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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 38, ( 2004)

Eine gute Alternative

Jigme Rinpoche über Sangha

Ein Dharma-Zentrum bietet uns die Gelegenheit zu praktizieren und anderen zu helfen. Beides entwickelt uns und ermöglicht, den eigenen Geist zu erkennen. Das ist eine gute Alternative zu dem Gefangensein in der bedingten Welt.
Im Diamantweg wird oft vom "kostbaren Menschenkörper" gesprochen, um uns zu ermutigen, diese Gelegenheit zu ergreifen, anstatt weiter in Samsara zu leben. Es ist charakteristisch für Samsara, dass man von früheren Handlungen und Gewohnheitstendenzen beeinflusst wird und deswegen die Sicht von einem selbst und der Welt begrenzt ist. Trotzdem wurdet ihr zum Dharma geführt durch euer Wissen, dass unsere gegenwärtige Situation in Samsara schwierig ist, dass wir in gewisser Weise in Gefahr sind und deswegen unsere kostbare Gelegenheit jetzt ergreifen müssen.

Die Lehren Buddhas sagen - und die großen und erfahrenen Lamas bestätigen es -, dass es sehr starkes Leiden in der bedingten Welt gibt. Sie vergleichen unser kostbares menschliches Leben und die Fähigkeit zur Dharmapraxis mit der fast unmöglichen Wahrscheinlichkeit, einen Stern am Tageshimmel zu sehen. Im Moment haben wir viele gute Bedingungen, aber dies wird nicht für immer so bleiben, und deswegen ist unsere Gelegenheit für die Praxis hier und jetzt sehr außergewöhnlich. Wenn man das einsieht, dann weiß man auch, dass man diese Chance ohne Zeit zu verlieren richtig nutzen muss.

Man arbeitet mit dem Dharma um die eigenen Bedingungen zu "verbessern", und macht solange weiter, bis man das Ziel der Erleuchtung erreicht hat. Den Ausdruck "verbessern" gibt es ja auch im weltlichen Sinne, aber im Dharma zielt er letztendlich auf einen Zustand der Freiheit von Leiden, und in relativer Hinsicht auf die Verfügbarkeit und Zugänglichkeit der Dharma-Lehren. Vor allem aber geht es um die Verbindung zu den buddhistischen Lehrern - nicht nur den gewöhnlichen, sondern den hoch verwirklichten Bodhisattvas - und um die Gelegenheit, von ihnen Belehrungen zu erhalten.

Unter einem "kostbaren Menschenkörper" verstehen wir ein Leben, in dem das alles zur Verfügung steht. Insbesondere wir alle, die wir dem Diamantweg folgen und ihn praktizieren, haben diese Gelegenheit. Wenn ihr euch eure Umgebung oder andere Erdteile anschaut, so seht ihr, dass es viele Menschen mit guten Fähigkeiten und Umständen gibt. Aber ihnen fehlt ein Verständnis der Bedeutung der Lehren Buddhas und so können sie sich nicht dafür entscheiden, die besonderen Qualitäten anzustreben, die sie befreien könnten. Viele andere haben nicht die Zeit für Dharma-Praxis. Es ist wirklich sehr selten, dass Leute tatsächlich die Chance haben zu praktizieren. In unserer Tradition betonen die Lamas immer wieder, wie ausgesprochen kostbar diese Bedingungen sind und dass wir deswegen keine Zeit verlieren sollten. Ihr wisst, wie gut eure Bedingungen sind und dass eure Zeit kostbar ist. Nutzt eure Zeit wirklich!

Jeder - ob Lama oder Schüler - kann dieses Verständnis auch an andere vermitteln. Dadurch kommen mehr Menschen dahin, ihre begünstigten Bedingungen wertzuschätzen, und sie können sich entschließen, dem Weg zu folgen - zuzuhören, nachzudenken, es im Geist zu halten und in der richtigen Weise zu handeln. Das ist wichtig.

Oft haben Leute natürlicherweise die Idee, Praxis sei leicht und der Dharma sei leicht zu verstehen. Wenn es zum Beispiel darum geht, die Handhabung eines Computer zu lernen, denkt man: "Das ist leicht, ich muss nur jemand finden, der es mir beibringt. Ich brauche nur die Methoden, dann kann ich es lernen." Genauso geht es uns, wenn wir Auto fahren lernen.

