetzt, die selbst wirklich Qualitäten haben. Diese Art von Freundschaft zu pflegen und als sehr  wichtig zu verstehen, wird in diesem Vers geraten.

VERS 7:

Wie können weltliche Götter, wenn sie selbst im Gefängnis von Samsara gebunden sind, fähig sein, jemandem Zuflucht zu geben? Deswegen ist es das Handeln eines Bodhisattva, Zuflucht zu nehmen zu den drei Juwelen, die nicht täuschend sind.

Man hat die Tendenz, sich immer an andere zu wenden, von denen man glaubt, sie könnten eine echte Hilfe leisten. Hier im Vers ist - wörtlich übersetzt - von „weltlichen Göttern“ die Rede, es gilt aber auch in anderem Sinne. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass das letztendlich keinen Nutzen hat. Es wird zwar ein vorübergehender Nutzen entstehen, aber um letztendlich frei von Samsara zu  werden, braucht man Hilfestellung von Erleuchteten, die selbst frei von Samsara sind. Wie soll jemand, der selbst im Gefängnis sitzt, einen anderen daraus befreien können? Wie sollte jemand, der selbst in Samsara gefesselt ist, einen anderen tatsächlich unterstützen können, frei von Samsara zu werden? Wenn jemand von einem Gericht verurteilt wurde, dann kann er nicht beim gleichen Gericht in Berufung gehen. Er braucht eine höhere Instanz, nur dadurch kann die Situation geändert werden. Um frei zu werden von Samsara, um Erleuchtung zu erlangen, sollte man dementsprechend keine Zeit vergeuden mit der Suche nach Hilfe an der falschen Stelle.

VERS 8:

Buddha sagte, dass die unerträglichen Leiden der Wesen in den niederen Bereichen das Ergebnis negativer Handlungen sind. Deswegen ist es das Handeln eines Bodhisattva, niemals negative Handlungen auszuführen, selbst wenn er dadurch sein Leben verlieren sollte.

In diesem Vers geht es um Karma, um Ursache und Wirkung. Buddha erklärte, dass jede Handlung eine ihr entsprechende Wirkung haben wird. Alles was wir erleben, geschieht nicht zufällig, sondern hat Ursachen.

Die Leiden, die durch bestimmte Handlungen entstehen, können sehr schmerzhaft sein. Man ist sich dessen in dem Moment, in dem man die Handlungen begeht, oft nicht bewusst. Man muss lernen zu begreifen, welche Konsequenzen bestimmte  Handlungen haben werden, wie schmerzhaft sie sich in zukünftigen Lebenszeiten auswirken können.
Im Vers ist die Rede von „unerträglichem“ Leid. Das ist Leid, welches vor allem in den drei niederen Daseinsbereichen erfahren wird. Es gibt Paranoiawelten, in denen Leid in Form von Hitze und Kälte als Wirkung der eigenen negativen Handlungen erlebt wird. Man könnte denken, dass der Zustand der so genannten Hungergeister oder Pretas weniger schmerzhaft sei. Weiß man aber, was diese Art von  Daseinszustand beinhaltet, dann sieht man, dass es auch dort unerträglich ist. Wiedergeburt in den Welten der Hungergeister bedeutet, dass man – wie der Name auch sagt - extrem unter Hunger und Durst leidet. Es werden die verschiedensten Formen beschrieben, und von den ganz extremen heißt es, dass man die Welt so erlebt, als hätte man einen Hals so dünn wie ein einzelnes Haar und einen Bauch so groß wie ein riesiger Berg. Man kann sich vorstellen, welche Probleme man hat, die Nahrung durchzukriegen, die so einen Bauch füllen könnte. Es ist unmöglich und so ist man immer von Hunger gequält. Es gibt Beschreibungen, dass man den Geruch von hervorragendem Essen empfindet, aber nie dieses Essen bekommt. Es gibt  andere Beschreibungen von Speiseröhren, die extrem lang und dünn und zudem verknotet sind. Im Allgemeinen ist das Leiden der Hungergeister die Folge von Geiz. Es gibt aber auch eine besondere Mischung aus Geiz und Neid: Man möchte Leute, die etwas Positives tun wollen, davon abhalten, indem man sie davon überzeugt,  dass ihr Vorhaben völlig sinnlos sei.
Die Tiere erleben das Leid, ausgebeutet und geschlachtet zu werden. Sie werden als Nahrungsquelle verwendet, sie werden zu allen möglichen Arten von schweren Arbeiten benützt, und sie jagen und fressen sich gegenseitig. Die Tierwelt ist voller Leid, das können wir ja selbst direkt wahrnehmen.
Hier geht es darum zu verstehen, dass keine Handlung einfach verloren geht,  sondern eine ihr entsprechende Wirkung haben wird. Deswegen ist es gut zu  überlegen, welche Art von Handlungen man tut.

