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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 39, ( 2005)

Die 8 Praxislinien Tibets - Teil 2

Von Detlev Göbel


Teil 1 im letzten Heft: Nyingma, Marpa Kagyü, Shangpa Kagyü

 

KADAMPA UND GELUGPA

Zu Beginn des 11. Jahrhundert lud ein König aus Westtibet den indischen Meister Atisha ein. Atisha hielt drei große Übertragungen: Die des "Weiten Verhaltens" von Asanga, die der "Tiefen Sicht" von Nagarjuna und die des "Segens und der Praxis" von Naropa. Sein Wissen und seine Erfahrung über den Diamantweg aus der Übertragung Naropas konnte er jedoch kaum weitergeben. Diese Funktion fiel Marpa zuteil ‑ ihm war es in großem Umfang möglich, tantrische Übertragungen nach Tibet zu bringen und zu etablieren. Vor allem diesen beiden, Atisha und Marpa, ist das Wiederaufleben des Dharma nach der Verfolgung durch König Langdarma zu verdanken. Man sagt: Atisha brachte das "Gefäß", also die Wiederbelebung äußerer monastischer Formen sowie die Mahayana-Grundlage. Marpa, so sagt man, brachte den "Inhalt", also die Diamantwegsmethoden und das Große Siegel.

Drom Tönpa, der Hauptschüler Atishas, begründete die Schule der Kadampa ("Mündliche Unterweisung"). Als eigene Schule existiert sie heute nicht mehr, aber ihre Lehren sind in den anderen Schulen aufgegangen. Besonders das Lodjong ("Geistestraining"), eine Mahayana-Praxis zur Entwicklung von Mitgefühl und Weisheit, wird viel verwendet.

Mit Gampopa, der vor seiner Begegnung mit Milarepa ein Kadampa war, kamen ihre Lehren in die Kagyü‑Linie. Gampopas berühmtestes Grundlagenwerk, der "Juwelenschmuck der Befreiung", ist in seiner Essenz Mahamudra, aber dargestellt im Stil der Kadampa. Die Kadampa‑Meister betonten Gelehrsamkeit, strenge Praxis, Abwendung von Samsara. Sie lehrten auch eine systematische stufenweise Darstellung des Bodhisattva‑Weges, genannt Lamrim ‑ "Stufenweiser Weg". Gampopas "Juwelenschmuck der Befreiung" ist ein solches Lamrim-Werk. Seine Erfahrung und Wissen über Diamantweg und Mahamudra kommt etwas versteckt in den Kapiteln über die Praxis der Befreienden Weisheit und die Buddha‑Weisheit zum Ausdruck.

Anfang des 15. Jahrhunderts begründete der Gelehrte Tsongkhapa eine neue Schule, die oft die "Neue Kadampa" genannt wurde, da Tsongkhapa stark von der Kadampa-Schule beeinflusst war. Er hatte aber auch bei den Sakyapas studiert und hatte vom 4. Karmapa die Mönchsordination bekommen. Da das erste von ihm gegründete Kloster Ganden hieß, wurde seine Schule zuerst die "Gandenpas" genannt. Später nannte sie sich Gelugpa, die "Tugendhaften". Eine andere Interpretation ihres Namens ist laut Khenpo Chödrak "Ga‑lug", was sich dann auch auf das Kloster Ganden bezieht.

Wenn man heute den Ausdruck "Neue Kadampa" hört, bezieht er sich allerdings nicht auf die ursprüngliche Gelugpa‑Schule, sondern auf eine Organisation, die sich vor einiger Zeit von der Gelugpa‑Linie des Dalai Lama abgespalten hat.

Obwohl die Gelugpa‑Schule durchaus eine Vielzahl von Diamantwegs‑Übertragungen hat, sind nicht alle dazugehörigen Erklärungen mit übertragen worden. Einmal liegt es daran, dass sich die Gelug‑Schule nicht auf indische Meister stützt, sondern nur auf tibetische, weiterhin betont sie das zweite Drehen des Dharmarades über die höchste Weisheit, was für die Philosophie sehr gut ist, nicht aber für die Diamantweg‑Praxis. Dort ist das dritte Drehen über die Buddha‑Natur mit ihren Qualitäten geeigneter.

