Aus: Buddhismus Heute Nr. 37, ( 2004)

Die fünf Störgefühle und die fünf Elemente

Von Pit Weigelt

In vielen Belehrungen Buddhas wird ein Zusammenhang zwischen den fünf Hauptstörgefühlen und fünf Elementen gemacht. Genauere Informationen lassen sich in den Aussagen über die Buddha-Familien oder den Erklärungen zu den Stupas finden. Worum geht es genau? Die Störgefühle haben, genau wie die Elemente, positive und negative Energien. Wenn wir uns auf dem Weg zu Befreiung und Erleuchtung befinden, lernen wir im Diamantweg immer mehr, die nützlichen Eigenschaften der Gefühle zum Besten aller zu verwenden. Gleichzeitig geben auch unsere Haltung, unser Handeln, ja manchmal sogar auch unser Karma Auskunft über unsere früheren Hauptstörungen, die im Äußeren und im Inneren dem Wesen der Elemente entsprechen. Die Elemente zeigen sich aber auch in ihrer Auftretensweise ähnlich den Störgefühlen, oder besser, beide können in einer beinahe deckungsgleichen Kongruenz erfahren werden.

STÖRGEFÜHL ZORN - ELEMENT WASSER

Sehen wir uns einmal die Qualitäten und die zerstörerischen Energien des Wassers an. Es dient zur Löschung des Durstes von Mensch und Tier, es reinigt uns und vieles andere. In heißen Sommern erfrischt es uns, für viele Wesen stellt Wasser sogar den Lebensraum dar. Für unsere Welt ist es sogar die Basis allen Lebens. Wasser lässt Pflanzen wachsen und hält somit als Hauptbestandteil neben Erde und Wärme das äußere Leben in Gang. Wir sind fasziniert von Wellen, auf denen wir surfen können, von Wasserfällen oder Ebbe und Flut. Auch sind Nebelschleier, die aus den Tälern steigen, ein spannender Anblick oder Kumulus-Wolken, wenn wir sie vom Flugzeug aus betrachten. Das winterliche Eis lädt zum Schlittschuhlaufen ein, im Sommer kühlt es unsere Getränke etc. Betrachten wir das Wasser auf diese Weise, so erscheint es nur nützlich, spaßvoll und vorteilhaft.

Aber das Wasser kann auch (zer-)stören. Eine Sturmflut an den Küsten bringt Tod und Verderben, über die Ufer getretene Flüsse reißen alles mit sich. Auch kleinere Schäden können vom Wasser stammen: ein undichtes Dach oder ein Rohrbruch, wobei hier interessant ist, dass die Austrittstelle des Wassers weit vom Leck entfernt sein kann (ebenso, wie man sich die Ursache einer Zornattacke nicht erklären kann, weil wir die Ursache nicht mehr erkennen). Nebel verhindert, dass man sich klar orientieren kann. Eis kann Leitungsrohre platzen lassen oder verhindert die Schifffahrt.

Wasser kriecht in alles tiefer Liegende hinein. Im Zorn kann man all die oben genannte Energien erkennen, wobei die positiven auf die befreienden nützlichen, die negativen auf die samsarischen, zu Leiden führenden, hinweisen. Wie alle Störgefühle entsteht auch der Zorn aus der Vorstellung einer Trennung zwischen einem Ich und etwas oder jemand anderen. Er kann in seiner schwächsten Form als Irritation auftreten, wie der erste Regentropfen, den man ausgerechnet jetzt nicht erwartet hätte. Das stete Tropfen eines Wasserhahns, das den Stein höhlt, kann man mit kleinen spitzen Bemerkungen vergleichen, die auf Dauer eine sehr schmerzende Wirkung haben können. In einem Witz lässt sich das einfach erklären: Sagt der Kollege im Büro zur Kollegin: „Sie haben heute aber ein hübsches Kleid an!" Die Kollegin freut sich und errötet leicht. Daraufhin ergänzt der Kollege: „Und warum haben Sie es nicht getragen, als es modern war?"

Das störend Nebelhafte des Zorns kennt auch jeder: Man kommt in ein Haus oder zu einer Gruppe von Personen und man fühlt sich aus irgend einem Grund nicht wohl. Man spürt förmlich die Vibration der Aggression. Der Groll oder der Killer-Instinkt (in der traditionellen chinesischen Medizin wird hier von kaltem Zorn gesprochen) entspricht dem Eis. Groll kann sich Jahrzehnte halten, ohne dass eine heiße Emotion an die Oberfläche kommt. Tritt dann eine bestimmte Bedingung ein, erscheint die Wut.

