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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 39, ( 2005)

Der Buddhaaspekt "Liebevolle Augen"

Von Ulla Unger

Liebevolle Augen ist der am meisten verehrte Buddha im Himalaja. Auf Tibetisch heißt er Tschenresig, in Sanskrit Avalokiteshvara und eine chinesische Form von ihm Kuan-Yin. Es ist der Ausdruck des erleuchteten Mitgefühls unserer eigenen Buddhanatur.

Liebevolle Augen gilt als der Schutzpatron Tibets. Sein Mantra OM MANI PEME HUNG war das erste Mantra, das sich in Tibet verbreitete. Viele große Lamas wie etwa der Dalai Lama, der Karmapa oder auch Kalu Rinpoche gelten als seine Ausstrahlungen, was aber nicht bedeutet, dass solche Emanationen auf tibetische Lamas beschränkt wären. Tatsächlich kann jeder eine Ausstrahlung von Liebevolle Augen sein, der überpersönliche Liebe in diese Welt bringt. Überpersönliche Liebe ist jenseits von Anhaftung, Eifersucht, persönlichen Begierden und schädlichen Folgen der Beziehung für andere. Wenn jemand hiervon durchdrungen ist, dann ist das ein Zeichen für die Anwesenheit von Liebevolle Augen.

Um zu verstehen, wer oder was Liebevolle Augen ist, nähern wir uns ihm zunächst über seine "persönliche" Geschichte an, wie sie in einer der zahlreichen Legenden erzählt wird:

Es wird berichtet, dass sich vor langer Zeit der König Zangpochog einen Sohn wünschte. Deshalb machte er viele Geschenke an die Drei Juwelen der Zuflucht. Teil dieser Geschenke waren Lotusblüten, die seine Diener an einem nahe gelegenen See pflückten. Bei dieser Gelegenheit entdeckte einer von ihnen eines Tages ein besonders großes Exemplar dieser Blüten in der Mitte des Sees. Der Diener berichtete dem König seine Entdeckung, worin dieser die Erfüllung seines Wunsches erkannte und sich sofort aufmachte um diese riesige Blüte selbst zu sehen. Tatsächlich hatte sie sich in der Zwischenzeit geöffnet und in ihrer Mitte saß ein wunderschöner sechzehnjähriger Junge. Er hatte einen weißen, strahlenden Körper und alle physischen Merkmale eines verwirklichten Buddha. Und der Junge sagte: "Es tut mir so unendlich Leid, dass alle Wesen so sehr leiden!"

Der König und sein Gefolge verbeugten sich vor ihm und luden ihn in den Palast ein. Wegen seiner wunderbaren Geburt nannte ihn der König den "Lotusgeborenen". Außerdem erzählte der König seinem Meister, dem Buddha des Grenzenlosen Lichtes" (skt: Amitabha), hiervon, der ihm sagte, dass dieser Junge die Manifestation der Aktivität aller Buddhas sei. Ebenso sei er die Manifestation der Herzen aller Buddhas, sein Name sei Avalokiteshvara und er sei gekommen um alle Wesen zu befreien.

Liebevolle Augen hatte unendlich großes Mitgefühl für alle Wesen in den sechs Daseinsbereichen. Er sah all ihre Schwierigkeiten, Fehler und ihr Leiden. Und er sah auch, dass ihre Begierden so wild waren wie ein Wasserfall, ihr Hass wie Feuer loderte und sich ihre Eifersucht ständig so schnell änderte wie der Wind. Er sah, dass sie durch ihr Ego an Samsara gefesselt waren, wie Strafgefangene durch Handschellen und dass diese Ich‑Illusion sie unabsehbar endlos im Kreislauf von Geburt und Tod und Wiedergeburt weitertreiben würde. Als Liebevolle Augen all dieses Leiden so klar erkannte, weinte er und bat alle Buddhas, dass er einen Weg finden möge um die Wesen aus all diesem sinn‑ und endlosen Leid befreien zu können. Die Buddhas antworteten ihm, dass er hierfür zutiefst Liebe und Mitgefühl entwickeln müsse, sich niemals von der Arbeit ermüden lassen und niemals aufgeben dürfe. Als er noch mal fragte, wie er diese Motivation denn erlangen könne, erschien der Buddha Amitabha und gab ihm Belehrungen und Einweihung.

