Aus: Buddhismus Heute Nr. 36, (Herbst 2003)

Die Geschichte des Buddhismus in Tibet

Von Künzig Shamar Rinpoche

April 2003, Berlin

Die Kagyü-Linie in Tibet geht auf Marpa den Übersetzer zurück. Er reiste mehrmals nach Indien und verbrachte dort insgesamt 18 Jahre. Marpa hatte viele Lehrer in Indien, aber seine Hauptlehrer waren Naropa und Maitripa. Marpa erlangte in Indien die erste Bodhisattva-Stufe, ging zurück nach Tibet und verbreitete dann dort all die Belehrungen in Tibetisch.

Schon mit dem Dharma-König Songtsen Gampo (im 7. Jahrhundert), dem 32. in der Linie der Könige Tibets, wurde der Buddhismus in Tibet eingeführt. Songtsen Gampo hatte einen Enkel und Minister namens Thonmi Sambhota, der in Indien sehr lange Sanskrit studiert hatte. Als er zurück nach Tibet kam, entwickelte er - basierend auf dem Sanskrit - die tibetische Schrift und Grammatik und damit auch die Dharma-Sprache.
Buddhismus verbreitete sich in Tibet über die Herrschaftszeit von acht Königen bis zu der Zeit des 40. Königs Langdharma. Viele Sutras und Tantras wurden in dieser langen Zeit mit Hilfe vieler Übersetzer und Praktizierender, die oft nach Indien gereist waren, übersetzt. Sehr wichtige Meister in dieser Zeit waren zum Beispiel Guru Rinpoche und Shantarakshita.

Vorher wurde in Tibet Bön, eine Art von Schamanismus, praktiziert. Als dann der Buddhismus eingeführt wurde, war das für die Leute nicht einfach, es war ein regelrechter Kulturschock. Der Grund dafür, dass Buddhismus überhaupt verbreitet wurde, war, dass damals die Könige sahen, wie gut Buddhismus für die Menschen ist. Deswegen unterstützten sie ihn und ermöglichten so erst diesen ganzen Prozess. Dadurch war es möglich, Leute auszubilden, zum Lernen nach Indien zu schicken und all die Belehrungen zu übersetzen. Es gibt sehr viele Informationen über diese Zeit und noch heute wird mehr und mehr Material entdeckt.

Die Belehrungen, die damals aus dem Sanskrit ins Tibetische übersetzt wurden, sind als die „alten Belehrungen“ bekannt und auf ihnen beruht die Nyingma-Schule. „Nying“ heißt in Tibetisch „alt“. Die Nyingma-Schule ist also die „alte Schule“, weil sie die erste Schule in Tibet war und nur auf Sanskrit-Texten basierte. In ihr sind keine Belehrungen von tibetischen Lehrern enthalten.

