Aus: Buddhismus Heute Nr. 39, ( 2005)

Den Geist beruhigen

Von Künzig Shamar Rinpoche

Bevor man meditiert, sollte man erst einmal etwas über unseren Geist wissen. Unsere normalen Konzepte über den Geist sind sehr ungenau und können dadurch unsere Meditation behindern. Es ist deswegen sehr wichtig, ein richtiges Verständnis über die Natur des Geistes zu entwickeln.

Im Allgemeinen betrachten die Menschen heutzutage den Geist aus einer wissenschaftlichen Perspektive. Möglicherweise setzen sie den Geist, der eher als Prozess zu sehen ist, mit dem Körperorgan Gehirn gleich. In diesem Fall könnte es aber leicht passieren, dass man den Geist nur als eine Ansammlung von Nerven, die elektronische Signale übermitteln und verarbeiten, sieht ‑ wie einen Computer aus Fleisch. Aber wenn der Geist so funktionieren würde, dann wäre es nicht nötig zu meditieren. Man könnte mir einem solchen Geist sogar überhaupt nicht meditieren.

Buddhisten verstehen jedoch unter dem Geist etwas Anderes: Im buddhistischen Sprachgebrauch sagen wir, dass der Geist "klar" ist. Klarheit bedeutet hier, dass der Geist sich selbst erkennen kann. Wir können Dinge verstehen, weil die wahre Natur des Geistes sich selbst erkennen kann. Wenn das nicht so wäre, dann könnten wir überhaupt nichts lernen, denn Lernen bedeutet aus buddhistischer Sicht Selbsterkenntnis zu gewinnen.

Konzeptuelles Wissen erreicht uns in Form von Bildern im Geist. Die physischen Objekte, die wir wahrnehmen, sind aus anderem Material als unser Geist. Physische Objekte bestehen aus Atomen, der Geist jedoch nicht. Das macht physische Objekte zu etwas ganz Anderem als Geist. Der Geist hat somit seine eigene Natur, die ganz verschieden ist von der Natur der physischen Objekte. Wenn wir das gründlich durchdenken, bedeutet es, dass es eigentlich keinen Kontakt zwischen Geist und Materie gibt. Man versteht, dass Objekte nur Widerspiegelungen im Geist sind. Der Geist nimmt nicht wirklich die Objekte wahr, sondern nur ihre Abbildungen. Über dieses Konzept zum Geist kann man sich dann der schwierigeren Idee annähern, die die Natur des Geistes als sich selbst verstehend und erkennend definiert.

Der Geist arbeitet in jedem Moment ‑ er bewegt sich.

Geist ist kein festes Ding von Dauer, er ist ein Prozess, ein wahrer Geist‑"Strom". Allein dadurch, dass Gedanken durch den Geist ziehen, "sichern" sie schon seine Kontinuität. Würde der Geist immerzu bei einem Gedanken verharren, dann würde er festfahren, einfrieren.

Da der Geist sich aber dauernd bewegt, da er dynamisch ist, kann man die äußere Welt durch sich ständig ändernde Sinneseindrücke wahrnehmen. Man kann sehen, hören, fühlen usw.

Wir können den Geiststrom zum Beispiel mit dem schnellen Lesen einer Reihe von Worten vergleichen. Jedes Wort wäre mit einem Gedanken verbunden und man kann diese Gedankenreihe nur verstehen, weil der Geist keine feste unveränderliche Einheit ist. Wäre unser Geist nicht dynamisch, würden wir bei 'A' hängen bleiben und niemals zu 'B' gelangen. Der Geist bewegt sich in jedem Moment, er bleibt niemals an seinem Ausgangspunkt.

Wenn wir voll erwacht sind, ist der Geist frei von dem Objekt, mit dem er sich durch Gedanken, Wahrnehmungen und Gefühle verbindet. Geist ist ungehindert. Man hat weder einen einzelnen Gedanken, noch viele Gedanken. Geist existiert nicht wirklich substanziell. Im tiefsten Sinne ist der Geist nicht unwissend oder dumm. Selbsterkenntnis ist kein komatöser Zustand, ganz im Gegenteil: es ist ein Zustand von Klarheit und Kraft. Ein Geist, der sich selbst erkannt hat, ist frei vom Einfluss der Phänomene. Dieser Geist ist frei davon, sich dauernd beschäftigen zu müssen, er ist unabhängig. Dies, so könnte man sagen, ist ein "guter" Geist, ein nicht‑dualistischer Geist. Es ist aber natürlich nicht so leicht, diesen Geisteszustand zu erreichen, denn unsere Gewohnheiten sind stark und der nicht realisierte Geist wird leicht vom Fluss der Gedanken fortgerissen. Man wird das verstehen, wenn man seinen eigenen Geist untersucht.

