Aus: Buddhismus Heute Nr. 39, ( 2005)

Buddha begegnet Sokrates

Bericht über Kurs in westlicher Philosophie in Kalimpong

Diesen Herbst brachte der 17. Karmapa Thaye Dorje neue Ebenen in den Dialog zwischen Osten und Westen. Im September reiste der 78-jährige Professor Harrison Pemberton von der "Washington and Lee"-Universität in Lexington, Virginia, nach Kalimpong, um den 17. Karmapa Thaye Dorje und eine kleine Gruppe von fortgeschrittenen Lamas in einem Intensivkurs in die westliche Philosophie einzuführen. Pemberton flog auf Einladung von Künzig Shamar Rinpoche nach Indien.
"Heutzutage müssen die Führer der Weltreligionen mehr denn je die Philosophien verstehen, die die Kulturen geleitet haben und weiterhin Einsicht geben in die Natur der Existenz, die Basis des Wissens und die beste Weise zu leben", sagt Shamar Rinpoche. "Ein Verständnis der westlichen Denkweise wird Gyalwa Karmapa besser darauf vorbereiten, das uralte Wissen des Buddhismus in die moderne Welt zu bringen."

Pembertons fünfwöchiger Intensivkurs verschaffte einen Überblick über die wichtigsten Philosophien, die sich in Europa und Amerika seit der Zeit der klassischen Griechen bis zum heutigen Tag entwickelten.

Der Unterricht entsprach dem amerikanischen Seminarstil und alle Vorträge, Lesungen und Diskussionen wurden in englischer Sprache abgehalten. Für jedes Thema des Kurses gab Pemberton einen einführenden Vortrag. Um das Wissen der Studenten zu vertiefen, sollten sie Texte lesen, dann wurden die gelernten Konzepte durch Diskussionen innerhalb der Klasse und durch schriftliche Abhandlungen verarbeitet.

"Ich wollte, dass in der Klasse in der Tradition des Sokratischen Dialoges eine interaktive Begegnung stattfindet", sagt Pemberton.

Die Kursvorlesungen streiften einige der wichtigsten philosophischen Werke des Westens:

"Menon", ein Dialog Platons; René Descartes "Meditationen über die Grundlagen der Philosophie"; eine Auswahl aus Einführungen in die Geschichte der Philosophie von G.W.F. Hegel; eine kurze Rede Martin Heideggers über den Unterschied zwischen dem wissenschaftlichen und meditativen Denken. Pemberton forderte die Studenten auch auf, einen Essay des mexikanischen Dichters Octavio Paz "The Contraptions of Time" über den Unterschied des Zeitbegriffes im Westen und im Osten zu lesen. In Diskussionen zeigten sich einige überraschende Übereinstimmungen zwischen der westlichen und der buddhistischen Gedankenwelt.

"Die faszinierendste Diskussion war diejenige über die Natur der Weisheit", sagt Pemberton. "Ich erfuhr, dass der tibetische Buddhismus einen Unterschied zwischen 'sherab', der Weisheit im Sinne des konzeptuellen Wissens und 'yeshe', einer höheren Weisheit, die jenseits von konzeptuellen Gedanken geht, macht. In der buddhistischen Praxis führt 'sherab' zu 'yeshe', der Weisheit, die Erleuchtung und Befreiung von den Begrenzungen der normalen, begrenzten Funktion des menschlichen Geistes bringt.

Im Westen glauben viele Philosophen auch, dass Rationalität, Logik und Wissen uns helfen können, das zu erreichen, was die Griechen 'sophia' oder Weisheit nannten. Platon glaubte sogar, dass, wenn man mit der Logik am Ende ist, man einen Moment von absoluter Verwirrung - oder 'aporia' - bräuchte, um aus den Einschränkungen der falschen Konzepte auszubrechen", erklärt Pemberton.

Es bleibt jedoch noch zu erforschen, ob westliche Vorstellungen von Weisheit einen nicht­konzeptuellen Geisteszustand beinhalten, wie es im Buddhismus der Fall ist.

