Aus: Buddhismus Heute Nr. 39, ( 2005)

Die Emotionen verstehen lernen

Von Jigme Rinpoche

Indem wir ein Verständnis der Emotionen in uns selbst und in anderen Menschen entwickeln, wird alles einfacher werden ‑ unser Verhältnis zu anderen Menschen, zu unseren Lehrern und zu den Belehrungen. Hierbei geht es nicht darum die Emotionen abzuschneiden oder weiter zu entwickeln, sondern sie einfach nur zu verstehen. Ohne dieses Verständnis wird alles immer komplizierter, denn wir beurteilen ständig uns selbst und die anderen. Aus diesem Grunde wird in den Lehren Buddhas immer wieder betont, wie wichtig es ist, auf den eigenen Geist zu schauen. Alle Meditationsanweisungen kommen immer wieder auf diesen Punkt. Wenn wir wirklich unseren Geist verstehen, dann sehen wir die Dinge, wie sie sind. Im Moment sind zum Beispiel Zahnschmerzen für uns sehr real. Wenn wir aber die wahre Natur des Geistes sehen, erkennen wir Schmerz als eine Illusion. Das ist ein wichtiger Punkt.

Es gibt viele Ideen über Emotionen. Man kann leicht darüber reden, aber sie fühlen sich durch die vielen Konzepte, die man über sie entwickelt hat, recht schwer an. Wir versuchen die ganze Zeit unsere guten Gefühle festzuhalten und die schlechten loszuwerden. Das ist ganz normal und es ist nichts falsch daran. Das Problem ist nur: man kann die negativen Gedanken nicht davonjagen, denn sie sind unser eigener Geist.

Was können wir also tun? Jeder von uns hat Erfahrungen mit negativen Emotionen wie Zorn, Eifersucht und so weiter. Wir denken immer, wir wären glücklich, sobald wir sie alle losgeworden sind, aber so geht das nicht. Wir müssen die Ursache all dieser negativen Emotionen anschauen. Was ist der Grund für Zorn, Eifersucht, Anhaftung, Stolz, für all die Erwartungen? Die Emotionen sind unser eigener Geist und die einzige Lösung ist deswegen die wahre Natur des Geistes zu erkennen. Dann sehen wir, wie sinnlos die Störgefühle sind und sie lösen sich von selbst auf. Dieser Prozess ist natürlich nicht so einfach und er dauert einige Zeit.

Dies sollte uns aber nicht entmutigen. Die Belehrungen sagen uns, wir sollten uns über jede Situation mit all ihren mit ihr zusammenhängenden Bedingungen bewusst sein. Aus diesem Grunde schauen wir immer auf den Geist, wie er sich gerade ausrichtet. Wir werden sehen, dass immer dann, wenn unsere Begierden und Erwartungen nicht erfüllt werden, unsere Störgefühle hochkommen. Das geschieht die ganze Zeit, wir können diese grundlegende Bedingung in uns selbst und hei anderen beobachten. Es ist dabei sehr wichtig einfach nur zu schauen, ohne etwas bekämpfen zu wollen. Das ist der erste Schritt um mit den Emotionen zu arbeiten.

Die allgemeine Grundlage für die Emotionen ist ein aufgewühlter Geist ohne Frieden. Wir sind an diese emotionalen Vorgänge so sehr gewohnt, dass es uns schwer fällt, uns davon zu lösen und sie nur anzuschauen. Aber tatsächlich ist unser Geist immer dann, wenn er sich infolge von Zorn, Trauer, einer leichten Depression usw. nicht recht wohl fühlt, gutes Material für die Praxis. Das bedeutet, dass wir diese Umstände sofort benützen können um die Gültigkeit der Lehren zu bestätigen. Anstatt nur in den Konzepten und Worten der Belehrungen gefangen zu sein, versuchen wir ihre tatsächliche Bedeutung im eigenen Geist spontan zu erfahren.

Am Anfang ist es für uns einfacher mit den leichten Störgefühlen zu arbeiten. Wenn wir zum Beispiel ein wenig unglücklich sind, versuchen wir zu sehen, wie unser Geist mit dieser Emotion zusammenhängt.

Wir versuchen immer deutlicher zu erkennen:

Was ist der Grund für das Unglücklich‑Sein ‑ ist es Stolz, Anhaftung, Unwissenheit oder Hass?

