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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 38, ( 2004)

Die 8 Praxislinien des Buddhismus in Tibet

Ein einführender Überblick von Detlev Göbel - Teil 1

NYINGMA, MARPA KAGYÜ, SHANGPA KAGYÜ

Im Westen sind wir es gewohnt, verschiedene Schulen einer Religion als die Folge interner Streitigkeiten und Spaltung zu sehen - wie zum Beispiel bei Katholiken und Protestanten, Sunniten und Shiiten usw. Die Vielfalt der buddhistischen Schulen Tibets hat jedoch einen anderen Ursprung. Sie entstand dadurch, dass Buddhismus in zwei Wellen und auf vielen Wegen nach Tibet kam. Verschiedene Meister gingen nach Indien, um Buddhas Lehren nach Tibet zu holen. Die Lehren, die sie jeweils mitbrachten, zogen dann verschiedene Menschentypen an und so entwickelten sich die unterschiedlichen Schulen.
Buddha Shakyamuni gab in Indien drei Ebenen von Belehrungen für drei verschiedene Menschentypen: Das „Kleine Fahrzeug" (Hinayana oder Theravada genannt) lehrte er für Menschen, die vor allem ihren eigenen Schwierigkeiten entrinnen wollen. Für Menschen, die altruistisch dachten und fähig werden wollten, anderen zu helfen, gab er das „Große Fahrzeug" (Mahayana). Und wenn Menschen sehr viel Vertrauen in ihren eigenen Geist hatten und fähig waren, den Buddha mit Hingabe als Spiegel für ihre eigenen Möglichkeiten zu sehen, lehrte er sie den „Diamantweg" (Vajrayana). Das Theravada führt zu einer Ebene der Befreiung von persönlichem Leiden, das Mahayana führt über viele Lebenszeiten zur vollen Erleuchtung, der völligen Auflösung von jedem Gefühl der Trennung zwischen Erleber, Erlebnis und Erlebten. Der Diamantweg kann sogar in einem einzigen Leben zur vollen Erleuchtung führen.
Alle drei Ebenen mit ihrer jeweiligen Sicht, ihren Meditationen und dem dazugehörigen Verhalten wurden nach Tibet übertragen und konnten dort bis zur Zerstörung durch die Kommunisten überdauern.
Im Laufe der Jahrhunderte hatten sich in Tibet vier große Schulen von Buddhas Lehre herausgebildet. Den Unterschied zwischen ihnen hat der Meditationsmeister Kalu Rinpoche bei einem Vortrag in London in den 70er Jahren - unbelastet von jeder Einengung durch political correctness - einmal so formuliert: „In Tibet gingen die Leute zu den Gelugpas, wenn sie Tugend entwickeln wollten. Wollten sie weise werden, gingen sie zu den Sakyapas. Wollten sie Meditation lernen, zu den Nyingmapas, und wenn sie schnelle Erleuchtung wünschten, zu den Kagyüpas."
Meistens spricht man von diesen „Vier großen Schulen", oft aber auch von den „Acht Praxislinien" des tibetischen Buddhismus. Letztere sind: Nyingma, Kadampa, Sakya, Marpa Kagyü, Shangpa Kagyü, Shije und Tschö, Dorje Naljor (Jonangpa), Urgyen Nyendrub.

Im Folgenden versuchen wir, eine kleine Einführung in ihre Geschichte und ihre Lehren zu geben, und den Zusammenhang mit unserer Kagyü-Linie zu zeigen.

I. DIE ERSTE WELLE - „NYINGMA"

Im 7. Jahrhundert errichtete der tibetische König Songtsen Gampo ein großes Reich mit Lhasa als Hauptstadt. Unter ihm begann die Verbreitung des Buddhismus in Tibet, nicht zuletzt dank der Tatsache, dass seine zwei Königinnen aus den zu der Zeit schon buddhistischen Ländern Nepal und China kamen.
Ungefähr 100 Jahre später erweiterte der König Trisong Detsen das von seinen Vorgängern eroberte Reich. Gegen den erbitterten Widerstand seiner Minister, die zum großen Teil der schamanistischen Bön-Religion angehörten, führte er die breite Etablierung des Buddhismus herbei, indem er große Meister aus Indien einlud. Es waren vor allem "Padmasambhava" (tib.: Guru Rinpoche) und "Shantarakshita", später auch "Vimalamitra". Das erste Kloster Tibets, Samye, wurde gebaut und 100 indische Gelehrte und tibetische Übersetzer arbeiteten daran, Buddhas Lehren aus dem Sankskrit zu übersetzen.