Ich selbst bin kein Experte in diesen Dingen und was ich hier erkläre, beruht auf meinen eigenen Nachforschungen. Es gab damals in Tibet viele Schwierigkeiten, weil die Anhänger der ursprünglichen Bön-Religion die Verbreitung des Buddhismus nicht akzeptieren wollten. Kurze Zeit vor der Herrschaft des Königs Langdharma hatte die Bön-Schule sich dahin gehend entwickelt, dass sie manche Aspekte aus dem Buddhismus integrierte. Es gab somit eine alte und eine neue Bön-Schule. Die alte hatte nichts mit Buddhismus zu tun und die neue hatte Teile des Buddhismus integriert. Aber als die Bönpos buddhistische Belehrungen in ihre Schule einarbeiteten, wurde dies wiederum von einigen Buddhisten kritisiert, denn sie fanden, dass man Bön und Buddhismus nicht mischen könne. Um das klarzustellen, schrieben sie neue Bücher darüber und in dieser Weise wurde über dieses Thema debattiert.
In der Herrschaftszeit des 40. Königs Langdharma ging der Buddhismus in Tibet nieder. Langdharma hatte an seinem Kopf zwei Stellen, die ein wenig wie Hörner aussahen. Daher rührt sein Name, denn „Lang“ heißt Ochse. Es war aber nicht so extrem, wie es dann später oft gemalt wurde. Langdharma wird oft als eine Art Dämon, Mara, beschrieben. Ich denke, dass er keinerlei Religion hatte, sondern dass es ökonomische Gründe waren, aus denen heraus er handelte. Er zerstörte den gesamten Buddhismus in Tibet, wie in einer Kulturrevolution und tötete Lamas und Praktizierende.
Infolgedessen gab es für einige Zeit praktisch keinen Buddhismus mehr in Tibet.
Seine Herrschaft wurde von einem Yogi (Yogi Lhalung Palgye Dorje) beendet, der vor dem König eine Art „Feng-Shui“-Tanz aufführte und dabei einen Bogen und einen Pfeil in den weiten Ärmeln seines Kostüms versteckt hielt. Während er so tat, als würde er dem Laut der Erde horchen, zog er beides hervor und erschoss den König. Dieser Tanz wird heute immer noch in Rumtek und Tsurphu aufgeführt, aber meistens wissen die Leute nicht, was es mit den weiten Ärmeln und dem Lauschen des Klanges der Erde auf sich hat.
Nach dem Tod des Königs herrschte zwölf Jahre lang Chaos in Tibet. Es war in jeder Hinsicht eine sehr schlechte Zeit, es wurde viel Negatives geschrieben und getan. Danach fing eine neue Epoche des Dharma an, denn nach der Zerstörung des Buddhismus musste man ihn ganz neu etablieren. Meister wie Atisha, Rinchen Sangpo, Kunga Nyingpo und auch Marpa brachten die Belehrungen wieder nach Tibet und übersetzten sie neu. Sie brachten vor allem Texte aus der buddhistischen Universität Nalanda, denn die Lehrer all dieser Meister waren dort Äbte gewesen: Atisha, auf den die Kadampa-Linie zurückgeht, kam von Nalanda. Marpas Hauptlehrer Naropa kam aus Nalanda. Auch Virupa, auf den die Sakya-Linie zurückgeht, kam von Nalanda.
Die Gelugpas sagen oft, dass Atishas Kadampa-Linie Gelugpa sei. Aber es ist nicht wirklich korrekt, denn Kagyü und Sakya haben auch Belehrungen von Atisha, und eigentlich ist Gelugpa eine Unterschule von sowohl Kadampa als auch Kagyü und Sakya.
Kadampa, Kagyü und Sakya entstanden ungefähr zur gleichen Zeit. Diese neue Übersetzungswelle der drei Schulen hieß „Sarma“ im Gegensatz zu der alten Nyingma. „Sar“ heißt auf Tibetisch „neu“. Die Gelugpa- Schule entstand später und hatte ihre Belehrungen nicht direkt aus Indien, sondern von den anderen Schulen. Die Sutras und Tantras der Gelugpas kommen sowohl von Sakya als auch Kagyü.
Die Tantras der Kagyü-Schule kommen sowohl von der Ngokpa- als auch der Rechungpa-Linie. Von Marpas Schülern ist Milarepa wegen seines Lebensbeispiels mit all den Schwierigkeiten am bekanntesten, aber Marpa hatte ja auch andere wichtige Schüler, zum Beispiel eben Ngokpa. Dieser hatte nicht solche Schwierigkeiten wie Milarepa, sondern ein angenehmes Leben. Viele der Tantras in der Gelugpa-Schule kamen über Ngokpa in die Linie. Andere kamen aus der Linie Milarepas, über einen seiner Schüler namens Rechungpa. Dazu kamen dann Sutras und Tantras aus der Sakya-Schule.
Dann gibt es in Tibet auch die so genannten „Termas“, die Dharma-Schätze. Dies sind Texte aus der Zeit Guru Rinpoches, die von ihm versteckt und viel später von den Tertöns, den Schatzfindern, gefunden wurden. Sie wurden dann in Tibetisch übersetzt, was vorher nie geschehen war. Die Sprache der Termas war Sanskrit oder eine alte Sprache aus Oddiyana, die manchmal auch „Dakini“-Sprache genannt wurde. Ich denke, dass man sagen kann, dass es so etwas wie eine für sich stehende Terma-Schule gibt, die nicht das Gleiche wie Nyingma ist. Die Termas waren ja ganz neue Texte mit ganz neuen Übersetzungen - es ist etwas für sich Stehendes. Die Historiker sehen es zwar als Teil der Nyingma- Schule, aber es sind Texte von Guru Rinpoche und er war ja kein Tibeter, sondern kam aus Indien. Da die Einteilung der Schulen hinsichtlich der Übersetzung von Texten aus verschiedenen Quellen gemacht wurde, muss man Terma eigentlich als etwas Eigenständiges sehen. Um noch einmal zusammenzufassen: Kagyü, Sakya und Nyingma - das waren die Texte, die in verschiedenen Epochen aus dem Sanskrit übersetzt wurden. Gelugpa ist in dem Sinne keine andere Schule, sondern eine neue Organisation, die auf den anderen Texten basiert. Die Termas von Guru Rinpoche wurden später als die alten Nyingma-Texte übersetzt und sind deswegen eigentlich eigenständig.

