Aus: Buddhismus Heute Nr. 38, ( 2004)

Alles Wasser oder was?

Ralph Bohn über Europa zu Zeiten Buddhas

Was haben unsere Vorfahren in Europa getrieben, als Buddha in Indien lehrte? Haben wir mit Streitäxten aufeinander eingeschlagen? Bären gejagt? Oder Göttertempel gebaut? Oder wurde irgendwo auch über die Natur des Geistes nachgedacht? Gar meditiert?

In der Zeit als Buddha gerade einmal vierzehn Jahre alt war, starb in der Stadt Milet ein alter Grieche namens Thales! Er dachte über die Welt nach und kam zu dem Ergebnis: "Alles ist Wasser!" Dieser Satz löst bei uns heute eher Heiterkeit aus, als dass wir dahinter eine tiefe Weisheit vermuten würden. Doch es lohnt sich, genauer hinzuschauen, denn die Folgen dieses Gedankens sind gewaltig: Sie prägen bis heute unsere westliche Kultur.
Milet liegt an der Westküste von Kleinasien, der heutigen Türkei, und gehörte damals noch zum griechischen Siedlungsgebiet. Die Zeiten waren wild und kriegerisch. Während Buddha seine Kindheit in einer friedlichen, gebildeten Hochkultur verbringen konnte, entstand im Mittelmeerraum aus Waffenlärm und Marktgeschrei die griechische Hochkultur, die so genannte Antike, die zur Grundlage unserer eigenen Zivilisation werden sollte. Das Volk rebellierte gegen die Könige, und zwischen den Städten tobten Kriege. Es herrschten gesetzlose Tyrannen und in den Adelsfamilien kam es zu unglaublichen Verbrechen, die uns heute noch faszinieren. Man dachte sich die Entstehung der Welt als Zeugung und Geburt von Göttern oder als handwerkliche Schöpfung eines Gottes und man verstand Naturgewalten wie Gewitter und Sturm als Ausdruck der Gefühle von Göttern. Aber auch politische und private Ereignisse wie Sieg und Niederlage, Erfolg und Misserfolg hingen von der Laune irgendeines Gottes ab.
Für buddhistische Belehrungen gab es im Griechenland des 7. und 6. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung also noch keine Grundlage wie in Indien, wo der Buddha auf die Gelehrten großer philosophischer Schulen traf, die in der Lage waren, seine Belehrungen zu verstehen und vollständig an die nächsten Generationen weiterzugeben. Im Abendland musste diese Grundlage erst noch geschaffen und Weisheit von Aberglauben geschieden werden.
Es wurden in jener Zeit aber auch große Feste gefeiert, wie zum Beispiel die Olympischen Spiele, die die Menschen zu einer Gemeinschaft zusammenschweißten. Es entwickelte sich ein feines Gefühl für das Schöne. Die Geschichten von Kriegen, Mord und Totschlag, von Leid und verletzendem Übermut wurden zu kunstvollen Liedern und Tragödien, die vom ganzen Volk geschätzt wurden. In Athen wurde die Urform der Demokratie entwickelt, ohne die unsere moderne Staatsform undenkbar wäre. Die Menschen gaben sich eine Verfassung und Gesetze. Sie ersetzten Willkür durch Gerichtsprozesse. Es war eine Zeit der Befreiung des Geistes aus dem Dunkel des Irrationalen.
Einer der ersten, der dieses Werk der Aufklärung in Angriff nahm, war Thales. Seine Heimatstadt Milet war damals ein wichtiger Handelsknoten. Der Hafen war voller Schiffe, die Warenlager gefüllt mit Gütern aus dem ganzen Mittelmeerraum. Thales war zunächst politisch als Ratgeber tätig. Seine kluge Analyse der politischen Situation rettete seiner Heimatstadt die politische Unabhängigkeit. Doch er hatte auch andere Interessen. Er war ein echtes Multitalent. Deshalb wandte er sich nun den Naturwissenschaften zu, besonders der Mathematik und Astronomie. Und da er auch eine exzellenter Geschäftsmann war, verband er gleich alles miteinander: So sah er auf Grund seiner hervorragenden astronomischen und meteorologischen Kenntnisse eine gute Olivenernte voraus und mietete bereits im Winter alle Ölpressen in Milet. Als dank der guten Ernte im Sommer ein großer Bedarf an Olivenölpressen bestand, konnte er sie Gewinn bringend weitervermieten.
