Aus: Buddhismus Heute Nr. 38, ( 2004)

Dharma-Schützer

Interview mit dem 17. Karmapa Thaye Dorje

Dieses Interview wurde für die polnische Ausgabe der "Buddhismus Heute" geführt. Es fand statt in Hamburg, Kuchary (Polen) und bei Kassel, im Juni und Juli 2004. Die Fragen wurden gestellt von Paulina Czaja, Steve James und Cristina Ferrando unter Mithilfe von Hannah Nydahl, Caty Hartung und Tomek Lehnert.

Was sind "Schützer"? Im Westen neigen wir dazu, sie in dualistischer Weise als etwas Äußeres zu sehen. Sind es äußere Wesen?
Wir müssen verstehen: Es ist nicht so, dass die Schützer „da draußen" von uns getrennt sind und dass sie dann „etwas für uns tun". Sie sind unsere Weisheits-Natur. Wenn wir diese erwecken, dann ist dies in sich selbst Schutz, und diese Aktivität ist es, die alles geschehen lässt.
Es gibt zwei Arten von Schützern: weltliche Schützer, die eher wie fühlende Wesen sind und die vollkommenen Weisheits- oder Dharma-Schützer.
Die erleuchteten Schützer sind Weisheitsaspekte. Ein Beispiel dafür ist Mahakala, dessen Essenz großes Mitgefühl ist, genauso wie bei „Liebevolle Augen". Dieses große Mitgefühl kann sich in friedvoller oder in kraftvoller Form zeigen. Mahakala ist der kraftvolle Ausdruck von Mitgefühl.
Das Wort „kraftvoll" bezeichnet die Weise, wie diese Schützer aussehen und wir beschreiben ihre Aktivität als „kraftvoll schützend". Sie handeln ohne Störgefühle. Im Westen ist man eher gewohnt, kraftvoll mit Ego zu sein. Die Schützer hingegen sind kraftvoll ohne Ego. Sie drücken sich normalerweise auf relativer Ebene in kraftvoller Form aus, können aber auch friedlich sein.

Was ist die Aktivität eines Schützers?
Die allgemeine Aktivität eines weltlichen Schützers ist eine Gegend, ein Land oder eine Stelle vor schädlichen Einflüssen oder Problemen zu schützen. Die Haupt-Aktivität eines Dharma-Schützers ist, die Lehre zu schützen. Es geht dabei nicht so sehr um äußeren Schutz, sondern sie helfen, uns vor den „inneren Feinden" zu schützen, den Störgefühlen: Anhaftung, Dummheit, Eifersucht, Zorn und Stolz. Sie helfen, diese Emotionen zu befrieden und zu kontrollieren. Diesen Schutz geben sie den Dharma-Praktizierenden.
Dharma-Schützer sind - genau wie die Buddha-Formen - ein Ausdruck von Erleuchtung. Sie haben die drei Aspekte von Weisheit, Kraft und Mitgefühl.
Wir haben alle die Buddha-Natur und um sie zu erwecken, benötigen wir bestimmte Bedingungen. Diese richtigen Umstände zu erzeugen, ist auch ein Teil der schützenden Aktivität. Sie verhindert, dass wir in Situationen mit schlechten Bedingungen kommen und hilft uns, die besten Umstände zu finden, um unsere Buddha-Natur zu erwecken. In anderen Worten: Sie schützen uns vor Hindernissen auf dem Weg zur Erleuchtung.

Welche Schützer sind die wichtigsten in unserer Linie?
Die wichtigsten sind der zweiarmige Mahakala, Bernagchen und fünf andere: Dorje Legpa, Shing Kyong, Sin Gön, Nam Mang Thöse und Ngag Chi Dak. Die weiteren Schützer sind Bodhisattvas, sie befinden sich auf einer Bodhisattva-Stufe und führen ihre Aktivität von dieser Ebene aus.
In der Karma Kagyü Linie hatte Karma Pakshi eine direkte Vision von Mahakala und verwirklichte ihn vollkommen. Man kann deswegen ihn und Mahakala als untrennbar ansehen.

Was bedeutet das Wort "Mahakala"?
Wörtlich aus dem Sankskrit übersetzt bedeutet es „Der große Schwarze". Maha heißt groß und Kala schwarz. In Tibetisch heißt er Nakpo Chenpo - der Große Schwarze. In Tibetisch sagen wir jedoch normalerweise Bernagchen. Ber heißt Mantel, Nag ist schwarz und Chen heißt haben, so dass er als der "Schwarze Mantel" bekannt ist.

