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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 37, ( 2004)

Der Tod des 16. Karmapas

Von Dr. Mitchell Levy

Dr. Mitchell Levy ist vielen bekannt als der Arzt, der in dem Film "The Lion's Roar" interviewt wird. "The Lion's Roar" ist ein Anfang der 80er Jahre von Trungpa Rinpoches Schülern in den USA produzierter Film über den 16. Karmapa und seinen Tod. Dr. Levy betreute den 16. Karmapa als Arzt bis zu seinem Tod im Jahre 1981 und erzählt in dem Film einige seiner Eindrücke während dieser Zeit.

Direkt nach dem Tod des 16. Karmapa wurde Dr. Levy ausführlich von Reginald A. Ray, einem Professor der von Trungpa Rinpoche gegründeten Naropa-University, interviewt. Dr. Levy war direkt aus Chicago, wo Karmapa gestorben war, völlig übermüdet in Boulder angekommen. Er stand noch sehr frisch unter dem Eindruck der Erlebnisse im Krankenhaus. Erst 2001 wurde dieses Interview in einem Kapitel des Buches "Secrets of the Vajra World" veröffentlicht. Der Verlag Shambhala, Boulder, hat uns freundlicherweise den Abdruck einer Übersetzung genehmigt.

Zum ersten Mal traf ich Seine Heiligkeit, den 16. Karmapa, im Mai 1980. Er hatte Krebs und kam nach Amerika, um behandelt und auf weiteren Krebs in seinem Körper untersucht zu werden. Der Krebs kam zu einer schweren Diabetes hinzu, die er den größten Teil seines Lebens schon gehabt hatte. Ich wurde zu dieser Zeit als sein Haupt-Arzt angestellt.

Als er ankam, führten wir mit ihm eine vollständige Untersuchung durch. Das war nichts Besonderes. Einige Dinge aus dieser Zeit sind mir noch besonders deutlich im Gedächtnis geblieben: Vor allem, dass hier eine Art Linie begann, die sich durch den ganzen weiteren Kontakt, den ich als Arzt mit ihm hatte, durchzog. Für Seine Heiligkeit war das alles einfach nur business as usual. Es war einfach eine weitere Erfahrung - die Erfahrung herauszufinden, ob sein Krebs ihn töten würde oder nicht. Für ihn machte es irgendwie keinen Unterschied, was dabei herauskommen würde. Man hätte ebenso gut über Hühnersuppe mit ihm reden können.

Von diesem Moment an bis zu dem Zeitpunkt seines Todes im nächsten Jahr gab es die ganze Zeit diese kontinuierliche, grundlegende und völlig überwältigende Gegenwart. Seine Wärme und die Klarheit seines Geistes waren durch all diese Erfahrungen hindurch ohne Unterbrechung.

Es war ganz einfach. Ich fragte: "Haben sie hier oder dort Schmerzen?" Dann stellten wir sehr komplexe Fragen. Jedes Mal führte eine Reihe von Fragen dazu, dass er lächelte und antwortete: "Nein, nein, da ist nichts." Dann fragen wir: "Gut, und wie ist es mit ... ?", und er sagte: "Nein", und wir fragten: "Wie steht es mit ... ?", und er wieder: "Nein".

Wir liefen immer wieder in diese Weite seines Geistes. Er war nie willens, Dinge eng werden zu lassen und sich auf sich selbst zu konzentrieren. Es war so, als ob man Fragen zu seinen Meditationserlebnissen hatte und das Gefühl, sich damit im Kreis zu drehen - und er lächelte einen einfach an. Nun, genauso war es, wenn wir fragten: "Haben sie Schmerzen? Geht es ihnen nach dem Essen schlecht?" Wir liefen in den gleichen weiten Raum hinein.

Ich denke, dass es für das ihn betreuende medizinische Personal eine richtige Lehrsituation war. Wir alle, Buddhisten und Nicht-Buddhisten gleichermaßen, sahen, dass Seine Heiligkeit auch medizinisch, in körperlicher Hinsicht, grenzenlos war. Er sagte nie etwas wie: "Jetzt haben sie es getroffen, hier tut es mir weh". Wir kamen nie an diesen Punkt, und so waren wir frustriert und verwundert zugleich. Die Weise, wie er sich seinem eigenen Tod annäherte, war einfach ein weiteres Werkzeug, um mit anderen zu arbeiten und ihnen zu helfen. Ich denke, dies war eine Erfahrung, die wir alle, die ihn betreuten, teilten: Verwunderung und auch Verwirrung darüber, warum er nicht dem folgte, was wir dachten, das er tun solle. Auch Erstaunen über seine Wärme und Anteilnahme für andere, ganz gleich, was mit ihm selbst geschah. Dies blieb so die ganze Zeit bis zum Moment seines Todes.

