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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 38, ( 2004)

Das buddhistische Buch von Weisheit und Liebe

Auszug aus Karmapas Buch und Interview mit dem Herausgeber

Buchauszug - Karmapa Thaye Dorje

"Mehrere Monate vor meiner Abreise aus Tibet hatte mich mein Vater zurück zu unserem Familienwohnsitz in Kham gebracht. Die Stunde des Abschieds nahte. Ich wusste, dass ich die magischen Momente meiner Kindheit nicht wieder erleben würde. Ein Lebensabschnitt ging zu Ende. Ich ging hinaus in das Tal, in eine Gegend, die die Menschen aus unerfindlichen Gründen wohl vergessen hatten. Ich nahm einen Weg, über den beständig ein wirbelnder Wind fegte. Es gab kaum Vegetation und man musste gut zwei Stunden wandern, um diesen Ort zu erreichen.

Ich gelangte ans Ufer eines Baches, den ich weiter flussabwärts überquerte. Eisiges Wasser umspülte mich. Ich hatte nie zuvor Wasser von einer solchen Farbe gesehen: eine Mischung aus Gold und Brauntönen, die mir völlig außergewöhnlich schien. Es gab Sträucher, an denen ich mich festhalten konnte, um hinüber zu gelangen. Die Strömung war so schwach, dass sie kaum wahrzunehmen war. Ein sanftes Mondlicht erhellte die Gegend. Ich setzte mich und rief mir die Gesichter meines Vaters und meiner Mutter ins Gedächtnis, die mich zärtlich anlächelten. Ich vergaß das Kind, das ich noch war, um mich besser mit dem Mann vertraut zu machen, mit dem Praktizierenden und spirituellen Führer, der ich morgen sein würde.

Obwohl ich meine Heimat, das Land des ewigen Schnees, hinter mir lassen musste, verhieß alles sehr wohl den Erfolg der großen Vorhaben. Ich bedauerte nichts von dem, was ich bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt getan hatte. Die Zeit verging unglaublich langsam: Während ich die Sterne betrachtete und die Schatten, die mich umflossen, lauschte ich den Geräuschen, den Stimmen der Nacht. Alles um mich herum erschien mir so schön, und ich genoss die Stille des Moments in vollen Zügen. Ich war glücklich, ausgerichtet auf ein zweifaches Ziel: ein Höchstmaß an Wissen zu erwerben und für das Glück der anderen zu arbeiten. Ich möchte das Leid aller Wesen lindern. Um dies zu tun, werde ich der Lehrer sein, der Arzt, der Heiler, solange es notwendig sein wird. Ich werde mich bemühen, fortwährend alle lebenden Wesen zu beschützen.

Ich dachte wieder an die Worte Buddhas:
"Unsere Existenz ist ebenso vergänglich wie die Herbstwolken. Dem Geborenwerden und Sterben der Wesen zuzusehen ist, als würde man die Bewegungen eines Tanzes verfolgen. Die Lebenszeit gleicht einem Gewitterblitz am Himmel. Sie fällt unaufhaltsam ihrem Ende entgegen, ohne Wiederkehr, wie Wasser einen steilen Berg hinabstürzt."

Den Familienwohnsitz in Kham verließ ich unter höchster Geheimhaltung. Eine lange Reise begann, zunächst mit dem Auto, später mit dem Flugzeug. Es war Nacht. Es regnete in Schauern. Für uns Tibeter ist das eher ein gutes Zeichen. In der Ferne zeichnete sich die Bergkette des Himalaja ab, massiv und geheimnisvoll. Das Gewitter hörte plötzlich auf. Dann wurde der Himmel tief und klar, mit Sternen übersät. Da oben, in der Milchstraße, sah ich Sterne, die heller strahlten als die anderen. Die Wiege des Lebens: das Sonnensystem, aus einer gigantischen interstellaren Gaswolke entstanden, die sich vor ungefähr 4,55 Milliarden Jahren geformt hatte. Eine Milliarde Jahre später entstanden die ersten Zellen auf der Erde, Wasser, Sand, Blumen, Bäume und - Bewusstsein.