Viele Leute denken, dass Schützer sie vor Unfällen beschützen können. Ist das der Fall?
Die eigentliche Funktion der Dharma-Schützer ist innerer Schutz. Dieser hilft, Störgefühle zu befrieden und innere Weisheit entstehen zu lassen. Die Schützer entfernen Hindernisse in unserem normalen Leben, die Resultate unseres früheren Karmas. In diesem Sinne kann es Schutz vor Unfällen geben. Es könnte ein Hindernis geben, eine Störung für unser Leben wie den vorzeitigen Tod, die durch Mahakalas Aktivität verhindert wird. Durch Ansammeln von gutem Karma verstärken wir unseren Verdienst, was wiederum unser Leben verändern kann, ebenso wie die Meditation auf unsere innere Lebensenergie. Durch diesen Schutz können auch die Umstände für Handlungen zum Ansammeln von gutem Karma verstärkt werden.

Wie sollten wir im Westen die Essenz von Mahakala erklären? Für Leute mit christlichem Hintergrund kann es wie Teufelsverehrung wirken - der „Große Schwarze" klingt so ...
Wir sollten erklären, dass diese verschiedenen Formen wichtig sind und sich zum Wohle der Wesen manifestieren. Einige sind friedvoll und einige sehen wie Mahakala aus, aber sie alle sind Ausdruck von Mitgefühl. Diese Wendung „Ausdruck von Mitgefühl" ist gut für Westler, denn sie beschreibt das völlige Gegenteil von dem, was sie sehen. Es hilft ihnen zu verstehen, dass mit Mitgefühl handeln nicht immer lächeln bedeuten muss. Mahakala erscheint in dieser Form, weil die Leute auf gewöhnlicher Ebene so sind wie sie eben sind und deswegen diese Erscheinung nötig ist.

Der 16.Karmapa hat Lama Ole Nydahl einen Mahakala genannt, der die Linie schützt. Siehst Du dies noch immer als Lama Oles Funktion?
Ja, man kann das in seiner Aktivität heute sehen. Meiner Meinung nach hat er die Aktivität der Karma Kagyü Linie im Westen mehr ausgeweitet als das irgend jemand sonst tun konnte. Jemand wie der 16. Karmapa sagt und tut Dinge, die euren Geist aktivieren. Sein Segen lässt die Aktivität noch stärker werden, lässt sie wachsen und ermöglicht sie. Wir alle haben das in uns, wir alle haben die Buddha-Natur und wir alle tragen die Qualitäten Mahakalas in uns.

Wie können wir die Aktivität eines Dharma-Schützers entwickeln?
Für einen Praktizierenden des Vajrayana, des tantrischen Weges, findet eine stufenweise Entwicklung der eigenen Verwirklichung statt. Sie beinhaltet die Buddha-Taten - befriedend, vermehrend, faszinierend und schützend. Entsprechend dem eigenen Karma, dem Verdienst und der Fähigkeit, kann man dann alle vier verwirklichen, nicht nur die schützende Eigenschaft, wenn man die richtigen inneren und äußeren Bedingungen hat.

Auf unseren Pilgerreisen im Himalaya stellten wir fest, dass es Frauen dort nicht gestattet ist, die Mahakala-Räume zu betreten. Warum ist das so?
Das scheint, ein universelles Problem zu sein. Es hat schon immer in den meisten Gesellschaften Unterschiede zwischen Männern und Frauen gegeben. In der ganzen Welt wurden Männer gegenüber den Frauen als wichtiger betrachtet. Im Himalaya hat es dann jedoch über die Jahrhunderte nicht so viele Veränderungen gegeben.
Bevor der Buddhismus nach Tibet kam, hatten die Tibeter ihre eigene Tradition und diese vermischte sich dann mit dem Dharma. Das Dharma wird sich immer mit den Traditionen eines Landes verbinden. In Abhängigkeit von der Gesellschaft färbt es dann bestimmte Verhaltensweisen. Es ist nicht das Dharma, das sagt, Frauen dürften nicht in die Mahakala-Räume. Spirituell gibt es keinerlei Grund dafür. Man muss sehen, dass es nicht auf dem Buddhismus beruht, sondern der Gesellschaft, so wie im Vergleich die Frauen vor 100 Jahren in Europa nicht wählen durften.

Manche Leute benehmen sich zornig und halten sich dabei für Schützer. Es scheint, als ob sie ohne Mitgefühl handeln und „schützen" als Ausrede verwenden, um zornig zu sein. Was hältst du davon?
So etwas wäre keine schützende Aktivität, sondern einfach nur Zorn. Es ist „Mögen und Nicht-Mögen". Man muss unterscheiden, ob das Ego involviert ist oder nicht. Wenn Ego und Störgefühle dabei sind, ist es keine schützende Aktivität.