Die Tibeter waren sich damals nicht sicher, ob die ihnen bis dahin unbekannte Mönchs-Lebensweise für ihre Mentalität verwendbar sei. So wurde eine Gruppe von sieben Männern, für ein Jahr auf Probe, zu Mönchen gemacht. Einer davon war Karmapa in einer früheren Inkarnation, unter dem Namen Gyalwa Choyang. Der „Versuch" verlief zufriedenstellend, denn danach wurden zwei gleichwertige Gemeinschaften gegründet: die „rote" und die „weiße" Sangha. Die „rote" waren Mönche, die rote Roben trugen - und die „weiße" waren Verwirklicher, die zu dieser Zeit gerne weiße Baumwolltücher trugen. Nebenher entstand eine große Laien-Gemeinschaft, die in ihren Chubas (tibetisches Hauptkleidungsstück) weniger uniformiert auftraten.
Der Schwerpunkt der Belehrungen lag auf Diamantweg, was den tibetischen Buddhismus so sehr prägte, dass man ihn - obwohl alle Aspekte von Buddhas Lehre nach Tibet übertragen wurden - später völlig damit identifizierte. Die Schule mit ihrem speziellen Lehrstil, die in dieser Zeit entstand, wurde später „Nyingma" genannt - „die Alten" - weil es eben die älteste war.

Vor allem Leute mit einer Neigung zu Stolz und Zorn nutzen gerne diesen Weg. Sie stützen sich gerne auf die Vater-Tantras mit ihrem Schwerpunkt auf einer langen Entstehungsphase in der Meditation und einer kurzen Verschmelzungsphase. Diese Weise der Diamantweg-Praxis entspricht einem kritischen Geist, der alles genau geprüft haben will, bevor er sich in der Verschmelzungsphase dem Raum hingibt.

Die besondere formlose Belehrung auf der Ebene der höchsten Sicht ist für diesen Menschentyp in der Nyingma-Linie die „Große Vollendung" (skt: Maha Ati, tib.: Dzogchen). Sie ist zusammen mit dem Mahamudra der Kagyü-Linie einer der schnellsten Entwicklungsmöglichkeiten und ermöglicht Erleuchtung in einer einzigen Lebenszeit, wenn man die hier gelehrte höchste Sichtweise halten kann.

Lama Ole beschreibt diesen Ansatz so: „Ihre Weise, den Geist zu beobachten, nutzt die Tatsache, dass äußere wie innere Erscheinungen sich selbsttätig wieder in den Raum auflösen, ohne etwas an dessen zeitlosen Wesen geändert zu haben. Ihre Anhänger erfahren also den Erleber durch seine selbstbefreiende Kraft. Man ist erleichtert, dass man die ganzen Geschehnisse wieder los wird und erfährt sichterweiternd, dass der Geist sich von jedem Eindruck wieder befreit."

Der populärste Buddha-Aspekt in der Nyingma-Linie ist „Diamantdolch" (tib. Dorje Phurba), eine kraftvoll-schützende Form von Diamantgeist, und das wichtigste Tantra das „Geheime Essenz-Tantra" (tib.: Sangwa Nyingpo).
Heute ist die am meisten verbreitete Nyingma-Übertragung das Longchen Nyingthig, dessen Grundlagen in „Die Worte meines vollendeten Lehrers" von Patrul Rinpoche beschrieben werden. Es geht auf einige der tiefgründigsten Lehren (Nyingthig = „Herzessenz") zurück, die damals im 8. Jahrhundert in Tibet praktiziert wurden - das Khandro Nyingthig von Padmasambhava und das Vima Nyingthig von Vimalamitra.

Die Entwicklung in der Nyingma-Linie geschieht vor allem durch den Segen von Padmasambhava. Er ist der zentrale Lama im Zufluchtsbaum, so wie in der Karma-Kagyü-Schule der Karmapa, und auf ihn praktiziert man Guru-Yoga.