Das Universum, die Sterne, die Eroberung des Kosmos sind Themen, die mich sehr interessieren. Star Wars von George Lucas ist bestimmt für viele anregend. Wenn mein Zeitplan und meine Studien es mir erlauben, sehe ich gern DVDs an. Über das Internet habe ich erfahren, dass Brian de Palma einen neuen Film über eine Reise in den Weltraum vorbereitet. Mission to Mars wird wahrscheinlich authentischer sein als Star Wars. Die Raumfahrzeuge des Films existieren in verschiedenen Entwicklungsstadien bei der NASA. Es ist diese wirklichkeitsnahe Seite, die ich mag. Eine Marsmission in Erwartung eines längerfristigen Aufenthalts von Menschen auf dem Planeten Mars, das ist nicht länger nur ein Traum, das ist im Bereich des Möglichen in diesem dritten Jahrtausend. Die Dinge werden schließlich nicht anders sein, als sie es hier sind. Die Ängste, die Leiden werden nicht verschwunden sein, denn sie sind ein Bestandteil unseres Geistes. Nur eine einzige Arbeit - das Training unseres Geistes - ermöglicht uns, zu innerem Frieden zu finden, indem wir wirklich erkennen und verstehen, was uns leiden lässt.

Ich besuche auch die Internetseite von CNN, um über Aktuelles in der Welt informiert zu sein. Die Journalisten des amerikanischen Senders schilderten unter anderem die zukünftige Raumstation, die die Mir ersetzen wird, und an der amerikanische und europäische Wissenschaftler und Techniker zusammen arbeiten. Ich muss zugeben, die Idee gefällt mir. Die Lehre des Buddha von da oben zu verbreiten, von einer Raumfähre aus zu allen Wesen über Weisheit, Liebe und Mitgefühl zu sprechen, das würde ich gerne eines Tages erleben.

Eine andere, mehr körperliche Erfahrung hat ebenso mein Interesse geweckt: das Gleitschirmfliegen. Eines Tages, als wir am Puy de Dôme in der Auvergne vorbeikamen, sah ich Menschen, die sich vom Vulkan stürzten und durch die Luft davonflogen. Ich habe mit einem Mönch aus Le Bost darüber gesprochen, der diesen Sport kennt. Aber er erscheint mir ein wenig zu ungeeignet angesichts meiner Verantwortung. Ich werde mich also anderen Sportarten widmen.

 

Interview mit Michel van Dinteren, dem Herausgeber

Wie kamst Du dazu dieses Buch übersetzen zu lassen und in Deutschland zu veröffentlichen?
Schon 2000 oder 2001 hatte der französische Verleger Werbematerial über dieses Buch an verschiedene buddhistische Zentren in den Niederlanden geschickt. Da das Diamantwegzentrum Amsterdam und mein Verlag "Edition Milarepa" die gleiche Adresse haben, fiel mir das Buch bald in die Hände. Trotzdem dauerte es noch mehrere Monate, bis ich die Rechte für die niederländische Sprache kaufen konnte - einerseits weil Lama Ole, Hannah, Caty, Tomek und ich uns Zeit genommen hatten darüber zu emailen und zu reden, andererseits weil ich Zeit brauchte um das Finanzielle zu klären.

Der Gedanke auch die Rechte für die deutsche Übersetzung zu kaufen kam erst später. Das niederländische Manuskript übersetzte ich aus dem Deutschen, nachdem Gabi Dallas aus Meinerzhagen die erste Übersetzung direkt aus dem Französischen ins Deutsche gemacht hatte. So kamen fast gleichzeitig zwei Manuskripte zustande: eines auf Deutsch und eines auf Niederländisch. Ich wollte die Gelegenheit nicht verpassen und nahm deswegen wieder Kontakt mit dem französischen Verleger auf. Als nach einiger Zeit alles stimmig war, fragte ich Christiane Uffrecht, ob sie an der deutschen Version mitarbeiten wollte.

Kannst Du etwas über den Hintergrund des Buches erzählen? Wie ist es überhaupt entstanden?
Der französische Journalist Gilles van Grasdorff hatte schon über den Dalai Lama und den chinesischen Karmapa-Kandidaten Urgyen Trinley geschrieben. Als er auf Karmapa Thaye Dorje und die Karmapa-Kontroverse neugierig geworden war, wollte er auch darüber schreiben. Da Urgyen Trinley im Jahr 2000 viel in der Presse war, hatten Künzig Shamarpa und der französische Zweig der Kagyü-Linie nichts dagegen, dass ein Journalist über Karmapa Thaye Dorje schreiben wollte. Schon im Vorwort redet Grasdorff Klartext - sogar mit Sätzen die Lama Ole oft verwendet - zum Beispiel: "Es steht dem Dalai Lama in keiner Weise zu, über die Anerkennung des Karmapa zu entscheiden oder sich diese Aufgabe anzueignen. Auch wenn er das weltliche Oberhaupt aller Tibeter ist, so ist der Dalai Lama doch nicht für alle das spirituelle Oberhaupt. Er ist nur einer der wichtigsten Meister der Gelugpa-Linie, die drei Jahrhunderte nach der Linie des Karmapa begründet wurde." Als ich das gelesen hatte, wusste ich, dass dieses Buch interessant war und schließlich ist es auch das erste Buch, an dem Karmapa Thaye Dorje beteiligt ist.