Thales war Kosmopolit. Er bereiste die ganze damalige Welt, wie es für griechische Bürger üblich war. In Ägypten wurde er aufgefordert, die Höhe der Pyramiden zu bestimmen, denn der Ruf als großer Gelehrter eilte ihm voraus. Natürlich hatte Thales als guter Mathematiker das Problem schnell gelöst.
Auch ein mathematischer Satz, der den meisten noch aus der Schule bekannt sein dürfte, ist nach ihm benannt: Der "Satz des Thales". Für die Griechen hatte die Mathematik eine herausragende Bedeutung. Warum? Eine Aussage der Mathematik ist allgemein gültig. Man kann also sagen: Sie hat einen größeren Wahrheitsgehalt als eine Aussage über ein Einzelphänomen. Nehmen wir als Beispiel diesen "Satz des Thales":

Wenn ich in einen Kreis ein Dreieck einzeichne, so dass der Durchmesser die lange Seite des Dreiecks bildet, dann ist der Winkel in der Ecke, die diesem Durchmesser gegenüber liegt (a), immer ein rechter Winkel, also 90 Grad! Diese Behauptung stimmt immer, gleichgültig wie ich das Dreieck zeichne und wie groß der Durchmesser des Kreises ist und egal, ob ich diese Behauptung in Milet, Athen oder Berlin aufstelle. Eine Aussage über ein Einzelphänomen hat dagegen nicht diese Allgemeingültigkeit: "Es scheint die Sonne" ist eine Behauptung, die heute vielleicht richtig ist, aber morgen schon falsch, und die in Milet sicher öfter zutrifft als in Berlin. Mit andern Worten: Sie ist bedingt durch sehr viele Dinge wie Zeit, Ort, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Winde. Die Wahrheit eines mathematischen Satzes ist aber (fast) nicht mehr bedingt. Seine Wahrheit hängt auf jeden Fall nicht vom Wetter ab.
Der mathematische Blick der Griechen ist auf Unbedingtes gerichtet, also auf das, was keine Schwere, Dicke, Farbe, Geschmack usw. hat. Der Blick ist auf die Form gerichtet! In unserem Beispiel: Kreis, Dreieck, Winkel. Die Griechen hatten diesen Blick auf das Wesentliche immer mehr verfeinert. Und Thales hat nun als Erster versucht diese Form ebenfalls hinter sich zu lassen und DAS Unbedingte zu erfassen. Was ist das Prinzip von allem, wenn man auch die Form weglässt? Thales sagt: Wasser!
Wir zucken zusammen! Knapp vorbei ist auch daneben. Diese Zeitschrift besteht doch aus bedrucktem Papier. Sie liegt auf einem Tisch... nichts davon ist Wasser. Aber halt! Ein cleverer Olivenölspekulant wie Thales, kann diesen Satz doch nicht wörtlich gemeint haben. Was hat Thales also wirklich gemeint mit "Alles ist Wasser"?
Immerhin ist Wasser irgendwie "formlos". Es passt sich tatsächlich jeder Form an, in die man es gießt: dem Glas, der Flasche, dem Kanister. Als Thales diesen Satz sagte, war Buddha noch nicht einmal geboren. Buddha wird später in Indien sagen: "Leerheit ist Form, Form ist Leerheit." Er konnte dies sagen, weil er die Welt als ein Spiel des Raumes sah.
Leerheit oder Wasser? Soll der Stuhl, auf dem ich sitze, "leer" sein? Ich würde mit dem Hintern sofort auf den Boden fallen. Wenn der aber auch leer ist, dann... Ich kann doch alles anfassen, fühlen? Der erste Eindruck, den wir spontan von der Welt haben, scheint also eher Thales recht zu geben. Denn Wasser ist immerhin etwas. Der gemeinsame Traum, den wir äußere Welt nennen, scheint ja tatsächlich aus festen Substanzen zu bestehen.