In der Nyingma-Linie findet man drei Arten der Übertragung:

Kama - die „mündliche Übertragung". Dies wird „indirekte Linie" genannt, weil man die Übertragung nicht direkt von den alten Meistern wie Guru Rinpoche oder Vimalamitra bekommt, sondern über eine Kette von Lehrern.
Termas - die „versteckten Schätze". Padmasambhava hat zusammen mit seiner tibetischen Hauptgefährtin Yeshe Tsogyal eine riesige Menge von Belehrungen - die so genannten „Termas" - versteckt, denn er sah voraus, dass der Buddhismus in Tibet für längere Zeit wieder verschwinden würde. Die Lamas, die diese Belehrungen später wieder entdecken und lehrten, nennt man Tertöns, „Schatzfinder". Es sind Wiedergeburten von Schülern Padmasambhavas. Über die Jahrhunderte gab es 100 sogenannte „große Tertöns" und 1000 „kleine Tertöns". Diese Art der Übertragung wird „direkte Linie" genannt und hat einen besonders starken Segen, weil die Verbindung zu Padmasambhava sehr nah ist.
Sabmo Dag Nang - die „tiefgründige Reine Sicht". Diese Art der Übertragung findet statt, wenn ein Praktizierender eine direkte authentische Vision von einem der alten Meister hat und von ihm eine Übertragung bekommt. Ein Beispiel dafür finden wir in unserer Praxis des „Bewussten Sterbens", dem Phowa. Diese stammt aus dem Longchen Nyingthig. Jigme Lingpa empfing im 18. Jahrhundert die Übertragung dafür in einer Vision von Longchen Rabjam Rinpoche, einem der größten Meister und Gelehrten der Nyingma-Linie - der ca. 400 Jahre früher gelebt hatte.

Unsere Phowa-Praxis ist nur eines von vielen Beispielen für die Nähe der Nyingma- und Kagyü-Schulen. Einige andere sind:
Die in Kagyü-Klöstern frühmorgens geübte Praxis auf „Grüne Befreierin" ebenso wie der Guru-Yoga auf den zweiten Karmapa sind Termas.
Einige der vielen Praktiken auf Mahakala und Mahakali kamen durch Guru Rinpoche nach Tibet und später dann in die Kagyü-Linie.
Zur Zeit des dritten Karmapa gab es einige Zeit lang in der Nyingma-Linie niemanden, der die Maha-Ati-Übertragung hätte halten können. Deswegen gab Kumaraja, der damalige Linienhalter, die Lehren an den dritten Karmapa. So wurde dieser ein Maha-Ati-Linienhalter, bis Kumaraja die Übertragung später auch an Longtschen Rabjam geben konnte. Seit dieser Zeit sind die Maha-Ati-Belehrungen Teil der Kagyü-Übertragung.
In der Tradition des großen Klosters Palyül wurden Mahamudra und Maha Ati zusammen praktiziert.
Im 19. Jahrhundert sammelte der Karma-Kagyü-Linienhalter Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye fast 2000 Nyingma-Termas in dem Zyklus „Rinchen Terdzö", der seitdem auch in der Kagyü-Linie übertragen wird.

Die Nyingma-Schule ist bekannt dafür, recht unhierarchisch und frei von großen Organisationen zu sein. Berühmt ist sie auch für den großen Schatz an Prophezeiungen.
Im Unterschied zur Karma-Kagyü-Schule wird sie nicht von immer wiederkehrenden Inkarnationen eines Erleuchteten geleitet. Das jeweilige Oberhaupt der Schule wird ab und zu durch Beschluss der hohen Rinpoches bestimmt. Oft sind diese verheiratet und haben Kinder. Nur selten findet man Mönche unter ihnen, ebenso wenig wie bei den Tertöns. In den letzten dreißig Jahren waren Dudjom Rinpoche, Dilgo Khyentse Rinpoche und Penor Rinpoche Oberhäupter der Linie. Seit einiger Zeit ist Minling Rinpoche das formelle Oberhaupt. Er kann aber seine Funktion nicht praktisch ausführen, da er während der Kulturrevolution in Tibet von den Chinesen schwer misshandelt wurde und Gesundheitsschäden erlitt.