Aufgrund unserer Gewohnheitstendenzen suchen wir sonst immer nach Ausflüchten. Hier aber ist es wichtig, völlig ehrlich zu werden, statt nur leichthin zu sagen, dass man aus diesem oder jenem Grund unglücklich ist. Wenn wir ganz ehrlich sind und uns wirklich bemühen die Wahrheit zu sehen, werden wir Einsicht gewinnen. Es geht uns um die Wahrheit ohne Ausflüchte und Kompromisse, die wahre Situation unseres Geistes. Unser Geist neigt dazu, der Wahrheit aus dem Weg zu gehen, so dass es nicht ganz so leicht ist in einer Situation völlig geradlinig zu bleiben und sie direkt anzuschauen ohne etwas hinzuzufügen. Wir neigen dazu ständig nach etwas Wichtigem zu schauen, es gibt immer die Begierde etwas zu erreichen. Es ist etwas ganz Neues für uns ohne Bedingungen einfach nur zu schauen. Wir müssen erst lernen, wie man schaut ohne dabei etwas wegdrängen oder erreichen zu wollen, keine Erwartungen zu haben und nichts verbessern zu wollen.

Nehmen wir mal das Beispiel, wir gehen spazieren und fallen hin. Wir schauen uns an, warum wir hingefallen sind: Liegt es an unseren Schuhen, der Straße oder der Art, wie wir gegangen sind? Man schaut das ohne irgendeine Einstellung oder vorgefasste Meinung an, einfach nur schauen und es dabei belassen. In ähnlicher Weise gehen wir mit den Störungen in unserem Geist um. Der Punkt hier ist, nicht eine Problemlosung zu versuchen sondern zu sehen, welche Bedingungen in unserem Geist überhaupt das Problem entstehen ließen. Wir werden eine klare Antwort bekommen, sie kommt von selbst. Zuerst ist es recht schwierig für uns, wenn wir aber weiter versuchen so wie beschrieben zu schauen, kann schließlich alles klarer für uns werden.

Ganz allmählich werden wir eine Sicherheit entwickeln ein sehr klares Verständnis, wodurch wir dann mit uns arbeiten können. Es klingt ziemlich einfach, aber wenn man es tatsächlich versucht, kann es recht verwirrend sein. Wir sind hier in unserer menschlichen Erfahrungswelt unseren emotionalen Zuständen und Bedingungen unterworfen und müssen mit ihnen arbeiten, indem wir die Übungen anwenden und den Anweisungen folgen.

Die Belehrungen sprechen von der wahren Natur des Geistes und aller Dinge. Man kann ein intellektuelles Verständnis davon entwickeln, aber die Wahrheit unseres Geistes und aller Bedingungen muss selbst erfahren werden. Wir müssen sie selbst sehen und erkennen ‑ aber nicht weil jemand uns das vorschreibt, das wäre naiv.

Nehmen wir das Beispiel unserer gesamten Situation hier in der bedingten Welt, wo es Glück und Leid gibt. Wir suchen in verschiedenen Weisen nach Glück und nehmen uns zugleich die Zeit für unsere Übungen, wo wir versuchen einen ruhigen und klaren Geist zu entwickeln. Wenn wir klar sehen können, was wir tun, dann werden wir nicht nur völlig eins sein mit unserem Handeln, auch unser Geist wird sich völlig klar darüber sein, was wir gerade tun. So beobachten wir uns während wir praktizieren, arbeiten, in schwierigen Zeiten, in freudvollen Zeiten, die ganze Zeit. Wir versuchen in gewisser Weise unsere eigene Natur von den normalen Lebensfunktionen loszulösen. Loslösen ist in dem Sinne gemeint, dass wir fähig werden auch in Momenten größter Freude oder tiefster Trauer auf unseren Geist zu schauen, als würden wir einen Film anschauen. Dann werden wir vielleicht sehen, dass die Dinge nicht so ernst zu nehmen sind. Auch wenn wir traurig sind, verstehen wir, dass es in Ordnung ist. Das mag vielleicht komisch klingen, aber es ist ein wichtiger Punkt. Im Moment mag es noch sehr schwer zu verstehen sein, nichtsdestotrotz behalten wir es als wichtige Information für die Zukunft.

Beim Versuch die wahre Natur von etwas zu erkennen, werden wir vielleicht verwirrt und suchen dann eine Erklärung durch die Belehrungen. Normalerweise werden wir von etwas verwirrt, das von uns getrennt ist und versuchen zu verstehen, wie das funktioniert. Aber hier wollen wir es einfach nut anschauen, so wie es ist.