"Westliche Philosophen vertrauen auf Vernunft", sagt Pemberton. "Aber dieses Vertrauen ist oft ein Werkzeug, um die Richtigkeit des vernünftigen Gedanken selbst zu hinterfragen. Eine solche Haltung ist bei Platon nur subtil, aber bei anderen griechischen Philosophen, wie zum Beispiel bei den Skeptikern, noch offensichtlicher zu finden. Zeitgenössische Bewegungen wie der Dekonstruktivismus oder die Postmoderne hinterfragen schonungslos, ob Vernunft wirklich zu einer letztendlichen Wahrheit führen kann. Diese Bewegungen versuchen sogar durch ihre Weise der Sprache den Verstand in einen Zustand des produktiven Zweifels zu führen."

Eine andere fruchtbare Begegnung zwischen Osten und Westen fand statt, als Gyalwa Karmapa und die anderen Lamas von Descartes, dem französischen Philosophen der Renaissance, hörten.

"Descartes wurden alle möglichen Arten des Dualismus im westlichen Denken vorgeworfen, insbesondere seine künstliche Unterscheidung zwischen Körper und Geist", erklärt Pemberton. "Aber die Lamas betrachteten die Offenheit, mit der Descartes zu Beginn seiner Untersuchung alle vorgefassten Ideen anzweifelte, ihren eigenen Herangehensweisen ziemlich geistesverwandt."

In einem unbeschwerten Augenblick verwandelten Gyalwa Karmapa und die anderen Lamas einmal Descartes 'Markenzeichen'-Satz: Cogito ergo sum - Ich denke, also bin ich - in eine neue buddhistische Maxime: Ich denke - also bin ich nicht.

"Ich bin von der Flexibilität des Geistes und dem Eifer der Lamas mit neuen Ideen zu spielen, beeindruckt", sagt Pemberton. "Und das überrascht um so mehr, da diese jungen Männer in einer ganz anderen Tradition ausgebildet wurden, als wir es im Westen gewohnt sind". Gyalwa Karmapa und die anderen hohen Lamas der Philosophie-Klasse wurden nach dem traditionellen, tibetisch-monastischen Lehrplan in buddhistischer Philosophie, tibetischer Sprache und Literatur, Logik und Debatte ausgebildet. Zusätzlich hat Karmapa ein strenges Programm in englischer Sprache, Welt-Geschichte und -Kultur, Wissenschaft und Mathematik absolviert.

"Ich fordere die Studenten für gewöhnlich auf, ein durch Platons 'Menon' inspiriertes geometrisches Problem zu lösen", erklärt Pemberton. "Karmapa konnte als einziger unter den Schülern die schwierige Aufgabe lösen. Er baute sogar ein dreidimensionales Modell aus Pappkarton, um die Lösung des Problems der Klasse zu demonstrieren".

Zusätzlich zum täglichen Unterricht empfing Gyalwa Karmapa Pemberton jeden Tag zu privaten Gesprächen, um die Begegnung zwischen der westlichen Philosophie und den buddhistischen Belehrungen zu vertiefen.

"Ich habe einiges gelernt", erzählt Pemberton. "Karmapa teilte mit mir eine Sicht der tiefgründigsten Ideen der westlichen Tradition aus einer frischen Perspektive, deren Wissen von einer uralten Überlieferung stammt."

Pemberton plant, über diese Begegnung zweier großer Philosophien in ausführlicher Form ein Buch herauszubringen, indem er über seine Erfahrungen beim Unterricht mit Gyalwa Karmapa gemacht hat. Der Arbeitstitel lautet 'Philosophische Begegnungen'. Das Buch soll Ende 2005 bei der 'Banyan Tree Press', einem neuen Verlag, der sich auf Buddhismus und Kultur aus dem Himalaya spezialisiert hat, erscheinen.

Pemberton hat an der Universität von Yale graduiert. Über mehr als 40 Jahre lehrte er an der "Washington and Lee"-Universität in Shenandoah Valley, Virginia, bevor er im Juni diesen Jahres in den Ruhestand ging. Studenten in Virginia kennen Pembertons Liebe zu seinem Fach und seine einzigartige Fähigkeit, komplexe Ideen klar und bedeutend zu machen.

"Ich werde meine Zeit mit Karmapa nie vergessen", sagt Pemberton. "Die Leute fragen mich jetzt, ob ich Buddhist sei. Ich antworte, dass ich an den buddhistischen Ideen interessiert bin. Die Lamas hier sagen, dies bedeutet, dass ich auf dem Weg bin."


Aus dem Englischen von Claudia Knoll und Detlev Göbel