II. DIE ZWEITE WELLE - „SARMA"

Ralpachän - der letzte der drei großen Dharmakönige - kam 815 an die Macht, wurde jedoch später ermordet. Als sein Bruder Langdarma - ein Anhänger der schamanistischen Bön-Religion - die Macht übernahm, zerstörte er den monastischen Buddhismus in Zentraltibet nahezu vollständig, bis er schließlich von dem Verwirklicher Lhalung Palgye Dorje getötet wurde. Nach Langdarmas Tod zerfiel das tibetische Reich für mehr als 400 Jahre in viele kleine Königreiche und in Zentraltibet war der monastische Buddhismus fast 200 Jahre lang praktisch verschwunden.
Dann wurden wieder indische Meister eingeladen, und Tibeter gingen nach Indien, um dort das
Dharma zu lernen. So wurde Buddhismus in Tibet neu verbreitet und weitere Texte aus dem Sanskrit übersetzt. Die Übersetzungen dieser Periode nennt man Sarma - die „Neuen".
In dieser Zeit entstanden viele unterschiedliche neue Schulen, je nach Lehren und Lehrstil des jeweiligen Meisters.

MARPA KAGYÜ

Die Lehren der Kagyü-Linie wurden von Marpa Lotsawa („Lotsawa" = Übersetzer) von Indien nach Tibet gebracht. Marpa reiste dreimal nach Indien, lernte und praktizierte bei vielen Lehrern und übersetzte Texte ins Tibetische.

Das Wort Kagyü kann kurz übersetzt werden als „Mündliche Linie". Das betont die besondere Bedeutung der mündlichen Übertragung in dieser Schule. Es ist aber auch die Abkürzung für „Ka bab shi gyü pa", den „vier Strömen von mündlichen Übertragungen". Der indische Verwirklicher Tilopa hatte sehr viele Lehrer gehabt, von denen vier für ihn besonders wichtig waren, und ihm vier besondere Übertragungen gaben. Tilopa gab diese an Naropa weiter und dieser wiederum an Marpa.
Weniger gebräuchlich ist der Ausdruck „Kar gyü", wörtlich die „weiße Linie". Er wurde von dem Drukpa-Kagyü-Meister Pema Karpo geprägt, und bezieht sich auf das Verhalten der Praktizierenden der „Inneren Hitze" (tib. Tummo): Sie trugen nur weiße Baumwolltücher.

Zwei unter den vielen Lehrern Marpas waren für ihn besonders wichtig:
Maitripa, von dem er vor allem die Lehren des „Weg der Einsicht" (wörtlich eigentlich Dröl Lam - „Weg der Befreiung") bekam, und Naropa, von dem er vor allem den „Weg der Mittel" (tib.: Thab Lam) bekam - sechs besondere Praktiken, die er dann die „Sechs Lehren Naropas" nannte. Beide Lehrströme beinhalten, was heute im Westen als eigener dritter „Weg der Einswerdung" gelehrt wird: die Meditation auf den Lama - das Guru-Yoga (tib.: Lame Naljor).
Dieser dritte Weg ist heute im westlichen Laien- und Verwirklicher-Buddhismus die am meisten verbreitete Praxis, da sie sich sehr gut in den westlichen modernen Lebensstil integrieren lässt und ausgezeichnete Resultate bringt. Die praxisbetonten Schulen des tibetischen Buddhismus sind sich in diesem Punkt einig: Die enge Verbindung zwischen Lehrer und Schüler und die direkte Begegnung mit dem Geist des Lehrers in Meditation ist der schnellste Weg. Insbesondere die Kagyü-Linie ist bekannt für die starke Betonung von Hingabe zum
Lehrer.

Die am häufigsten verwendeten Buddha-Aspekte der Kagyü-Linie sind „Höchste Freude" (tib. Khorlo Demchog, skt. Chakrasamvara) und „Rote Weisheit" (tib. Dorje Phagmo, skt. Vajravarahi). Sie gehören zu den Mutter-Tantras, deren kurze aufbauende Phase der Meditation mit Betonung der anschließenden Verschmelzungsphase sehr gut für die Menschen passt, deren Hauptstörgefühl Begierde ist.

