Aus: Buddhismus Heute Nr. 38, ( 2004)

Buddhisten und Psychotherapie

Von Michael Paul

 

Der „Arbeitskreis buddhistische Psychotherapeuten im Diamantweg" stellt sich vor.

Zum vierten Mal hat sich jetzt unser Arbeitskreis „Buddhistische Psychotherapeuten im Diamantweg" ge­troffen und sich mit dem Spannungsfeld Bud­dhis­mus/Psychotherapie beschäftigt. Zwischen 20 und 30 Psy­cho­therapeut/innen trafen sich an einem Wochenende in dem gastfreundlichen Wuppertaler Zentrum. Allein das ist schon spannend und genau wie die Treffen zuvor, war es auch dieses Mal wieder inspirierend, klärend und bereichernd für unsere Arbeit.

Das Verhältnis von Diamantweg-Buddhisten zur westlichen Psychotherapie war bisher nie ganz einfach. Buddhas Lehre und seine Methoden sind so phantastisch und so umfassend, was brauchen wir da Psychotherapie und wenn doch, haben wir dann nicht einfach nur zu wenig oder gar verkehrt meditiert? Und in der Kindheit wühlen und die Schuld bei anderen suchen, das passt doch gar nicht in ein buddhistisches Weltbild? Und geht es dann doch nicht ohne Therapie, ist es irgendwie peinlich und am besten erfährt es niemand aus der Sangha. Das sind nur einige Ansichten zu diesem Thema, die mir in Diskussionen immer wieder begegnen und die uns zu unseren Treffen motiviert haben.

Seit Januar 2002 trifft sich unser Arbeitskreis zwei Mal im Jahr. Dabei haben wir die verschiedenen Weisen unserer Arbeit vorgestellt, diese auf dem Hintergrund der buddhistischen Lehre betrachtet und diskutiert und uns auf die Suche begeben nach einer psychotherapeutischen Arbeitsweise, die wir bei Bedarf Buddhisten anbieten können. Denn das kommt tatsächlich vor - manchmal gibt es auch Buddhisten, denen eine kurze Psychotherapie weiter helfen kann. Und das ist, wenn man die Dinge genau betrachtet, auch nicht verwunderlich. Menschliche Entwicklung findet auf verschiedenen Dimensionen der Persönlichkeit statt, von denen die spirituelle Dimension eine und natürlich die bedeutendste und nutzbringendste ist.

Aber es gibt auch andere Ebenen der Persönlichkeit, so zum Beispiel die „emotionale", die „sozial-zwischenmenschliche", die der „Ich-Funktionen, wie Selbstwert oder Selbstbild", die „körperliche" und noch einige mehr. Und auf jeder dieser Ebenen kann es zu Schwierigkeiten und Krisen kommen - auch während man fleißig seine Meditationspraxis macht. Sind die Krisen auf einer dieser Dimensionen der Persönlichkeit zu massiv, können sie auch die Entwicklung auf den anderen Dimensionen blockieren (ist der Körper zu krank, ist auch die sozial-zwischenmenschliche oder gar die spirituelle Entwicklung erschwert). Hier kann dann zum Beispiel bei körperlichen Problemen der Heilpraktiker oder der Arzt wichtig werden, bei sozial-zwischenmenschlichen oder emotionalen Krisen kann Psychotherapie, bei schweren Krisen der Ich-Funktionen sogar Psychiatrie notwendig und nützlich sein.

Natürlich können auch Buddhisten, die sich auf dem spirituellen Weg befinden, körperlich krank werden oder psychische Probleme haben und ihre spirituelle Entwicklung wird dann unter Umständen davon gebremst oder erschwert. So können zum Beispiel Ich-Funktionen wie ein stabiles Selbstbewusstsein zu wenig ausgebildet sein, in Partnerschaften kann es immer wieder zu ähnlichen und dramatischen Konflikten kommen, es kann eine Tendenz zu depressiven Reaktionen oder Panikstörungen bestehen usw. Und in all dem Durcheinander wird weniger meditiert oder der Buddhismus tritt ganz in den Hintergrund.  Da es für uns Buddhisten primär um unsere spirituelle Entwicklung geht, kann es dann nützlich sein, wenn eine Psychotherapie möglichst schnell und effektiv wieder Raum schafft für die weitere Entwicklung auf dieser Ebene.

Hier gibt es die unterschiedlichsten methodischen Ansätze, die sicher meist bis zu einem gewissen Punkt und unter bestimmten Umständen ihre Berechtigung haben. Für einen Diamantweg-Buddhisten sollte die Methode nicht zu zeitintensiv sein und sich auf die Lösung von Blockierungen konzentrieren - sollte helfen, dass befriedigende Freund- und Partnerschaften möglich sind, dass man im Beruf zurecht kommt und dass man Lebensfreude empfinden kann, um dann auf dieser Basis seinen spirituellen Weg weiter zu gehen.

Als Buddhisten sollten wir darauf achten, dass der jeweilige psychotherapeutische Ansatz nicht zu langfristig angelegt ist und dass er vor allem nicht die Tendenz zur Abgabe der Selbstverantwortung oder Schuldzuschreibung beinhaltet. Weiterhin sollte die Methode nicht die Tendenz zu Egoismus und emotionaler Kühle (Egozentrismus) stärken. Bei manchen psychoanalytisch orientierten Therapeuten ist ersteres, bei manchen Verhaltenstherapeuten letzteres gegeben.

Hier sollte man als buddhistischer Klient achtsam sein und sein buddhistisches Menschen- und Weltbild im Bewusstsein halten, auch dann, wenn der Therapeut kein Buddhist ist. Und wenn wir buddhistischen Psychotherapeut/innen uns bei unserer Arbeit achtsam im Klaren darüber bleiben, ist das sicher auch gut. Und genau deswegen trifft sich der Arbeitskreis, zu dem jeder, der seinen Lebensunterhalt mit Psychotherapie verdient, herzlich eingeladen ist.

Und ganz wichtig zum Schluss: natürlich braucht nicht jedes Problem eine Psychotherapie. Gute Freunde, gute Gespräche, Abstand zu den Dingen, eine Grauzone schaffen und einfach mal was Neues Ausprobieren hilft oft ausreichend, um sich wieder auf den spirituellen Weg zu konzentrieren.

Buddhismus und Psychotherapie

Nächstes Treffen des „Arbeitskreises buddhistische Psychotherapeuten im Diamantweg" im Januar 2005 in Berlin.

Kontakt über email: praxis.mpault-online.de


Michael Paul

Zuflucht bei Lama Ole 1991, glücklich verheiratet, ein Kind, Jahrgang 1959, seit 1995 Psychotherapeut in eigener Praxis. Seit 1991 Mitglied in der Frankfurter Sangha.

Email: praxis.mpaul@t-online.de