Am Tag der Erstuntersuchung hatten wir später noch ein Treffen mit Seiner Heiligkeit. Ich begann, ihm noch einmal die gleiche Art von Fragen zu stellen. Er lächelte weiter und sagte bei manchen von ihnen ja oder nein. Am Ende sagte er schließlich zu mir: "Es gibt eine Sache, die für sie wichtig zu verstehen ist. Wenn ich hier gebraucht werde, um die fühlenden Wesen zu lehren, wenn ich immer noch Arbeit zu tun habe, dann wird keine Krankheit mich jemals überwältigen. Und wenn ich nicht länger gebraucht werde, um die Wesen zu lehren, dann können sie mich hier unten anbinden, aber ich werde nicht auf dieser Erde bleiben." Das war eine ungewöhnliche Weise, einen Patienten kennen zu lernen. Einige Monate später in Hongkong sah ich Seine Heiligkeit zum zweiten Mal. Mein erster Eindruck war, dass er sehr abgenommen hatte und viel schwächer und kränker war. Und zugleich, dass er hinsichtlich seiner Präsenz und seiner Wärme völlig unverändert war.

Da lag immer noch diese Person im Bett, die definitiv an Krebs starb, und er schaute, als würde er die Mandeln herausgenommen bekommen. Jedes Mal, wenn ich den Raum betrat, lächelte er, sein Gesicht erhellte sich - und mein Geist stand still. Ich dachte: "Warte mal, wer kümmert sich hier eigentlich um wen? Er sollte der Kranke sein, nicht ich." Ich wollte loslegen mit Sachen wie: "Dies und das ist mir gestern passiert ..." Stattdessen schaute ich ihn aber an und sagte: "Wie geht es ihnen heute?" Er lächelte und sagte: "Ich bin okay". Ich fragte weiter: "Haben Sie irgendwelche Schmerzen?", und er lachte und sagte: "Nein, heute nicht." Das wurde so eine Art ständiger Witz: "Du musst mit mir umgehen, als sei ich krank, also mach' deinen Job. Du weißt es und wir werden beide vorgeben, dass es das ist, was wirklich geschieht."

Auch das Pflegepersonal wurde davon beeinflusst, denn sie haben eine feste Vorstellung davon wie ein kranker, sterbender Patient zu sein hat, und so war er nie. Er lag dort und die Leute fühlten sich total unwohl damit, dass sie dieser "armen kranken Person" nicht helfen konnten. So geschah es immer und immer wieder. Er war einfach da und tat für alle anderen, was nötig war.

Aus meinen Erfahrungen in Hongkong entstand bei mir die Einsicht, dass der Zustand des Geistes Seiner Heiligkeit grundlegend unveränderlich war und dass er kontinuierlich denen um ihn herum half. Er half insbesondere den vier jungen Tulkus, die bei ihm waren, den Rinpoches, die er in Sikkim seit ihrer Kindheit ausgebildet hatte. Seine Heiligkeit half ihnen anzunehmen, was geschah.

Als ich nach Hongkong kam, fragte ich mich: "Warum stirbt er jetzt?". Ich begann zu beobachten, wie er mit den jungen Tulkus umging. Er hatte die vier Haupt-Kagyü-Tulkus aufgezogen, und aus irgendeinem Grund ergab es sich, dass sie alle im gleichen Alter waren und bereit, in die Welt zu gehen und zu lehren. Er war wirklich wie ihr Vater für sie und hatte sie zu diesem Punkt geführt. Nun kam ein weiterer Schritt in ihrer Ausbildung: die Tatsache, dass er starb.

Irgendetwas an dem Ganzen fühlte sich für mich völlig stimmig an. In meinen Augen hatte er in vielerlei Hinsicht sein Lebenswerk vollendet. Aber das ist vielleicht nur meine begrenzte Sicht.

Die jüngeren Tulkus sagten zu mir: "Er hat noch so viel zu tun, dieses und jenes." Ich dachte mir, wenn er 15 Jahre mehr gelebt hätte, hätte er noch mehr Projekte angefangen. Aber am Ende der 15 Jahre hätten sie immer noch gesagt: "Wie kann er jetzt sterben?". Man konnte sich niemals vorstellen, dass Seine Heiligkeit in den Ruhestand gegangen wäre. Und so fühlte ich die Stimmigkeit der ganzen Sache: Er hatte die Tulkus zu dem Punkt geführt, an dem sie bereit waren, in die Welt hinauszugehen, und nun konfrontierte er sie mit dem Tod. Als die jungen Tulkus so eine schwere Zeit hatten, sagte Trungpa Rinpoche etwas zu mir, das mir später sehr sinnvoll erschien. Er sagte: "Wenn wir noch in Tibet wären, würden wir die ganze Zeit den Tod sehen. Eine echte Leichenstätten-Qualität. Selbst in jungen Jahren. Da sie aber nun im Kloster Seiner Heiligkeit - Rumtek in Sikkim - aufgewachsen und dem Westen ausgesetzt sind, sind sie mit dem Tod nicht vertraut."