Am Zerstörerischsten ist der Hass. Er taucht wie die riesige Flut auf und hinterlässt eine der stärksten karmischen Eindrücke, weil Körper (zum Beispiel durch Schlagen oder Töten), Rede (zum Beispiel durch Flüche und Beleidigungen) und Geist (zum Beispiel durch negative Wünsche) hier zum Schaden eines Wesens Ziel gerichtet zusammenarbeiten. Der Geist ist extrem aufgewühlt und weit davon entfernt, seine spiegelgleiche Weisheit zu entfalten, die die absolute Ruhe des Wassers benötigt, damit sich alles darin spiegeln kann. Dem Spiegel ist es dann völlig gleichgültig, ob er das Rot einer Rose oder das eines abgetrennten Armes reflektiert. Er - und hier ist der Geist gemeint - bleibt dabei immer gleichmütig. Wie wird der Zornige von anderen erlebt (er hat meistens eine eher vernebelte Sicht von sich selbst)? Er rechtfertigt sich gerne („Das hätte doch jeder getan!"), sein Selbstbild wirkt hart und intelligent. Er neigt zur Ironie oder gar zum Sarkasmus. Ungeduld ist eine seiner Schwächen, die er wie weitere Schwächen in einem emotionalen Hochsicherheitstrakt hält. Deswegen will er keine Angelegenheiten in Ruhe besprechen. Paradox daran ist, dass der Zornige meistens nur durch (zum Teil laute) Worte und/oder körperliche Überlegenheit stark wirkt. Dahinter steckt aber eine tiefe Schwäche, weil er mit Angst auf eine Bedrohung des Raumes reagiert, die in Form von Stärke der Überzeugung, Emotion, des Wissens, der Weisheit, der Ruhe o.Ä. auftritt. Darauf reagiert er dann mit einem Gegenangriff.

Doch wo befinden sich die Qualitäten dieser Emotion? Der Zornige richtet sein Bewusstsein auf ein Objekt, wobei er keinerlei Ablenkung zulässt; das ist völlige Einsgerichtetheit. Hass ist von einer riesigen Freisetzung von Energie und Kraft begleitet, die nicht irgendwo aus dem Raum erscheint, sondern immer vorhanden ist (wie das Wasser, das zerstören oder Turbinen eines Kraftwerkes antreiben kann). Die Kunst bzw. Realisation zeigt sich jedoch darin, diese Energie auf der Basis von Liebe und Mitgefühl einsgerichtet zum Besten aller Wesen zu nützen. Das erklärt auch die 20-Stunden-Arbeitstage unserer Lamas.

Eine weitere Fähigkeit ist im Zorn angelegt. Am Beispiel von Josef Stalin kann man dies sehr deutlich erkennen: Trotz aller intellektuellen Schwächen konnte er sich über Jahrzehnte Gespräche merken, die zwischen Parteimitgliedern stattfanden, um dann, in den 30-er Jahren, sich auf bestimmte Aussagen zu beziehen und seine Gegner abzuservieren. Die Kraft und Merkfähigkeit des Zornes findet man auch im Thron des Buddha Akshobya wieder, der von acht Elefanten gestützt wird und denen man neben der oben genannten Kraft auch Merkfähigkeit zusagt.

 

STÖRGEFÜHL STOLZ - ELEMENT ERDE

Die Erde macht sich in der Lebensweise des Stolzen bemerkbar. Er geht eine nahe Bindung mit allem Festen und Soliden ein: Seien es Häuser, im Extremfall sehr große Häuser wie Wolkenkratzer, die Prunkbauten aus dem Mittelalter (Dome und Münster), prachtvolle Schlösser aus der Zeit Ludwigs XIV., gigantische Regierungsgebäude aus faschistischen und kommunistischen Epochen oder Denkmäler des immer gleichen Herrn (Lenin, Stalin, Kim Jung Il etc.), alles drückt ein Streben nach Unsterblichkeit und Allmacht aus - so wie wir die extrem lange Zeitspanne unseres Planeten ebenfalls nicht intellektuell überblicken können.