Der Geist existiert nicht als greifbare Substanz, er ist kein physisch existentes Ding, nicht begrenzt durch Größe, Form oder Farbe. Er ist unbegrenzt und weit. Wenn man einen offenen Geisteszustand erkennen und stabil halten kann, wird man diesen Zustand grenzenlos entwickeln. Man kann das den erleuchteten Geist nennen, aber Erleuchtung ist nicht leicht zu realisieren. Man kann diesen Geisteszustand zwar durch Untersuchung und Analyse erkennen, aber der Geist könnte diesen Zustand nicht lange halten. Er würde schnell von unseren gedanklichen Gewohnheiten überdeckt werden. Ich meine hier in erster Linie die geistigen Gewohnheiten von Verwirrung und Unruhe. Die Gewohnheit der Unruhe ist sehr stark, unser Geist und der aller Lebewesen ist nichts als rastlos.

Während die eigentliche Natur des Geistes klar und grenzenlos ist, ist unser momentaner Geist rastlos. Unruhe ist eine geistige Gewohnheit und Meditation ist ein natürliches Gegenmittel dagegen. Um dieses Problem der geistigen Unruhe zu lösen, stehen uns systematisch aufgebaute Meditationstechniken zur Verfügung. Mit anderen Worten: wir müssen unseren Geist trainieren.

In diesem Augenblick ist unser Geist wild Lind unruhig wie ein verwirrter Wirbelsturm.

Um unser volles Potenzial zu erkennen, müssen wir unseren Geist zuerst zähmen. Und die gute Nachricht ist, dass wir den Geist selbst benutzen können, um ihn zu zähmen!

Wir müssen neue geistige Gewohnheiten entwickeln. Es gibt eine ganze Reihe von Methoden den Geist zu zähmen, aber eine der kraftvollsten ist die Meditation der Geistesruhe (tib.: Shine). Man sollte sich bemühen sehr viel Geistesruhe zu praktizieren, denn es ist das beste Werkzeug um den Geist zu befrieden. Sie hilft, die Gewohnheit von geistiger Konzentration zu entwickeln und bewahrt den Geist davor wegzuwandern.

Wenn man sich dann auch ab und zu an das zuvor erklärte Konzept des Geistes erinnert, wird man besser meditieren können. Wenn man jedoch vergisst, dass die wahre Natur des Geistes ruhig, friedvoll und strahlend ist, macht man sich eventuell unnötigen Stress in der Meditation. Man möchte den Geist vielleicht dazu zwingen, fokussiert zu bleiben. Das bringt aber Anspannung und behindert den Fortschritt. Entspannt man sich, dann wird es leichter.

Wie schon gesagt: der Geist ist sehr weit. Während man sich konzentriert, sollte man entspannt sein.

Es ist viel leichter sich zu konzentrieren, wenn man nicht angespannt ist.

Das gilt in allem was man tut, zum Beispiel beim Schwimmen: man kann es nicht so gut, wenn man verspannt ist. Wenn man ein richtiges Konzept über den Geist hat und dann Shine‑Methoden anwendet, wird man erfolgreich sein.

Die Praxis von Shine ist sehr nützlich. Aber setzt euch nicht unter Druck ‑ man braucht Geduld um mit dieser Praxis vertraut zu werden. Erinnert euch ‑ Meditation ist etwas, das ihr gerade jetzt anwenden könnt um Frieden im Geist zu erlangen. Jeder sucht Frieden im Geist und Meditation ist der Weg dies zu erreichen. Warum brauchen wir Geduld? Wenn wir nicht geduldig sind, werden wir unsere einmal begonnene Praxis nicht fortführen und dann kommen wir nirgendwo hin. Man bekommt soviel heraus, wie man hineinsteckt. Wenn man nicht meditiert, kommt man auch nicht vorwärts. Seid also geduldig.