Daraufhin legte Liebevolle Augen ein besonderes Versprechen ab: "Ich werde immer zum Wohle aller Wesen aktiv sein, solange es samsarische Welten gehen wird in den zehn Richtungen des endlosen Raums. Ich muss alle Wesen aus Samsara befreien. Ich werde selbst nicht Buddhaschaft verwirklichen, bevor nicht das letzte Wesen Samsara hinter sich gelassen und Buddhaschaft erlangt hat. Bis zu diesem Zeitpunkt werde ich zum Besten aller Wesen in Samsara verweilen. Sollte da doch eine Egoanhaftung bleiben, möge mein Körper in tausend Stücke zerfallen." Buddha Amitabha war sehr zufrieden, lobte ihn und versprach ihm hierbei immer beizustehen.

Nach einiger Zeit hatte Liebevolle Augen den Eindruck, dass er doch einiges von seinem Werk vollendet hätte. Er lehnte sich für einen Augenblick zurück um ein wenig zu entspannen, doch als er wieder einen Blick auf Samsara warf, schien die Situation sogar eher schlimmer geworden zu sein als zuvor. Wieder strahlte er Licht in alle sechs Daseinsbereiche um das Leid zu mindern, aber die Wesen waren weiterhin so verwirrt, dass die Arbeit sinnlos erschien. Das enttäuschte Liebevolle Augen und er dachte: "Der Raum scheint tatsächlich endlos zu sein. Ebenso ist die Zahl der Wesen endlos. Nun habe ich bereits so viele befreit und es gibt immer noch endlos viele mehr. Das hat wohl doch keinen Sinn, ich sollte mich doch besser um meine eigene Befreiung kümmern." Doch damit hatte er sein Bodhisattva-Versprechen gebrochen und sein Kopf zersprang in tausend Stücke. Völlig verzweifelt rief er Buddha Amitabha und alle Buddhas um Hilfe an. Amitabha sammelte daraufhin alle Bruchstücke auf. Er gab Liebevolle Augen eine neue Form, dieses Mal mit 1000 Armen und neun liebevollen Köpfen. Als einen zehnten, schwarzen Kopf gab er ihm denjenigen des sechsarmigen Schützers Mahakala und seinen eigenen Kopf setzte er an die oberste Spitze um alles zusammen zu halten. Diese mächtige Form mit tausend Armen und elf Köpfen sollte in ihrer liebevollen Aktivität nie wieder in Schwierigkeiten geraten. Es heißt, dass die 1000 Gründer‑Buddhas, die sich in unserer Welt zeigen werden, solange es hier intelligentes Leben gibt, Ausstrahlungen dieser 1000 Arme sind.

Der Buddha Amitabha sagte: "Samsara hat weder einen Anfang noch ein Ende." Gampopa erklärt dazu in seinem Werk "Juwelenschmuck der Befreiung", dass das nicht bedeutet, dass das Leid der Wesen niemals beendet werden kann. Der Kreislauf der Existenz, bestehend aus Geburt und Tod und Wiedergeburt, existiere aber aus der Sicht eines gewöhnlichen Wesens nun bereits unüberblickbar lange. Deshalb können gewöhnliche Wesen nicht erkennen, wann er begonnen hat, noch wo er enden wird. Aber jedem einzelnen ist es möglich, seine persönliche Verwirrung aufzulösen. Denn die grundlegende Unwissenheit ist jenseits von Existenz oder Nichtexistenz, sie ist leer von jedweder Wirklichkeit und genau um diese befreiende Erkenntnis geht es, wenn es heißt: Liebevolle Augen wird zum Wohle der Wesen in dieser Welt bleiben, bis alle befreit sind. Abgesehen von diesem "persönlichen" Aspekt von Liebevolle Augen, ist er aber auch ein Yidam ein Buddha‑Aspekt. Yidam bedeutet wörtlich "Geist-Band". Wir meditieren in den Diamantwegspraktiken auf Yidams, die uns helfen, den für uns einfachsten Zugang zu unserer Erleuchtung zu finden. Denn wir identifizieren uns so lange mit den scheinbar äußerlichen, von uns getrennten Yidam, bis wir untrennbar von ihm geworden sind.