Der Stil der Gelugpa‑Schule ist eher Mahayana ‑ tugendhaftes Verhalten und Studium stehen hier im Vordergrund. So wie das Maha Ati der Nyingmapas gut für Zorntypen ist und das Mahamudra der Kagyüs gut fur Begierde‑Menschen, zieht das Madhyamaka der Gelugpas Verwirrungs-­Menschen an. Dieser Weg ist jedoch kein ganzheitlicher, sondern eher intellektuell, weswegen er nicht Erleuchtung in einem einzigen Leben ermöglicht. In den Praxis‑Linien wird das Madhyamaka auch verwendet, allerdings eher als philosophische Grundlage für Diamantweg, Maha Ati und Mahamudra.

Traditionell fingen im alten Tibet die Gelugpas nach 21 Jahren Studium mit der eigentlichen Meditation an ‑ ein Ansatz, der sicherstellt, dass der Meditierende dann wirklich weiß, was er tut. Alter, Krankheit, Tod und andere schlechte Umstände können einen allerdings jederzeit der Bedingungen für Praxis berauben ‑ und letztendlich kann nur die Meditation wirklich befreien. Deswegen sagen die Lamas der Praxis‑Linien, dass man besser beraten ist, wenn man direkt zu meditieren anfängt und sich das nötige Wissen parallel dazu nach und nach aneignet.

Ein Schüler von Tsongkhapa wurde im Laufe der Zeit in der Schule sehr einflussreich und war auch bei den Mongolen sehr beliebt. Sie verliehen ihm den Titel ,,Dalai Lama" und verhalfen seiner 5. Wiedergeburt Mitte des 17. Jahrhunderts gewaltsam zur Macht über ganz Tibet. Seitdem waren die Dalai Lamas bzw. ihre jeweiligen Regenten Könige über Tibet und die Gelugpa‑Schule wurde zur "Staatskirche" Tibets, was mit erheblicher Unterdrückung anderer Schulen einherging. Eine Schule, die Jonangpa, wurde sogar unter dem Vorwand fast vernichtet, dass ihre sehr tiefgründigen und oft unverstandenen Belehrungen Irrlehren seien. Das eigentliche Oberhaupt der Gelugpa‑Schule ist jedoch nicht der Dalai Lama, sondern es wird unter den älteren Lamas der Schule ausgewählt und ist immer zugleich Thronhalter des Klosters Ganden ‑ daher der Name "Ganden Thrichen Rinpoche".

 

SAKYAPA

Die für ihre Gelehrsamkeit berühmte Sakya‑Schule wurde von Khon Konchog Gyalpo im 11. Jahrhundert gegründet. Seine Familie gehörte zuvor der Nyingma‑Schule an, aber Konchog Gyalpo beschloss, den Tantras der neuen Übersetzungswelle zu folgen und gründete ein Kloster in einer Gegend mit grauer Erde, was der Schule ihren Namen gab ‑ Sakya bedeutet "Graue Erde".

Das Lamdre, die Lehre der Sakyapas, geht zurück auf den indischen Mahasiddha Virupa. Seine Hauptschüler waren Domhipa und Krishnapa. Letzterem übertrug er die Essenz aller Lehren Buddhas als Kernunterweisungen, die er ,,Vajra‑Worte" nannte. Diese Lehren bilden die Grundlage des Lamdre der Sakyapas.

Sie wurden erst von Krishnapa über vier andere Meister an Gayadhara weitergeben. Gayadhara besuchte mehrmals Tibet und übertrug die Lehren dort an Drogmi Lotsawa. Dieser gab zwar tantrische Übertragungen an Konchog Gyalpo, die eigentlichen Kernunterweisungen der "Vajra-Worte" jedoch an Seton Kunrik. Dieser übertrug sie an Zhangton Chobar und dieser wiederum an den Sohn von Konchog Gyalpo, den berühmten Sachen Kunga Nyingpo. Kunga Nyingpo erhielt die Lehren mit der Auflage, sie 18 Jahre lang geheim zu halten und auch nicht aufzuschreiben. In dieser Zeit bekam er die Übertragung sogar noch einmal durch eine direkte Vision von Virupa. Nach den 18 Jahren begann Sachen Kunga Nyingpo dann, diese Lehren weiterzugeben. Sie wurden als das "Lamdre" berühmt und über viele Generationen innerhalb der Khon-Familie übertragen.

