Aus: Buddhismus Heute Nr. 39, ( 2005)

Das Retreatzentrum Askat im Altai, Russland

Von Alexey Gavinkiy

Das Altaigebirge in Russland ist ein sehr besonderer Ort. Im Süden von Westsibirien gelegen, grenzen hier vier Staaten an: Russland, Kasachstan, Mongolei und China. Das Gebirge ist ein Teil des mongolischen Altais und sein höchster Berg, der Belucha mit 4506 Meter Höhe, liegt auf russischer Seite. Dieser Berg wird manchmal auch als das "nördliche Tor zu Shambala" bezeichnet. In einer Legende heißt es sogar, dass der historische Buddha Shakyamuni dort gewesen sei. Schon in uralten Zeiten lebten ganz viele verschiedene asiatische Völker im Altaigebirge. Manche von ihnen praktizierten tibetischen Buddhismus. Das bestätigen auch die heutigen Archäologen, denn es wurden verschiedene Statuen und Mantras in den Felsen gefunden.

Die unglaubliche und durchdringende Schönheit dieses Ortes hat immer wieder Menschen angezogen die nach Werten suchten, die im Land zu Zeiten der atheistischen Sowjet‑Union eigentlich verboten waren.

Deshalb lag es nahe, dass schon Anfang der 90er Jahre, nach der Gründung des buddhistischen Zentrums in Nowosibirsk, ein Grundstück für eine Retreatstelle im Altaigebirge gesucht wurde. Lama Ole unterstützte die Idee von Anfang an und gab 1993 das erste Geld dafür. 1995 wurde das Grundstück von Dima Pliakow gefunden. Ein ehemaliger Offizier und ein starker Mann - er übernahm die Verantwortung für das Projekt.

Askat, ein Dorf in dem damals 50‑60 Leute lebten, war ein sehr günstiger Ort für eine Zurückziehungsstelle. Es ist von Bergen umgeben und es fließt dort einer der wasserreichsten Flüsse des Landes, der Katun. Das Dorf ist zwar relativ isoliert, aber gut erreichbar. Es ist ca. 70 km von der Hauptstadt der Republik Gornoaltaisk entfernt.
Als Lama Ole im März 1996 die Stelle zum ersten Mal sah, sagte er, sie wäre der "Traum seines Herzens". Danach wurde das Grundstück mit seiner Hilfe gekauft und zum Winter das Fundament gebaut. Sören Hechler half zusammen mit Lothar Becker aus Eschwege beim Bau des Fundamentes. Er berichtete 1996 auch zum ersten Mal über das Projekt in der damaligen "Kagyü Life".
Der gute Start des Projektes konnte nicht ohne "heftige Reinigung" bleiben. Im Sommer 1997 kam Dima Poljakow bei einem Autounfall ums Leben und der Bauleiter Sergej Kalinin wurde schwer verletzt. Aber Dimas Aktivität wurde fortgesetzt: Viele Freunde aus ganz Russland, sogar aus Deutschland, der Schweiz, Osterreich, Polen, Tschechien und der Ukraine kamen, um zu helfen. Der Bau dauerte ca. sechs Jahre. In den ersten drei Jahren konnten wir nur von April bis Oktober arbeiten.

Nach dem Fundament wurde das zweistöckige Haus mit 210 qm gebaut. Das Haus ist ganz aus Lärchenholz und auch innen ist alles aus Holz gemacht. Im Erdgeschoss gibt es acht Zimmer und einen großen Raum. Im ersten Stock ist der Meditationsraum mit 57 qm und weitere vier Zimmer. Das alte Häuschen, das mit dem Grundstück zusammen gekauft worden war und uns zu Beginn als Wohnhaus, Meditationsraum und Küche gedient hatte, wurde zu Küche und Essraum umfunktioniert, und es wurde auch eine neue russische Banja gebaut.

Bis heute arbeiten wir am Zentrumsgebäude, um es immer weiter zu verbessern. So wurde letztes Jahr ein Gebäude angebaut, in dem die Toiletten, Duschen und Waschraume geplant sind. Im Sommer soll es fertig sein.

In der nächsten Zeit möchten wir auch den Innenausbau verbessern, alle Räume sollen schallgeschützt werden. Auf Lama Oles Rat wird das Gebäude auch außen mit einer zusätzlichen Holzschicht versehen, um die Wärme besser zu dämmen. Zudem planen wir den Bau eines neuen Gebäudes mit Platz für eine große Küche und einen Essraum.