Und nun, da es Seine Heiligkeit selbst war, der im Sterben lag, konnten sie zuerst gar nicht damit umgehen. In vielerlei Hinsicht fühlte es sich so an, als würde er ihnen eine Belehrung über den Tod geben. Ich hatte einfach das Gefühl, dass er seinen eigenen Tod hinauszögerte, damit sie sich langsam damit vertraut machen, den Prozess beobachten und untersuchen konnten, um es später zu verdauen.

Das war es, was mich später in meinen Erfahrungen mit Seiner Heiligkeit, als er in Zion/Illinois starb, so beeindruckte: Ich sah die Präsenz Seiner Heiligkeit und erkannte, wie sehr er sich um die Tulkus kümmerte. Sie waren jung, und obwohl sie wohl unterschiedliche Ebenen von Verwirklichung hatten, waren sie emotional und in Hinsicht auf das Leben in der Welt noch jung. Und so war dies Teil ihres Wachstumsprozesses. Ich sah Seine Heiligkeit zum dritten Mal nahe Chicago, in einer Krebs-Klinik in Zion, Illinois, zu der Zeit, als er starb. Die Leute dort - das Klinik-Personal und genauso die Besucher - waren einfach völlig überwältigt von ihm. Um das richtig zu würdigen, muss man verstehen, dass Intensivstation-Personal typischerweise ziemlich abgestumpft ist. Sie sehen den Tod die ganze Zeit, das ist ihre Arbeit. Der Grund dafür, dass sie gut sind, ist dass sie nicht zu sehr davon betroffen werden, sie machen einfach ihren Job.

Zu sehen, wie sehr ein solches Personal von der Sanftheit Seiner Heiligkeit überwältigt war, war äußerst beeindruckend. Die meisten von ihnen waren Christen und keiner wusste auch nur ein bisschen über Buddhismus. Aber sie zögerten nicht im geringsten ihn "Seine Heiligkeit" zu nennen. Sie sagten nie "Karmapa", sondern immer nur "Seine Heiligkeit". Nach einer Weile konnten sie einfach nicht verstehen, wie es möglich war, dass er keine Schmerzen hatte und nicht in der Weise auf seine Lage reagierte, wie es Leute sonst tun. Dann fingen sie an, sich mit viel Anteilnahme sehr um seine Pflege zu kümmern.

Jeder Karmapa soll vor seinem Tod einen Brief schreiben, in welchem er die Umstände seiner nächsten Geburt aufzeigt. Das Personal fing an, sich um den Brief zu sorgen. Das war wirklich erstaunlich mit anzusehen, weil - sehen Sie - jeder schaltete um von "Was tun wir heute für diesen Patienten?", und "Hat er schon sein Bad bekommen?", zu "Hat er seinen Brief geschrieben? Wird diese Linie fortgeführt?"

Im Intensivstations-Team hatten sie eine Pflegerin, die einmal mit Tränen in den Augen zu mir kam und sagte: "Ich mache mir solche Sorgen, dass diese Linie hier in diesem Krankenhaus endet." Ich meine, wir waren wohlgemerkt in Zion, Illinois. Es ist eine trockene Stadt, sehr traditionell christlich. Es war für mich sehr bewegend zu sehen, wie völlig ergriffen sie von Seiner Heiligkeit waren.

Das Personal konnte überhaupt nicht aufhören, über sein Mitgefühl zu reden und darüber, wie liebevoll er wirkte. Nach vier oder fünf Tagen kam der Chirurg - ein philippinischer Christ - zu mir und sagte: "Wissen sie, jedes Mal, wenn ich reingehe, um Seine Heiligkeit zu sehen, fühle ich mich, als wäre ich nackt und als ob er mich total sehen könne. Ich habe dann das Gefühl, mich bedecken zu müssen. Wissen Sie, Seine Heiligkeit ist kein gewöhnlicher Mann. Er scheint wirklich nicht wie eine normale Person zu sein."

Jeder hatte diese Erfahrung in seinen letzten Tagen. Allein seine Willenskraft und seine Gegenwart waren so kraftvoll, dass es uns völlig mitnahm. Es war die Fortsetzung von dem, was ich schon in New York erlebt hatte. Er ging einfach weiter - und ob er in Schock oder am Trauben essen war, es gab immer eine völlige Unveränderbarkeit in seinem Geisteszustand, die auf jedermann ausstrahlte und die sich niemand erklären konnte.