Das sind äußere feste Dinge, aber natürlich bezieht sich das Element Erde auf mehr. Es geht auch um innere Haltung. Dies kann sich in sehr normierter, einengend formalistisch strukturierter oder regelkonformer Einstellung ausdrücken wie „Das gehört sich so!", Hierarchietreue, wobei man selbst lieber oben steht und daran interessiert ist dorthin zu kommen. Das Ziel des Stolzen ist sich in Sicherheit zu wiegen in einer Stellung von Macht, hohem Status und Prestige, was häufig von Hochnäsigkeit und Arroganz begleitet wird. Man nimmt sich einfach wichtig: „Ohne mich (= stabile Erde) geht es nicht!". Dabei fällt auf, dass diese Beschreibung häufig auf Stars aus Musik, Sport und Film, aber auch aus Wirtschaft und Politik zutrifft.

In extrem gesteigerter Form drückt sich Stolz manchmal in Ideologien oder gar Fanatismus aus, wobei von der inneren Anlage „Mein Sportverein ist der beste der Welt!" oder „Allahs Rache ist schrecklich!" kein weit auseinander klaffender Unterschied besteht (aber natürlich bei den Handlungen!).

Und hier kann der Vergleich zur Erde wieder herangezogen werden: Je tiefer man in der Erde steckt, um so unbeweglicher wird man, was gleichbedeutend mit innerer Enge ist. Deswegen haftet der Stolze stärker als andere an einem Status Quo, er möchte das Erreichte nicht aufgeben. Das bereitet ihm Angst. Er ist nur damit beschäftigt; sein (scheinbar sicheres) Territorium zu vergrößern. Dabei bleibt er stets seinen Strukturen treu, die sich als Konservativismus und Hang zum Traditionellen ausdrücken können. Häufig werden öffentliche Auftritte in Form eines Überlegenheitsgefühls von Binsenweisheiten, selbstgerechten Sprüchen oder Moralisieren begleitet. Menschen, die einen bestimmten Status verloren haben, sei es aus Alters- oder Unpopularitätsgründen, schaffen sich ihre eigene neu strukturierte Welt: festgelegte Mahlzeiten, Rituale beim Essen, Lesen oder Fernsehen. Alles Wiederkehrende verbreitet einen Hauch von Sicherheit und Stabilität. Der Kommunismus hat Stolz auf eindrucksvolle Weise in seinem Beton, sei es im Denken oder bei der äußeren Darstellung, manifestiert. Physisch und/oder psychisch zeigt sich der Stolze wie die Erde: eher unbeweglich. Ein Erdbeben (in Wirklichkeit, hier ist aber eher auf menschlicher Ebene gemeint) ruft bei ihm eine ungleich größere Erschütterung auf: Er muss sich neu orientieren, die Stabilität geht verloren und erzeugt Ängste. Dabei erscheint eine Hauptangst: die vor Ernst zu nehmenden Gegnern. Beobachtet man ihn, dann fällt auf, dass er oftmals auf Menschen mit Selbstzweifeln trifft, ein scheinbar ideales Paar!

Die Erde symbolisiert aber nicht nur Enge, Massivität und illusorische Stabilität, sondern auch Reichtum. Alles Landleben hängt von der Erde ab. Sie schenkt uns Nahrung, Tier und Mensch bewegen sich auf ihr und lässt Dinge reifen. Die Erde ist geduldig. Man kann sich - fast überall - zumindest für längere Zeiträume auf sie verlassen. Sie regt zur Kreativität an, wie zum Beispiel zu den Sandburgen an den Familienstränden oder zu den teilweise fantastischen Lehmbauten in Afrika und Nordamerika. Auch haben viele Landschaften etwas Eindrucksvolles: der unvergleichliche Himalaya, Wanderdünen in der Sahara, braunrote Erde in Australien oder endlose weiße Sandstrände im Pazifik.

