Aus: Buddhismus Heute Nr. 36, (Herbst 2003)

Karmapa Thaje Dorje in Kalifornien

Seine Heiligkeit der 17. Gyalwa Karmapa Thaye Dorje landete am 1. Juni 2003 in San Francisco in den USA. Eingeladen war Karmapa in das Haus der Familie von Sandy Yen, einer großzügigen Unterstützerin der Karma Kagyü Schule, um im Bodhipath Karma Kagyu Buddhist Center in Menlo Park Belehrungen und Ermächtigungen zu geben.

Seine Heiligkeit Karmapa wollte während dieser Zeit auch die Ermächtigungen zu bestimmten Kagyü-Tantras von dem 73 Jahre alten LUDHING KHENCHEN RINPOCHE aus der Sakya-Schule erhalten. Karmapa empfahl Menlo Park wegen der reinen und friedlichen Umgebung als den geeigneten Platz um die Ermächtigungen zu erhalten.

Im 11. Jahrhundert wurden über 50 sehr wichtige Tantras von dem großen Marpa Lotsawa von Indien nach Tibet gebracht. Diese Tantras wurden seit dem frühen 19. Jahrhundert, als die Kagyü-Linie im Niedergang begriffen war, über drei Generationen hin in der Sakya-Linie bewahrt. Eine Sammlung von 14 Tantras wurde direkt in der Kagyü-Linie gehalten, und der Rest weiterhin in der Sakya-Linie gesichert.

Die Schwierigkeiten in der Kagyü-Linie hatten zur Zeit des 10. Karmapa Chöying Dorje begonnen. Die Kagyü-Linie wurde damals fast völlig ausgelöscht, als der Premierminister des 5. Dalai Lama, Sonam Chopel, im Jahre 1638 den mongolischen Kriegsherrn Gushri Khan nach Tibet einlud. Nach einem blutigen Krieg wurde die zu der Zeit unter dem „spirituellen König" Karmapa stehende Regierung Tibets zerstört. Über 60 Jahre später, zur Zeit des 12. Karmapa Changchub Dorje (1703 - 1732) und des 8. Shamarpa Chökyi Dhondrup, erneuerte der 8. Situ Chökyi Jungne die Lehren der Marpa-Linie.

Mitte des 18. Jahrhunderts verleumdete Kündeling, der Regent des Dalai Lama, den 10. Shamarpa Chödrub Gyatso beim Kaiser in Peking. Der Kaiser unterdrückte daraufhin gewaltsam jegliche Kagyü-Aktivität in ganz Tibet, und die Shamarpa-Inkarnationen wurden durch ein offizielles Dekret verboten. Zu dieser Zeit wurde die Karma Kagyü Linie wieder sehr schwach und verschwand beinahe.

Im frühen 19. Jahrhundert beschloss der bekannte Gelehrte Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye in ganz Tibet nach den Tantras der Marpa-Linie zu suchen und sammelte sie von Lamas von überall. Er stellte 14 von ihnen im „Kagyü Mantra Schatz" (Kagyü Ngagdzö) zusammen. Später sammelte er über 40 weitere Marpa-Tantras. Doch wieder gab es unglückliche Umstände, diesmal von innerhalb der Kagyü-Linie. Kushab Situ Pema Künsang (der 10. Situ-Thronhalter) war auf Kongtruls Ruhm und Aktivität eifersüchtig geworden. Kongtrul war tatsächlich ein Lama von niederem Rang in Situs eigenem Kloster Palpung. Situ ließ Kongtrul aus dem Kloster vertreiben und gab Anweisung, dass niemand von ihm Belehrungen empfangen solle. Da Kongtrul die Marpa-Tantras nicht mehr unter den Kagyüs verbreiten konnte, bat er einen grossen Lama der Sakya-Schule, Jamyang Loter Wangpo, die vollständige Marpa-Tantra-Übertragung zu halten. Er prophezeite, dass sie in der Zukunft wieder in die Kagyü-Tradition zurückkommen werde.