Die Wurzeln unserer Schule liegen bei Marpa, wir sind „Marpa-Kagyüpa“. Es gibt zwei Gründe dafür, dass Marpa-Kagyü so populär wurde und sich so gut entwickelt hat:

Der erste Grund ist die besondere Betonung von Meditation.
Die Essenz der Lehre Buddhas ist Meditation, ohne sie macht die Lehre keinen Sinn. Das Ziel ist Erleuchtung und diese kann nur über Meditation erreicht werden. Gutes sinnvolles Verhalten alleine oder Wissen alleine sind nichts Besonderes, sie führen nicht zur Erleuchtung. Marpas besonderer Verdienst ist nicht eine akademische Arbeit, sondern dass er die Meditations-Methoden sehr gut organisiert und erhalten hat.
Unsere Kagyü-Linie hat zwei Aspekte: die Praxis und das Verständnis. Die zwei Schüler Marpas, die das vor allem weitergegeben haben, waren Ngokpa und Milarepa. Ngokpa gab den Wissens-Aspekt weiter und Milarepa verwirklichte die Meditationsübertragung und gab sie weiter.
Lama Ngokpa war einer der Hauptschüler Marpas und seine Belehrungen wurden später in die Gelugpa-Schule integriert. Er organisierte den Wissens-Aspekt, indem er tantrische Kommentare sammelte, zum Beispiel zu den Yidams „Oh Diamant“ (skt.: Hevajra), „Höchste Freude“ (skt.: Chakrasamvara) und Guhyasamaya. Guhyasamaya (tib. Sangwa Düpa) ist einer der Haupt- Yidams in der Gelugpa-Schule und sie haben ihre Übertragung dafür von Lama Ngokpa.
Zwischen der Sakya- und der Kagyü-Schule gibt es in den Erklärungen keinen Unterschied, denn beide stammen aus der gleichen Quelle, der Universität Nalanda in Indien.

Der zweite Grund für die Popularität der Marpa-Kagyü- Schule ist Milarepa.
Sein Beispiel wurde sehr bekannt und war sehr einmalig. Nach buddhistischer Logik liegt der Beweis. ob etwas stimmt oder nicht im Resultat, man muss es sehen können. Milarepa hat die Richtigkeit von Marpas Methoden bewiesen. Er ist der Beweis, dass die „Sechs Lehren Naropas“ und das „Große Siegel“ wahr sind, dass sie funktionieren.

Milarepas Hauptschüler war Gampopa und dessen Hauptschüler wiederum der erste Karmapa Düsum Khyenpa und so weiter bis in unsere Zeit. Wir, die Karma-Kagyü, sind die Linie des ersten Karmapa Düsum Khyenpa. In der Entwicklung unserer Linie gab es dann negative und positive Phasen, aber sie ist bis heute gut bewahrt worden und ist intakt.

Dies ist ein Überblick über den Hintergrund unserer Linie, in der wir praktizieren. Es ist wichtig, diesen zu haben, denn damit kann man vorbeugen, dass nicht in der Zukunft Belehrungen spontan geändert werden. Wenn alle dies wissen, dann kann nicht irgendwann etwas anders erklärt werden, als es eigentlich ist.

Was nun die Praxis an sich angeht, so hat man hier zwei Aspekte:
Einerseits sind da die Verantwortlichen für die Linie, die Linienhalter. Sie müssen darauf Acht geben, dass all die Karma-Kagyü-Belehrungen und -Übertragungen bewahrt und weitergegeben werden.
Andererseits gibt es die persönliche Praxis für den einzelnen Praktizierenden, die einfach und verwendbar sein sollte. Dafür gibt es all die Zentren von Lama Ole. Dort bekommt ihr den Rahmen für eure persönliche Praxis vermittelt.

Wenn man jenseits von Samsara gehen und Bodhisattva- Stufen erreichen will, muss man Shine und Lhagtong meditieren, in welcher Form auch immer. Um dann auch sicherzugehen, dass man nach dem Tod in einem reinen Land weiter praktizieren kann, lernt ihr die Praxis auf den „Buddha des Grenzenlosen Lichtes“, sein Mantra und die Phowa-Meditation.
Dies alles macht man als persönliche Praxis und das reicht auch für einen selbst, denn man muss nicht eine Ausbildung zum buddhistischen Gelehrten machen und ganz viel lernen. Man muss auch nicht ganz viel tun, um die ganzen Kagyü-Belehrungen und die ganze Kagyü- Schule zu bewahren. Es gibt Leute, die das mögen und es gerne tun, aber es muss nicht jeder einzelne tun. Für jeden Einzelnen geht es darum, so zu praktizieren, dass er sein Ziel erreichen kann.