Hier findet sich auch die Qualität des Stolzes. Der Stolze schafft etwas (um mich auf oben zu beziehen): Als Musiker, Filmschauspieler oder Sportler bringt er Menschen Freude, Firmenchefs geben Arbeitsplätze und lassen vielleicht sogar etwas Vernünftiges in ihren Fabriken herstellen, es gibt sicherlich auch viele Politiker, die sich im besten Sinne für die Menschen einsetzen. Deswegen zeigt sich die Wiedergeburt als Stolzer, wenn positiv gehandelt, häufig in Götterbereichen, wenn negativ, dann mit Einengungen jeglicher Variation. Als Stolzer kann man lernen, sein „Feld zu bestellen", denn fraglos können viele Stolze etwas. Um die Erde zu nutzen, macht es Sinn, dass mehrere sich an der Arbeit beteiligen: Sie beginnen ihre Qualitäten zu geben und zu teilen und erkennen so, dass andere auch etwas können. Wirft man seine Fähigkeiten mit anderen zusammen in einen Topf, so entstehen solch wunderbare Projekte wie die Zentren in Budapest oder Hamburg. Die Weisheit der Gleichheit entwickelt sich dadurch automatisch. Das aus der Gemeinschaft entstehende Wachstum zum Besten aller ist tatsächlich größer als das Eingebrachte. Hier kommt die Qualität des Erdelements zur Reife.

 

STÖRGEFÜHL BEGIERDE - ELEMENT FEUER

Im Vergleich zur fokussierten Energie des Zornes und zur schenkenden Energie des Stolzes ist das Feuerelement sehr sprunghaft. Feuer verbrennt nicht zweimal das gleiche, es sucht sich immer ein neues Opfer. Dabei unterscheidet es schon, was verbrannt wird, da es, je nach Intensität, nicht immer alles verbrennen kann. Hier ist also schon im Wesen des Feuers die unterscheidende Weisheit angelegt.

Feuer wärmt, es fasziniert und bringt Licht. Jedes Auto verbrennt Benzin bzw. Diesel und unsere Zentralheizungen spenden uns angenehme Wohligkeit. Es erweckt eine sinnliche Romantik, zum Beispiel beim prasselnden Kaminfeuer oder bei Kerzenschein.

Natürlich darf man dem Feuer nicht zu nahe kommen, es hat immer engsten Kontakt mit dem zu verbrennenden „Opfer". Dann wird es gefährlich oder gar zerstörerisch. Die Sonne hat genau den richtigen Abstand von der Erde, sonst würden wir bei größerer Nähe verdampfen.

Der Begierdetyp funktioniert ähnlich. Er sucht sich ein Objekt, das ihm scheinbar dauerhaftes Glück bringt. Das kann etwas Materielles sein, wie zum Beispiel ständig neue Kleidung, CDs oder Fahrzeuge, aber auch Ideen können ihn zu Handlungen bringen, die sein Streben nach Glück unterstützen: heute tritt er einer Partei bei, in einem Monat eröffnet er ein esoterisches Geschäft und zwei Monate später wird er Mitglied bei Greenpeace. Richtig schädlich wird es, wenn der Begierdetyp immer neue Menschen braucht, die seinem Ziel dienen: Das sind dann diejenigen, die ständig ihre Partner/Partnerinnen wechseln. Aber die Sättigung tritt in jedem Fall schnell ein, wenn das Interesse an dem Objekt verbrannt ist. Wieder wird aus einem Isolationsgefühl die Energie auf ein anderes Objekt gerichtet. Solche Menschen sind oftmals beziehungsunfähig.

Die zerstreute Energie der Begierde ist nie im Hier und Jetzt, sondern sie ist ständig auf die Zukunft ausgerichtet. Wir trinken und rauchen viel, schlafen wenig und versuchen auch noch morgens bei der Party aus dem letzten Fünkchen Leben Spaß herauszupressen. Übertrieben ausgedrückt zeigen sie ein Multimediaverhalten: Zigarette in der einen Hand, Tasse Kaffee in der anderen, Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt, Blick auf Fernseher oder Monitor, wobei noch Musik dudelt. Wir wollen immer da sein, „wo die Musik spielt" (beim Lama, bei Kursen?), es soll schnell zur Sache gehen, manchmal wissen wir nicht, was wir genau wollen, wir wollen es aber auf jeden Fall sofort! Wir erweitern unsere Suche bis hin zu Extrem- und/oder Ego-Sportarten. In der Wissenschaft jagt der Forscher begierig Zielen hinterher, wobei die Grenze von Genie zu Wahnsinn verschwimmen kann.