Die Hauptlehre der Kagyüs auf der formlosen Ebene der höchsten Sicht ist das „Große Siegel" (skt. Mahamudra, tib.: Tschag Tschen). Das Große Siegel durchdringt alle drei zuvor erwähnten Wege.
So wie Maha Ati Leute anspricht, deren Hauptstörgefühl Abneigung ist, so ist für Leute mit vorherrschender Anhaftung das Große Siegel der geeignete Weg. Mit dem richtigen Segen ermöglicht er Erleuchtung in einem einzigen Leben.
Lama Ole Nydahl: „Man ist beglückt darüber, wie reich der Raum ist, was alles darin geschehen kann, wie spannend doch die Leute sind. Die Einstellung ist grundlegend bejahend, man ist offen für das Frische und Neue." „Das große Siegel bietet gleichzeitig den Überblick und die ganzheitliche Erfahrung, es überzeugt wie das Schwimmen im Meer. Frei von jeder Einengung ermöglicht es ein müheloses Verweilen im Hier und Jetzt, und so wird alles immer weiter und sinnvoller. Die verwendeten Mittel lassen einen vor allem die Vielfalt des Geistes erfahren. Der Erleber und alles, was sich äußerlich wie innerlich ausdrückt und untrennbar von ihm ist, bereichern sich gegenseitig."

Marpas wichtigster Schüler in Tibet war der berühmte Verwirklicher Milarepa. Er ist das bekannteste Beispiel dafür, was mit Hingabe und den geschickten Mitteln des Diamantweges und des Mahamudra möglich ist: der vollständige Weg vom Mörder zur vollen Erleuchtung, in einem einzigen Leben. Milarepa hatte, bevor er den Weg begann, unter dem Einfluss seiner rachsüchtigen Mutter 35 Menschen getötet.
Sein Hauptschüler Gampopa war der erste Mönch unter den Kagyü-Linienhaltern. Gampopa hatte zuvor in der Kadampa-Schule studiert, so dass diese Übertragung mit ihm in die Kagyü-Linie kam. Mit den vier Hauptschülern Gampopas entstanden vier Unterschulen, die sich aber nur unwesentlich in ihren Lehren unterschieden.
Karmapa Düsum Khyenpa gründete die Karma-Kagyü-Schule, die sich selbst auch Karma Kamthsang nennt.
Shang Yudrukpa Tsondru Drakpa gründete die Tsalpa-Kagyü-Schule. Er war ein Schüler von Dakpo Gomtsul, einem Neffen und Schüler von Gampopa.
Baram Dharma Wangchuk gründete die Baram-Kagyü-Schule.
Phagmo Dru Dorje Gyalpo gründete die Phagmo-Drupa-Kagyü-Schule.

Die Phagmo Drupa Kagyü wiederum kam durch die acht Hauptschüler von Phagmo Dru Dorje Gyalpo zu acht Unterschulen: Drikung-, Taglung-, Trophu-, Drukpa-, Martshang-, Yelpa-, Shugseb- und Yamsang-Kagyü.
Von diesen „Vier Großen" und „Acht Kleinen" - wie sie genannt werden - existieren heute noch die Karma-Kagyü, die Drukpa-Kagyü, die Drikung-Kagyü und die Taglung-Kagyü als eigenständige Linien.

Der Name Dhagpo Kagyü bezieht sich auf die gesamte Übertragung von Gampopa. Er stammt von Gampopas Beinamen „Dhagpo Lharje" - der „Arzt aus Dhagpo" -, denn Gampopa war Arzt gewesen, bevor er Mönch wurde.
Der Name Marpa Kagyü wird im Kontext der Übertragung von Indien nach Tibet verwendet, die eben durch Marpa geschah. Bei den Tibetern werden die beiden Ausdrücke manchmal aber auch, mit einem Augenzwinkern, zur Bezeichnung zweier Lebensstile innerhalb der Kagyü verwendet: Marpa-Kagyü bezieht sich dann auf Marpas Lebensstil des Laien- und Verwirklicher-Buddhismus, und Dhagpo Kagyü bezieht sich auf den monastischen Lebensstil, denn Gampopa war der erste Mönch in der Kagyü-Linie.
Eine weitere Unterscheidung betrifft den Zugang zum Großen Siegel: Bei Marpa-Kagyü geschieht dies ausschließlich durch Tantra-Mahamudra, bei Dhagpo-Kagyü kommt das Sutra-Mahamudra hinzu. Beide Begriffe wurden von Gampopa geprägt.
Marpas Lehrer Naropa und Maitripa lehrten das Große Siegel auf Grundlage einer Einweihung als Teil des Diamantweges. Im Falle des Weges Naropas wurde das Große Siegel im Zusammenhang mit der Praxis auf einen Buddha-Aspekt geübt, als die letztendliche Ebene der „Verschmelzungsphase ohne Form". Dies beruht auf den vier Stufen einer Maha-Anuttara-Yoga-Einweihung, der Vasen-, Geheimen-, Weisheits-Bewusstheits- und der Wort-Einweihung.
Bei dem Weg Maitripas wird auf Grundlage der Wort-Einweihung die Sichtweise des Großen Siegels unmittelbar geübt, ohne Verwendung der speziellen Methoden im Zusammenhang mit der Praxis eines Buddha-Aspektes. Sowohl der Weg Naropas als auch der Weg Maitripas beruhen also auf einer Einweihung und gehören damit zum Tantra-Mahamudra.