Aber bei der Erkenntnis des erleuchteten Geistes geht es um etwas ganz anderes. Wenn man zum Beispiel einen Katarakt (red: "Grauer Star") im Auge hat, dann hilft kein Reiben oder Waschen, um klar zu sehen. Unsere "Blindheit" bezüglich der Unwissenheit im Geist ist ähnlich, denn sonst könnte eine Person einfach durch Lesen und Studieren der buddhistischen Texte die Erleuchtung erlangen. Die Bedeutung des Dharma ist aber sehr schwer zu erkennen, denn die Verdunkelungen im Geist sind sehr stark. Sie verschleiern den Geist wie der Katarakt das Auge. Den Katarakt kann man nicht einfach reinigen und es hilft auch nicht eine Brille aufzusetzen, sondern man muss sich operieren lassen.

Ähnlich ist es mit der Unwissenheit im Geist. Wir wissen nicht, wann sie anfing und woher sie kommt, aber sie ist da. Selbst wenn ihr euch für sehr schlau haltet, so wird es sich als schwierig herausstellen, die Erleuchtung zu erlangen. Dieser Prozess ist ein ganz anderer als wir gewohnt sind. Wir müssen dafür den Methoden und den Lehren folgen und die besonderen Bedingungen nutzbar machen. Dadurch werden wir fähig, klarer zu sehen.

Die Praxis ist eigentlich nicht schwer, sie ist leicht auszuüben. Aber wirklich die Resultate zu bekommen, das kann ziemlich schwierig sein. Man kann zwar alles Mögliche lernen, aber ein Verständnis der Erleuchtung zu entwickeln, ist eine echte Herausforderung. Es ist aber möglich und kann sogar ganz einfach sein, wenn die richtigen Bedingungen zusammenkommen. Wenn zum Beispiel eine Pflanze am Vertrocknen ist und Wasser braucht, dann reicht es nicht, etwas Wasser über ihre Blätter zu gießen, sondern man muss den Boden wässern. Dann wird sich die Pflanze langsam erholen.

Das gleiche gilt für unser Lernen im Dharma. Aus der Beobachtung der anderen um uns herum sowie unserer eigenen Situation wissen wir, dass Samsara schwierig ist, und die Lehren bestätigen unsere Beobachtung. Selbst wenn im Moment alles gut für uns läuft, so gibt es keine Garantie dafür, was der nächste Moment bringen wird. Deswegen ist man nervös.

Das Dharma bringt uns bei, wie wir uns selbst verstehen lernen. Nur dadurch können wir unsere Unwissenheit auflösen, und mit dieser klaren Sicht können wir jedes Problem lösen. Deswegen lernen und praktizieren wir so lange, bis das Dharma ein natürlicher Teil von uns geworden ist, so wie man die vertrocknete Pflanze an ihren Wurzeln wässert. Wenn man zusätzlich die Pflanze an einen passenden Platz mit ausreichend Sonne stellt, dann wird sie im Laufe der Zeit langsam aber sicher natürlich wachsen. Genauso kümmert ihr euch Tag für Tag um die Praxis und Anwendung des Dharma. Dadurch verbessern sich allmählich eure Bedingungen und das Resultat kommt ganz spontan und natürlich. Man kann seine Entwicklung genauso wenig forcieren, wie man das Wachstum einer Pflanze dadurch beschleunigen kann, dass man an ihr zieht. Die richtigen Bedingungen bringen natürliches Wachstum. Wenn man praktiziert und all die Bedingungen so anwendet wie sie gelehrt werden, kommt das Resultat.

Im Großen Fahrzeug und im Diamantweg wird immer wieder die Qualität der Großzügigkeit betont, wie man diese Haltung bewahrt und sie nicht aus dem Geist verliert. Es ist eine besondere Bedingung im Geist, die wir aufbauen wollen, denn sie führt uns in eine positive Richtung und wird natürlicherweise unsere Klarheit entwickeln. In den buddhistischen Texten wird sie so ausführlich erklärt, weil es gar nicht so leicht ist sie zu entwickeln. Wenn alles gut läuft, müssen wir nicht besonders daran erinnert werden. Es ist auch relativ leicht, mit offensichtlich negativen Dingen wie Töten und Stehlen aufzuhören.

