HOME 0 ARCHIV 0 BUDDHISMUS ABO NACHBESTELLUNG IMPRESSUM KONTAKT
BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 38, ( 2004)

Bokar Rinpoche verstorben

Von Michael den Hoet

Bokar Rinpoche, Nachfolger von Kalu Rinpoche als Halter der Shangpa Kagyü-Linie, ist tot. Er verstarb überraschend im Alter von 64 Jahren in West-Bengalen auf dem Weg von seinem Kloster ins Krankenhaus, wo er sich wegen plötzlicher Brustschmerzen behandeln lassen wollte.

Bokar Rinpoche wurde 1940 in West-Tibet, nahe dem heiligen Berg Kailash in einer Nomadenfamilie geboren. Der 16. Karmapa erkannte ihn in jungen Jahren als Wiedergeburt des vormaligen Bokar Tulkus, Karma Sherab Ösel, an. Nach einigen Jahren im Kloster seines Vorgängers setzte er seine Studien am Hauptsitz der Karmapas in Tibet, Tsurphu, fort. Nach seiner Flucht aus Tibet im Jahre 1959 wurde er enger Schüler von Kalu Rinpoche. Unter dessen spiritueller Leitung absolvierte er unter anderem zwei traditionelle Drei-Jahres-Zurückziehungen: eines in der Tradition der Shangpa Kagyü und eines nach den Vorgaben der Karma Kagyü-Linie. Im indischen Mirik (West-Bengalen) - an einer Stelle, wo im 10. Jahrhundert der Mahasiddha Maitripa gewirkt hatte - gründete Bokar Rinpoche Mitte der 1980er Jahre ein Retreatzentrum.

Bokar Rinpoche war einer der gelehrtesten tibetischen Lamas überhaupt und für seine Sanftmut wie auch seine sachlich-klare Art des Lehrens bekannt. Die durch Einwirkung der Politik verursachte Krise innerhalb der Kagyü-Linie ab 1992 war ihm unangenehm. Er entschied sich schließlich für die Seite des von China unterstützten Karmapa-Kandidaten Urgyen Trinley, wurde einer seiner Lehrer. Rinpoche gab Jahre später zu, dass auch der Druck der äußeren Bedingungen ihn dazu bewegt hätte: Er wollte seine Familienmitglieder in Tibet schützen, hoffte darauf, dass sein früheres Kloster in Tibet wieder aufgebaut werden würde und mochte sich nicht gegen den Dalai Lama stellen.

Sein Ruf als außergewöhnlicher Meditationsmeister erreichte sogar nicht-buddhistische Kreise im Westen: Als 1990 amerikanische Wissenschaftler der Elite-Universität Harvard mit modernen Messgeräten in Rumtek Tests mit ihm durchführten, kamen sie aus dem Staunen kaum heraus. Eine namhafte US-Tageszeitung berichtete damals, wie er gleich mehrere Kunststücke des Geistes vorführte. So trocknete er mittels "Tummo"-Meditation nasse Handtücher, die man ihm auf den nackten Rücken gelegt hatte, binnen weniger Minuten durch Entwicklung "Innerer Hitze".

Als Bokar Rinpoche später dazu befragt wurde, wie er das geschafft habe, soll er geantwortet haben: "Ich habe doch nur die ganze Zeit Wunschgebete an Karmapa gemacht."


Michael den Hoet