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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 36, (Herbst 2003)

Interview mit Karmapa Thaje Dorje

Kalimpong/Indien, 25.03.2003

Gyalwa Karmapa, könntest Du uns zuerst etwas darüber erzählen, was Du im letzten Jahr getan hast?

Ich war 2002 neun Monate lang in Frankreich. Die ersten beiden Monate empfing ich dort von Khenchen Trinle Paljor Rinpoche, dem Lehrer von Gyatrul Rinpoche, die Übertragung der „Sechs Lehren Naropas". Zusammen mit Gyatrul Rinpoche und zwei anderen Tulkus ging ich dann in eine Meditationszurückziehung. Normalerweise würde diese Art von Zurückziehung viel länger dauern, aber da Rinpoche sehr beschäftigt war, mussten wir es kurz halten. Nach der Zurückziehung hatte ich eine Pause und besuchte das Zentrum Dhagpo Kagyü Ling. Als ich zurückkam, praktizierte ich die Grundübungen, das Ngöndro. Es war sehr gut, dass ich die Gelegenheit dazu fand, denn ich denke, dass ich in der Zukunft nicht viel Zeit haben werde.

Wir kommem gerade von einer Pilgerreise zu den heiligen Stellen Bhutans. Was hat es eigentlich mit solchen "heiligen Stellen" auf sich?

Buddhismus wurde zuerst in Indien entwickelt und verbreitete sich dann über Asien. Er fasste sehr stark Fuß in Tibet. Sowohl Nepal als auch Bhutan liegen zwischen Indien und Tibet, so dass viele hoch verwirklichte Praktizierende wie Guru Rinpoche dort gereist sind. Wo auch immer jemand mit hoher Verwirklichung hinkommt und sich aufhält, trägt er Segen hin. Aus diesem Grunde gibt es viele besondere Höhlen und andere Plätze, die man in diesen Gegenden besuchen kann. In der Zukunft wird es das überall geben, rund um die Welt.

Denkst Du, dass wir solche Stellen auch in Europa haben werden?

Ja, da bin ich mir sicher.

Wir haben in Bhutan viele Wundergeschichten zu hören bekommen. Wie soll man als Westler damit umgehen? Sie klingen oft wie Märchen.

Es gibt Wunder, und es gibt auch Märchen. Manchmal sind die Geschichten schwer zu glauben. Ich selbst, als Buddhist und als Lehrer, weiß, dass es echte Wundergeschichten gibt und dass anderes nur das Gerede der Leute ist. Wir hatten schon so viele Leben und hatten manchmal sehr besondere Ebenen erlangt, da bin ich mir sicher. Aber wegen alter Gewohnheitstendenzen im Geist aus vielen früheren Leben haben wir immer Zweifel. Es ist aber auch nicht nötig an Wunder zu glauben. Das Dharma hat viele Wege um viele Menschen zu erreichen. Es kann durch Wunder geschehen oder einfach durch Belehrungen. Im Großen und Ganzen ist es sehr wichtig, dass das Dharma sich einfach als Belehrung verbreitet.

Wie arbeiten die Kraftfelder dieser heiligen Stellen im Geiste des Praktizierenden, der dort hinkommt?

Es hängt ganz von unserem Geist ab. Zum Beispiel kommt es vor, dass Lamas, die nicht viel Verwirklichung haben, einfach Belehrungen geben. Aber durch das Vertrauen Schüler haben sie dabei Segen mit sich. Es liegt immer an uns, ob wir Vertrauen in die Existenz von Wundern oder den Segen heiliger Stellen haben.

Bedeutet das, dass es gut ist diese Stellen zu besuchen, dass es aber für die Praxis und Entwicklung nicht unbedingt nötig ist? 

Das ist genau wie bei der Belehrung, dass es für den Segen keine Rolle spielt, wie weit Lehrer und Schüler voneinander getrennt sind. Wirklich hoch realisierte Praktizierende haben Segen und der berührt uns. Es geschieht wegen unseres Vertrauens.

Gibt es etwas im westlichen Buddhismus, das den Osten inspirieren könnte?

In beiden Weisen kann es viele gute Qualitäten, aber auch Fehler geben. Das ist ganz normal. Im Westen ist das Dharma etwas ziemlich Neues. Ehrlich gesagt, liegt es in unserer Natur neue Sachen zu mögen und uns von dem, was wir schon haben, abzuwenden. Man denkt, es ist alt, man hatte es zu lange und ist davon gelangweilt. Im Westen ist Dharma neu. Aus diesem Grunde ist es sehr interessant für die Leute. Aber es ist wichtig, nicht in dieser Weise über neu und alt zu denken, sondern wirklich die Lehren zu verstehen und sich darüber im Klaren zu sein, wie sie uns helfen können. Und wie wir ihnen helfen können, indem wir sie erlernen. In Asien werden die Leute als Buddhisten geboren. Sie wissen aber oft nicht genau, was die Bedeutung des Dharma ist.

In Bhutan, wo der monastische Buddhismus sehr stark ist, waren einige Buddhisten überrascht darüber, dass Lama Ole kein Mönch ist. Kannst Du etwas über die Bedeutung der äußeren Erscheinung eines Lehrers sagen?

In Asien ist es für die Leute sehr wichtig die Lamas in Roben zu sehen. Alles geht dort sehr langsam, Tibet und Bhutan sind in dieser Hinsicht sehr ähnlich. Sie liegen hoch in den Bergen und es dauert sehr lange, bis sich Neuigkeiten verbreiten, alles entwickelt sich langsam. Aus diesem Grunde sind die Leute ein bisschen überrascht, wenn sie sehen, dass normale Leute lehren wie ihre Lamas.

Denkst Du, dass die modernen Medien ein gutes Mittel zur Verbreitung des Dharma sein können?

Das Internet hat sich bisher als sehr gut erwiesen. Es erreicht viele Leute in kurzer Zeit. Auch Telefon und Fax waren vorher gut, aber Internet ist wirklich eine High-Tech-Weise um Belehrungen und Neuigkeiten zu verbreiten. Es kann aber auch in negativer Weise verwendet werden.

Ist es das gleiche, ob eine Belehrung mündlich oder über das Internet  gegeben wird?

Ja, es ist das gleiche. Es hängt hier aber wiederum von unserem Geist ab, ob wir das Gefühl haben, es sei wichtig, dem Lehrer physisch nah zu sein.

Wie sieht das mit geheimen Belehrungen aus?

Es gibt besondere Übertragungen, die nur zwischen zwei oder drei Leuten gegeben werden. Die sollten wirklich geheim sein. Aber ansonsten ist es sehr gut über das Internet.

Möchtest Du noch ein paar Worte an unsere Leser richten?

Ich möchte euch allen danken. Als ich zuletzt in Frankreich war, bin ich nicht viel gereist. Aber ich hoffe, dass ich euch alle bald sehen und mit euch über das Dharma sprechen kann. Bis dahin möchte ich, dass ihr hart und gut praktiziert. Das Wichtigste für alle, die in Gemeinschaften leben und auch für die, die das nicht tun, ist zu allen Zeiten Verständnis zu entwickeln. Das ist alles, was ich sagen kann. Praktiziert gut!


Fragen von verschiedenen Teilnehmern der Bhutan-Reise 2003
Übersetzung aus dem Englischen: Detlev Göbel