Aber kleine Dinge sind auch sehr wichtig, und sie werden oft übersehen. Es lässt sich leicht reden über "gutes Verhalten" und "Großzügigkeit", aber man muss sich sehr anstrengen, um die Achtsamkeit zu haben, sie im täglichen Leben anzuwenden. Nur durch bewusste und regelmäßige Anwendung wird man fähig, eine Veränderung in den eigenen Tendenzen und Gewohnheiten herbeizuführen.

Unser Problem dabei ist, dass wir diese Gewohnheiten schon seit unserer Kindheit haben, manchmal sogar aus früheren Leben, und dass wir von Leuten mit denselben Bedingungen umgeben sind. Deswegen gelten diese Tendenzen als natürlich, man hält sie für einen Teil des Menschen. Wir halten all die Einflüsse und Informationen, die Kommunikation und die Verhaltensweisen zwischen den Leuten für normal, sie sind ein Teil von Samsara, der schwer zu ändern ist. Wenn man aber darüber ein bisschen tiefer nachdenkt, erkennt man, dass es durchaus möglich ist sie zu ändern. Dafür kann man sich in einer Gruppe zusammentun, was wir eine "Sangha" nennen. Man kann zusammen arbeiten, praktizieren und zusammen Belehrungen hören. Das bildet einen guten Rahmen für Veränderung.

Wenn man versucht großzügig zu sein, wird man feststellen, dass das schwierig ist. Viele Bedingungen kommen dabei zusammen und es ist wichtig, achtsam zu sein. Man übt es Schritt für Schritt, indem man sehr bewusst darauf ist, was man tut und was man anwenden und verwirklichen möchte. Wenn man zum Beispiel in einer buddhistischen Gemeinschaft lebt, arbeitet man zusammen und teilt viele Dinge. Die Sangha ist wichtig, aber jeder einzelne auch. Unterbewusst ist man dabei und versucht zu bleiben, zu lernen, etwas zu erreichen. Man will das Dharma lernen und Resultate bekommen; das ist unser Hauptziel. Wenn man sich dessen bewusst ist, dann wird es wirklich nötig, dass man sich gegenseitig unterstützt und hilft. Man bringt sich ein und versucht zugleich zu hören, nachzudenken, anzunehmen und zu verstehen.

Um vollen Nutzen aus dem Leben in einer Sangha zu haben, bereitet man sich vor. Man hört die Belehrungen, denkt über sie nach und versucht sie anzuwenden. Der erste Schritt ist, "einfach" zu sein. Alles kann sehr einfach sein, man muss nicht immer alles kompliziert machen. "Einfach" bedeutet hier, dass man versucht, sich gegenseitig zu helfen, was gar nicht so leicht ist. Wir können zwar die Worte sagen und wir fühlen auch, dass das Konzept sich gut anhört. Es klingt sogar fast schon zu leicht, aber nur bis wir wirklich versuchen es in die Praxis umzusetzen. Wenn alles glatt läuft, dann ist es natürlich leicht, "einfach" zu sein. Wenn aber eine kleine Unstimmigkeit aufkommt, nicht mal eine große, dann wird alles schon schwieriger. Das könnte eine Meinung darüber sein, ob etwas interessant ist oder nicht, oder ob jemand zur Verfügung steht oder nicht. Über solche Kleinigkeiten können Schwierigkeiten einsetzen und sie können Brüche hervorrufen.

Die Praxis der Großzügigkeit bedeutet "zu helfen und eine Gelegenheit zu bieten". Ihr wisst bereits, dass die bekannte Bedeutung von Großzügigkeit ist, viele Dinge zu geben und anderen zu helfen. Versucht deswegen, einen Bezug zu dieser Bedeutung zu entwickeln und Großzügigkeit anzuwenden, indem ihr mit anderen teilt anstatt eure Eigeninteressen zu pflegen.