Lamdre bedeutet "Weg und Frucht" und ist ein stufenweiser Weg zur vollen Erleuchtung, der Aspekte des Sutra und des Tantra kombiniert. Er besteht aus zwei Teilen, einem vorbereitenden und dem Hauptteil. Bei dem vorbereitenden, Sutra‑orientierten Teil spricht man von den "Drei Visionen":

Die "Unreine Vision" ‑ hier werden grundlegende Erklärungen über das leidvolle Erleben in der bedingten Existenz gegeben sowie über Vergänglichkeit, den Kostbaren Menschenkörper, Karma usw. Es geht um Abwendung von Samsara.

Die "Vision der Erfahrung" ‑ hier geht es um den Weg des Praktizierenden, wobei die Entwicklung des Erleuchtungsgeistes usw. erklärt wird.

Die "Reine Vision" ‑ hier geht es um die Frucht der Praxis, also Erklärungen über den Buddhazustand.

Der Hauptteil des Lamdre ist das "Dreifache Tantra", die tantrischen Lehren, die in der Sakya‑Schule vor allem auf dem Buddhaaspekt "Oh Diamant" (tib.: Kye Dorje, skt.: Hevajra) beruhen. Bis heute gelten die Sakyapas als Experten für dieses Tantra. Die besondere Sicht, die der Praxis hier zu Grunde liegt, wird "Nicht‑Unterscheidbarkeit von Samsara und Nirvana" genannt.

Seit dem 14. Jahrhundert gibt es eine Aufteilung der Lehren in "Tsogshe" und "Lohshe" ‑ ersteres wird allgemein und Öffentlich gelehrt, das zweite nur in kleinem Rahmen an besonders fähige Schüler.

Bei den Sakyapas wird sehr auf die Qualität der Übertragungen geachtet. Bei Einweihungen, die für die Praxis - statt nur als Segen ‑ gegeben werden, sind deswegen normalerweise nie mehr als 25 Schüler zugelassen. Dazu gibt es strenge Verpflichtungen, die jeweilige Praxis auch regelmäßig zu üben.

Im Laufe ihrer Geschichte haben die Sakyapas viele große Gelehrte hervorgebracht. Der berühmteste unter ihnen war Sakya Pandita. Im 13. Jahrhundert wurde er der Lehrer des mongolischen Khans. Infolge dieser Verbindung wurde dann sein Neffe Phagpa von Kublai Khan zum ersten "Lama‑König" Tibets gemacht und die Sakyapas regierten Tibet für ungefähr 100 Jahre.

Zwischen der Kagyü‑ und der Sakya‑Linie gab es über die Jahrhunderte viel Austausch und Zusammenarbeit:
In Zeiten der politischen und inneren Schwierigkeiten halfen Sakya‑Lamas wie zum Beispiel im 19. Jahrhundert Jamyang Loter Wangpo, die Tantras der Kagyü-Linie zu bewahren.

Auf die Schriften Sakya Panditas stützen sich manchmal auch die Kagyü, zum Beispiel beim Studium der buddhistischen Lehre des Erkennens (tib.: Tsema) im Karmapa International Buddhist Institute in Neu Delhi und dessen Sommerschule in Dhagpo Kagyü Ling. Der 17. Karmapa Thaye Dorje erhielt in den letzten Jahren wichtige Übertragungen von großen Sakya-­Meistern wie Chogye Trichen Rinpoche und Ludhing Kenchen Rinpoche. Diese beiden sind die Oberhäupter der beiden Unterschulen der Sakya: Ludhing Kenchen Rinpoche leitet die Ngorpa‑Sakya‑Schule, die im 15. Jahrhundert entstand. Chogye Trichen Rinpoche leitet die Tsharpa‑Sakya‑Schule aus dem 16. Jahrhundert.