Es gibt bei Leuten, die sich nicht wirklich mit Diamantweg auskennen, die Meinung, ein Yidam sei einfach nur eine psychologische Form. Tatsächlich haben sie auch tief greifende Wirkung auf unsere Psyche: Wenn wir auf Liebevolle Augen als unseren Yidam meditieren, dann werden wir davon liebevoll, das funktioniert. Aber ein Yidam ist sehr viel mehr. Yidams sind tatsächlich eine Weise, wie sich Erleuchtung auf einer reinen Ebene manifestiert, in Form des "Freudenzustandes" (skt. Sambhogakaya). Wenn wir uns darauf beschränken, den Yidam als eine Gestalt weit außerhalb von uns selbst zu sehen und uns davon grundlegend getrennt fühlen, dann machen wir einen Gott aus Liebevollen Augen. Das ist dann zwar ein sehr "Lieber Gott", aber wir wären weit entfernt vom richtigen Verständnis der Diamantweg-Mittel.

Darüber hinaus sind Yidams in der Diamantwegspraxis Mittel der Reinigung. So reinigt beispielsweise die Vorstellung von den vier Armen des weißen, sitzenden Liebevolle Augen, dass wir die Welt in Kategorien von Vier, wie etwa Vier Elementen erleben. Die drei Augen vieler Yidams (zum Beispiel der weißen Tara) helfen uns, Dreier‑Kategorien zu überwinden, wie das Konzept von drei Zeiten. Jedes Detail eines Yidams hilft uns das normale Haften an der Erlebniswelt zu reinigen. Eine solche Reinigung ist aber nur möglich, wenn wir bereit sind zu verstehen, dass die Dinge eben niemals so wirklich sind, wie wir glauben - vor allem, wenn wir gerade in Probleme verstrickt sind. Aufgrund ihres Mitgefühls helfen die Buddhas und Yidams uns zwar auch, wenn wir sie als von uns getrennte "Personen" sehen, aber wir haben sie dann mit unserer eingeschränkten Sicht zu gewöhnlichen "Göttern" gemacht. Liebevolle Augen wird trotzdem helfen, Situationen zu entschärfen und Befreierin steht uns bei unseren Ängsten bei. Aber ohne die richtige Sichtweise verstärken wir mit den Meditationen sogar unsere konzepthafte Anschauung der Erlebniswelt und bauen sogar noch neue Konzepte auf.

Wenn wir auf Yidams meditieren, lassen wir sie im Rahmen der Entstehungsphase so erscheinen, wie wir das aus der gewohnten, samsarischen Wirklichkeit kennen. Wir konzentrieren uns - so wie gewohnt - auf ein Konzept, nur dass das dieses Mal ein erleuchtetes, reines Konzept ist. In der Vollendungsphase erkennen wir dann, dass alle Phänomene letztendlich keine Wirklichkeit haben, dass sie "leer" davon sind. Zugleich wissen wir, dass Erscheinung und Leerheit ungetrennt voneinander sind. Wenn uns das gelingt, dann praktizieren wir Diamantweg mit der richtigen Sicht der Vergegenwärtigungen.

Gewöhnlich fällt man in das eine oder das andere Extrem: Entweder etwas existiert oder es existiert nicht. In unseren Meditationen üben wir, genau diese Extreme zu überwinden: In der Entstehungsphase lernen wir zu verstehen, dass es da schon sehr wohl Erscheinungen gibt, die Wirkung haben. Diese aufbauende Phase verhindert, dass wir in die extreme Sicht des Nihilismus verfallen und glauben: "da gibt es nichts und alles hat auch keinen Sinn ..." In der Auflösungs-, der Vollendungs-Phase, lernen wir dann wieder die Erscheinungen nicht für "wirklich" zu halten. Dass beides zusammengehört, ist die Bedeutung der Vereinigung von Freude und Leerheit.

Es heißt, der "Buddha des Grenzenlosen Lichtes" habe Liebevolle Augen gebeten, den Wesen in den sechs Daseinsbereichen das sechssilbige Mantra "OM MANI PEME HUNG"1 zu lehren. Denn es verhindert weitere Wiedergeburten in jeglichen samsarischen und damit in allen "niederen" Daseinsbereichen.