Wir halten uns selbst im Allgemeinen für sehr wichtig, was zu unseren individuellen Lebenssituationen führt. Wenn wir zum Beispiel einen Arm gebrochen haben, ist das sehr schmerzvoll, weil wir uns mit dem Arm identifizieren. Wenn wir den Arm als getrennt von unserem Geist sehen könnten, wäre der Schmerz nur eine Illusion und wir könnten es dabei belassen. Aber wenn wir uns gerade jetzt sagen würden, dass der Schmerz nur eine Illusion sei, dann könnten wir es gar nicht dabei belassen, sondern müssten uns um die Verletzung kümmern. Es geht also darum, sozusagen Geist und Arm zu trennen. Wenn unser Geist sich nur ein bisschen weniger nut dem Arm identifiziert, dann ist auch das Leiden weniger. Man weiß dann, dass der Arm gebrochen ist, man kennt die Ursache und alle Bedingungen. Der Geist ist klarer und der Schmerz wird anders erfahren. Auch unser Verständnis des Geistes ist dann anders. Ohne dieses Verständnis hängen Geist und Schmerz eng zusammen und es gibt viel Leid und Verwirrung.

Es gibt also zwei Wege um das gleiche Geschehen zu betrachten. Der gebrochene Arm ist nur ein Beispiel, es geht um alle äußeren Phänomene und unsere inneren Reaktionen, Gefühle usw. ‑ wie wir sie zu uns und unserem Geist in Verbindung setzen.

Wir sollten versuchen, etwas Abstand zu schaffen zwischen dem Erleber und dem, was erlebt wird. Es geht dabei nicht um eine "Alles egal"‑Einstellung, denn solange wir hier in Samsara sind, müssen wir sehr sorgsam sein mit allem was wir tun. Zugleich versuchen wir zu sehen, wo wir sind, wie wir in die Sachen verwickelt sind, was für Gefühle wir haben, was ihre Ursachen sind. Ganz langsam werden wir auf den Punkt der Belehrungen kommen und unser Verständnis wird wachsen.

Wir sind es jetzt gewohnt in jeder Situation Unterscheidungen zu treffen und müssen darauf achten, dass es die richtigen sind. Wenn die Dinge im täglichen Leben gut laufen, sind wir sehr verwickelt und tun alles Mögliche. Aber nicht alles, was wir da tun ist sinnvoll und wenn wir hier unterscheiden können, verschwenden wir weniger Zeit ‑ ein Punkt, den die Belehrungen betonen.

Unausweichlich formen unsere persönlichen Gewohnheiten, unser Hintergrund und unsere Kultur die relativen Bedingungen, die mit unseren Geisteszuständen einhergehen. Diese Bedingungen schauen wir an und versuchen Abstand zu ihnen zu schaffen. Wir wissen, dass sie nicht wirklich von uns getrennt sind, aber wir müssen deswegen nicht durch sie abgelenkt werden, es gibt nichts abzulehnen und nichts zu erlangen. Unser Leben geht weiter, wie gewohnt, wir nehmen unsere Situation an und versuchen uns unseres Geistes bewusst zu sein.

So fangen wir auch zu meditieren an. Meditation bedeutet, dass wir nicht von unseren eigenen Gedanken abgelenkt werden. Zur Zeit sind diese Gedanken sehr stark, aber wir versuchen, wann immer es möglich ist, bewusst zu sein und alles ein wenig anders als gewohnt zu betrachten.

Diesen wachsamen Geisteszustand können wir ohne Druck und zwanglos in allen Lebenslagen anwenden während der Praxis, während der Belehrungen, im täglichen Leben. Einfach nur beobachten ohne vorgefasste Ideen, dies ermöglicht eine klarere Sicht. Vielleicht schaffen wir das nicht die ganze Zeit, aber wenigstens ah und zu. Mit der Zeit wird es dann immer leichter. Die Grundübungen sind eine sehr wichtige Vorbereitung für die Praxis, bei der es einfach um dieses klare Sehen geht. Es geht darum, diese Weise des Schauens wirklich selbst zu erfahren.


Aus dem Englischen und editiert von Detlev Göbel und Claudia Knoll

 

Jigme Rinpoche
ist ein verwirklichter Meister der Karma Kagyü-Linie und ein Neffe des 16. Karmapa. Er wurde vom 16. Karmapa als sein europäischer Stellvertreter eingesetzt.

Jigme Rinpoche wurde 1949 in Osttibet geboren. 1955 zog er nach Tsurphu, dem Hauptzentrum der Karma Kagyü-Linie in Tibet. 1959 floh er zusammen mit dem 16. karmapa vor den chinesischen Kommunisten aus Tibet und lebte anschließend viele Jahre in Rumtek/Sikkim.

Seit 1975 leitet er das Zentrum Dhagpo Kagyü Ling in Südfrankreich.