Die Emotionen sind in uns allen sehr stark, wir kritisieren viel, haben Zorn und viele Ablenkungen. Wir halten diese Gefühle hier in Samsara für normal und es ist normal, wenn man nichts daran ändert. Aber ein Praktizierender zu sein und mit anderen Praktizierenden zusammenzuleben, bietet eine Chance etwas zu verändern. Das ist eine Gelegenheit, Probleme zu lösen, mit Fehlern aufzuhören, Missverständnisse zu klären, kurz: all die Fehler zu bereinigen, die damit zusammenhängen, dass wir nicht richtig sehen.

Wenn man sich bewusst geworden ist, dass man sich verändern will, dann ist der nächste Schritt: zu erkennen, dass man dafür anderen helfen muss. Man hilft anderen und nimmt selbst Hilfe an, und dadurch lernt man. Dabei ist die richtige Einstellung von Offenheit und Ernsthaftigkeit wichtig. Besonders in uns als Diamantweg-Praktizierenden entwickeln diese positiven geistigen Eigenschaften das Verständnis des Dharma. Wenn man dann Belehrungen hört, versteht man auch ihre Bedeutung und wird fähig, sie in der eigenen Situation anzuwenden. Es ist wichtig zu verstehen: Der Hauptgrund dafür, dass ihr die Belehrungen nicht richtig anwenden könnt, ist, dass ihr sie nicht richtig verstanden habt.

Im Diamantweg ist viel von Hingabe die Rede, den Bänden und vielen anderen wichtigen Bedingungen. Aber damit diese im Geist entstehen, muss unser derzeitiger gewohnter Geisteszustand völlig verändert werden.

Wir haben zum Beispiel sehr viele Emotionen, und wenn man genau nachdenkt, dann sieht man zunehmend, wie das bei einem selbst funktioniert: Man hält diese Geisteszustände aufrecht, um etwas zu erreichen, sie alle beruhen auf Anhaftung. Man stützt sich sozusagen auf die Störgefühle und denkt zum Beispiel: "Ich will gut sein, ich will gewinnen. Dafür brauche ich Eifersucht, Stolz usw. als Unterstützung. Ohne diese Emotionen schaffe ich es irgendwie nicht. Ohne sie habe ich das Gefühl, ein Verlierer zu sein, ein Versager." So halten wir die ganze Zeit fest an unseren Störgefühlen, um uns zu schützen.

Im Diamantweg gibt es eine Redensart: Man soll jenseits dieses "sich selbst Bewahrens" gehen. Das heißt aber nicht, dass man alles völlig loslassen und sich nicht mehr darum kümmern soll, dass alles funktioniert. Wir müssen durchaus anständig leben, aber zugleich sollten wir nicht von Gewohnheiten, Tendenzen und emotionalen Einflüssen gestört und aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Dessen müssen wir uns bewusst sein. Wenn wir mit anderen Leuten zusammen sind, bemühen wir uns um Offenheit und hören ihnen mit echter Anteilnahme für ihr Wohlergehen zu.

Im Diamantweg halten wir immer im Geist, dass wir perfekt sein wollen und dafür müssen wir sehr "präzise" werden. Das bedeutet nicht, fanatisch oder steif zu sein, sondern nur korrekt. Dies wiederum beruht auf einem Geist, der nicht von Störgefühlen verdunkelt ist. Wenn wir das schaffen, dann sind wir fähig, alles "rein" zu halten, auch unsere Verbindungen im Sangha. Durch unsere reinen Verbindungen bewahren wir ein reines Verhältnis zu unserem Lama und den Buddha-Aspekten. Das ist ganz wesentlich für unsere Praxis, denn durch diese Reinheit werden wir fähig, die Verdunkelungen im Geist zu klären. So gehen also unsere Praxis und ihre Anwendung beim Helfen anderer Menschen Hand in Hand. Eins verstärkt das andere und wir kommen Schritt für Schritt weiter.