Der Ansatz der Dhagpo-Kagyü hat zusätzlich auch das von Gampopa entwickelte Sutra-Mahamudra. Er lehrte diesen Weg aus Mitgefühl speziell für Schüler, die noch nicht in der Lage sind, eine Einweihung tatsächlich zu empfangen und mit den tantrischen Methoden zu arbeiten. Hier arbeitet man zuerst mit Mitteln des Sutra - Studium von Texten wie dem Samadhiraja-Sutra und dem Gyü Lama, dazu Meditation von Shine und Lhagtong - bevor man später eventuell auch tantrische Mittel einsetzt.
Unter all den tibetisch-buddhistischen Schulen ist heute die Karma-Kagyü-Schule weltweit am verbreitetsten. Sie wird seit dem 12. Jahrhundert von den bewussten Wiedergeburten des Gyalwa Karmapa, eines voll Erleuchteten, geleitet.
Karmapa („Tatkraft der Buddhas") ist der erste bewusst wiedergeborene Lama Tibets, der vor seinem Tod meistens einen Brief mit den genauen Details seiner Wiedergeburt hinterließ. Zwischen den Wiedergeburten Karmapas wurde die Linie von anderen großen Meistern gehalten. Oft waren dies die Wiedergeburten des zweithöchsten Lamas der Kagyü-Linie, des Künzig Shamarpa. In Tibet wurden Karmapa und Shamarpa als so eng miteinander verbunden gesehen, dass man sogar von den „Zwei Karmapas - dem Schwarzhut- und dem Rothut-Karmapa" sprach. Zum Zeitpunkt seiner Erleuchtung erhielt Karmapa von den weiblichen Buddhas ein aus ihrem Haar gewobenes Kraftfeld - die so genannte „Schwarze Krone". Sie wurde zur Zeit des 5. Karmapa materiell nachgebaut und bei besonderen Zeremonien verwendet. Als Zeichen der Anerkennung von Shamarpas spiritueller Ebene überreichte ihm Karmapa die Nachbildung dieser Krone in Rot. „Sha mar" ist die Abkürzung für „Shamo marpo", zu Deutsch etwa „Rothut".
Die große Verbreitung der Karma-Kagyü-Schule im Westen ist Folge der besonderen Tatkraft des 16. Karmapa Rangjung Rigpe Dorje und seinen ersten und engsten westlichen Schülern Lama Ole Nydahl und Hannah Nydahl. Sie gründeten und betreuen seit Anfang der 70er Jahre in seinem Auftrag rund 500 Zentren um die Welt. Heute wird die Linie vom 17. Gyalwa Karmapa Thaye Dorje geleitet.

SHANGPA KAGYÜ

Die Shangpa-Kagyü wird fälschlicherweise oft für eine der Unterschulen der Dhagpo-Kagyü gehalten. Tatsächlich ist sie jedoch eine völlig eigenständige Linie mit einer eigenen Übertragung aus Indien.

Der tibetische Verwirklicher Khyungpo Naljor lernte in Indien bei vielen Lehrern. Die beiden wichtigsten darunter waren zwei Frauen: Niguma und Sukasiddhi. Laut Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye waren sie die Wiedergeburten von den beiden Hauptgefährtinnen Guru Rinpoches - Mandarava und Yeshe Tsogyal.
Niguma war die Schwester oder Gefährtin (das tibetische Wort cham mo ist hier nicht eindeutig) von Naropa. Sie erlangte nach nur einer Woche Meditation mit dem Mahasiddha Lavapa die Erleuchtung. Niguma lehrte Khyungpo Naljor unter anderem das Große Siegel sowie das, was später als die „Sechs Lehren Nigumas" berühmt wurde und in etwa den „Sechs Lehren Naropas" entspricht. Auf Anordnung von Niguma wurden diese Lehren über sieben Generationen immer nur von einem Meister an einen einzigen Schüler weitergegeben.
Sukasiddhi war sogar noch schneller als Niguma: Von ihr sagt die Geschichte, dass sie als alte Frau den Mahasiddha Virupa traf, nach einem Abend Meditation mit ihm die Erleuchtung erlangte und sich in ein junges Mädchen verwandelte. Von ihr erhielt Khyungpo Naljor ebenfalls das Große Siegel und die „Sechs Lehren Sukasiddhis".
Die Lehren von Niguma machen den größten Teil der Praktiken der Shangpa-Kagyü aus, aber Sukasiddhi hat die zentrale Rolle in der Linie inne, da Khyungpo Naljor sie als die Gütigste all seiner Lehrer ansah.