Seine Heiligkeit schien wirklich das Team der Ärzte und Pfleger sehr verändert zu haben. Wir ließen ihnen Bücher da, und darüber hinaus kamen Leute zu mir und sagten: "Wissen sie, ich bin Christ und glaube nicht an Buddhismus. Aber ich muss sagen, dass Seine Heiligkeit eine sehr ungewöhnliche Person ist." Sie sagten das beinahe rechtfertigend, nicht wissend, wie sie beide Religionen zusammenbringen sollten, aber offensichtlich und tief bewegt von Seiner Heiligkeit.

Im Laufe der Tage ging es mit Seiner Heiligkeit physisch bergab. Dann tat er ein paar Dinge, die er, wir mir die Rinpoches sagten, schon früher in seinem Leben getan hatte. Im Alter von ungefähr 13 Jahren war er anscheinend einmal sehr krank gewesen. Die Ärzte sagten damals, die Krankheit sei sehr, sehr ernst und dass er nur noch ein paar Stunden zu leben habe, höchstens noch einen Tag. Man muss dazu wissen, dass tibetische Ärzte niemals etwas so Negatives sagen würden, solange noch die geringste Hoffnung besteht. Sie würden das nie tun, bis sie den Tod unmittelbar bevor stehen sehen. Aber Seine Heiligkeit schenkte ihnen keine Beachtung, und er erholte sich schnell wieder. Die Ärzte konnten nicht verstehen, wie es dazu gekommen war. Aber das war Tibet, und es war für sie vielleicht leichter zu akzeptieren, da es ja um Seine Heiligkeit ging.

Aber nun geschah das gleiche in Zion. Einen Tag, nachdem ich ihn untersucht und eine drastische Verschlimmerung seines Zustandes gefunden hatte, kam ich heraus und sagte: "Seine Heiligkeit hat noch zwei bis drei Stunden zu leben". Er hatte jedes Symptom, das ich bisher in solchen Situationen gesehen hatte, und es ging ganz schnell bergab mit ihm. Jedes seiner Systeme fiel aus. Er hatte Atemschwierigkeiten, erbrach und hustete Blut, sein Blutdruck fiel ab, selbst mit Blutdruck unterstützenden Mitteln.

Wenn man mit vielen schwer kranken Patienten gearbeitet hat, bekommt man ein deutliches Gefühl dafür, wenn ein Patient dabei ist zu gehen. Man fühlt es einfach, denn man sieht den Stress in seinem Körper und man weiß, dass er nicht mehr lange aushält. Man weiß, dass er kollabiert. Und genau das fühlte ich hier.

Ich sagte: "Wir könnten ihn wecken, wenn ihr das Gefühl habt, der Brief sei wichtig." Ich weckte ihn mit einigen Medikamenten, die die Schläfrigkeit beseitigen. Die Tulkus sagten: "Bitte entschuldigen sie uns, wir müssen mit Seiner Heiligkeit privat reden." Nach ungefähr 45 Minuten kamen sie wieder heraus und sagten: "Seine Heiligkeit sagte, er wird noch nicht sterben, und er lachte uns an. Er lachte uns an!" Sie sagten das ein paar Mal: "Er lachte uns nur an, und sagte ‚Gebt mir nicht diese Unterlage. Ich schreibe keinen Brief.'"

Ich ging zurück in das Zimmer und er saß aufrecht im Bett; einfach aufrecht. Seine Augen waren weit offen und seine Willenskraft war immens. Er drehte sich zu mir und sagte in Englisch (wovon er nur ein paar Ausdrücke kannte): "Hallo. Wie geht es ihnen?" Innerhalb einer halben Stunde waren all seine Lebenszeichen stabil und auf normalem Niveau, und er hörte auf zu bluten. Nach ungefähr einer Stunde verließ ich das Zimmer. Einer aus dem Intensivstation-Team kam zu mir und sagte: "Schauen Sie meine Arme an". Ich schaute und er hatte Gänsehaut auf seinen Armen von oben bis unten. Niemand hatte so etwas jemals in seinem Leben gesehen. Seine Willenskraft war so stark, und er war noch nicht bereit zu sterben. Ich bin völlig überzeugt davon, dass er sich allein durch seinen Willen wieder stabilisiert hat. Niemals hatte ich etwas auch nur annähernd Ähnliches gesehen oder davon gelesen oder gehört.

Die Reaktion der jungen Tulkus war interessant. Sie interpretierten meine Nachricht, dass Seine Heiligkeit im Sterben lag, als Panik meinerseits. Vielleicht war es ein Teil von ihrer Weigerung, Seine Heiligkeit gehen zu lassen. Aber ich hatte genug gesehen, so dass ich ihnen einfach nur sagte, was geschah. Er starb. Ich wusste es. Jeder im Team wusste es. Und dann wachte er wieder auf und setzte sich aufrecht. Er öffnete seine Augen und sein Wille brachte ihn wieder hoch. Er füllte seinen ganzen Körper mit seinem Willen. Ich konnte seinen Willen fast visuell aus seinem Körper treten sehen. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Trungpa Rinpoche sagte später zu mir: "Jetzt sehen sie, was wirklich möglich ist."