Seit ihrer Gründung wird die Führung der Sakya‑Linie innerhalb der Khon‑Familie übertragen. Das heutige Oberhaupt, Sakya Trinzin Rinpoche, lebt in Indien. Im Westen ist die Sakya‑Schule nicht in dem Maße wie die anderen Schulen gewachsen, ihr größtes westliches Zentrum ist in Seattle/USA.

 

JONANGPA-SCHULE

Diese schon mehrfach erwähnte Schule geht auf Yumowa Mikyö Dorje zurück. Er war im 12/13. Jahrhundert ein großer Meister des "Rad der Zeit"‑Tantra (tib. Dükhor, skt.: Kalachakra). Seine Lehren wurden über mehrere Generationen erst in seiner Familie und dann über andere Meister weitergegeben, bis Thugje Tsöndru ein Kloster in Jomonang erbaute. Von hier stammt der Name Jonang.

Der berühmteste Meister der Jonangpas war Dolpopa Sherab Gyaltsen, der im 14. Jahrhundert die besonderen Lehren der Jonangpas, das Shentong, zum ersten Mal schriftlich ausformulierte. Seit Yumowa Mikyü Dorje wurden sie nur in versteckter Form gelehrt. Aber schon im alten Indien waren diese Lehren das Herz der Siddha-Tradition und ihrer Dohas, der berühmten Lehrgesänge.

Die besonderen Praktiken der Jonangpas werden "Vajra-Yoga" (tib.: Dorje Naljor) genannt und beziehen sich auf die Kalachakra‑Praxis, für die die Jonangpas als Experten galten. Laut Lödro Thaye kamen ihre Übertragungen auf 17 verschiedenen Wegen von Indien nach Tibet und wurden allesamt von Thugje Tsündru gesammelt und gehalten. Die besonderen Belehrungen der Jonangpas zur Vollendungsphase des Kalachakra heißen "Jor Druk" ("Sechs Zweige der Verbindung"), sie führen den Praktizierenden über sechs Stufen zur Erleuchtung.

In den cirka 300 Jahren, die diese Schule in Tibet blühte, erfuhr sie großes Ansehen und Einfluss ‑ aber auch heftige Anfeindung aus Gelugpa‑Kreisen. Als die Gelugpas im 7. Jahrhundert mit dem 5. Dalai Lama die Macht in Tibet übernahmen, wurden die Klöster der Jonangpas zwangsweise zu Gelugpa‑Klöstern gemacht und ihre Lehren als "häretisch" verboten. Ihre Schriften durften nicht mehr gedruckt werden und wurden etwa 200 Jahre unter Verschluss gehalten. Taranatha, der letzte Jonangpa‑Linienhalter und ironischerweise ein Onkel des 5. Dalai Lama, wurde verleumdet und verfolgt.

Die Lehren der Jonangpas gingen jedoch mit dem fast vollständigen Untergang als eigenständige Linie nicht verloren, sondern lebten in den Praxis‑Schulen weiter, oft in enger Verbindung mit den Shangpa‑Kagyü‑Lehren. Jamgön Kongtrul Lodrö Thayes Aktivität im 19. Jahrhundert ist auch der Erhalt und die Wiederbelebung der Jonangpa‑Lehren zu verdanken.

Kalu Rinpoche hielt diese Linie und gab in Ost und West mehrmals die Ermächtigung der besonderen Jonangpa‑Kalachakra‑Übertragung.

Die gängige Lesart in der heutigen Literatur ist, dass die Jonangpa‑Schule vollständig verschwunden ist. In einer entlegenen Gegend Tibets ‑ Dzamthang in Süd‑Amdo ‑ hat sie jedoch überlebt. Diese liegt so weit entfernt von der Zentralgewalt in Lhasa, dass die Jonangpas sich hier über Jahrhunderte der Verfolgung durch die Gelugpas widersetzen konnten. Heute gibt es hier ca. 4000 bis 5000 Mönche, verteilt über 40 Klöster in Süd‑Amdo und Nord‑Gyarong.

