Aus: Buddhismus Heute Nr. 36, (Herbst 2003)

"Flight of a Karmapa"

Filmrezension

Offene Fragen zu einem dubiosen Unternehmen

März 1959: Der Dalai Lama erreicht gut zwei Wochen nach seiner heimlichen Abreise Indien. Vorgeschichte und Flucht des jungen Lamakönigs von Tibet und seiner Begleiter sind dramatisch: ein unterdrückter Aufstand gegen die chinesischen Besatzer in Lhasa, der von Hunderten tapferer Freiheitskämpfern gesicherte Marsch durch unwegsames Gelände und Schneestürme, chinesische Verfolger ständig auf den Fersen. Im Exil angekommen, beklagt der Dalai Lama öffentlich die Unterdrückung der Kultur und der Religion durch die Chi-nesen, die Anteilnahme der internationalen Medien ist groß. In der Folge erfährt die Welt vieles über das bisher unbekannte und mystisch verklärte Tibet, die Unterdrückung eines kleinen Volkes durch ein großes sowie den Buddhismus jenseits des Himalaja.

Januar 2000: Ein jugendlicher Lama mit namhaftem Titel erreicht Indien. Auf seiner Flucht von Zentraltibet zum Dalai Lama legt er im tiefsten Winter 1600 km durch unwegsame Landschaften zurück. Auch dies ein Medienereignis: Urgyen Trinley, so heißt es, sei in der Hierarchie der tibetischen Lamas weit oben. Acht Jahre zuvor war er sowohl von der tibetischen Exilregierung als auch den kommunistischen chinesischen Machthabern zur "Wiedergeburt" des 16. Karmapa erklärt worden. Sofort ziehen Journalisten instinktiv Parallelen zur Flucht des Dalai Lama über vierzig Jahre zuvor, tadeln China für die Unterdrückung der Kultur und der Religion. Einige Reporter schreiben zunächst gar, der junge Mönch wäre zu Fuß unterwegs gewesen. Aber: Lässt sich dieser Fall überhaupt mit der Flucht des Dalai Lama vor über 40 Jahren gleichsetzen?

Wer auf Vereinfachung aus ist, lässt sich mitunter leicht täuschen. Vielen Berichterstattern entgeht schlicht, dass es einen anderen Karmapa gibt, Trinley Thaye Dorje, der zeitgleich in Europa Zehntausende Besucher zu seinen Veranstaltungen anzieht. Sie durchschauen nicht die politischen Intrigen, die sich seit 1992 um Urgyen Trinley rankten; nehmen nicht einmal zur Kenntnis, dass der Karmapa Lama Oberhaupt einer gänzlich anderen buddhistischen Tradition ist als der des Dalai Lama, dass für seine Reinkarnation weder die tibetische Exilregierung noch kommunistische Machthaber in Peking zuständig sind - zumal letztere ohnehin nicht an Wiedergeburt glauben.

Ein internationales Journalistenteam, bestehend aus Suzanna Cheung (Hongkong), Prakash Khanal (Nepal) und Yoichi Shimatsu (Japan/USA) wollte sich nicht am Mythos nähren. Nachdem sie bei ihren Recherchen auf viele Ungereimtheiten im Zusammenhang mit dem Reißaus Urgyen Trinleys gestoßen waren, entstand der Film "The flight of a Karmapa", der aus drei Teilen besteht. Er ist seit einiger Zeit auf DVD erhältlich und wurde auch beim Zentrentreffen Ende Oktober letzten Jahres in Hamburg gezeigt.

Der erste Teil ist mit gut einer halben Stunde der längste. Die Autoren rekonstruieren die Route, welche die Gruppe um Urgyen Trinley auf ihrer Reise nach Indien nahm: Die Fahrt mit zwei Autos durch Tibet (wofür die Gruppe über drei Tage benötigt), das Zurücklassen der Wagen an der nepalesischen Grenze im Gebiet Mustang, die improvisierte Wanderung durchs Gelände, der Flug mit dem Hubschrauber nach Pokhara, von wo aus er via Lumbini nach Indien geschmuggelt wird. Am 5. Januar taucht er in Dharamsala, dem Sitz der tibetischen Exilregierung, auf.