Es war fast, als hätte jemand die Messgeräte ausgesteckt, irgendwas mit ihnen gemacht, sie wieder angeschlossen - und sie zeigten einen Normalzustand. Der Blutdruck war normal. Er hörte auf zu bluten, aber nicht, weil wir ihm irgendetwas gegeben hätten, sondern er drehte den ganzen Prozess einfach um. Danach war er neun oder zehn Tage lang gesund, völlig stabil.

Nach diesem Vorfall wurde es ein täglicher Witz im Krankenhaus, dass wir Seine Heiligkeit selbst die Anweisungen geben ließen. Wir kamen morgens mit dem Buch für die Anweisungen zu ihm und fragten: "Was sollen wir heute tun?" Das ganze Intensivstation-Personal fragte: "Was will er heute gemacht haben?"

Nach neun oder zehn Tagen fiel sein Blutdruck plötzlich steil ab, und wir konnten ihn auch mit Medikamenten nicht wieder hoch kriegen. Ich sagte: "Das ist sehr schlecht". Die Angewohnheit zu sagen, dass er bald sterben werde, hatte ich abgelegt. Ich schaute die Tulkus nur an und sagte: "Das ist sehr schlecht, sehr, sehr schlecht." Mehr sagte ich nicht. Sie lehnten sich zu Seiner Heiligkeit vor und sagten ihm, Dr. Levy denke, es stehe sehr schlecht. Er lächelte wie immer.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Seine Heiligkeit eine disseminierte intravasale Gerinnung. Es bedeutet, dass die Infektion so stark ist, dass beim Zerfall der Bakterien Endotoxine frei werden. Diese wiederum beeinträchtigen den Gerinnungsmechanismus des Blutes. Dadurch wird die ganze Fähigkeit des Körpers, das Blut dick zu halten, verbraucht, und infolgedessen blutet man überall. Das ist mehr oder weniger tödlich. Und wieder sagte ich: "Dies ist sehr schlecht." Ich sagte es zu Seiner Heiligkeit und er schaute hoch und versuchte zu lächeln. Nach nicht einmal zwei Stunden hörte er völlig auf zu bluten. Sein Blutdruck wurde wieder normal, er saß im Bett und redete.

Das Intensivstation-Personal hatte mittlerweile schon fast eine Tafel, wo man sagte: "Mach' mal noch einen Strich für Seine Heiligkeit." Es wurde fast komisch. Ein Patient mit Krebs im Endstadium, Diabetes, massiver Lungeninfektion, gerade sich von einem Schock erholend und in einen Gram-negativ-Schock gehend - jemand in diesem Zustand erholt sich nicht mehr, nie. Und doch, hier war er.

Den Tag danach hatte er schwere Atemprobleme. Seine Lungen arbeiteten nicht mehr richtig, da sie so entzündet waren. Es war zu diesem Zeitpunkt klar, dass wir ihn intubieren mussten, sonst würde er aufhören zu atmen. Wir taten es, und verlängerten sein Leben so um 36 Stunden.

Früh am nächsten Tag starb er tatsächlich. Wir sahen die Veränderung auf den Monitoren. Die Herzimpulse veränderten sich in einer Weise, die erkennen lässt, dass das Herz ausfällt. So wussten wir und die Chirurgen, dass es bevorstand. Wir sagten den Rinpoches nichts.

Sein Herz setzte für ungefähr zehn Sekunden aus. Wir belebten ihn wieder, hatten Probleme mit dem Blutdruck, brachten ihn wieder hoch, und er war für ungefähr 25 oder 30 Minuten stabil. Es schien aber, als hätte er einen Herzanfall gehabt. Dann ging sein Blutdruck völlig herunter, und mit all den Medikamenten konnten wir ihn nicht wieder hoch kriegen. Wir arbeiten weiter, gaben Medikamente, und dann setzte sein Herz aus. Wir bearbeiteten seine Brust, aber dann zu einem gewissen Zeitpunkt war mir klar, dass es vorbei war. Man konnte auf dem Monitor sein Herz sterben sehen. Aber ich hatte das Gefühl, als müssten wir so gut wir konnten unsere Gründlichkeit beweisen, um die Rinpoches zu beruhigen. Also arbeitete ich fast 45 Minuten weiter an der Reanimation, viel länger als ich es normalerweise getan hätte.