Khyungpo Naljor reiste siebenmal nach Indien und gründete in Tibet das Kloster Shang Shong, das seiner Linie den Namen gab. Obwohl sie in Tibet weit verbreitet war, hatte sie keine große organisatorische Struktur, sie lebte eher in den Höhlen und Retreatstellen und wurde von Meistern anderer Linien „mitgehalten". Über viele Jahrhunderte übertrugen die Karmapas auch die Lehren der Shangpa-Kagyü. Vom vierten Karmapa Rölpe Dorje wird beispielweise erzählt, dass seine persönliche Praxis und der Inhalt seiner Belehrungen vorrangig aus der Shangpa-Kagyü stammte.
Auch Marpa hatte auf Geheiß von Naropa Einweihungen von Niguma bekommen. Er besuchte sie bei jeder seiner Indienreisen, und in seiner Biografie erscheint sie unter dem Namen „Weisheitsdakini mit Knochenschmuck".

Die wichtigste Shangpa-Praxis wird „Fünf Goldene Lehren" genannt, Teil davon sind die „Sechs Lehren Nigumas" sowie das „Große Siegel der Amulett-Kiste". Die wichtigsten Tantras sind „Buddha der Höchsten Freude" (tib. Khorlo Demchog) und ein Tantra, in dem fünf Buddha-Aspekte in Kombination erscheinen: Hevajra, Chakrasamvara, Guhyasamaja, Mahamaya und Vajrabhairava.

Die Shangpa-Kagyü-Linie stand immer in enger Verbindung mit der Jonangpa-Schule. Taranatha, einer der größten Gelehrten der Jonangpas, schrieb maßgebliche Texte zu den Sechs Lehren Nigumas und anderen Shangpa-Praktiken. Wie auch die Jonangpa, so wurde die Shangpa-Kagyü Angriffsziel von sektiererischen Gelugpas, die ihre Lehren nicht verstanden und sie bekämpften. Im 17. Jahrhundert verschwanden beide unter dem Druck der Gelugpas als organisatorisch eigenständige Schulen im größten Teil von Tibet. Im 19. Jahrhundert arbeiteten der Kagyü-Linienhalter Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye und der Sakya-Meister Jamyang Khyentse Wangpo für die Wiederbelebung der Shangpa.
Lodrö Thaye schätzte diese Lehren so sehr, dass in den von ihm geleiteten Drei-Jahres-Retreats seine Schüler nach den Grundübungen 15 Monate lang Shangpa-Praktiken übten.
Kalu Rinpoche war Linienhalter der Shangpa-Kagyü und bis Mitte 2004 hielt der verstorbene Bokar Rinpoche, sein Schüler, diese Lehren. Die Gespenster des alten Tibets scheinen jedoch noch lebendig zu sein: Es wird erzählt, dass Kalu Rinpoche Tränen in den Augen hatte, als er erfuhr, dass die geheimsten Belehrungen der Shangpa von den Gelugpas in Dharamsala gedruckt und öffentlich verkauft wurden. Die Wirksamkeit der effektivsten Mittel des Diamantweges basiert in hohem Maße auf ihrer Geheimhaltung.
Dank für Rat und Mithilfe an Manfred Seegers und Claudia Knoll!

Teil II im nächsten Heft - Kadampa, Sakya, Jonangpa, Shije & Tschö, Urgyen Nyendrub und Rime

Detlev Göbel
Jahrgang 1960, seit 1984 Buddhist und
Schüler von Lama Ole Nydahl,
Reiselehrer und Redakteur der
"Buddhismus Heute".

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