Was ist der Hintergrund der Kritik der Gelugpas an dieser Schule? Sie betrifft eigentlich nicht nur die Jonangpas, sondern die Sicht aller Praxisschulen:

Die höchste der vier philosophischen Schulen des Buddhismus ist das Madhyamaka, der "Große Mittlere Weg". Ein Teil des Madhyamaka, das Rangtong, bezieht sich auf den zweiten Lehrzyklus von Buddha Shakyamuni. Hier wird erklärt, inwiefern sowohl das Erlebte als auch der Erleber keine wirkliche Existenz haben. ,,Rang Tong" heißt deswegen "leer von einem Selbst", einem wirklichen Wesenskern. Die Gelugpas stützen sich vor allem auf die Prasangika‑Unterschule des Rangtong, in der man lernt, alle falschen Anschauungen anderer zu widerlegen ohne selbst Aussagen über die relative Wirklichkeit zu machen. Diese Sicht ist hervorragend für Gelehrte, die nicht‑buddhistische Anschauungen und fehlerhafte Anschauungen von Buddhisten widerlegen lernen wollen. Für einen Verwirklicher reicht sie jedoch nicht aus, er arbeitet auch mit der anderen Unterschule des Madhyamaka, dem "Shentong": Beim dritten Lehrzyklus hat Buddha Shakyamuni erklärt, dass die Raum‑Natur des Geistes nicht einfach nur leer ist, so wie ein Vakuum, sondern alle Qualitäten der Buddhaschaft als Potenzial enthält ‑ die Buddha‑Natur. Diese Sicht ist wichtig für Verwirklicher, die mit Diamantweg, Mahamudra, Maha Ati usw. arbeiten, und so stützen sich die Praxis‑Linien des tibetischen Buddhismus darauf. Dargelegt wird diese Sicht beispielsweise im dem berühmten Text "Gyü Lama" von Maitreya und Asanga, dem maßgeblichen Text zur Buddha-Natur bei den Kagyüpas.

Dolpopa formulierte diese Sicht zum ersten Mal unter dem Namen Shentong aus. "Shentong" heißt "Leer von anderem", was bedeutet: Die Buddha‑Natur ist leer von den sie verdeckenden, oberflächlichen Schleiern ‑ diese sind etwas "anderes", sie sind nicht Teil der Buddha‑Natur. Die Buddha‑Natur ist von jeher rein und perfekt, die Schleier sind nur oberflächlich. Wirklich verstanden werden kann Shentong aber erst mit Hilfe von direkten mündlichen Erklärungen des eigenen Lamas und durch Segen. Ohne dies läuft man Gefahr, sie misszuverstehen.

Die Praxis‑Linien sehen diese Sicht des dritten Lehrzyklus als die höchste von Buddha gelehrte Philosophie. Viele Gelugpas jedoch interpretierten sie anders: Für die Menschen, welche die im zweiten Lehrzyklus dargelegte Leerheit nicht verstanden haben, sei Buddha beim dritten Lehrzyklus wieder einen Schritt zurückgegangen und habe eine niedrigere Sicht gelehrt. Dass dem Geist die Qualitäten der Buddhaschaft als Potenzial innewohnen, ist in ihren Augen nicht die höchste Lehre Buddhas. Die höchste Sicht aus ihrer Perspektive ist: Alles ist leer.

Im alten Tibet gab es große Debatten über Rangtong und Shentong, und einige Gelehrte sahen sie als sehr verschieden an. Der 8. Karmapa sagte jedoch, dass der Unterschied nur in der Annäherung an das Thema liege. Beide zielen auf das Verständnis der Lehren über die höchste Weisheit (skt.: Prajnaparamita). Oft haben die verschiedenen Karmapas sogar beide Schulen vertreten. Sie haben Kommentare aus der Rangtong‑Sicht und aus der Shentong‑Sicht geschrieben, je nachdem, ob es mehr um die grundlegende Philosophie oder um die Anwendung in der Praxis ging.

Große Verwirklicher sagten, dass sie Rangtong als theoretische Grundlage ihrer Praxis und Shentong als die Umsetzung in die Meditationspraxis empfunden haben. Beide seien notwendig und sollten in Ergänzung zueinander gesehen werden. So sagte Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye, dass Rangtong wichtig sei, wenn man sich intellektuell Gewissheit verschaffen wolle, und Shentong für die Zeit der Meditation.