Natürlich liegt in dieser Energie auch die Chance. Wenn man als Buddhist seine Begierde nutzt um Meditationserfahrungen zu machen, damit sich der Geist stabilisiert, gleichzeitig studiert und seine Mitgefühlsgrenzen immer mehr zum Besten aller Wesen verschwinden lässt, dann sind schnelle Fortschritte unvermeidbar. Das angenehm wärmende Gefühl des Feuers erreicht den Geist, wir unterscheiden immer mehr zwischen nutzlosem Verbrennen auf relativer Ebene und sinnvollem Verbrennen auf absoluter Ebene. Der Geist wird wichtiger als die Bilder, die auftauchen und verschwinden. Das ungehinderte Nicht-Bezugnehmen ersetzt immer mehr die nervöse Energie, die Raumhaftigkeit und innere Freiheit unseres Geistes verdrängt das Verbrennen von nachteiligen Objekten. Wir können genießen, ohne zu besitzen zu wollen oder anzuhaften.

 

STÖRGEFÜHL EIFERSUCHT - ELEMENT WIND

Die Luft ist in alle Richtungen frei. In der Mittagshitze kühlt uns ein angenehmer Wind, unsere Atmung verbindet uns mit der äußeren Welt und erhält uns am Leben, Windmühlen liefern die Kraft zum Mahlen von Getreide oder produzieren Strom. Rauschende Blätter im Wind regen die Sinne an. Vögel und Flugzeuge überwinden in kurzer Zeit große Distanzen. Wikinger und andere seefahrende Nationen haben mit ihren Segelschiffen die Welt entdeckt. Ihre befreiende Energie ist selbst erfüllende Aktivität.

Wird der Wind zu stark, baut er sich zu einem Sturm oder Orkan auf, zerstört er. In stärkster Form wird er zum Wirbelsturm, der dem verzerrten Zustand der Paranoia entspricht. Man glaubt, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Der Eifersüchtige ist von zersplitterter Energie. Er ist umgeben von Konspiration. Nichts ist so wie es scheint. Nehmen wir einmal eine typische Situation: Der Ehemann will sich abends mit Freunden treffen und die eifersüchtige Ehefrau bleibt zurück. Ihr gehen sofort viele Gedanken durch den Kopf: „Geht er wirklich dorthin? Ich müsste das eigentlich überprüfen. Und das blonde lange Haar, das ich kürzlich auf seinem Jackett fand, ist verdächtig - ich bin dunkelhaarig und er braunhaarig. Merkwürdig. Ich traue ihm einfach nicht ...." Gedankenketten bilden sich. Vielleicht folgt sie ihm dann doch und sieht, wie ihn eine hübsch angezogene Frau küsst. Sie bringt ihn zum Lachen, er erwidert es. Sie zieht ihn in ein kleines Lokal ...

In diesem Beispiel finden sich schon eine Menge Qualitäten, die aber aus Eifersucht nicht erkannt werden, weil das Ich so stark ist und die Frau sich aus dem Glück des Partners ausgeschlossen fühlt. Tatsächlich aber kann sie hier Ursache und Wirkung erkennen, sie sieht aus Erfahrung, was dem Mann gut tut: Eine schicke Frau, umsorgt zu werden, gemeinsames Lachen etc. In ihrer Emotion ist sie aber verblendet für die positive Seite. Eine weitere Qualität zeigt sich deutlich: Ein Eifersüchtiger kann enorm gut beobachten. (Übrigens: In diesem Beispiel sind Mann und Frau natürlich frei austauschbar.)

Was hält den Eifersüchtigen davon ab, die Dinge klar und vorteilhaft zu erleben? Er hat Angst vor Vernichtung. Ständig glaubt er, sein Territorium verteidigen zu müssen. Er ist einfach nicht in der Lage, Konkretes und Abstraktes zu unterscheiden. Seine Energie ist durch höchste Achtsamkeit so zersplittert, dass er einfach keinen Überschuss entwickeln kann. In seiner permanenten Gereiztheit spürt er ständig Verschwörungen, die ihn umgeben (wie der Wind). Tritt er zu einer Gruppe sprechender Menschen hinzu und diese schweigen im Moment der Kontaktaufnahme, weiß er, dass die Gruppe über ihn gesprochen hat. Auch wenn er Fragen stellt, misstraut er doch den Antworten.