Was ist ein Mantra? Es ist die Schwingung eines Buddha, die seine Essenz enthält. Bevor darauf im Einzelnen eingegangen werden soll, sei betont, dass ein Mantra so wie jedes Phänomen in sich "leer" von jeglicher Wirklichkeit ist. Deshalb wird oft gesagt: Laut ist Leerheit, ebenso wie jegliche Erscheinung ungetrennt von Leerheit ist. Aber wie ist das gemeint?

Wenn wir Worte hören wie: ,,Du bist ein guter Mensch!", mögen wir das Wort "gut" erst, wenn wir mit seiner Bedeutung vertraut sind. In diesem Fall verstehen wir also, dass "gut" ein Lob für uns ist und freuen uns. Hatte uns jemand dasselbe in einer Sprache gesagt, die wir nicht kennen, zum Beispiel in Chinesisch, dann wären die Worte für uns frei, also "leer" von jeder Bedeutung gewesen und wir hätten uns nicht gefreut. Umgekehrt ärgern wir uns vielleicht, wenn uns jemand als "Ganoven" oder "Schwächling" bezeichnet. Wir ärgern uns aber nur, weil wir mit diesen Ausdrücken negative Konzepte verbinden, mit denen wir nicht in Zusammenhang gebracht werden möchten.

Alle Phänomene, die uns in unserer samsarischen, also bedingten, Existenz begegnen, sind aus letztendlicher Sicht frei von jeglicher innerer Wirklichkeit, die ihnen aus sich selbst heraus, unabhängig von Bedingungen zukäme. Die von uns erlebte Welt entsteht aus Bedingungen und wenn sich diese Bedingungen ändern, dann ändert sich auch unser gesamtes Leben. Andererseits haben aber all diese an sich "leeren", weil bedingten Phänomene trotzdem Wirkung. Unsere Autos fahren nur mit Treibstoff, wir werden nass, wenn es regnet und wir verlieren unsere Freunde, wenn wir sie in einem Wutanfall schlecht behandeln.

Wenn also wir selbst und unsere Welt aus letztendlicher Sicht frei sind von einer aus sich heraus, sozusagen "ewigen" Wirklichkeit, aber trotzdem aufeinander Wirkung haben, in dem, was wir tun und sagen, warum sollte das bei einem Buddha, einem Yidam oder Mantra anders sein? Deshalb können wir beobachten, dass schon allein die Rezitation eines Mantras tief greifende Wirkung auf unser Unterbewusstsein hat und uns liebevoller werden lässt. Dadurch bekommen wir eine freundlichere Ausstrahlung und siehe da: die Welt an sich wird freundlicher.

OM MANI PME HUNG - das Mantra von Liebevolle Augen - kann in vieler Hinsicht erklärt werden. Einmal ist es der Name von Liebevolle Augen, weshalb seine Anrufung uns direkt mit seinem Mitgefühl, seinem Segen und seinem Wunsch, unablässig zum Wohle aller Lebewesen zu handeln, verbindet. Dies funktioniert ebenso, wenn wir uns ihn in seiner Gestalt vergegenwärtigen, denn beides verbindet uns direkt mit seinem Kraftfeld.

Man kann das Mantra OM MANI PEME HUNG aber auch in allen Einzelheiten deuten:

OM steht für den Körper von Liebevolle Augen
MANI steht für den Juwel, den er in zwei seiner vier Händen hält
PEME bedeutet Lotus, "der einen Juwel und einen Lotus in Händen hält"2
HUNG repräsentiert den Geist aller Buddhas und beendet auch zahlreiche andere Mantras

Für einen Außenstehenden wirkt es möglicherweise seltsam, was dabei herauskommen soll, immer wieder den Namen eines Buddha zu wiederholen. Aber dafür muss man verstehen, dass solche Namen immer angefüllt sind mit dem gesammelten Mitgefühl und der Aktivität, die die Buddhas zum Wohle aller Wesen ausführen möchten. So gesehen werden Mantras ein Mittel, um unsere Schleier zu reinigen und speziell das OM MANI PEME HUNG‑Mantra von Liebevolle Augen öffnet unseren Geist für Liebe und Mitgefühl und richtet uns direkt auf Erleuchtung aus. Da der reine Klang von der Essenz von Liebevolle Augen untrennbar ist, genügt es sogar, allein das Mantra zu rezitieren ohne ihn selbst dabei zu vergegenwärtigen.