Diese Belehrungen gelten nicht nur für jemand, der in einem Zentrum lebt. Es wäre auch nützlich, sie in unserer Gesellschaft als Ganzes, in der allgemeinen Bevölkerung, anzuwenden. Ob in einem buddhistischen Zentrum oder einfach zu Hause: Wir brauchen immer die wesentlichen Qualitäten von Liebe, Mitgefühl und Güte gegenüber allen Wesen, sonst können wir ihnen nicht helfen. Alle buddhistischen Lehren bringen uns mit diesen grundlegenden Qualitäten in Verbindung.

Um Liebe und Mitgefühl zu verstehen und zu entwickeln, müssen wir erkennen, dass die Ursache für Leiden unsere auf Anhaftung beruhende Ego-Illusion ist. Anhaftung und persönliche Begierden geben keinen Raum für selbstlose Liebe und Mitgefühl.
Im Alltag ist es sehr wichtig, praktische Dinge wie die Belehrungen, die Arbeit usw. miteinander zu teilen. Natürlich ist jeder emotional, kritisiert und ist abgelenkt. Aber versucht am Anfang, euch etwas zu bemühen und dann wird das Teilen immer spontaner. Versucht, jedes Mal, wenn ihr gestört seid und wenn ihr kritisiert, euch zurückzunehmen und euch anzuschauen. Das kann zuerst ein wenig verwirrend sein. Erinnert euch daran, euch immer wieder auf die Belehrungen zu beziehen. Dann werdet ihr anfangen, eure Probleme zu verstehen.

Wir sind selbst noch nicht perfekt, und wir sollten deswegen auch keine Perfektion bei den anderen erwarten. Unsere eigenen Probleme lassen uns die Notwendigkeit für eine Veränderung erkennen. Wenn wir dann mit anderen konfrontiert werden, die wir als nicht perfekt und nicht rein erleben, dann sollten wir davon nicht gestört sein, sondern zu erkennen versuchen, warum wir so wahrnehmen. Die Lehren sagen, dass unsere eigenen Zustände von Unwissenheit der Grund dafür sind. Versucht deswegen, nach innen zu schauen und diese Zustände zu erkennen. Seid bewusst, helft anderen, und erwartet keine sofortige Veränderung. Versucht so viel Liebe und Mitgefühl zu erwecken wie ihr könnt. Arbeitet an euch selbst und helft zugleich anderen. Dadurch werdet ihr euch Schritt für Schritt entwickeln.

Die Alternative ist, weiterhin in der bedingten Welt gefangen zu sein, so weiterzumachen wie bisher. Man denkt vielleicht: "Was soll's?", und hält das für leichter. Aber einerseits wird man dann nichts verwirklichen und andererseits geht das Karma sowieso weiter, ganz gleich wie man sich entscheidet. Alle Ursachen, die wir gelegt haben, werden unfehlbar zu ihren entsprechenden Wirkungen heranreifen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese uns noch mehr verwirren und unserer Fähigkeiten und Qualitäten berauben. Deshalb hat es Wert, jetzt zu versuchen mit anderen zu teilen. Hier geht es jetzt nicht um "große" Sachen, sondern einfache kleine Dinge. Man sieht und fühlt täglich solche Gelegenheiten, und wir versuchen oft, sie zu ignorieren. Aber versucht einmal, etwas aufmerksamer zu sein und etwas tiefer darüber nachzudenken, dass es wichtig ist, sich zu verändern und anderen zu helfen.

Wenn ihr die Idee des Teilens in die Tat umsetzt, verbessert ihr eure Bedingungen, was euch wiederum enger mit dem Dharma verbindet. Ihr werdet dann feststellen, dass ihr seine Bedeutung versteht und ihm folgen könnt.
Wenn wir damit beginnen, anderen zu helfen, erleben wir Schwierigkeiten: Wir schaffen Manches nicht und sehen nicht richtig klar, selbst wenn wir wirklich wollen. Es ist gar nicht leicht, sondern sehr schwierig - so als ob man einen Katarakt hat. Dann sollte man anwenden, was die Belehrungen sagen: sich konzentrieren und ernsthaft einen liebevollen Geist entwickeln. Wenn man zum Beispiel von einem Baum fällt, ist man voll konzentriert darauf, dass man Hilfe braucht und man ruft "Hilfe, Hilfe". Dieses Gefühl von Dringlichkeit entsteht, wenn man ganz und gar erkennt, dass "Hilfe" zwingend nötig ist.