Thales war der erste, der uns ein Konzept gegeben hat, das uns sagt, woraus die Dinge letztendlich bestehen. Damit hat er ein großartiges Programm in die Welt gesetzt: die Naturforschung. Es kam wie es kommen musste. Nicht alle akzeptierten seine Theorie vom Wasser. Es kamen andere, die behaupteten, die Dinge seien aus Luft, andere sagten, sie bestünden aus Atomen. Und auch diese lassen sich weiter zerlegen in noch elementarere Teilchen. Und heute sagen die Physiker die Welt bestehe aus Leptonen und Bosonen. Andere sagen sie bestünde letztlich aus Strings oder Loops.
Mit der These: "Alles ist Wasser" hat Thales aber noch ein zweites großes Programm in die Welt gesetzt: die Philosophie. Dieses Programm verfolgten diejenigen, die abstrakter dachten. Die Philosophen sagten sich: Aus Wasser, Luft oder Atomen kann die Welt nicht bestehen, denn diese Dinge sind wiederum zusammengesetzt. Lasst uns nach dem suchen, was wirklich nicht mehr bedingt ist. Und da man die Qualität des Lehrers an den Fähigkeiten seiner Schüler erkennt, muss man nur auf die Schüler des Thales schauen, um seine Leistung zu erkennen.
Anaximander verallgemeinerte die Theorie seines Lehrers weiter. Er sagte: "Urgrund und Urstoff aller Dinge ist das Grenzenlose, das Unbestimmbare." Hier hat der Begriff "Stoff" schon alles Stoffliche und Materielle verloren, denn das Grenzenlose und Unbestimmbare ist nichts zum Anfassen oder daran riechen. Doch diese Begriffe ereilte das gleiche Schicksal wie das Wasser. Es kamen andere Philosophen, die sagten: Falsch! Sie nannten jetzt diesen Urgrund nicht mehr das Grenzenlose, sondern das Absolute oder Geist. Andere fragten: Was bedeutet überhaupt "Urgrund"? Die Begriffe zerrannen ihnen wie Sand in den Händen. Das westliche Denken steuerte direkt auf die Erkenntnis der Leerheit der Begriffe zu.
Aber auch die Naturwissenschaft wurde immer mehr mit Form und Leerheit konfrontiert. All diese Begriffe von Atomen, Elementarteilchen, Quanten, und auch alle abstrakten philosophischen Begriffe wie Materie, Stoff und Substanz sind nur Gedanken und selbst nur ein Spiel des Raumes. Diese Worte haben keine letztendliche Wirklichkeit und schon gar nicht die Dinge, die sie bezeichnen. Werner Heisenberg, einer der Schöpfer der Quantenmechanik sagte einmal: "Die objektive Wirklichkeit (als Wirklichkeit von Gegenständen außerhalb von uns) scheint durch die Quantenmechanik verdunstet zu sein."
Das Wasser des Thales ist im Laufe der Jahrhunderte verdunstet. Viele Philosophen und Naturwissenschaftler haben mittlerweile eine Ahnung von der Natur des Geistes, vor allem von seiner prinzipiellen Unwissenheit. Das Auge sieht, kann sich aber selbst nicht sehen, wie es Ole so schön ausdrückt. Alles in der Naturwissenschaft deutet darauf hin, dass es keine Materie gibt, die unabhängig vom Geist existiert und diesen erst hervorbringt. Alles in der westlichen Philosophie deutet darauf hin, dass Begriffe und Konzepte keine ewige und objektive Gültigkeit haben. Sie lösen sich irgendwann auf, weil ein neues Konzept an ihre Stelle tritt.
Und Thales steht am Anfang dieser Entwicklung. Er schuf das erste vernünftige Konzept, um die Welt zu erklären. Das war eine Revolution: Erstens war die Frage nach der Ursache gestellt! Zweitens wurde eine Antwort gegeben: Die Ursachen unserer Welt sind in unserer Welt zu finden!
Weil Thales sagte "Alles ist ...", lehrte er uns: Alles hat eine Ursache, einen Grund. Weil er aber "... ist Wasser" sagte, und nicht etwa "... ist das Absolute", lehrt er uns, dass zwar alles "eins" ist, weist aber gleichzeitig auf die Vielfalt dieser Form hin. Er deutet auf den Ozean unter den Wellen. Er behauptet nicht das starre "Absolute", nicht das schwarze Loch!