Im Allgemeinen verbringen die Menschen heutzutage viel Zeit mit Arbeit und sie können sich nicht einfach hinsetzen und meditieren, wenn sie Lust dazu verspüren. Zu Beginn hilft es deswegen normalerweise, eine feste Zeit am Tag für die Meditation festzulegen; entweder am frühen Morgen, am Abend oder nach der Arbeit, wenn man alleine an einem ruhigen friedlichen Platz sein kann. Hat man aber dann einmal gelernt gut zu meditieren, kann man überall meditieren. Man kann zwar eine feste Zeit für die Meditation festlegen, aber wenn man meditiert, wann immer man etwas freie Zeit hat, wird man auch schnell damit vertraut. Wenn ein wenig Zeit übrig ist, kann man auch im Büro kurz meditieren, vielleicht am Ende der Mittagspause ‑ probiert es aus. Wo ihr auch seid, meditiert immer ein wenig! Meditationslehrer geben ihren Schülern oft den Ratschlag, so zu meditieren wie Kühe Gras fressen. So wie die Kuh ohne darüber nachzudenken ständig wiederkäut, sollten wir die Gewohnheit entwickeln, kontinuierlich, fast automatisch, zu meditieren. Meditiert in diesem Sinne, wann immer ihr könnt. Dann wird die Praxis wirklich Teil eures Alltages werden.

Wenn man mit der Meditationspraxis beginnt, möchte man den Geist durch ein äußeres Konzentrationsobjekt fokussieren. Es muss kein physisches Objekt sein ‑ das am häufigsten verwendete Meditationsobjekt ist der Atem ‑ aber es sollte etwas Einfaches und Unbewegtes sein. Und wenn doch bewegt, dann sollte es aber etwas Wiederkehrendes wie der Atem sein. Eine gute Übung ist, 21 Atemzüge ‑ ein und aus ‑ zu zählen, danach den Geist ruhen zu lassen, indem man seine Achtsamkeit ein wenig wandern lässt. Dann bringt man seine Aufmerksamkeit wieder sanft auf den Atem, zählt wieder auf 21 und ruht wieder aus. Das wiederholt man so für den Rest der Meditationssitzung. Man wird sich schnell entwickeIn, wenn man sich auf diese Weise auf den Atem konzentriert.

Wenn man sich nach einer Weile an die Konzentration gewöhnt hat, kann man aufhören äußere Objekte als Fokus zu verwenden und damit beginnen den Geist selbst als Fokus zu verwenden. An diesem Punkt kann man sich auf die vorbeiziehenden Geistesmomente kon­zentrieren. Bevor man aber diese fortgeschrittenere Praxis beginnt, sollte man erst die Konzentration durch Training mit Shine aufgebaut haben. Erst später, wenn die Konzentration stabil ist, kann man mit der Meditation auf den Geist selbst beginnen.

Was muss man sonst für die Praxis von Shine berücksichtigen? Die meisten von euch haben bereits schon etwas über die Wichtigkeit der Sitzhaltung gehört. Setzt euch bequem aber achtsam entweder auf ein Kissen auf den Boden oder auf einen Stuhl. Achtet auf eure Ernährung. Zuviel üppiges Essen kann Dumpfheit verursachen und euch während der Meditation schläfrig machen. Es ist aber auch nicht gut durch zu wenig Essen zu schwach zu werden. Wenn der Körper schwach ist, wird man nicht die nötige Energie aufbringen, die Aufmerksamkeit zu bündeln und wachsam zu bleiben. Sucht in der Meditation, wie in allen Dingen, den mittleren Weg.


Vortrag im Frühjahr 2004 in einem Buddhistischen Zentrum in Washington D.C., USA.

Aus dem Englischen von Claudia Knoll und Detlev Göbel

 

Shamar Rinpoches Belehrungen wurde in einem Zentrum gegeben, in dem die Shine-Meditation als Hauptpraxis mehr im Vordergrund steht als in unseren Diamantweg-Buddhismus-Zentren. Zu ergänzen wäre deswegen:

Als Hauptpraxis wird Shine bei uns erst nach den Grundübungen (Ngöndro) gemacht, als einer der drei danach möglichen Wege. Verbreiteter als Hauptpraxis ist in unseren Zentren aber die Meditation auf den Lehrer, Guru-Yoga. Die Übungen in den Diamantweg-Buddhismus-Zentren wurden direkt vom 16. Karmapa als für uns am Besten geeignet gegeben.

Belehrungen über Shine sind jedoch allgemein wichtig und nützlich, da Shine-Meditation Teil einer jeden Praxis ist, die wir machen: einerseits fängt jede Übung mit einer kurzen Shine-Meditation an, um den Geist zur Ruhe zu bringen und die Alltagsgedanken ausklingen zu lassen. Andererseits üben wir Shine auf Diamantwegs-Ebene in der Aufbauenden Phase (tibet.: Kyerim) unserer Meditationen. Das Meditationsobjekt ist hier dann der Lehrer oder der Buddha-Aspekt auf den wir uns einstellen, zum Beispiel bei den Grundübungen der Zufluchtsbaum, Diamantgeist usw.