VERS 9:

Glückszustände in den drei Welten sind alles Formen von Samsara. Das Glück, das hier erfahren wird, ist wie ein Tautropfen auf einer Grashalmspitze, der augenblicklich verdunstet. Deshalb ist der Lebensstil eines Bodhisattva vielmehr nach Zuständen zu streben, die frei sind von der bedingten Welt - also Befreiung, weil sie nicht verschwindet.

Die „Drei Welten“ ist eine Beschreibung für das gesamte Samsara.
Es gibt den „Begierde-Bereich“, in dem wir leben. Dies ist eine ganz auf den Sinnen beruhende Erlebensweise. Weiter gibt es die „Form-Bereiche“ und „Formlosen Bereiche“. Das sind Daseinszustände, die andere Wesen wegen ihres Karmas erleben. Ganz gleich, welches subjektive Erleben man auf Grund des eigenen Karmas von der Welt und von sich selbst hat: Jede Art von Glück und Freude wird hier verglichen mit einem Tautropfen auf der Spitze eines Grashalms. Sobald die Sonne kommt, verdunstet dieser Tropfen, er ist so kurzlebig wie ein Fingerschnipsen. Was durch bestimmte Ursachen an Annehmlichkeit, Glück, Freude entsteht, ist nur  bedingt und erschöpft sich dadurch, dass es erlebt wird. Deswegen hat es keine dauerhafte Essenz, keinen Wesensgehalt und es macht für einen Bodhisattva keinen Sinn, sich auf solche Arten von Freuden auszurichten. Für einen Bodhisattva ist es sinnvoller, sein Streben darauf auszurichten, was ihn jenseits von diesen subjektiven Daseinszuständen innerhalb der bedingten Welt bringt: Befreiung aus Samsara, die nicht veränderlich sondern dauerhaft ist.

VERS 10:
Was nützt es, selbst glücklich zu sein, wenn jedes einzelne Wesen, jede Mutter, die so voller Liebe für einen war, seit anfangloser Zeit leidet? Deshalb ist die Praxis eines Bodhisattvas den Erleuchtungsgeist zu entwickeln, um die unzähligen Lebewesen zu befreien.

Es gibt unzählig viele Lebewesen. Wo auch immer Welten sind, sind Lebewesen und dort ist Leid zu finden. Da wir alle immer und immer wieder geboren werden, haben wir zu jedem einzelnen Lebewesen einen sehr nahen Bezug, denn tatsächlich war irgendwann jedes Wesen einmal unsere Mutter und hat uns sehr viel Liebe und Zuneigung gegeben. Wir haben jedem einzelnen Wesen sehr viel zu verdanken. Mit diesem Wissen macht es keinen Sinn, selbst Befreiung von Leid zu erreichen, wenn alle anderen Wesen weiter leiden. Dieses Wissen unterstützt uns darin, den  Erleuchtungsgeist zu entwickeln. Erleuchtungsgeist bedeutet, dass man den Wunsch hat, allen Wesen helfen zu können, sich aus Samsara zu befreien und diesen Wunsch auch immer stärker entwickelt.
Es gibt viel Unwissenheit über Karma, das Gesetz von Ursache und Wirkung. Alle wollen glücklich sein, aber obwohl man alles Mögliche dafür unternimmt, schaffen es die wenigsten. Nur wenige verstehen, dass man um wirklich Glück und Freude erleben zu können, die entsprechenden Ursachen aufbauen muss. Stattdessen tut man alles Mögliche, was Leid bringt. Hat man diese fatale Situation einmal verstanden, kann man nicht anders, als Anteilnahme für all jene zu entwickeln, die in diesem Teufelskreislauf gefesselt sind.

