Aus: Buddhismus Heute Nr. 38, ( 2004)

Buddhismus und Marktwirtschaft

Von Sabine König

Buddhismus und Marktwirtschaft - wie passt das zusammen?

Wenn man etwas „Weltliches" wie Ökonomie studiert und sich gleichzeitig mit Buddhismus beschäftigt, dann entsteht zwangsläufig diese Frage. Dazu kommt die Bemerkung von Lama Ole Nydahl, dass die Wissenschaft mit zunehmendem Fortschritt immer buddhistischer wird. Da bildet sogar die Ökonomie keine Ausnahme. Neben der klassischen Volkswirtschaftslehre (VWL), die viele von uns kennen gelernt haben, hat sich in den letzten Jahren eine neue Richtung in der VWL entwickelt, die sich „neue Institutionenökonomik" nennt und unter anderem untersucht, welchen Einfluss die gedanklichen Konzepte der Menschen - genannt „mentale Modelle" - auf die Wirtschaftsleistung eines Landes und damit auf den Wohlstand haben. Die Kernaussage: Die gemeinsamen Gewohnheiten und Konzepte der Menschen in einem Land sind die entscheidenden Faktoren, die bestimmen, ob ein Land arm oder reich ist.

Das hört sich nun schon ziemlich buddhistisch an, dachte ich, und begann, meine Diplomarbeit über das Thema der "Vereinbarkeit von Buddhismus und Marktwirtschaft" zu schreiben.

Für eine solche Betrachtung ist es ganz entscheidend, die zwei Ebenen der buddhistischen Philosophie zu trennen. Sobald man anfängt, in der Analyse die Aussagen über die absolute und die relative Ebene zu vermischen, lässt man sich leicht zu genereller Kapitalismuskritik hinreißen und übersieht das eigentlich Erstaunliche: Auf der relativen Ebene widersprechen sich Buddhismus und Marktwirtschaft überhaupt nicht. Wenn es darum geht, wie das Ego funktioniert und wie man es in möglichst produktive Bahnen lenken kann, dann kommen Ökonomie und Buddhismus zu den gleichen Aussagen. Fest steht für beide, dass in der Welt das Prinzip von Ursache und Wirkung gilt: Es ist nicht ein Gott, der gibt oder nimmt, es sind die eigenen Handlungen, die über das zukünftige Schicksal entscheiden. Der Buddhismus denkt diese Idee konsequenter zu Ende und vor allem über ein Leben hinaus, aber beide Weltanschauungen gehen von kausalen Zusammenhängen aus.

Buddhismus und Institutionenökonomik teilen die Auffassung, dass kooperatives Verhalten langfristig und gesamtgesellschaftlich höheren Wohlstand bringt. Die Institutionenökonomik begründet diesen Zusammenhang mit niedrigen Transaktionskosten, der Buddhismus führt stattdessen die Karma-Theorie ein. Dies sind zwei sehr unterschiedliche Erklärungsmodelle, die sich aber nicht widersprechen. Die Wirkungsweise von Karma erklärt die Konsequenzen unseres Handelns für unser persönliches Erleben, während man über die Transaktionskosten berechnen kann, wie viel schlechte Gewohnheiten wie Gewalt, mangelnder Respekt vor dem Eigentum anderer usw. einer Gesellschaft kosten und sie daher arm machen. Die eine Theorie erklärt also das, was die andere auslässt, und sie kommen beide zu dem gleichen Ergebnis.

Genauso stimmen buddhistische Lehre und Wirtschaftswissenschaft darin überein, dass die menschlichen Bedürfnisse innerhalb von Samsara unbegrenzt sind. Die Ökonomie empfindet das jedoch als natürlichen Zustand, der Buddhismus als das Gegenteil: Je mehr die Praxis fruchtet, desto weniger versucht der Buddhist sein Glück durch das Ansammeln äußerer Dinge zu erreichen, weil er durch die Praxis immer mehr geistigen Reichtum erlebt. Hieran wird deutlich, dass ein Bodhisattva ziemlich genau das Gegenteil des Homo Ökonomikus ist. Das erstaunt nicht weiter, schließlich versucht der Bodhisattva auch das Gegenteil von Samsara zu erreichen! Der wirkliche Unterschied zwischen Ökonomie und Buddhismus besteht weder in der zugrunde liegenden Denkstruktur, noch in den Aussagen über die Funktionsweise der vom Eigennutz getriebenen Menschen. Er besteht hinsichtlich des Ziels. Und darin, dass der Buddhismus davon ausgeht, dass es tatsächlich möglich ist, zum Besten aller zu handeln.