In der Kagyü‑Linie wurde die Shentong‑Sicht insbesonders durch den dritten Karmapa Rangjung Dorje fest etabliert, er war ein Zeitgenosse von Dolpopa.

 

SHIJE UND TSCHÖ

Shije bedeutet "Befrieden von Leiden" und Tschö bedeutet "Abschneiden". Diese beiden Lehren wurden von dem indischen Verwirklicher Padampa Sangye im 11. Jahrhundert aus Indien nach Tibet gebracht. Sie hängen sehr eng miteinander zusammen und werden meist als eine einzige Übertragung gesehen. Von Padampa Sangye sind vor allem seine "100 Ratschläge an das Volk von Tingri" überliefert und in westliche Sprachen übersetzt. Das Shije beruht auf den Lehren zur Praxis der Höchsten Weisheit (skt. Prajnaparamita), und die Praxis des Tschö wird oft als "Prajnaparamita mit Diamantweg‑Methoden" beschrieben.

Tschö wurde in Tibet durch die große Verwirklicherin Machik Labdrön berühmt, die bis heute Quelle der Inspiration für diese Praxis ist. Sie empfing das Tschö von ihren beiden Hauptlehrern Kyotön Sönam und dessen Lehrer Padampa Sangye. Man spricht vom "Männlichen Tschö" als ihrer Übertragung von Kyotön Sönam und vom "Weiblichen Tschö" als der Praxis, die sie beruhend auf den Belehrungen ihrer beiden Lehrer aus ihrer eigenen Verwirklichung heraus entwickelte.

Machik Labdrön hatte viele Töchter und Söhne, die zu Linienhaltern dieser Praxis wurden, und so entwickelten sich viele Arten des Tschö. Obwohl sie und ihre Nachkommen keine großen Institutionen bauten, verbreitete sich das Tschö in den alten Praxis‑Schulen im ganzen Himalaya‑Gebiet. In der Kagyü‑Schule galt die im Kloster Surmang in Ost‑Tibet gepflegte Tradition des Tschö als besonders hervorragend.

Das Tschö bietet viel Stoff für gute Geschichten: Man hört von Verwirklichern, die nachts auf Leichenstätten meditieren, dabei Ritual‑Instrumente aus Menschenknochen verwenden, Dämonen herbeirufen und diesen dann den eigenen Körper als Nahrung schenken...

Tatsächlich übt man sich in bestimmten Phasen der Praxis darin, unter Furcht erregenden Umständen, wie zum Beispiel nachts auf einer Leichenstätte, zu praktizieren.

Man verwendet die Knochen‑Instrumente, um sich immer wieder der Vergänglichkeit des eigenen Körpers bewusst zu werden. Und man verschenkt in Meditation tatsächlich den eigenen Körper an verschiedene Gäste: an die Buddhas, allgemeine Wesen und auch Geister, bei denen man karmische Schulden hat.

Es heißt, zuerst vergegenwärtigt man nur, dass die eingeladenen Geister kommen und den Körper als Geschenk nehmen ‑ dadurch übt man Großzügigkeit. Wenn man dann ein richtig guter Praktizierender ist, kommen sie irgendwann wirklich. Lama Ole Nydahl: "Wer dem standhalten kann, wird später über vieles lachen, wovor sich andere fürchten."

Machik Labdrön erklärte, was das richtige Verständnis der Tschö‑Praxis ist: Der schlimmste "Dämon" ist unser Haften an der Ego‑Illusion, dadurch entstehen letztendlich alle Leiden. Diese Anhaftung abzuschneiden ist das Ziel des Tschö, daher der Name "Abschneiden".

Milarepa sagte dazu: "Halte einen Dämon für einen Dämon, und er wird dir schaden. Wisse, dass er nur in deinem Geist ist, und du bist von ihm befreit. Erkenne seine Leerheit, und du hast ihn zunichte gemacht."

 

URGYEN NYENDRUB

Die "Intensive Praxis von Urgyenpa", manchmal auch "Intensive Praxis der Drei Dorjes" genannt, geht auf den großen Verwirklicher Urgyen Rinchen Pal zurück, einen Linienhalter der Karma Kagyü. Er praktizierte erst in der Drukpa‑Kagyü‑Schule und war ein Schüler von Gotsang Gönpo Dorje. Später wurde er ein Schüler des 2. Karmapa Karma Pakshi und schließlich sogar dessen Linienhalter.