VERS 11:

Leiden entsteht ohne Ausnahme durchG nach eigenem Glück. Vollendete  Buddhaschaft entsteht aus der Absicht, anderen zu nutzen. Deswegen ist es das Handeln eines Bodhisattva, das eigene Glück restlos gegen das Leid anderer auszutauschen.

Die Wesen leiden, weil sie nur nach ihrem eigenen Glück streben. Diese Einstellung zu ändern und das Wohlergehen anderer an erste Stelle zu setzen, ist die Ursache zur Verwirklichung von Buddhaschaft. Eine Praxis, mit der man das übt, ist das „Geistestraining“ (tib.: Lodjong). Man übt, sich in die Situation anderer zu versetzen und in Gedanken das Leid anderer gegen das eigene Glück auszutauschen. Natürlich können wir das in unserer augenblicklichen Lage nicht wirklich tun. Aber mit dieser Übung auf dem Bodhisattva-Weg lernt man, die ichbezogene Einstellung mehr und mehr zu überwinden, um dadurch immer offener für das Wohlergehen anderer zu werden. Es ist ein Training, wodurch man allmählich fähig wird, anderen  tatsächlich helfen zu können.

VERS 12:

Auch wenn ihm jemand auf Grund großer Gier den gesamten Reichtum stiehlt oder andere dazu veranlasst, ist es das Handeln eines Bodhisattva, jenem den eigenen Körper, Besitz und die positiven Handlungen der drei Zeiten zu widmen.

Es könnte geschehen, dass man von jemandem aus Hagier bestohlen wird. Ein Bodhisattva entwickelt gegen den Dieb keine negativen Gedanken, obwohl ihm  wirklich Schaden zugefügt wurde. Er hat die Einstellung, der Dieb möge den besten Vorteil davon haben und schenkt ihm darüber hinaus noch alles, was es an Gutem und Sinnvollem im eigenen Leben gibt und was er nicht mitgenommen hat.

VERS 13:

Sogar wenn ihm jemand den Kopf abschlägt, obwohl er selbst ohne Verschulden ist, ist es das Handeln eines Bodhisattva, durch die Kraft des Mitgefühls dieses Fehlverhalten auf sich nehmen.

Ein Bodhisattva ist in einer Situation, in der es von seiner Seite aus überhaupt kein Verschulden gibt, er aber mit einer extremen Bestrafung wie zum Beispiel Enthauptung bedroht wird, sich darüber bewusst, dass die Person, die diese Strafe ausführen wird, sehr viel negatives Karma ansammeln und dadurch viel Leid  erfahren wird. Ein Bodhisattva hat tiefes Mitgefühl dieser Person gegenüber und den Wunsch, dass die negative Handlung niemals zur Reife kommt und diese Person niemals diesem Leid ausgesetzt werden möge. Ein Bodhisattva in einer solchen Situation würde keine Zorn- oder Rachegefühle entwickeln, sondern mit Mitgefühl die Gesamtsituation sehen und diesen Menschen nur das Beste wünschen.

VERS 14:

Selbst wenn ihm jemand verschiedene Beleidigungen entgegen schreit, so dass es drei Milliarden Weltsysteme durchschallt, ist es das Handeln eines Bodhisattva, sich in Erwiderung liebevoll über dessen Qualitäten zu äußern.

Es kann vorkommen, dass man verleumdet wird oder Lügen über einen verbreitet werden - und das im großen Ausmaß wie zum Beispiel über die Medien. Ein Bodhisattva wird weiterhin die positiven Qualitäten dieser Person hervorheben und nicht voller Zorn genauso schlecht über ihn reden. Darüber hinaus wird er mit einer liebevollen Einstellung den Wunsch hegen, dass diese Person nicht die leidvollen Folgen seiner negativen Handlung ertragen muss.

VERS 15:

Sogar wenn jemand inmitten einer großen Menschenmenge seine geheimen Fehler enthüllt und üble Worte spricht, ist es das Handeln eines Bodhisattva, sich vor ihm mit dem Bewusstsein, dass es ein spiritueller Freund ist, zu verbeugen.

