Die vier Lehren GampopasVon Lopön Tsechu Rinpoche
Unsere Übertragungslinie geht auf großartige Meister mit unbeschreiblichen Qualitäten zurück. Die wichtigsten darunter sind Marpa, Milarepa und Gampopa. Von Gampopa gibt es einen Text namens „Die vier Lehren Gampopas“, in dem er die Schritte auf dem Weg zur Buddhaschaft beschreibt. Die erste dieser vier Lehren beschreibt, wie man seinen Geist dem Dharma zuwendet, wie man also mit der Dharma-Praxis beginnt. Bei der zweiten geht es darum, wie man dann den Weg des Dharma praktiziert. Die dritte Lehre erklärt, wie man mit Schwierigkeiten auf dem Weg umgeht. Die vierte Lehre beschreibt die Art und Weise, wie man Unwissenheit und geistige Störungen als Weisheit erkennt.
Die erste der Vier Lehren Gampopas Wie kommt man dazu, sich dem Dharma zuzuwenden und was ist der Sinn des Dharma? Das erste, was einem die Bedeutung des Dharma bewusst macht, ist die Vergänglichkeit von allem, was uns widerfährt. Aus diesem Grunde lehrte Buddha Shakyamuni als erstes über die Vergänglichkeit. Als er damals im ersten Lehrzyklus über die „Vier Edlen Wahrheiten“ sprach, lehrt er zuerst, dass alles Zusammengesetzte wieder auseinander fällt. Dies ist das erste der so genannten „Vier Siegel“, der vier buddhistischen Grundlehren. Als Buddha über Vergänglichkeit sprach, bezog er das sowohl auf die gesamte äußere Welt als auch auf einen selbst als Person. Ein Haus scheint uns zum Beispiel ziemlich solide zu sein, wir halten es normalerweise für beständig. Das ist aber eine Täuschung, denn so wie es einmal zusammengesetzt wurde, so fällt es irgendwann wieder auseinander. Dies gilt für alle Phänomene im ganzen Universum, von den kleinsten Teilchen bis zu den großen Dingen. Wenn das ganze Universum, alles um uns herum, vergänglich ist, dann natürlich auch die eigene Person, der eigene Körper. Deswegen wies Buddha Shakyamuni darauf hin, dass nur geistige Werte für uns von echtem Wert sind. Gleichermaßen sagt Gampopa, dass wir uns der Vergänglichkeit bewusst werden sollten, um so fähig zu werden unseren Geist auf das Dharma auszurichten. Man sollte sich sehr tief gehend damit auseinandersetzen, so sehr, dass ein ganz selbstverständliches und natürliches Verständnis von Vergänglichkeit in einem entsteht. Vergänglichkeit Gehen wir auf die einzelnen Punkte ein bisschen näher ein: Vergänglichkeit im Ablauf der Jahre, Tage usw. Vergänglichkeit im Ablauf der vier Jahreszeiten Vergänglichkeit anhand von vier Beschreibungen Anhand dieser vier Beschreibungen kann man einen guten Zugang zu der Bedeutung von Vergänglichkeit bekommen. Besonders über den vierten Punkt sollte man sehr gut nachdenken. Der Tod Alle sind gestorben, ganz gleich wie hoch verwirklicht sie waren. Denken wir an Milarepa: ein phantastischer Verwirklicher, der völlig unabhängig von äußeren Bedingungen alles Mögliche tun konnte. Er konnte fliegen, er konnte durch Wände gehen, er hatte ganz hohe Verwirklichung aber auch er ist gestorben. Denken wir an Marpa oder Gampopa oder Karmapa, den wir als Buddha selbst ansehen, der völlig unbeschreibliche Fähigkeiten hat. Sie alle wurden geboren, lebten als Menschen und sind deshalb natürlicherweise gestorben, weil der Tod unausweichlich auf die Geburt folgt, er ist die logische Folge der Geburt. Wenn wir also sehen, dass selbst die großen Bodhisattvas und die hochverwirklichten Meister nicht dem Tod entgehen, was soll dann erst mit uns sein, die keine tiefe Verwirklichung besitzen? Wie sollen wir es dann schaffen, dem Tod zu entkommen? Wenn man in dieser Weise dann verstanden hat, dass der Tod ganz sicher am Ende unseres Lebens steht, dann sollte man darauf achten, wie man damit umgeht. Oft denken wir ja, dass wir zwar sicher sterben, dass es aber irgendwann erst sein wird. Wir denken, dass