Sein Wesen ist von zwei Dingen begleitet:
1. Er ist sich nie sicher
(„Habe ich auch den Herd ausgeschaltet?"),
2. Er ist von einer Art hyperaktiver Feigheit
(Kann er nichts sehen, hat er Angst vor Dunkelheit; kann er nichts hören, hat er Angst vor Stille etc.).

Um die Eifersucht zu überwinden, gibt es viele Ebenen. Eine ist, die Energie auf der Basis von Liebe und Mitgefühl für andere zu nutzen, dabei immer sehr viele gute Wünsche zu machen und nicht die Energie aus Angst und Anhaftung zu zerstreuen und sich dabei zu erschöpfen.

 

STÖRGEFÜHL UNWISSENHEIT - ELEMENT RAUM

Raum ist im eigentlichen Sinne natürlich kein Element, ebenso wenig wie Unwissenheit ein typisches Gefühl ist. Trotzdem ist sie die Basis allen Leidens.

Wir erleben die Dinge und Wesen, mit denen wir den Raum teilen, als getrennt von uns. Diese Trennung bewirkt, dass wir Bezüge zu den Objekten aufbauen, die nicht wir selbst sind. Dadurch schieben wir weg, was wir nicht mögen, werden zornig, wenn uns das nicht gelingt, wollen das besitzen, was uns gefällt (Begierde) und dümpeln dumpf herum bei Objekten, die uns nicht interessieren (Unwissenheit). Das ist die Geburt aller Störgefühle.

Die Qualitäten des Raumes auf der anderen Seite jedoch spiegeln sich in den vielen Facetten der Erleuchtung wider. Alle Einengungen haben hier ein Ende, es gib nichts, das wir nicht zum Besten aller Wesen nutzen können. Furchtlosigkeit, Freude, Liebe, Mitgefühl, höchste Weisheit, Kreativität, Offenheit, Spontaneität, Phantasie und Freiheit sind das wahre Wesen des uneingeschränkten Raumes. Erleuchtung bedeutet nicht etwas hinzuzufügen, sondern die uns im Geist innewohnenden Grenzen zu sprengen und von der Unwissenheit loszulassen.

„Vertrauen in den Raum haben" ist ein Schlagwort im Buddhismus. Doch was bedeutet es? Einfach erklärt ist es der Mut zu und die Freude an Grenzerfahrungen, um eingeschliffene Konzepte zu überwinden. Jeder hat seine persönlichen Grenzen, die meistens auf karmischen Tendenzen basieren, aber da jeder sein eigenes Karma hat, ist bei jedem der Schritt in den Raum ein anderer. An einem Beispiel lässt sich das erklären: Unwissenheit kann sich in Langeweile ausdrücken. Es ist kein Sinn im Leben zu entdecken. Der erste Schritt (in den Raum und zu einer neuen Erfahrung) wäre jetzt aktiv zu werden und etwas für jemand anderen zu tun. Auf welche Weise kann sich Unwissenheit ausdrücken, denn hier ist nicht das Schul- und Uniwissen gemeint?

Hier eine kurze Aufzählung:

  • Depression
  • Lethargie
  • Trostlosigkeit
  • Unordnung
  • Verzweiflung
  • viel TV- oder Rauschmittelkonsum
  • Ablenkung und Zerstreuung
  • nichts sehen, hören, fühlen wollen > daher auch Schmerzen aushalten können
  • Dinge verschieben (zum Beispiel die Rechnung zu bezahlen oder zum Zahnarzt zu gehen)
  • keinen Sinn in einer emotionalen Beziehung sehen zu können
  • Zukunftsangst etc.

In extremen Fällen werden wir zum Anti- oder Tragödienhelden, der „über den Dingen" steht und über Schwächlinge lächelt, die zusammenklappen.

Diese oben genannten Beispiele zeigen auf, dass sich Unwissenheit in Konzepthaftigkeit, Gewohnheitsmustern und/oder Verwischen manifestieren kann, wobei die Qualitäten, Möglichkeiten und Freuden des Raumes nicht erkannt werden. Der Raum in seiner unendlichen Vielfalt bleibt ein mit Angst besetztes Unbekanntes, das man nur durch Aktivität, Anstrengung und den Wunsch zur Überwindung der eigenen Tendenzen erfahren kann.


Pit Weigelt
Konrektor, verheiratet, drei erwachsene Kinder,
seit 1997 Reiselehrer (zwischen San Francisco und Wladiwostok).