Jemand fängt an, in aller Öffentlichkeit die verborgenen Fehler offen zu legen und in boshafter Weise mit dem Finger darauf zu zeigen. Ein echter Bodhisattva ist darüber nicht innerlich verletzt. Er denkt, dass dieser Mensch ja eigentlich Recht hat, denn es sind ja die eigenen verborgenen Fehler. Deswegen ist er demjenigen gegenüber dankbar für diesen Hinweis und sieht ihn oder sie als einen geistigen Lehrer, der gerade sehr hilfreich ist.

VERS 16:

Sogar wenn ein Mensch, den man wie das eigene Kind liebevoll umsorgt hat, einen selbst als Feind ansieht, ist es das Handeln eines Bodhisattva, ihn besonders lieb zu haben, wie es eine Mutter mit ihrem von Krankheit befallenem Kind tut.

Wenn sich ein Bodhisattva mit viel Liebe um einen Menschen gekümmert hat und dieser wendet sich dann gegen ihn und fügt ihm sogar Schaden zu, wird er nicht darauf eingehen und nicht voller Enttäuschung oder Zorn sein. Er wäre weiterhin voller Zuneigung, so wie eine Mutter, deren einziges Kind erkrankt ist.

VERS 17:

Sogar wenn Leute, die ihm gleichgestellt oder unterlegen sind, ihn aus Stolz herabsetzen, ist es das Handeln eines Bodhisattva, diese Leute wie den Lama über den eigenen Scheitel zu setzen.

Wird ein Bodhisattva von jemandem aus Arroganz und Stolz schlecht behandelt und verachtet, dann geht er nicht darauf ein, sondern versucht aus der Situation zu  lernen. Er sieht diese Person als einen geistigen Freund, einen Lehrer, der ihm zeigt, wie der eigene Geist funktioniert.

VERS 18:

Selbst wenn man arm ist, ständig von den Menschen verachtet wird, von den schlimmsten Krankheiten und Dämonen geplagt wird, so ist es das Handeln eines Bodhisattva, die Fehler und Leiden der Wesen auf sich zu nehmen und nicht  entmutigt zu sein.

Selbst wenn er völlig mittellos ist und von anderen verachtet wird, darüber hinaus noch krank wird und noch alle möglichen Schwierigkeiten bekommt, ist die Praxis eines Bodhisattva, selbst dann die Leiden anderer auf sich zu nehmen, ohne den Mut zu verlieren.
Wenn es einem richtig schlecht geht, sollte man als Bodhisattva sehen, dass die Schwierigkeiten nicht von anderen verursacht werden, sondern dass es die Wirkung der eigenen früheren negativen Handlungen ist. Darüber hinaus sieht man, dass es vielen Leuten ähnlich geht und wünscht, dass deren Schwierigkeiten in den eigenen mit zur Reife kommen und dass damit andere von ihrem Leid frei werden.

VERS 19:

Selbst wenn sie berühmt sind, viele Leute ihr Haupt vor ihnen beugen und sie Reichtümer, ähnlich denen des (nördlichen Weltenhüters) Vaishravana, erlangt haben, ist es das Handeln eines Bodhisattva, den Glanz und Reichtum weltlichen Daseins als wesenlos zu erkennen und deswegen nicht arrogant zu sein.

Wenn ein Bodhisattva eine hoch gestellte Position hat, bekannt und berühmt ist, ihm Achtung entgegengebracht wird und er alles im Überfluss hat, dann lässt er sich davon nicht gefangen nehmen. Er sieht, dass Ruhm, eine hohe soziale Stellung usw. keinen Wesensgehalt haben. Die Dinge kommen zusammen und fallen wieder auseinander. Auch der eigene Körper, der nur eine Ansammlung von einzelnen Teilen ist, fällt wieder auseinander, weil nichts von wesentlichem Gehalt vorhanden ist. Aus diesem Grund bleibt ein Bodhisattva frei vom Festhalten an den Dingen und vor allem frei von Stolz und Arroganz.

 

*Anm. der Red.: Der Diamantweg wird bei dieser Darstellungsweise als Teil des Mahayana gesehen.


 

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