wir noch sehr viel Zeit hätten bis dahin, dass man noch lange leben wird. Der Tod käme erst viel später, nicht schon morgen. Aber das ist ein falsches Verständnis, denn man hat keinerlei Kontrolle darüber, wann der Tod kommt. Er kann jeden Moment kommen, jederzeit und ganz schnell. Darüber sollte man sich im Klaren sein. Es gibt viel mehr Bedingungen, die den Tod herbeiführen, als Bedingungen, die dem Leben förderlich sind. Ein Vers sagt: „Man weiß nie, was schneller kommt, der nächste Tag oder der Tod“. Das ist tatsächlich so. Heute hören wir Belehrungen und denken, dass wir morgen wieder welche hören. Aber wer weiß, ob wir morgen um die gleiche Zeit überhaupt noch leben? Das ist etwas, das immer und an jedem Tag ganz ungewiss ist. Deswegen sollte man sich diese ständige potenzielle Gegenwart des Todes sehr klar machen. Dieses Verständnis motiviert einen den Dharma zu praktizieren. Gerade heutzutage kann man deutlich sehen, wie viele Bedingungen es gibt, die schnell zum Tod führen können. Autos zum Beispiel sind ein angenehmes Mittel und sich schnell zu bewegen, aber tragen zugleich immer eine potenzielle Gefahr in sich. Wo man auch schaut, findet man ähnliche Beispiele. In der Medizin kommt es vor, dass Leute eine bestimmte Kombination von Medikamenten nicht vertragen und vielleicht daran sterben. In der Ernährung kommt es vor, dass bei manchen Leuten bestimmte Nahrungsmittel sich nicht mit ihrer Konstitution vertragen und sie vergiften und sie daran sterben. Man sollte sich klar darüber sein, dass es so viele Möglichkeiten zu sterben gibt und dass es immer möglich ist. Deswegen sollte man Dharma praktizieren. Im Tod ist man einzig und allein auf sich gestellt. Wenn man einflussreiche Leute kennt und sie beim Sterben um ihre Hilfe bittet, dann können sie nichts für einen tun, selbst wenn sie wollen. Auch großer Besitz nutzt einem nichts. Selbst wenn der reichste Mann der Welt stirbt, kann ihm all sein Geld nicht helfen. Man hat vielleicht viele Freunde und nahe stehende Menschen, aber selbst wenn sie alles in ihrer Macht stehende tun, können sie unseren Tod nicht abwenden. Er ist wie ein riesiger Felsblock, der herabstürzt wie ein großer Wasserstrom, der dahinströmt. Es ist unaufhaltsam. Im Sterbeprozess verliert der Körper seine Kraft. Man ist zum Beispiel nicht mehr in der Lage Nahrung zu sich zu nehmen. Man hat nicht mehr die Kraft, einen Geschmack wahrzunehmen, selbst wenn man einen Bissen runtergekriegt hat. Der Körper kann das Gegessene nicht mehr verdauen, man kann nicht mehr richtig sehen usw., es fehlt die Kraft für die grundlegenden Körperfunktionen. Dies ist ein ganz natürlicher Prozess, denn der Körper ist aus den vier Elementen zusammengesetzt und löst sich natürlicherweise wieder auf. Dabei verliert man Kontrolle über die Funktionen: Man hat nicht mehr die Kraft zum Einatmen, wenn man ausgeatmet hat, und wenn man eingeatmet hat, kann man nicht mehr richtig ausatmen. Wenn man nicht gelernt hat mit dem Geist zu arbeiten, wenn man nicht Dharma praktiziert hat, dann erlebt man einen sehr schwierigen psychischen Zustand. Normalerweise erlebt man sehr große Angst, wenn man merkt, wie sich das Bewusstsein vom Körper löst. Man hat nichts mehr, woran man festhalten könnte, man weiß nicht, was mit einem geschieht, man hat keinen Halt mehr. Es ist sehr schwierig, wenn man nicht gelernt hat, wie man mit seinem Geist umgeht. In einem Vers heißt es: „Wenn man eine Handlung nicht vollbracht hat, kommt auch ihre Wirkung nicht zur Reife. Aber jede Handlung, die man einmal ausgeführt hat, wird eine Wirkung nach sich ziehen.