Buddha Amitabha erklärte, dass dieses Mantra in der Lage ist, jedes Wesen aus dem Kreislauf Samsaras zu befreien. Dabei wird jeder einzelnen der sechs Silben jeweils ein Daseinsbereich zugeordnet:

OM verschließt den Weg zu den Götterbereichen, die zwar recht angenehm sind, aber reine Zeitverschwendung, da man hier wieder herausfällt, wenn das Karma dafür verbraucht ist.
MA das Tor zu den Halbgöttern, die mächtig sind, gerne kämpfen und vor allem schlechtes Karma aufbauen.
NI das Tor zu unserem Menschenbereich.
PE den Eingang zu den unendlich vielen Tierwelten, in denen man - laut Gampopa - leicht für ein ganzes Kalpa stecken bleiben könnte.
ME schließt das Tor zu den Welten der hungrigen Geistern, die niemals satt werden können und deshalb unendlich leiden.
HUNG schließt das Tor zu allen Paranoiabereichen voller endlosem Leid, wo sich die Wesen gequält fühlen und unbeschreiblich leiden, weshalb ihnen hier ihr Dasein auch so unabsehbar lange zu dauern scheint.

Jede Silbe hat eine spezifische reinigende Wirkung in Bezug auf unsere Schleier:

OM reinigt die Schleier des Körpers.
MA reinigt die Schleier der Rede.
NI reinigt die Schleier des Geistes.
PE reinigt die Schleier der störenden Gefühle.
ME reinigt die Schleier der subtilen Gewohnheitstendenzen.
HUNG reinigt die Schleier, die das Wissen verdecken.

Jede der Silben korrespondiert mit einer der sechs Paramitas, den befreienden Handlungen:

OM steht im Zusammenhang mit Großzügigkeit, die zu perfektionieren uns als karmisches Resultat Wohlstand bringt.
MA korrespondiert mit sinnvoller Lebensführung, die uns eine gute, angenehme Welt erleben lässt.
NI korrespondiert mit Geduld, womit hauptsachlich gemeint ist, dass wir Zorn vermeiden sollten, was uns zu einem angenehmeren Menschen werden lässt und als karmisches Resultat beispielsweise auch Schönheit bringt.
PE steht im Zusammenhang mit freudiger Anstrengung, was uns zukünftig kraftvoll und angesehen werden lässt.
ME vertritt das Paramita der Meditation. Dadurch lernen wir, in uns zu ruhen, stabil zu werden und Frieden zu erleben.
HUNG steht für die Weisheit zu verstehen, wie die Dinge sind, wodurch wir frei werden.

Liebevolle Augen ist am bekanntesten in seiner sitzenden Form, eine Bodhisattva‑Form. Er hat alle dreizehn Zeichen der besonderen Qualitäten, wie die Krone eines Bodhisattva mit den fünf Buddhaweisheiten, die Ohrringe, die Haare zu einem Drittel oben auf dem Kopf zu einem Knoten hoch gebunden, zwei Drittel der Haare fallen frei über den Rücken. Er trägt eine lange Kette, einen Ring und einen Gürtel um die Hüften; seine fünffarbigen Gewänder in den Farben des Regenbogens zeigen, dass er alle Arten der Einweihung beherrscht; weiter hat er einen Schal, Arm- und Fußkettchen.

All diese Attribute sind nicht einfach nur kulturelle Artefakte, sondern sie haben Rückwirkungen auf unser inneres Energiesystem. Wenn wir uns in der Meditation selbst in dieser Form vorstellen und uns all dieser unterschiedlichen Formen und Punkte bewusst sind, hat das Rückwirkung auf den Energiefluss in unserem Körper. Aus der Sicht des Diamantweg erlangen wir Verwirklichung, indem sich die fünf Energie-Räder und die 72.000 Energiekanäle in unserem Körper öffnen.

Generell bestimmen karmische Ursachen, wie wir die Welt erleben; das betrifft auch unseren eigenen Körper.