Schließlich gab ich ihm zwei Ampullen Epinephrine und Adrenalin ins Herz, aber es kam keine Reaktion - Kalzium, keine Reaktion. So hörten wir also auf. Dies war der Punkt, an dem wir aufgaben. Ich ging hinaus, um Trungpa Rinpoche anzurufen und ihm zu sagen, dass Seine Heiligkeit gestorben war.

Als ich in den Raum zurück kam, fingen die Leute an zu gehen. Seine Heiligkeit hatte nun ungefähr 45 Minuten dort gelegen. Wir begannen die Magensonde herauszuziehen, und als jemand den Schlauch aus seiner Nase zog, sah ich plötzlich, dass sein Blutdruck 140 zu 80 war. Meine erste Reaktion war, dass ich schrie: "Wer lehnt an dem Druck-Monitor?" Ich war fast in Panik: "Wer lehnt an dem Monitor?" Ich sagte zu mir selbst: "Oh nein, jetzt geht es wieder los." Ich wusste: Damit der Blutdruck so hochgehen kann, müsste jemand daran lehnen mit ... nun, es war unmöglich. Dann schrie eine Schwester beinahe: "Er hat einen guten Puls! Er hat einen guten Puls!"

Einer der älteren Rinpoches klopfte mir auf den Rücken, als wolle er sagen: "Es ist unmöglich, aber es geschieht." Die Herzrate Seiner Heiligkeit war 80, sein Blutdruck 140 zu 80. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass ich in diesem Raum ohnmächtig werden würde. Keiner sagte jetzt ein Wort. Es war ein Moment von "Das gibt es nicht. Es kann nicht sein." Es war schon so einiges geschehen mit Seiner Heiligkeit, aber das war eindeutig das größte Wunder, das ich je gesehen hatte. Ich meine, es war nicht nur ein außergewöhnlicher Moment. Es geschah eine Stunde, nachdem sein Herz zu schlagen aufgehört hatte und 15 Minuten, nachdem wir aufgehört hatten, irgendetwas mit ihm zu tun. Ich rannte aus dem Raum, um wieder Trungpa Rinpoche anzurufen und ihm zu sagen, dass Seine Heiligkeit wieder lebt - "Ich kann nicht reden, auf Wiedersehen."

In diesem Zimmer hatte ich den Eindruck, dass Seine Heiligkeit zurückkam, um noch einmal zu probieren, ob dieser Körper noch seinen Geist tragen kann. Er hatte Valium und Morphium bekommen und das löste ihn von dem Körper. Ich hatte das Gefühl, dass er plötzlich bemerkt hatte, dass sein Körper nicht mehr arbeitete.

So kam er zurück, um zu sehen, ob er noch benutzbar sei. Nur die Kraft seines zurückkehrenden Bewusstseins ließ alles wieder losgehen. Ich meine, es ist nur der Eindruck in meinem einfachen Geist, aber so fühlte es sich für mich in diesem Raum an.

Seine Herzrate und sein Blutdruck blieben für ungefähr fünf Minuten hoch und fielen dann aus. Als wenn er erkannt hätte, dass der Körper nicht mehr arbeitsfähig sei, ihn nicht mehr tragen könne, und so ging er und starb.

Trungpa Rinpoche kam kurz danach am Krankenhaus an, ohne zu wissen, ob Seine Heiligkeit am Leben war oder nicht. Ich musste ihm sagen, dass er gestorben war. Und das war es. Seine Rückkehr war sehr bemerkenswert.

Selbst im Tod hörte Seine Heiligkeit aber nicht auf, das westliche medizinische Establishment zu verwundern. 48 Stunden nach seinem Tod war seine Brust über seinem Herzen warm. Situ Rinpoche holte mich in den Raum, in dem Seine Heiligkeit lag. Ich musste erst gründlich meine Hände waschen und eine Maske aufsetzen. Situ Rinpoche kam herein und hielt seine Robe vor seinen Mund, als könnte sein Atem die tiefe Meditation Seiner Heiligkeit stören. Er nahm meine Hand und legte sie auf die Mitte der Brust von Seiner Heiligkeit, und so fühlte ich, dass sie warm war.

Es ist komisch, denn da ich gerade meine Hände in kaltem Wasser gewaschen hatte, sagte mein westlicher medizinischer Geist: 2Nun, meine Hände müssen wohl noch kalt sein." So wärmte ich meine Hände auf und fragte dann Situ Rinpoche: "Kann ich noch einmal seine Brust fühlen?" Er sagte: "Sicher", zog die Robe Seiner Heiligkeit beiseite und legte meine Hand wieder auf seine Brust. Zu diesem Zeitpunkt waren meine Hände warm, und seine Brust war wärmer als meine Hand. Um es zu untersuchen, bewegte ich meine Hand zu jeder Seite seiner Brust, und es war dort kühl. Dann fühlte ich wieder in der Mitte, und dort war es warm.