“ Gerade im Sterbeprozess ist das von großer Bedeutung. In unserem Leben sind es wir selbst, die uns am allernächsten stehen, die uns am allerliebsten und am wichtigsten sind, worauf wir am meisten Acht geben. Unsere eigene Person, unser Ich, unsere Identifikation mit unserem Körper ist der Mittelpunkt von all unserem Handeln. Alles was geschieht, beziehen wir auf unsere eigene Person und erleben alles aus dieser Perspektive. Dann handeln wir auch aus dieser Perspektive heraus wir tun Positives, Glückbringendes und Negatives, was zu Leid führt. Die Eindrücke aus diesen Handlungen begleiten uns automatisch im Tod. All die positiven und negativen Gewohnheitstendenzen aus unseren Handlungen, aus unserer Lebensweise, sind in unserem Geist vorhanden und begleiten uns. Wir brauchen sie nicht mitzuschleppen oder an einem Seil hinter uns herzuziehen. Wir können ihnen auch nicht sagen: „Ich will euch nicht mehr, bleibt weg.“ Sie sind garantiert immer da, wie der Schatten, der unseren Körper im Leben immer begleitet, ohne dass wir ihn extra bestellen müssen. Es gab einmal einen Geshe aus der Kadampa-Linie, der viel über Vergänglichkeit und den Tod nachgedacht hatte. Er praktizierte in Zurückziehung in einer kleinen hoch gelegenen Höhle. Vor dem Ausgang seiner Höhle war ein Dornenstrauch, und immer wenn der Geshe hinausging um auf die Toilette zu gehen oder Wasser zu holen, musste er sich an diesem Dornenstrauch vorbeizwängen. Es war ziemlich unangenehm für ihn, er hat sich immer wieder weh getan und der Strauch hat ihm die Kleider zerrissen. Als er die die ersten Male raus- und reinging, hat er sich gedacht: „Ich muss unbedingt diesen Strauch rausreißen, ich muss etwas tun.“ Dann aber hatte er beschlossen, den Strauch einfach stehen zu lassen, sich eben daran vorbeizuzwängen und seine Zeit lieber für die Praxis zu verwenden. Das Wichtigste im Zusammenhang mit dem Nachdenken über Tod und Vergänglichkeit ist, dass man versteht, dass im Moment des Todes nur eine einzige Sache von wirklichem Wert ist: nämlich inwieweit man fähig war durch die Dharmapraxis seinen Geist zu meistern. Man denkt darüber nach, um sich ständig daran zu erinnern, den Dharma zu verwenden, zu praktizieren, sich nicht ablenken zu lassen von Dingen mit nur oberflächlichem Wert. Das Beste ist natürlich, wenn man so intensiv praktiziert, dass man wie Milarepa in diesem Leben jetzt Buddhaschaft erlangt. Das schaffen natürlich nur wenige, aber was auch ganz hervorragend ist: Karma Wenn aber das Gegenteil der Fall ist, wenn jetzt also bei jemandem die negativen Tendenzen überwiegen, wird sich auch die Wirkung so zeigen, dass die Wirkung der negativen Handlungen am stärksten überwiegt und Leid erlebt wird. Das können dann zum Beispiel die Paranoia-Bereiche sein. Wenn diese negativen Eindrücke im Geist so stark sind, dann wird man nicht einmal mehr den Freiraum haben, an positives Verhalten zu denken. Man ist so eingeengt in seiner Negativität, dass es sehr schwer ist, positive Ansätze zu finden. In dieser Weise bestimmt unser Handeln unsere Zukunft. Das ist auch der Unterschied zwischen dem Erleben eines Buddha und dem Erleben gewöhnlicher Wesen. Was den Geist als solchen betrifft, also seine absolute Natur, so ist da nicht der geringste Unterschied. Bei einem nicht-erleuchteten Wesen sind jedoch alle Handlungen von der Ich- Zentriertheit geprägt. Alles was er oder sie tut, ist auf sich zentriert und damit handelt man dann oft negativ. Es entsteht eine Kette von Bedingungen, die immer nur Leid und schwierige Situationen und Lebenszeiten nach sich zieht. Ein Buddha hat dahingegen einmal das positive Handeln in den Vordergrund gestellt, hat die Einstellung entwickelt zum Wohle aller Wesen Erleuchtung erlangen zu wollen und hat auf dieser Basis die Buddhaschaft erreicht. Durch sein Ansammeln von positiven Handlungen ist immer mehr Freiraum entstanden und er hat sich zur Buddhaschaft hin entwickelt. Das ist der einzige Unterschied