Im Herbst 2002 konnte das Zentrum zum ersten Mal Gäste zu einem Retreat einladen: Es war die erste zehntägige Zurückziehung mit fünf russischen Reiselehrern. Seitdem werden dort regelmäßig alle zwei bis drei Monate Retreats mit russischen oder ausländischen Reiselehrern angeboten.
Wenn das Gebäude komplett fertig ist, werden die Programme noch intensiver und abwechslungsreicher, auch individuelle Zurückziehungen werden möglich sein.

Lama Ole riet uns, in Askat zwei‑ his dreiwöchige Gruppenzurückziehungen für die Freunde aus dem Ausland anzubieten. Man könnte es mit einem angenehmen Zusatzprogramm verbinden und touristische Ausflüge in die unendlich schöne Natur des Altais unternehmen.

Dazu brauchen wir aber unbedingt bessere Duschen und Toiletten. Die Gutscheinaktion von Amden hat uns inspiriert und wir sind gerade dabei, Gutscheine und lnfoflyer zu drucken. Man kann dann eine bestimmte Anzahl von Tagen in unserem Zentrum im Voraus kaufen und das Projekt wird sich dadurch weiter finanzieren. Auch wenn wir alles auf unserem Grundstück fertig gestellt haben, wird das Projekt noch lange nicht fertig sein, denn es entstehen immer neue Entwicklungsmöglichkeiten. Gerade in diesen Tagen haben wir eine Vereinbarung über den Kauf des Nachbargrundstücks getroffen und erweitern unser Gelände somit auf 4200 qm. Auf diesem Grundstück, das unmittelbar an unseres angrenzt, wollen wir das ganze Haushaltssystem ausbauen ‑ mit Großküche, zusätzlichen Wohnräumen, Werkstatt, Banja, und so weiter. Wenn dann die alten Gebäude um das Zentrum herum weg sind, hätten wir mehr Freiraum und es gibt die Idee, später einmal dort eine Stupa zu hauen.

Außerdem sind schon zwei weitere Grundstücke gekauft worden, eines mit 1500 qm und eines mit 1300 qm. Wir besprechen immer wieder die verschiedenen Ideen, wie dieses Land genutzt werden kann. Die aktuellsten und interessantesten sind, auf diesen Grundstücken die Bedingungen für die Gäste mit Kindern zu schaffen und fur die buddhistischen Freunde, die eher touristische Programme genießen möchten.

Das Altaigebirge war schon immer ein begehrtes Tourismusziel und zur Zeit boomt es richtig. Durch den Bau einer guten Brücke und durch Mobilfunk rückte Askat und unser Zentrum der Zivilisation näher. Wir werden in den Reiseführern der Region erwähnt und werden immer öfter zum Ziel von touristischen Programmen. Diesen Sommer waren es zwei bis drei Gruppen am Tag (zum Glück kommen sie nur im Sommer, denn sonst könnten wir gar keine Zurückziehungen machen). Wie bieten ihnen eine kurze Einführung in den Buddhismus und beantworten Fragen. Die Touristen kaufen gerne auch die Bücher von Lama Ole. Lama Ole tat alles, um unser Projekt überall auf der Welt bekannt zu machen auf allen Winterreisen und auch 1997 heim Sommerkurs in Immenhausen. Im Jahr 2000 hatten manche von uns die sehr besondere Möglichkeit mit Hannah zu reisen und auch Belehrungen von ihr zu bekommen.
Dieses Jahr macht Ole ein großartiges Geschenk an uns: Wir richten den Phowa‑Kurs im Altai auf einem wunderschönen Gelände in unmittelbarer Nähe von Askat aus. Ole sagte mal, Askat sei die Stelle des Bodhisattva Vajrapani, "Diamant in der Hand". Diese Kraft zeigt sich in Form der vielen Möglichkeiten für die Praxis und für die kraftvollen äußeren Taten, die so notwendig für die Entwicklung eines solchen Projektes sind, damit der Nutzen für alle Wesen immer wächst.


Alexey Gavinsky

1972 im Altai geboren, Studium in Tomsk, Zuflucht bei Lama Ole 1997, seit Herbst 2003 lebt und arbeitet er im buddhistischen Zentrum in Askat.

Übersetzung aus dem Russischen von Alexandra Fuks.