Ich kniff auch seine Haut, und sie war immer noch geschmeidig und völlig normal. Nach 36 Stunden ist die Haut, obwohl es Unterschiede gibt, einfach nur wie Teig. Und hier war seine Haut nach 48 Stunden immer noch so wie meine oder Ihre. Es war, als ob er nicht tot wäre. Ich zwickte seine Haut und sie kehrte wieder in ihren vorherigen Zustand zurück. Der Spannungszustand war völlig normal.

Kurz nachdem wir das Zimmer verlassen hatten, kam der Chirurg und sagte: "Er ist warm, er ist warm." Und dann kam es so, dass das Pflegepersonal immer wieder fragte: "Ist er noch warm?" Nach allem, was geschehen war, akzeptierten sie es einfach. Wie sehr auch alles, was geschehen war, ihrer medizinischen Ausbildung, ihren kulturellen Vorstellungen und ihrer religiösen Erziehung zu widersprechen schien - mittlerweile hatten sie kein Problem mehr damit, einfach nur zu akzeptieren, was tatsächlich geschah. Es war natürlich in Übereinstimmung mit der traditionellen tibetischen Erfahrung. Verwirklichte Menschen wie Seine Heiligkeit bleiben, nachdem Atem und Herzschlag aufgehört haben, eine Zeit lang in einem Zustand tiefer Meditation, ohne dass in dieser Zeit die Totenstarre eintritt.

Ich sollte noch die Qualität des Zimmers, in dem er lag, erwähnen. Die Tulkus sagten: "Seine Heiligkeit ist in tiefer Meditation", und was die Leute in dem Zimmer erlebten, schien von unterschiedlichen Ebenen der Wahrnehmung abhängig zu sein.

Ich fragte Trungpa Rinpoche danach und er sagte, es wäre, als ob ein Vakuum all unsere geistigen Hindernisse weggesaugt hätte, wenn wir dieses Zimmer betreten. Es gab dort kein geistiges Geplapper. Es war absolut still. Alles war in krasser Weise einfach und direkt. Er sagte, es sei so einsgerichtet, dass es gar keinen Platz mehr gäbe für irgendeine Art von Hindernis. Und er sagte, dies sei absolut herrlich.

Meine Erfahrung war nicht ganz so. Für mich fühlte sich die Luft dünn an und die Ruhe war irgendwie beunruhigend. Es gab keine Vertrautheit, keine Hintergrund-Geräusche. Man war wie in einem anderen Bereich, einem, der völlig still und weit ist. Es gab nur den Körper Seiner Heiligkeit in der Mitte des Zimmers, gehüllt in seine Brokat-Robe, und man hatte das Gefühl, man wolle nicht einmal atmen. Das war meine Erfahrung; es fühlte sich an, als würde ich mit irgendeinem Handeln diese Ruhe stören. Meine Handlungen schrien mich an. Ich meine, all meine Grobheit und Gewöhnlichkeit schrie mich einfach an.

Es fühlte sich an, als müsste ich mich mit jedem Schritt auf seinen Körper zu durch irgendwas hindurchschlagen. Alles, was ich tat, war klobig. Aus normaler Sicht war es das nicht, ich ging einfach nur. Aber da war diese Stimmung von Stille in dem Zimmer, eine Bewusstheit, die überwältigend war. Ich verstand, was Trungpa Rinpoche mit "Vakuum" meinte, es fühlte sich so an. Nach ungefähr drei Tagen war Seine Heiligkeit immer noch im Samadhi. Es war interessant, denn die Ärzte und Schwestern waren so besorgt wie die jungen Tulkus, dass wir seinen Körper da lassen konnten, ohne ihn bis zum Ende des Samadhi zu bewegen. Das war ungewöhnlich, denn normalerweise will das Krankenhaus-Personal den Körper eines Verstorbenen so schnell wie möglich loswerden. So machen wir das eben im Westen.

Nach drei Tagen endete der Samadhi. Man erkannte es, denn Seine Heiligkeit war nicht mehr warm und die Totenstarre setzte schließlich ein. Auch die Atmosphäre in dem Zimmer änderte sich, wurde normal.

Wir riefen die Bestatter, damit sie seinen Körper mitnehmen. Als sie ankamen, roch der ganze Flur. Sie wollten seinen Körper hochnehmen, aber die Haut blieb am Tisch kleben und er verlor etwas Flüssigkeit. Sie wirkten, als können sie sich nicht vorstellen, dass so der Tod aussieht. Sie legten den Körper schnell wieder ab.