zwischen den allgemeinen Wesen und einem Buddha. Samsara — Die bedingte Existenz Im Vergleich zu den Leiden in diesen drei niederen Zuständen ist das Erleben in den drei höheren Zuständen natürlich angenehm aber eben nur im Vergleich dazu. Wenn man jeden für sich betrachtet, findet man etwas ganz anderes vor. Nehmen wir unser menschliches Erleben als Beispiel: Wir wurden einmal geboren, dann altern wird, sind krank und sterben das ist alles leidvoll. Allein schon in der Phase des Embryo im Mutterleib wird sehr viel Leid erlebt. Es gibt Beschreibungen, die sagen: Wenn die Mutter zu wenig isst, hat der Embryo das psychische Erleben zwischen Klüfte herabzufallen. Wenn sie zu viel isst, fühlt er sich, als würde er zwischen Felsbrocken zerquetscht. Auch die Geburt ist für das Kind sehr unangenehm. Erst ist es im Fruchtwasser in einer leichten und für die Haut angenehmen Umgebung, und dann fühlt es sich bei der Geburt, als würde es durch einen engen Eisenschlauch gezogen. Nach der Geburt ist dann natürlich jede Berührung extrem unangenehm, egal wie weich das Tuch ist, auf dem das Kind liegt oder wie weich die Hände sind, die es berühren es ist, als würde man von Dornen gestochen, der völlige Gegensatz zu dem Erleben im Mutterleib. Es ist klar, dass das Kind dann schreit um sein Leid auszudrücken. In der Jugend und dem mittleren Alter genießt jeder mehr oder weniger sein Leben. Aber dann kommt die Zeit, in der man älter wird und das Leid wieder zunimmt. Man wird gebrechlich, hat Probleme sich hinzusetzen und aufzustehen. Vielleicht war man vorher aktiv, aber ist jetzt zu gebrechlich dafür. Jüngere Leute nehmen einen nicht mehr ernst. Wenn man ihnen etwas vermitteln will, ist die Kommunikation blockiert. Sie lehnen einen völlig ab und man kriegt nur schlechte Reaktionen, was einen alten Menschen sehr verletzt. Während eines menschlichen Lebens ist man auch oft mit sehr unangenehmen Dingen beschäftigt. Wenn man arm ist, sucht man verzweifelt nach Geld, und überhaupt versucht man ständig mehr und mehr anzusammeln, was auch eine Form von Leid ist. Diejenigen, die es geschafft haben viel anzusammeln, müssen hart daran arbeiten ihren Besitz zu bewahren, zu pflegen, ihn nicht wieder zu verlieren. Das Leben der Asuras, der Halbgötter, ist von Neid und Eifersucht bestimmt. Sie haben zwar viel positives Karma angesammelt, aber nicht genug um die eigentlichen Götterbereiche zu erleben. Sie sehen das und beneiden deswegen die Götter um ihren paradiesischen Zustand. Ihr Leben ist die ganze Zeit von Neid und Eifersucht erfüllt, das ist ihr Leiden. In dieser Weise sieht man, dass es in Samsara nichts Erstrebenswertes gibt. Ganz gleich, wo man in Samsara geboren wird: Es gibt keine wirkliche Freude, kein wirkliches Glück, höchstens vorübergehend angenehme Zustände. Es ist, als würde man auf einer Nadelspitze sitzen, man fühlt sich dort nicht wohl. Der kostbare Menschenkörper Deswegen sollte man sehr Acht geben, wie man lebt. Man sollte bei negativen Handlungen zum Beispiel nicht nachlässig sein und denken: „Das ist ja nur geringfügig negativ, es spielt keine Rolle, ob ich es tue oder lasse.“ Stattdessen sollte man darauf achten, jede Art von negativer Handlung zu unterlassen, selbst die, die sehr geringfügig erscheinen, denn ihre Wirkung kann sehr leidvoll sein. Auf der anderen Seite sollte man sich um alles Positive bemühen, auch wenn es nur geringfügig zu sein scheint. Dazu hat man ja viel Gelegenheit, sei es im Sinne von Freigiebigkeit, im Sinne von konsequenter Dharmapraxis, in Form von Meditation, der Verwendung von Mantras, von Verbeugungen, von allen möglichen Arten der Praxis. Es geht darum, dass man diese Chance erkennt und sich dazu entscheidet, dass man sie voll verwendet. Buddha hat Buddhaschaft erlangt, weil