In den Guru-Yogas - zum Beispiel auf Milarepa oder Karmapa - rezitieren wir oft einfach die Worte des Meditationstextes und folgen ihnen. Aber es gibt Zeiten, in denen wir eindeutig fühlen, dass wir Hilfe brauchen. Dann ist es gut, über die wirkliche Bedeutung der Worte nachzudenken und sie anzuwenden. Es ist auch sehr hilfreich, die direkte Bitte um Hilfe in Worten auszudrücken. Das ist die Bedeutung von "Karmapa Tschenno". Es ist die Bitte an Karmapa: "Karmapa, du bist derjenige der Bescheid weiß. Ich bin in Schwierigkeiten, bitte hilf mir". Es gibt keinen anderen Grund, es zu sagen. Für Leute, die Karmapa noch nie getroffen haben, könnte es schwierig sein, ihn so anzurufen, sie würden nur der Idee folgen. Aber für euch, die ihr Karmapa schon oft gesehen habt, ist es viel leichter, euch bei der Anrufung zu konzentrieren. Im absoluten Sinne ist es eigentlich egal, ob eine Person Karmapa getroffen hat oder nicht. Aber relativ gesehen ist es viel leichter, wenn es einen Kontakt gab.

Die richtige Weise der Anrufung ist, dass ihr euch jedes Mal an die eigentliche Bedeutung hinter den Worten erinnert. Das hilft wirklich, und es ist sehr effektiv. Diese Art der Anrufung können wir immer machen, wir müssen dafür nicht auf große Probleme warten. Auch kleine Probleme können, wenn man wirklich darüber nachdenkt, große Bedeutung haben. So versuchen wir, jede Gelegenheit zu nutzen, um nachzudenken und die Bedeutung der Anrufung anzuwenden.

Oft sind wir in Alltagssituationen zu aufgeregt um die Belehrungen zu nutzen. Angenommen, wir bitten jemanden etwas zu tun und er tut es nicht - dann regen wir uns auf. Ohne richtig darüber nachzudenken, halten wir unsere Irritation für normal. Aber man kann darüber nachzudenken: "Was ist die Ursache der Verstörung? Was hat sie für eine Wirkung auf mich? Ist das in Übereinstimmung damit, was das Dharma mir sagt?" Man sollte sich auf die Belehrungen besinnen und sehen, wie sie sich auf die eigene Situation anwenden lassen.

Man hält es für eine große Sache, dass die andere Person nicht macht, was man will. Aber wenn man an dieser Denkweise und dem Gefühl festhält, dann werden Kritik, Aggression und Stolz immer stärker. Sie verdunkeln den Geist und man kann die eigenen inneren Zustände nicht mehr erkennen. Natürlich denkt man immer, dass man nur bei den richtig großen Problemen Hilfe braucht, und wenn sie kommen, erinnert man sich und bittet um Hilfe. Aber wenn man genau nachschaut, dann sieht man die ganze Zeit alle möglichen Kritiken, Begierden und Aggressionen im Geist. Das ist damit gemeint, dass man "immer in Samsara ist". Es sind nicht nur die großen Probleme, die uns blockieren. Auch kleine Sachen können viele große Probleme hervorrufen. Das ist wie die Dinge sind, und das zu wissen ist gut.

Übersetzung aus dem Englischen: Claudia Knoll und Detlev Göbel


Jigme Rinpoche ist ein verwirklichter Meister der Karma-Kagyü-Linie und ein Neffe des 16. Karmapa. Er wurde vom 16. Karmapa als sein europäischer Stellvertreter eingesetzt.
Jigme Rinpoche wurde 1949 in Osttibet geboren. 1955 zog er nach Tsurphu, dem Hauptzentrum der Karma-Kagyü-Linie in Tibet. 1959 floh er zusammen mit dem 16. Karmapa vor den chinesichen Kommunisten aus Tibet und lebte anschließend viele Jahre in Rumtek/Sikkim. Seit 1975 leitet er das Zentrum Dhagpo Kagyü Ling in Südfrankreich.