In der französischen Ausgabe wird Lama Ole nicht erwähnt, obwohl ja Karmapa im Jahre 2000 in Deutschland von Tausenden von Lama Oles Schülern begrüßt wurde. In der deutschen Ausgabe ist das anders. Wie kam es dazu?
Das wollte ich einfach so! Ich habe den französischen Verleger angerufen und gesagt, dass es journalistisch "schwach" sei zu erwähnen, dass Karmapa in Düsseldorf war ohne zu sagen, mit wem und wie es dazu kam. Es war nicht schwer die Erlaubnis zu bekommen einen Absatz einzufügen und auch ein Bild von Karmapa und Lama Ole an der Stelle haben zu wollen, war dann kein Problem.

Sind die Teile im Buch, in denen Gyalwa Karmapa in der Ich-Form spricht, tatsächlich so von Karmapa oder hat Gilles von Grassdorf das formuliert?
Die sind tatsächlich von Karmapa! Eine tolle Sache war, dass Christiane Uffrecht gerade in Paris wohnte, als ich sie fragte, ob sie Lust hätte, am Buch mitzuarbeiten. Sie machte in Paris den Dolmetscher Trinlay Rinpoche ausfindig, der die Gespräche zwischen Karmapa und Grasdorff gedolmetscht hatte. Damit sind wir an die eigentlichen Quellen gekommen. Ich war sehr froh, dass sie auch einige schwache Stellen mit Jigme Rinpoche durchsprechen und danach verbessern konnte. Dadurch hat das Buch an Qualität gewonnen. Es hat mir viel Spaß gemacht, dass Christianes Schreibstil und Lösungen im Deutschen und meine in Niederländisch viele Ähnlichkeiten haben, wodurch die beiden Ausgaben der Edition Milarepa wirklich sehr nah aneinander sind. Wir haben übrigens auch bewusst versucht, den Stil der Übersetzungen so nah wie möglich am Diamantweg-Sprachstil zu halten, ohne dem Original zu schaden. C'est le ton qui fait la musique.

Teilweise erscheint uns etwas verwirrend zu erkennen, wer gerade spricht. Zum Beispiel sind in Kapiteln, wo Karmapa in der Ich-Form spricht, Belehrungen in kursiv eingefügt. Sind die dann auch von Karmapa?
Ja, alle Absätze in kursiv sind das ganze Buch hindurch von Karmapa. Wir haben viel recherchieren müssen, wer jeweils spricht, da in der Original-Ausgabe ständig Schriftarten und Layout wechseln und die Ich-Form von wechselnden Personen gebraucht wird. Es war Xavier Hazenbosch, der bei Probe-Gestaltungen die Idee hatte, mit Überschriften zu arbeiten. Nachdem Christiane und ich - mit Hilfe von Sylvie Fenart aus Paris - rausgefunden hatten, wer jeweils redet, hat Xavier eingeführt, dass dieser Rednerwechsel am Anfang der Absätze kenntlich gemacht wird. So hat unserer Meinung nach das Buch an Klarheit gewonnen.

Übrigens ist das Buch nicht als Belehrungsbuch geschrieben! Es soll so viele Leute wie möglich mit Karmapa in Kontakt zu bringen. Jigme Rinpoche hat mir ans Herz gelegt, das Buch in so viele Buchläden wie möglich zu bekommen. Auch Lama Ole Nydahl hat mir in Kassel gesagt, dass ich mir damit Mühe geben soll. Da kommt noch was auf mich zu!


Fragen von Claudia Knoll und Detlev Göbel

Michel van Dinteren (38) ist gelernter klassischer Musiker. 1998 schrieb er einen Artikel über die Karmapa-Kontroverse, der in einem bekannten niederländischen Magazin veröffentlicht wurde. Im gleichen Jahr bat Lama Ole Nydahl ihn, bei der Übersetzung von "Die Buddhas vom Dach der Welt" mitzuarbeiten. Ab 2000 publizierte er in den Niederlanden in seinem dafür gegründeten Verlag Übersetzungen von "Über alle Grenzen", "Das Große Siegel" und "Rüpel in Roben". "Das buddhistische Buch von Weisheit und Liebe" ist der erste Titel von Edition Milarepa auf Deutsch.