er sich dazu entschlossen hat, einen Weg zu gehen. Er hat den Zustand von Allwissenheit erlangt, einen Zustand, der ihn befähigte, den Überblick zu haben. Das ermöglichte ihm zu unterrichten und zu beschreiben, welche Zustände es in Samsara gibt. Unsereins hat ja nicht den Überblick zu sagen, was überall von den Wesen erlebt wird. Ich selbst zum Beispiel weiß nicht aus eigener Erfahrung, was in den Paranoia-Bereichen erlebt wird. Sicher war ich früher auch in diesen Zuständen, aber ich habe keine Erinnerung daran. Genauso wenig wissen wir aus eigener Erfahrung, was der Zustand der Buddhaschaft tatsächlich bedeutet. Ich kann darüber nicht aus eigener Erfahrung lehren, weil ich diesen Zustand nicht erfahren habe. Der Buddha aber war von seinem Zustand der Verwirklichung der Allwissenheit aus fähig, das zu zeigen und zu erklären. Es gibt eine Erzählung über einen Schüler des Buddha namens Arya Katayana. Er war fähig die verschiedenen Daseinsbereiche direkt zu erleben. Nicht nur unseren eigenen Menschbereich und die Tiere, sondern alle. Wenn man jetzt die Chance eines menschlichen Lebens mit all den vielen Möglichkeiten hat, dann sollte man sie in jeder Situation nutzen und sie nicht vergeuden. Solange man Tod und Vergänglichkeit nicht wirklich begriffen hat, wird man auch nicht fähig sein sich wirklich dem Dharma zuzuwenden. Man wird Dharma nicht ernsthaft praktizieren können, denn man wird die Bedeutung des Dharma nicht richtig erkannt haben. Deswegen sagt Gampopa in seinem Text, dass das Begreifen von Tod und Vergänglichkeit die unerlässliche Grundlage für ernsthafte Praxis ist. Man sollte immer wieder darüber nachdenken, bis es zu einer inneren Gewissheit und Selbstverständlichkeit geworden ist.
Zuerst geht es also darum, Liebe gegenüber allen Wesen in uns entstehen zu lassen. Dafür stellen wir uns vor, dass alle Wesen vor uns im Raum sind. In unserer Meditation lassen wir dann all diesen Wesen gegenüber die tiefe Zuneigung und Liebe entstehen, die wir gegenüber unserer Mutter empfinden. Dabei unterscheiden wir nicht in Feinde und Leute, die wir besonders gern mögen, und andere, die uns egal sind. Ohne all diese Wertungen, die wir sonst treffen, denken wir an alle Wesen so als wären sie unsere eigene Mutter. Als nächstes kommt dann die Entwicklung von Mitgefühl allen Wesen gegenüber. Dafür denken wir zuerst über die Situation nach, in der sich die Wesen im Allgemeinen befinden sie alle erleben den einen oder anderen Bereich in Samsara. Mit all diesen Wesen haben wir eine sehr persönliche Verbindung, denn wir alle haben unzählige Wiedergeburten gehabt, so dass in irgendeinem Leben jedes Wesen einmal unsere Mutter oder Vater war. All die Wesen haben den Wunsch von Leid frei zu sein, aber meistens handeln sie nicht dementsprechend. Der Erleuchtungsgeist, Bodhicitta, ist alles, worum es in der Praxis geht. Das sieht man auch bei den Erleuchteten. Es gibt die verschiedenen Ebenen der buddhistischen Wege und die entsprechenden Praktizierenden: Einerseits hat Buddha die beiden Wege der Shravakas und Pratyekabuddhas, der Hörer und der Selbstverwirklicher, gelehrt. Buddha selbst wiederum hat deswegen die Erleuchtung erlangt, weil er den Erleuchtungsgeist in sich entstehen ließ. Alle Lehren Buddhas sind nur aus dem Grunde vorhanden und können praktiziert werden, weil Buddha Bodhicitta entwickelt hat. Wer diesen Erleuchtungsgeist entwickelt, ihn praktiziert und mehr und mehr verwirklicht, wird zu einem Bodhisattva. Ohne Bodhicitta gibt es keine Erleuchtung und keine Ebene der Lehre Buddhas. Man spricht von drei Arten des Erleuchtungsgeistes: Bei der ersten Stufe geht es darum, dass man von sich auf andere schließt. Genauso wie man selbst glücklich sein und nicht leiden möchte, wollen das auch andere. Wir haben