Das mutige "Alles ist Wasser" sagt aber auch: Die Welt ist (prinzipiell) durchschaubar! Sie ist rational, würden wir heute sagen. Für buddhistische Ohren, die logische Erklärungen erwarten, klingt das nicht schockierend. Denn wenn alles nur ein Spiel des Raumes ist, dann kennt der Raum alles. Man kann sozusagen in jeder, scheinbar noch so dunklen Ecke das Licht anknipsen. Nur wenn man das ganze Licht auf einmal anmachen will, bekommt man Schwierigkeiten. Warum?
Die Frage stellt sich nämlich: Wenn alles eine Ursache hat, was ist dann die Ursache der Welt als Ganzes? Und was ist Ursache dieser Ursache? Die Katze beißt sich in den Schwanz.
Viele weichen an dieser Stelle zu einem Schöpfergott aus. Das ist nun ein Begriff, der sich der Überprüfbarkeit entzieht, weil er per Definition außerhalb der Welt liegt, also genau das Gegenteil von dem ist, was Thales gelehrt hat. Man besitzt jetzt zwar ein Konzept, aber man kann es nur glauben.
Thales ist nicht in die Glaubensreligion ausgewichen! Er hat sich der Herausforderung gestellt. Und das ist der wichtigste Aspekt seiner Theorie "Alles ist Wasser": Sie steuert bei konsequenter Anwendung nicht nur auf die eigene Selbstauflösung zu. Sie ist ein Konzept, das letztlich jede Form von Konzepten sprengt.
Ein Konzept aber, das die Auflösung aller Konzepte im Keim in sich trägt, entwickelt eine merkwürdige Dynamik. Es führt den Geist immer wieder vor eine scheinbar unüberwindliche Hürde. Die Philosophen wechselten deshalb die Begriffe wie andere Leute ihre Hemden, um diese seltsame Hürde doch noch zu überwinden, um in das Geheimnis umwitterte Land "Dahinter" zu kommen. Aber kein Begriff passte. Sie kamen nicht dahinter, weil es kein "Dahinter" gab. Weil es nicht einmal eine Hürde gibt.
Was sind denn Begriffe? Nur eine Form des Wissens. Wir würden sagen: Ein Ausdruck der Information im Raum. An dieser Stelle lassen die Mutigen die Begriffe einfach hinter sich und springen im freien Fall weiter. Denn die prinzipielle Unwissenheit des Raums ist begrifflich nicht in den "Griff" zu kriegen. Und das ist verrückterweise wiederum völlig logisch.
Aber dieser Sprung ist eine Erfahrung! Um anderen über diesen Sprung und die Erfahrung beim Sprung berichten zu können, um ihnen Mut zu machen, selbst zu springen, um uns also die Belehrungen des Buddha näher zu bringen und die Erfahrung, dass "Form Leerheit und Leerheit Form ist", muss man wieder Begriffe benutzen, denn wir kommunizieren nun einmal mit Sprache. Wasser erfüllt den Zweck heutzutage nicht mehr. Besser ist ein abstrakteres Wort, bei dem wir nicht Materie, Stoff und Substanz, aber auch nicht Grenze, also Hier-Da, Diesseits-Jenseits und auch nicht "Nichts" assoziieren, ein Wort also, das gleichzeitig kraftvoll ist und den Geist in die gewünschte Richtung lenkt, wo diese Erfahrung zu machen ist. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir einen Lehrer haben, der uns mit "Raum" das Beste bietet, was im Werkzeugkasten der Begriffe zu finden ist und uns gleichzeitig den Hinweis mit auf den Weg gibt, nicht an diesem Begriff kleben zu bleiben, denn: "Der Finger, der auf den Mond zeigt, ist nicht der Mond."
Wir ahnen nun vielleicht, dass der revolutionäre Gedanke des Thales von Milet einer der Quellflüsse jenes großen Geistesstroms ist, in dem die Bedingungen für die Übertragung des Buddhismus stimmen, eines Geistesstroms, der selbst nichts anderes ist als offener Raum für die Lehren des Buddha.


RALPH BOHN
seit 1990 Schüler von Lama Ole Nydahl,
Autor und Regisseur, studierte Philosophie, Mathematik und Physik, lebt in Berlin.