Die Befragung von Zeitzeugen in Nepal bringt Erstaunliches zutage: Eines der beiden Fahrzeuge scheint im Besitz eines Händlers aus Lhasa zu sein, der als chinesischer Spitzel bekannt ist. Das andere - einst ein Geschenk der chinesischen Regierung in Tibet - bleibt nach einer Kollision beschädigt an der Grenze zurück, wo es kurz darauf von chinesischen Grenzsoldaten verschrottet wird - Spurenbeseitigung? Ein Urgyen Trinley treu ergebener Lama aus Katmandu hat erst kurz vor dem Grenzübertritt einen Anruf bekommen, in dem er gebeten wird, spontan die Reise der 5er-Gruppe durch Nepal zu organisieren. Eine bitterarme Witwe, die den Wanderern Frühstück gibt, beklagt sich über das fehlende Mitgefühl des vermeintlichen Karmapas, der ohne sie zu segnen oder danke zu sagen weiterzieht. Informanten zufolge waren sowohl indische als auch chinesische Grenzposten über die geheime Reise im Bilde, was die Umwege in der Route erklärt. Die ältere Schwester Urgyen Trinleys, die - so wurde einst offiziell verlautbart zusammen mit der Gruppe aus Tibet geflohen sein soll, wurde bereits drei Wochen vor der Ankunft des jugendlichen Karmapa-Kandidaten in Pokhara gesehen. Anscheinend hat sie sich sogar kurz vor der Ausreiseaktion mit Situ Rinpoche, dem Mentor ihres Bruders, in Siliguri getroffen.

Viele Indizien deuten stark darauf hin, dass die Reise eigentlich ein anderes Ziel hatte: Rumtek, der Exilsitz des 16. Karmapa in Sikkim. Hier, wo wichtige Reliquien der Karmapas lagern, wollte sich Urgyen Trinley der berühmten Schwarzen Krone bemächtigen. Vielleicht sogar um mit ihr ins chinesisch besetzte Tibet zurückzukehren? Dies konnte Indien in Anbetracht der politischen Lage im strategisch wichtigen Sikkim nicht zulassen, galten doch die Anhänger Urgyen Trinleys lange als Büttel Chinas. Erst im Verlauf der Reise, so die Autoren, habe sich die Route geändert: "Als der geheime Plan scheiterte, ging er zum Dalai Lama, weil er sonst niemanden hatte, an den er sich hätte wenden können." Ein pikantes Detail in diesem Zusammenhang: Als Urgyen Trinley in Pokhara ankommt, übernachtet er in einem Gasthaus, das einem Angehörigen der tibetischen Exilregierung gehört.

Bei der Erklärung, warum indische Stellen vorher gewarnt waren, unterläuft dem Filmteam aber ein offensichtlicher Fehler: Als Ursache für den Alarm indischer Truppen an den Grenzen zu Sikkim schildert es einen heftigen Streit von Mönchen in Rumtek darüber, wer für die Krönung des Karmapa verantwortlich sei. Uns scheint, dass man sich hier auf die gewaltsame Vertreibung der Mönchsgemeinschaft aus Rumtek durch Anhänger Situ Rinpoches bezog, ein Ereignis, das bereits am 2. August 1993 stattfand. Dabei hatte die Co-Autorin Suzanna Cheung in einer Hongkonger Zeitung eine andere plausible Erklärung für die Wachsamkeit indischer Stellen geliefert: Im November 1999 war ein Angehöriger der chinesischen Botschaft in Indien heimlich nach Sikkim gereist - er wurde vom indischen Geheimdienst beschattet. Außerdem war im gleichen Monat in Taiwan das Gerücht durchgesickert, dass Urgyen Trinley China bald verlassen werde. Es stammte vom Politiker Chen Li-an, einem seiner Anhänger.

Der zweite Teil heißt "Politics of Reincarnation"und bietet Hintergrundinformationen, die manch ein Zuschauer, der mit den Eigenheiten der tibetischen Politik weniger vertraut ist, schon im ersten Teil gut hätte gebrauchen können. Der Dalai Lama kommt zu Wort, schildert den Traum, der ihn zur Anerkennung Urgyen Trinleys bewegt haben soll: Das Bild einer Landschaft in Tibet, in der der Karmapa wiedergeboren sein soll mehr nicht. Dem werden zwei Stellungnahmen entgegen gehalten: Der Vorsitzende einer buddhistischen Vereinigung in Sikkim betont die völlige Unabhängigkeit der vier Schulen des Tibetischen Buddhismus, die ihre Linienhalter traditionell selber bestimmen - ohne Einmischung des Dalai Lama. Shamar Rinpoche erinnert an Versuche seitens der tibetischen Exilregierung in den 1960er Jahren, die vier Schulen des Tibetischen Buddhismus im Exil unter dem Dach der Gelugpas zu vereinigen. Der 16. Karmapa gehörte damals zu den geistigen Führern, die sich dem widersetzten.