Kannst du einen Rat geben, wie ein Buddhist andere physisch beschützen oder für sein Land kämpfen kann?
Immer, wenn es darum geht, unser Land oder unsere Welt zu schützen, ist davon die Rede, andere zu töten oder zu schädigen. Wenn man einem anderen Wesen mit Ego und Zorn Schaden zufügt, ist das überhaupt keine buddhistische oder Dharma-Aktivität. Man sollte das nicht aus Rache oder mit Zorn tun. Wenn jemand vor euren Augen angegriffen wird, kann man diese Person natürlich beschützen, aber man würde dann nicht im Laufe dieser Handlung den Angreifer schädigen oder töten.
Es wäre eine normale Reaktion und ich denke, jeder würde es tun. In schwierigen Situationen, in denen es keine Wahl gibt als zu reagieren, kann man das in der Regel jedoch immer tun ohne zu töten. Töten wäre ein Extremfall und man könnte das nur tun, wenn man auf einer Bodhisattva-Ebene der Verwirklichung wäre. Das geht nur, wenn man keinen egoistischen Geist mehr hat. Sonst wäre es sehr schwer, das resultierende schlechte Karma loszuwerden, wenn man jemand getötet hätte.

Wie funktionieren die Schützer-Knoten?
Es hängt zuerst einmal von demjenigen ab, der die Knoten segnet. Das muss jemand mit Verwirklichung sein, der dadurch schützen kann. Wenn das der Fall ist, dann hat es wirklich Segen.
Zweitens hängt es auch von demjenigen ab, der den Knoten verwendet oder trägt. Wenn man sehr starkes Vertrauen hat und denkt „Ich bin jetzt geschützt.", dann erzeugt man einen Schutz um sich herum so funktioniert es. Es ist also eine Kombination aus Segen und der eigenen Einstellung.
Wenn man Meditation praktiziert, dann geht man durch viele Stufen und Phasen von Vergegenwärtigungen. Für einige Leute ist das nicht so leicht und nicht so verlockend. Mit Gaus, Knoten, Schutzschnüren und solchen Dingen kann man ein Kraftfeld aufbauen ohne diese Meditationsphasen. Es funktioniert durch das Vertrauen, durch die Tatsache, dass man davon überzeugt ist. Wenn der Geist in einem Zustand von reinem Vertrauen ist, dann ist das schützend. Es braucht dafür keinen Knoten, es kann auch ein gesegneter Ring oder etwas anderes sein. Wichtig ist der Zustand des Geistes.

Was bringt es für einen Nutzen, täglich die Mahakala-Anrufung zu machen?
Diese Übung regelmäßig zu machen, erhält die günstigen Umstände für Praxis und hält Störungen fern. Das gilt für alle Praktiken, die wir machen.
Zusätzlich geben wir das Damtsig, das Samaya. Der Grund für dieses Versprechen, diese Selbst-Verpflichtung, ist, dass dadurch die richtigen Bedingungen im eigenen Leben ermöglicht und nicht unterbrochen werden. Aus diesem Grunde, um jede Art von Schaden oder Hindernissen fern zu halten, machen wir das regelmäßig als Teil unserer Karma-Kagyü-Übungen. In Tibet wurde über Jahrhunderte die Mahakala-Anrufung praktiziert und nun wird das in vielen anderen Stellen auf der Welt gemacht. Wichtig ist aber, dass sich unsere eigene Buddha-Natur irgendwie entfaltet.

Denkst du, dass die Lehren verloren gehen würden, wenn wir aufhören würden, Mahakala anzurufen? Beruht die Verbreitung der Karma-Kagyü-Lehren auf der Aktivität Mahakalas, die wiederum durch die Praxis auf ihn geschieht?
In gewisser Weise ja, aber in anderen Weisen nein. Es muss nicht genau Mahakala sein, es könnte auch ein anderer Schützer sein, so wie der „Große Weiße".
Es hängt von unserer inneren Praxis ab, ob die Dharma-Lehren entstehen oder vergehen. Solange wir die innere Praxis aufrechterhalten, werden die Karma-Kagyü-Lehren bestehen bleiben. Mit „innerer Praxis" meine ich das Verständnis der Wurzel und der Bedeutung, wenn wir eine Praxis machen. Die Wurzel der Praxis bezieht sich auf das Mitgefühl zum Wohl aller Wesen.

Vielen Dank.


Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche von Claudia Knoll und Detlev Göbel.