Ich denke, sie waren ganz normale Bestatter, mit schwarzen Übermänteln und dünnem schwarzem Schlips. Einer von ihnen war ein sehr schwerer Mann und ihm bebte der Unterkiefer. Er ging hinaus und sagte: "Das ist schrecklich, das ist eine furchtbare Situation." Ich war infolge von Schlafmangel so direkt, dass ich fast in Lachen ausbrach. Er sagte: „Dies ist eine furchtbare Gesundheitsgefahr. Warum haben wir den Körper nicht eher bekommen?" Ich sagte: "Wenn die Schwestern uns vor drei Tagen gesagt hätten, dass er starb, dann hätten wir euch gerufen." Der Bursche schaute mich nur an, als wäre ich verrückt. Die Schwestern fingen beinahe an mit "Geben sie nicht uns die Schuld", aber dann erkannten sie, wie absurd es war.

Die Bestatter gingen verärgert fort, zogen Handschuhe und Masken an, kamen zurück in den Raum und legten ihn in eine Kiste. Sie waren völlig ausgeflippt. Es war eine interessante Erfahrung für mich, denn ich bemerkte, dass die Gesundheitsgefahr sie gar nicht interessierte, sondern nur, dass sie es nicht mehr hinbekommen würden, ihn so zu konservieren, dass er gut aussah. Sie redeten die ganze Zeit darüber, dass sie ihren Job nicht mehr gut würden machen können, dass er furchtbar aussehen würde, wenn sie ihn uns zurückgeben würden und dass sie ihn nicht mehr lebendig aussehen lassen könnten. Ich versicherte ihnen die ganze Zeit, dass es wirklich in Ordnung sei, dass wir das verstehen würden und dass sie sich nicht sorgen sollen. Ich sagte: "Niemand erwartet von Ihnen, dass sie ihn wieder lebendig aussehen lassen. Wir möchten nur, dass sie tun, was geht, damit wir ihn für die Verbrennung nach Sikkim fliegen können." Nachdem ich das vier- oder fünf- mal gesagt hatte, beruhigten sie sich, aber ihre ganze Sicht ihres Jobs war sehr interessant: Lass' ihn gut aussehen! Lass' ihn lebendig aussehen!

Die ganze Erfahrung hatte auf jeden Beteiligten eine große Wirkung. Insbesondere auf die Nicht-Buddhisten, die ja die Mehrheit der Anwesenden waren. Um nur ein Beispiel zu geben: Die Assistentin der Verwaltung, die den Ereignissen sehr nahe gewesen war, las eines Nachts in einem Buch über Buddhismus, das jemand ihr geliehen hatte. Sie kam am nächsten Morgen zu mir und sagte, sie würde an diesen Büchern mögen, dass sie ziemlich mit einigen Schlussfolgerungen übereinstimmen, auf die sie selbst zuvor gekommen sei. Es machte wirklich Sinn für sie. Die Leute dort bekamen wirklich starke Verbindungen zu Seiner Heiligkeit und dem Buddhismus. Es wird interessant sein zu sehen, wen er selbst noch im Tod zum Dharma gebracht hat.

Nachdem Seine Heiligkeit gestorben war, wollte ich am gleichen Tag noch abreisen. Normalerweise gehen Ärzte ganz schnell, wenn jemand gestorben ist. Sie sind fertig, das war's. Aber Trungpa Rinpoche bat mich, für eine Weile zu bleiben, um dem Personal ein Gefühl von Kontinuität zu geben und ihnen den Übergang zu erleichtern. Er sagte, es solle nicht so sein, dass der Doktor da ist, solange der Patient lebt, und kaum, dass er stirbt, ist der Doktor mit einem "Schade" weg und man ist allein. Er sagte: "Bleiben Sie zumindest bis der Samadhi vorbei ist, bis wir den Körper bewegen, bis das Personal fertig ist. Dann gehen wir alle zusammen." Das tat ich dann, und wir gingen alle zusammen.

Die Tulkus flogen eine Stunde nach mir mit dem Körper. Und es war tatsächlich ein großer Unterschied. Ich war jeden Tag da gewesen, während Seine Heiligkeit um sein Leben kämpfte, und dann jeden Tag nach seinem Tod, bis es wirklich vorbei war. Den ganzen Samadhi über war ich dabei. Ich war dabei, um beim Transport des Körpers zu helfen, es fühlte sich richtig an. Da war diese Kontinuität, die man auch mit Seiner Heiligkeit gefühlt hatte - nicht den eigenen Impulsen zu folgen, sondern Geist und Herz offen zu halten und auf anderer Leute Bedürfnisse sowie die größere Situation einzugehen.


Übersetzung aus dem Englischen: Detlev Göbel und Claudia Knoll

Aus dem Buch: „Secret of the Vajra World" von Reginald A. Ray, 2001
Mit freundlicher Genehmigung von Shambhala, Boston.
www.shambhala.com