Warum hatte 1992 die von der Gelugpa-Linie dominierte tibetische Exilregierung ein solches Interesse an einem von ihr bestimmten Karmapa? Die Autoren sehen hinter der Einmischung politisches Kalkül, vermuten gar einen Plan seitens der Gelugpa-Schule, die hohen Lamas der Kagyü-Linie zu spalten, einen ihnen genehmen Karmapa einzusetzen und die Kagyüs praktisch zu übernehmen. Eine heikle These, die - ehrlich gesagt - auch uns beschäftigt, für die der Film aber zu wenig harte Fakten anbietet. Unser Karmapa Thaye Dorje, zu der Auseinandersetzung befragt, formuliert zurückhaltender, aber sicher treffend: "Mir scheint, dass es da Leute gibt, die aus einer Art Machthunger heraus gehandelt haben."

Als Urgyen Trinley im Januar 2000 in Indien ankommt, fallen Beobachtern die große Statur und das erwachsene Aussehen des offiziell 14-Jährigen auf. Am 14. April erscheint in einer hindisprachigen Zeitung im nordindischen Chandrigarh ein kleiner Artikel über eine medizinische Untersuchung, die Ärzte an dem prominenten Flüchtling vornahmen. Fast beiläufig wird ein heikles Ergebnis der Tests erwähnt: Dass der Untersuchte mindestens 21 Jahre alt sein müsse. Dies aber würde dessen Ansprüche auf den Karmapa-Titel ad absurdum führen: Karmapa Rangjung Rigpe Dorje starb 1981. Wie soll Urgyen Trinley die Reinkarnation von jemandem sein, der bei seiner Geburt noch lebte?

Im dritten Teil, "Lost Child", wird der medizinische Fachjournalist interviewt, der seinerzeit die Story ans Tageslicht brachte. Er bestätigt die Information, die er direkt vom leitenden Direktor des ‘Postgraduate Institute of Medical Education and Research' bekam: Der Befund deute klar auf einen jungen Mann im Alter zwischen 21 und 27 Jahren. Später habe das Institut jedoch keine Auskünfte mehr erteilt. Möglicherweise spielte dabei eine Rolle, dass sich das indische Innenministerium der Angelegenheit angenommen hatte: "At that time, the Karmapa was a hot issue", so der Reporter.

Doch wie kommt der Altersunterschied zustande? Augenzeugen, die in Tsurphu, Karmapas Stammsitz in Tibet, gewesen waren, hatten merkwürdige Verhaltensweisen bei dem jungen Karmapa-Anwärter beobachtet. Insider sprachen davon, dass er des öfteren Blackouts gehabt habe und unter einer Lernschwäche litt. 1997 sei dann der Junge für mehrere Monate in Zurückziehung geschickt worden. Zurück kam ein um einen etwa halben Meter größerer junger Erwachsener. Zeitgleich war ein großer Teil des Personals in Tsurphu ausgewechselt worden, die zwei Tutoren Urgyen Trinleys verstarben - Zufall? - im selben Jahr. Die daraus abgeleitete These: Da der junge Karmapa-Kandidat nicht für öffentliche Zwecke geeignet war, wurde er von chinesischen Stellen einfach ausgewechselt. Jedoch fand man keinen gleichaltrigen Ersatz, der ähnlich genug aussah. Wir wissen vom Fall des Panchen Lama, dass China früher wiederholt nicht zimperlich war, wenn es darum ging, hohe Lama- Reinkarnationen für politische Zwecke zu manipulieren.

Zugegeben: Die in "The flight of a Karmapa" präsentierten Erkenntnisse sind für aufrichtige Tibet-Sympathisanten nicht leicht zu verdauen. Dazu kommt, dass der Film bei der Präsentation der in fleißiger Recherche gewonnenen Fakten Ungenauigkeiten aufweist. Dennoch: Wer noch immer an der Fiktion eines Karmapa Urgyen Trinley festhält, täte gut daran, sich den unbequemen Fragen zu stellen, die dieser Film aufwirft. Dies gebietet nicht nur der Respekt vor dem geistigen Erbe der Kagyü-Überlieferung, sondern auch dem Anliegen der Tibeter: Sollte sich eines Tages tatsächlich herausstellen, dass die tibetische Exilregierung mit Urgyen Trinley ein chinesisches Kuckucksei ausgebrütet hat, droht die Tibet-Bewegung ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Es geht hier nicht darum, Karmapa Thaye Dorje dadurch hochzuhalten, indem man den Dalai Lama diskreditiert: Der Friedensnobelpreisträger von 1989 hat sich große Verdienste erworben um das Ansehen des Buddhismus weltweit, den Dialog zwischen den Religionen, er gilt als integerer Repräsentant des Anliegens der Tibeter. Nur: Muss man deshalb vom Dalai Lama auch noch päpstliche Unfehlbarkeit fordern? Uns scheint, man täte ihm damit Unrecht.


Michael den Hoet, Hamburg