Auch wenn die Ökonomie theoretisch eine abstrakte Interpretation von „Nutzen" kennt, so versucht sie in der Praxis aber, nur den materiellen Nutzen zu maximieren. Daher ist das Ziel der Ökonomie normalerweise Wirtschaftswachstum. Das Ziel des Buddhisten dagegen ist immateriell, wird aber auch als höchster Nutzen oder höchstes Glück beschrieben. Die Erleuchtung wird durch die Überwindung dualistischen Erlebens erreicht. Dazu ist eine altruistische Motivation nötig, was bedeutet, dass der eigene Nutzen nicht mehr unabhängig von dem der anderen gesehen werden kann, wie in der Ökonomik geschieht. Wo immer es Unterschiede in Handlungsempfehlungen zwischen Buddhismus und Ökonomie gibt, lassen Sie sich darauf zurückführen, dass die Ökonomie dualistisches Erleben als gegebene Realität hinnimmt, während es im Buddhismus als die Ursache aller Probleme gilt, und daher überwunden werden muss. Dieser Unterschied beeinflusst aber nur bei praktizierenden Buddhisten das Verhalten. Für die Wirtschaft eines Staates mit überwiegend Nicht-Buddhisten lassen sich hieraus keine Alternativen zur Marktwirtschaft ableiten.

Konsequenterweise hat sich daher aus dem Buddhismus heraus nie eine eigenständige Wirtschaftstheorie entwickelt. Das ist ein Vorteil, denn nur so kann sich der Buddhismus an veränderte äußere Umstände anpassen. Er ist mit jedem Wirtschaftssystem kompatibel, das größtmöglichen Wohlstand und minimale Armut erzeugt, und über Institutionen verfügt, die opportunistischem Verhalten entgegenwirken. Im Vergleich zu anderen bekannten Wirtschaftssystemen erfüllt die Marktwirtschaft diese Kriterien derzeit am besten. Von daher gibt es zwischen buddhistischer Ideologie und Marktwirtschaft zwar Differenzen, aber auf der Ebene der Realität keine Opposition. Mehr als eine Vorbildfunktion kann und will der Buddhismus für die moderne Gesellschaft nicht leisten. Um der Realität Rechnung zu tragen, wird er sich mit dem institutionellen Rahmen westlicher Demokratien verbünden. Wenn diese auch nicht mit den buddhistischen Vorstellung des letztendlichen Ziels deckungsgleich sind und als zweitbeste Lösung angesehen werden, so stehen sie nicht in direktem Widerspruch zueinander. Was es dem Buddhisten guten Gewissens erlaubt, sich in die bestehende Gesellschaft zu integrieren und zu versuchen, sie durch ein „gutes Leben" ein kleines Stück in seinem Sinne zu verbessern. Innerhalb der Sangha allerdings können wir den buddhistischen Idealismus voll ausleben und die Gemeinschaft auf der Basis von Freundschaft, Vertrauen, Überschuss und Kooperation organisieren. Und das ist sogar nach ökonomischer Auffassung die Weise, die zum größten „Reichtum" führt!

Wer gerne weiter lesen möchte, erhält das Buch zu dem Thema unter dem Titel „Zwischen Realität und Ideal - Zur Vereinbarkeit von buddhistischer Ideologie und Marktwirtschaft" beim LIT-Verlag, Münster,

ISBN 3-8258-7536-9.


SABINE KÖNIG

30 Jahre, verheiratet, 1 Sohn (2 Jahre), Zuflucht 1995 bei Tsechu Rinpoche,

Studium Wirtschaftswissenschaften

an der Uni Witten/Herdecke, 2 Jahre

im KIBI, seit 2001 in Hamburg.

email: koenigsabine@yahoo.de