Urgyenpa unternahm eine Reise nach Urgyen (heutiges Grenzgebiet Afghanistan/Pakistan), wo damals der Buddhismus blühte. Unterwegs wurde er von den Dakinis der vier Himmelsrichtungen gesegnet, und hatte schließlich in Urgyen eine direkte Begegnung mit "Roter Weisheit" (tib.: Dorje Phagmo). Sie zeigte sich ihm zuerst in Form einer Prostituierten und verwendete Essen, Getränke und körperliche Freuden als geschickte Mittel, um die Blockaden in seinen inneren Kanälen zu lösen. So wurde er offen für ihre besonderen Übertragungen.

Diese Lehren gelten als so wichtig, dass sie von Gelehrten wie Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye als eigene Übertragung gesehen werden, wenn auch keine eigenständige institutionalisierte Schule daraus entstanden ist. Die Lehren Urgyenpas wurden von seinem Schüler, dem 3. Karmapa Rangjung Dorje, in das Lehrsystem der Karma‑Kagyü‑Schule integriert.

 

RIME

Das Rime ist keine eigene Schule, sondern eine Bewegung, die einige der größten tibetischen Meditationsmeister des 19. Jahrhunderts ins Leben riefen. Ihr Ziel war, die Gleichwertigkeit der verschiedenen buddhistischen Schulen zu zeigen, indem sie Belehrungen und Übertragungen all dieser Schulen sammelten, studierten und lehrten. Sektierertum und Streitereien hatten zu der Zeit in Tibet große Ausmaße angenommen, und es bestand die Gefahr, dass Teile von Buddhas Lehren verloren gehen würden. „Ri me" bedeutet "nicht parteilich" oder "nicht sektiererhaft".

Hauptinitiator des Rime war Jamyang Khyentse Wangpo, ein Sakya‑Meister und einer der fünf wichtigsten Tertöns. Durch ihn inspiriert, wurde Jamgön Kongtrul Lödro Thaye der zweitwichtigste Meister dieser Bewegung. Andere bekannte Lamas des Rime waren unter anderem Chokling Rinpoche, Patrul Rinpoche und Mipham Jamyang Gyatso. Auch Shabkar Rinpoches Sicht entsprach dem Rime.

Der Produktivste unter diesen allen war Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye. Er hatte persönlich im Kloster Palpung in Derge einige unangenehme Erlebnisse mit Sektierertum gehabt und fühlte sich davon sehr gestört.

Im Laufe seines Lebens sammelte er in ganz Tibet eine riesige Menge an Übertragungen aus allen Schulen, systematisierte sie und fasste sie in fünf Werken zusammen, die Khyentse Wangpo "Die Fünf Schätze" nannte:

Kagyü Ngagdzö ("Schatz der Kagyü‑Mantras") ‑ eine Sammlung wichtiger Tantras der Kagyü-­Linie, größtenteils von Marpa von Indien nach Tibet gebracht

Dam Ngagdzö ("Schatz der Kern‑Unterweisungen") - Übertragungen aus allen acht Praxislinien

Rinchen Terdzö ("Schatz der kostbaren versteckten Lehren") ‑ gesammelte Termas der Nyingmapas

Gyachen Kadzö ("Schatz der Rede") ‑Jamgön Kongtrul Lodrö Thayes eigene Werke

Sheja Künkhyab Dzö ("Schatz des alles durchdringenden zu Wissenden") ‑ eine Art buddhistischer Enzyklopädie, die eine Unmenge von Themen umfasst und von der einzelne Teile, wie auch aus dem Gyachen Kadzö, schon in westliche Sprachen übersetzt wurden und als Bücher erhältlich sind.