Es heißt, dass wir nicht etwa etwas "da draußen" wahrnehmen, sondern dass es unser eigenes Speicherbewusstsein ist, das die Welt erschafft. Obwohl diese Schöpfungen genauso traumhaft sind, wie die in unseren Träumen, erleben wir sie während unserer Tagträume als äußerst wirklich. Wenn wir uns nun während der Meditation in der Entstehungsphase den Yidam möglichst klar vergegenwärtigen, dann löst das unsere Anhaftung und unseren Glauben an die Wirklichkeit unserer relativen Wirklichkeit Stück für Stück auf. Diese Methode reinigt letztlich alle Schleier, aber es weicht eben vor allem dieses massive Empfinden von der Wirklichkeit der Wirklichkeit auf.

Im Rahmen der Vergegenwärtigungen bei den Diamantwegsmeditationen nutzen wir das Bedürfnis unseres Geistes nach Attraktionen: Wir sind neugierig und freuen uns über alles Farbige und Glitzernde. Nun ersetzen wir in dieser Phase die alltägliche, karmisch erzeugte Welt mit der Vergegenwärtigung eines Reinen Landes, in dem alles, was erscheint, schön, inspirierend und voller Freude ist. Unseren gewöhnlichen Lebensraum transformieren wir in einen kostbaren Palast, alle Wesen und wir selbst werden zu Liebevolle Augen. Wir tragen nicht mehr unser gewöhnliches Outfit, sondern die Gewänder und den Schmuck von Liebevolle Augen.

Die Attribute von Liebevolle Augen bedeuten im Einzelnen:

Seine WEISSE KÖRPERFARBE zeigt, dass er frei ist von jeglichem Schleier.

Er hat ein GESICHT, weil die Essenz der Phänomene immer gleich ist.

Seine VIER ARME stehen für die vier Unermesslichen ‑ Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut.

Er sitzt im VOLLEN LOTUS, die Beine vollständig übereinander geschlagen, was zeigt, dass er in der Vereinigung von Mitgefühl und Leerheit verweilt und dabei weder in die Extreme von Nirvana noch des Samsara verfällt.

Seine beiden vorderen Hände halten ein BLAUES JUWEL vor seinem Herzen, was zeigt, dass er in der Lage ist allen Wesen zu nutzen und ihre Bedürfnisse zu erfüllen und das Juwel ist ein Symbol für den Geist selbst.

Seine rechte hintere Hand hält eine KRISTALL‑MALA, mit der er die Wesen in Richtung Befreiung zieht.

Der LOTUS in seiner linken hinteren Hand zeigt, dass er für alle Wesen Mitgefühl hat und selbst dabei von keinerlei störenden Gefühlen oder anderen Störungen beeinträchtigt wird. Denn eine Lotusblüte wächst durch den Schlamm und öffnet ihre Blüte in der sauberen Luft über allem Schmutz. An der Oberfläche der äußeren Blütenblätter perlt dabei jegliche Verunreinigung ab, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen.

Sein Rücken wird von einer MONDSCHEIBE gestützt, was zeigt, dass in ihm Liebe und Mitgefühl ihre Vollendung erreicht haben.

Über seiner Schulter liegt ein ANTILOPENFELL: Antilopen gelten in Indien als die liebevollsten aller Tiere. Es ist ein Ausdruck seiner Güte und seines Mitgefühls und zeigt, dass Liebevolle Augen niemals irgendeinem Wesen schaden würde.

Seine FÜNFFARBIGEN SEIDENGEWÄNDER bedeuten, dass Liebevolle Augen alle Arten der Einweihung beherrscht.

Solange wir uns während der Vergegenwärtigung dieser tiefen inneren Bedeutung aller seiner Attribute bewusst bleiben, überwinden wir damit die Vorstellung, dass Liebevolle Augen etwas Materielles ist. Damit ist nicht gemeint, dass sie während der Meditation rezitiert werden, sondern dass der Verwirklicher sie einfach kennt. Wir verweilen in dem Gewahrsein, dass Liebevolle Augen der Ausdruck des Mitgefühls aller Buddhas ist.