Damit die persönliche Praxis Erfolg hat, müssen die richtigen Bedingungen zusammenkommen. Eine davon ist, dass man aufhört negativ zu handeln und stattdessen Positives tut. Man beachtet Ursache und Wirkung in Hinsicht auf Körper, Rede und Geist und tut das, was positive Resultate bringt und vermeidet das Negative. Es gibt alle möglichen Aufzählungen dazu, was positiv und was negativ ist; in verschiedenen Büchern ist das richtige Verhalten mehr oder weniger ausführlich erklärt worden. Ein Text erklärt detailliert die „drei Arten von Verhalten“, und im längeren Wunschgebet für das reine Land gibt es etwas einfachere Erklärungen dazu.
Kurz gesagt: das Negative ist alles, was mit den drei Hauptstörgefühlen - Abneigung, Anhaftung und Unwissenheit - zu tun hat. Es ist nicht irgendjemand „dort oben“, kein Buddha oder Gott oder Allah, der entscheidet, was positiv und negativ ist. Es ist einfach nur, wie die Dinge sind. Alles, was wir auf unserer Ebene jetzt erleben, ist eine Illusion, die von unserem Denken und Handeln bestimmt ist. Wenn wir so handeln, dass daraus eine negative Illusion entsteht, dann ist das genau deswegen negativ - nicht weil irgendjemand anderes es sagt. Unsere ganze illusorische Wahrnehmung der Welt ist ein Resultat unserer Geisteseindrücke und hängt somit davon ab, was wir denken, sagen und tun. Falls man Befreiung wünscht, muss man als Basis dafür erst einmal eine „weiße“ Illusion erzeugen. Solange wir eine „schwarze“ Illusion erleben, kommen wir nicht weiter, unsere Verdunkelungen sind dann zu stark. Diese „weiße“ Illusion bedeutet zum Beispiel, dass wir einen Körper haben, mit dem wir uns weiterentwickeln können. Mit einem Menschenkörper können wir über seine Sinne ganz viel Positives tun. In irgendeiner anderen Art von Geburt kommen wir nicht weiter, es wäre nutzlos und auch mit viel Leid verbunden.
Auch die reinen Länder sind eine sehr „weiße“ Illusion. Alles ist dort spontan sehr angenehm, man muss nichts tun dafür und kann dann seine Energie für weitere Entwicklung verwenden. In einem angenehmen Land mit einem guten Körper und einem positiven Geist geboren zu werden, ist das Resultat von positiven Handlungen. Das ist, was wir brauchen, um uns weiterentwickeln zu können. Wir können das nicht, wenn wir irgendwo geboren worden sind, wo das Leid so überwältigend ist, dass wir nur daran denken können oder wenn unser Körper überhaupt nicht funktioniert oder unser Geist völlig unklar ist. Ob wir diese guten Bedingungen bekommen, das bestimmen wir selbst über unsere Handlungen.

Jetzt im Moment haben wir Unwissenheit und sind noch nicht befreit. Um diese Unwissenheit zu entfernen, müssen wir meditieren. Um aber wirklich meditieren zu können, müssen wir erst einmal unseren Geist unter Kontrolle bekommen, ihn beruhigen. Das tun wir über die Meditation der Geistesruhe, Shine.
Solange man nicht meditiert, ist der Geist sehr verwirrt. Es gibt so viele Störungen im Geist - Gedanken, Ideen, Gefühle, ... es ist völlig ohne Kontrolle. Man muss deswegen meditieren lernen. Für diesen Meditationsprozess, mit dem man den Geist zur Ruhe bringt und ihn sich konzentrieren lässt, gab Buddha sehr tief gehende und effektive Belehrungen und Methoden. Um die letztendlichen Resultate der Meditation zu bekommen, muss man das von Anfang an richtig lernen und es entwickeln. Mein Vorschlag ist, dass die Zentren auch diese Art von Programm anbieten und Lama Ole das unterrichtet.

Anmerkung der Redaktion: Künzig Shamar Rinpoche und Lama Ole Nydahl sind zurzeit darüber im Gespräch


Übersetzung: Hannah Nydahl, bearbeitet von Detlev Göbel