Im Westen gibt es über das Rime einige Missverständnisse, da sich besonders spirituelle "Gutmenschen" angezogen fühlen vom Flair des Wortes "Nicht‑Sektierertum". Sie missinterpretieren Rime gerne in der Weise, dass man keiner bestimmten buddhistischen Schule folgen, sondern einfach alle Belehrungen und Meditationen nach eigenem Geschmack mischen kann. Mit Verweis auf das Rime kritisieren sie auch gerne Lamas, die ihre Schüler vor Verwirrung durch Mischen von verschiedenen Wegen schützen wollen. Sie gelten in ihren Augen als "Sektierer".

Die Rime‑Idee ist im Westen nicht nur missverstanden, sondern auch missbraucht worden. In den 70er und 80er Jahren kamen einige Gelugpa‑Lamas in Kagyü‑Zentren und "überzeugten" die Leute davon, dass ein Rime‑Zentrum doch viel edler sei als ein Kagyü-Zentrum. Unter ihrer Leitung waren die jeweiligen Zentren dann aber innerhalb kürzester Zeit Gelugpa‑Zentren geworden.

Was ist mit Rime wirklich gemeint?

Der dritte Jamgön Kongtrul erklärte dazu in einem Vortrag: "Dem Rime zu folgen, bedeutet dass man sich mit Hingabe dem eigenen gewählten Weg widmet. Zugleich betrachtet man andere gültige Wege mit Respekt und Toleranz." Interessant ist hier der Verweis auf "gültige Wege" ‑ es ist nun mal nicht alles das Gleiche. Es gibt "gültige" Lehren, die den Wesen helfen und zur Befreiung führen ‑ und andere, die den Wesen sogar schaden. Zu der Fehlinterpretation des Rime sagte Kalu Rinpoche, dass man verschiedene geistige Wege genauso wenig wahllos miteinander vermischen könne wie verschiedene Getränke nicht mischbar seien. Milch, Wein, Saft usw. erfüllen einzeln ihren Zweck, vermischt werden sie jedoch ungenießbar.

Es dauert eine ganze Weile, bis man einen guten Einblick in die Lehren und Praktiken von nur einer einzigen Schule gewonnen hat. Für einen Anfänger ‑ und das ist man für sehr viele Jahre ‑ auf dem buddhistischen Weg, ist es ratsam, erst einmal die Meditationen und Belehrungen derjenigen Schule zu verwenden, bei der man sich am besten aufgehoben und wohl fühlt. Wenn man später fähig ist, den Stellenwert von Belehrungen, die vielleicht für einen anderen Menschentyp gegeben wurden, richtig einzuschätzen, kann es sehr interessant sein, auch andere Lehren zu studieren. Lama Ole Nydahl: "Lieber nur über eine Sache verwirrt sein als über viele."

Viele der großen Meister hielten Übertragungen vieler verschiedener Schulen und waren in der Lage, jedem Schüler genau die Methoden zu geben, die er benötigte. Sie haben aber nie ihre eigene Linie, ihre geistige Heimat, gering geschätzt oder verleugnet. Und sie wurden zu Meistern, indem sie selbst erst einmal einem klaren Weg gefolgt waren.

Ringu Tulku, der über das Rime eine Doktorarbeit schrieb, sagt: "Bei Rime geht es nicht darum, verschiedene Schulen und Linien zu vermischen, indem man ihre Ähnlichkeiten betont. Es geht grundsätzlich darum, ihre Unterschiede anzuerkennen und die Wichtigkeit dieser Vielfalt zum Nutzen von Praktizierenden mit unterschiedlichen Bedürfnissen wertzuschätzen.

Die Rime‑Lehrer haben deswegen sehr darauf geachtet, dass die Lehren und Praktiken der verschiedenen Schulen und Linien und ihr jeweils eigener Stil nicht durcheinander gebracht wurden. Den ursprünglichen Stil und die Methoden jeder Lehrtradition zu erhalten, bewahrt die Kraft der Erfahrung dieser Linie. Kongtrul und Khyentse strengten sich sehr an, um den Original‑Geschmack jeder Lehre zu erhalten ‑ und sie zugleich vielen Menschen verfügbar zu machen."


Detlev Göbel
Jahrgang 1960, seit 1984 Schüler von Lama Ole Nydahl.
Reiselehrer seit 1992, Redakteur der "Buddhismus Heute".

Dank für Rat und Mithilfe an Manfred Seegers

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