Alle Buddhas haben Kraftfelder um sich herum, so genannte "Reine Länder". Das Reine Land von Liebevolle Augen heißt Potala. Dies ist auch der Name des Palastes der Dalai Lamas in Lhasa, da er als eine Widerspiegelung des Reinen Landes angesehen wurde. Liebevolle Augen verweilt aber auch im Bereich der "Höchsten Freude", (tib.: Dewachen) dem Reinen Land von Buddha Amitabha, wohin wir durch die Phowa‑Praxis gelangen.

Lama Ole Nydahl sagt: "Tatsächlich leben wir ja längst in einem Reinen Land: Wir haben es überhaupt nicht nötig zu sterben um Buddhas treffen zu können und wir müssen auch nirgendwo anders hingehen um in ein Reines Land zu gelangen. Nichts davon ist nötig. Wenn wir nur unsere Augen genug putzen, können wir sehen, dass jeder bereits ein Buddha ist, dass jeder die Buddhanatur hat, dass ständig alles vor Freude vibriert und von Liebe zusammengehalten wird. Es geht also nicht darum, etwas grundlegend zu ändern, sondern es geht darum, die Schleier zu beseitigen, die verhindern, dass wir das sehen, was immer da war. Das Mantra ist bekannt als der König aller Mantras, es ist bekannt als dasjenige Mantra, das eben genau diese Schleier am effektivsten beseitigt. Jedes Mal wenn wir das Mantra OM MANI PEME HUNG sagen, wischen wir den Staub vom Spiegel unseres eigenen Geistes. Wir lösen all die Negativität auf, die uns sonst sehr viel Leid gebracht hätte."

Für die Karma Kagyü Schule ist der beschriebene weiße, sitzende, vierarmige Liebevolle Augen die am häufigsten verwendete Form. Aber er manifestiert sich keineswegs nur in der einen Form. Wir haben ja bereits den 1000armigen stehenden Liebevolle Augen erwähnt. In der Praxis wird er vor allem im Rahmen der Fasten‑Meditation Nyungne, die auf Gelongma Palmo zurückgeht, verwendet. Durch diese Praxis können wir sehr schnell massive negative Eindrücke aus unserem Speicherbewusstsein entfernen, die andernfalls später zu großem Leid, vor allem in Form von Krankheiten, geführt hätten.

Eine rote Form von Liebevolle Augen mit vier Armen, mir der der 16. Karmapa viel zu arbeiten pflegte, wird Gyalwa Gyamtso genannt. Das heißt "Der allmächtige Ozean", von Erleuchtung und perfekten Qualitäten. An Stelle einer Mala hält er einen Dorje und er sitzt in Vereinigung mit Roter Weisheit (tib.: Dorje Phagmo). Neben "Höchste Freude" (tib.: Khorlo Demchog), ist Gyalwa Gyamtso einer der Haupt‑Yidams unserer Linie. Andere vierarmige Formen von Liebevolle Augen sind:

Simahanada-Lokeshvara, der "Arzt aller Krankheiten", und Halahala-Lokeshvara, der gegen alle Gifte hilft. Er hat eine weiße Körperfarbe und sitzt in Bodhisattva‑Stellung, das heißt, sein linkes Bein liegt angewinkelt in Meditationshaltung, während das rechte Bein in der Position der Aktivität nach vorn ausgestreckt ist.

Es gibt sehr viele unterschiedliche Ausdrücke von Liebevolle Augen. Allein im Großen Fahrzeug werden 108 Formen aufgeführt, die allesamt der Lotusfamilie des Buddha Amitabha zugeordnet sind. Sehr bekannt sind seine beiden weiblichen Ausdrucksformen ‑ die Weiße Befreierin und die Grüne Befreierin, die Taras. In China wurde er dargestellt als ein wunderschönes Mädchen, mit dem Namen Kuan Yin, in Japan unter dem Namen Kannon.

1 Auf Sanskrit heißt es OM MANI PADME HUM

2 Ein weiterer Name bedeutet Juwelen-Lotus


Ulla Unger

Jahrgang 1960, Ernährungswissenschaftlerin, Buddhistin und Schülerin von Lama Ole seit 1981. Lebte 15 Jahre im Münchner Zentrum. Reiselehrerin, Mitbegründerin der "Buddhismus Heute".