Der 16. Karmapa Rangjung Rigpe Dorje wollte diese Tantras von Chogye Trichen Rinpoche Mitte der 60er Jahre in Sikkim erhalten. Zu dieser Zeit war Sikkim ein unabhängiger Maharaja-Staat, und der Maharaja gab Chogye Trichen Rinpoche keine Erlaubnis nach Sikkim zu kommen. Erst jetzt, nach fast zwei Jahrhunderten, kehren diese Tantra-Übertragungen in die Kagyü-Linie zurück. Seine Heiligkeit der 17. Karmapa wollte die Marpa-Tantras ursprünglich von dem großen Sakya Lama Chogye Trichen Rinpoche bekommen. Dieser ist jedoch schon sehr alt und seine Gesundheit lässt nicht zu, lange Ermächtigungen zu geben. Deshalb bat Karmapa einen anderen berühmten Sakya Lama, Ludhing Khenchen Rinpoche, um die Übertragung. Seine Heiligkeit der 17. Karmapa bat, dass Künzig Shamar Rinpoche die über 40 Marpa-Tantras von dem Sakya-Lama übertragen bekomme, und Karmapa selbst sie dann gerne von Shamar Rinpoche erhalten würde. Shamarpa erwiderte, dass er die erste Sammlung von Jamgön Kongtruls Marpa-Übertragung, das „Kagyü Ngagdzö", dem 17. Karmapa übertragen würde - Shamar Rinpoche hatte diese zwei Mal vom 16. Karmapa bekommen. Um Zeit zu sparen, würden dann Shamar Rinpoche und der 17. Karmapa die über 40 weiteren Tantras zusammen empfangen.

Die Sakyapas halten die tantrischen Vorschriften und die Disziplin sehr rein und achtsam. Deswegen sagte Shamar Rinpoche zu Karmapa: "Da Du noch jung bist, solltest du jedes dieser Tantras im Retreat praktizieren und später die Übertragung an Kagyü-Lamas geben."

WEITERE STATIONEN IN KALIFORNIEN

SAN FRANCISCO

Am 13. Juni 2003 traf Gyalwa Karmapa im Buddhistischen Zentrum in San Francisco mit dem Oberhaupt der Sakya-Linie, Seiner Heiligkeit Sakya Trinzin Rinpoche, zusammen.

Achi Dorje Wangmo, eine der Königinnen von Bhutan, besuchte Gyalwa Karmapa am 16. Juni 2003 zusammen mit einem bhutanesischen Prinz und einer Prinzessin in Menlo Park bei Francisco.

Am 19. und am 20. Juli organisierte das Diamantweg-Zentrum in San Francisco ein Programm mit Gyalwa Karmapa im Golden Gate Club im Presidio. Karmapa gab hier die Ermächtigungen auf den 2. Karmapa, Karma Pakshi, und auf den Medizinbuddha an ca. 350 Menschen.

SANTA BARBARA UND SAN LOUIS OBISPO

Am 25. Juli verließ Gyalwa Karmapa San Fransisco und reiste mit acht Begleitern nach Santa Barbara. Auf dem Weg nach Süden besuchten sie ein Zentrum von Shamar Rinpoche in San Louis Obispo, wo Gyalwa Karmapa von 200 Menschen willkommen geheißen wurde. Gyalwa Karmapa gab ihnen Segen und die Textübertragung auf die „Wünsche zum Großen Siegel" des 3. Karmapa Rangjung Dorje.

In Künzig Shamar Rinpoches Zentrum in Santa Barbara gab Gyalwa Karmapa am 26. Juli an ca. 130 Praktizierende der Grundübungen eine Ermächtigung auf „Rote Weisheit" (Vajrayogini). Laut Shamar Rinpoche war dies besonders segensreich, da Gyalwa Karmapa im letzten Jahr diesen Buddha-Aspekt in Zurückziehung praktiziert hatte.

Am 27. Juli gab Gyalwa Karmapa in der Innenstadt von Santa Barbara eine Milarepa-Ermächtigung an ca. 350 Leute. Hier hatte schon der 16. Karmapa 1980 eine Schwarze-Kronen-Zeremonie abgehalten.

Gyalwa Karmapa verbrachte anschliessend noch einige weitere Tage hier in Santa Barbara und reiste am 30. Juli weiter.


Zusammengestellt und aus dem Englischen übersetzt von Detlev Göbel