gerne gutes Essen, angenehme Kleidung, wollen liebevolle Worte hören, haben gerne liebevolle Unterhaltung usw. und genauso geht es allen anderen, egal in welchem Daseinsbereich sie sind, ob Menschen, Tiere oder woanders. Hier geht es um das Verständnis, dass wir alle diese grundlegenden Wünsche teilen. Das verbinden wir dann mit unserem Atem. Wir atmen ja sowieso die ganze Zeit völlig natürlich ein und aus und können dann diese Atemzüge für die Meditation verwenden. Das machen wir in der Form, dass wir uns denken: Die ganzen Leiden der Wesen ballen sich in Form von dunklem Licht zusammen und strömen mit unserem Einatmen in uns hinein. Beim Ausatmen lassen wir dann alles Positive aus uns herausströmen und schenken es allen Wesen, so dass alle daran teilhaben. Alles was wir an Positivem haben Freude, Glück, Verdienst, Einsichten, die wir erlangt haben, Verwirklichungen, Gesundheit, usw. schenken wir den Wesen mit unserem Ausatmen. Diese Art der Meditation, in der man die Leiden anderer mit dem eigenen Glück austauscht, ist die Haupt-Meditation an sich das Wichtigste. Auch im Zusammenhang mit anderen Meditationen ist es sehr wichtig sich immer wieder den Erleuchtungsgeist zu vergegenwärtigen. Ob man auf die verschiedenen Buddha-Aspekte meditiert oder die Grundübungen macht, ganz gleich, was man meditiert: Das Essentielle ist sich immer zu Beginn den Erleuchtungsgeist zu vergegenwärtigen. Es ist die leichteste Meditation, die es gibt und zugleich die mit dem größten Nutzen. Der so genannte relative Erleuchtungsgeist ist dieses Entwickeln von Liebe und Mitgefühl. Das ist die notwendige Grundlage, um darauf aufbauend auch den Absoluten Erleuchtungsgeist zu entwickeln. Dieser ist das Verständnis, dass alle Phänomene Äußeres, Gedanken, Gefühle, einfach alles in gegenseitiger Abhängigkeit voneinander entstehen. Es gibt nichts, das unabhängig von anderem existieren würde, nichts hat eine wahrhafte Eigennatur, die unabhängig für sich bestehen würde. Eine Frucht gibt es nur, weil einmal ein Same da war, ohne ihn gäbe es keine Frucht. So ist alles bedingt, steht im Zusammenhang von Ursachen und Bedingungen und hat an sich keine Eigennatur, die bestehend und fest wäre. Zum Beispiel können wir, wenn wir träumen, alles Mögliche erleben. Es kann ein wunderschöner Traum oder ein Albtraum sein. Wir können die schönsten Dinge erleben, das beste Essen essen, die angenehmsten Erfahrungen machen aber den Erfahrungen ist keine tatsächliche wahrhafte Natur zueigen, es ist nur ein Traum. Ebenso verhält es sich mit den Dingen, die wir im Wachzustand als fest erleben. Es gibt nur deswegen einen Vater, weil es einen Sohn gibt und umgekehrt. Man würde nicht von einem Vater sprechen, wenn er keinen Sohn hätte. So ist alles voneinander abhängig. Die Erde, Wasser, Steine, Feuer, Wind usw. bestehen nur deswegen in dieser Form in unserem Erleben, weil wir sie im Zusammenhang mit anderen sehen und weil sie von Ursachen und Bedingungen abhängig sind. Jemand ist groß oder klein, weil es abhängig vom Großen das Kleine und abhängig vom Kleinen das Große gibt. Das sind Beispiele dafür, dass die Dinge, die wir als fest erleben, im Grunde keine wirklich existente Eigennatur besitzen. Sie sind von der Qualität einer Illusion oder eines Traumes. In unserer Dharmapraxis geht es vor allem um diese beiden Aspekte. Einerseits das Entwickeln von Liebe und Mitgefühl in unserem Geist. Wir lassen die beiden Arten von Zuneigung den Wesen gegenüber immer stärker werden, bis es eine völlig natürliche und ungekünstelte Einstellung geworden ist.
Das Nachdenken über Karma, den Zusammenhang von Ursache und Wirkung, ist eine Methode um eine andere Art von Verwirrung aufzulösen. Auf eine Ursache folgt immer eine Wirkung, die der Natur der Ursache entspricht. Auf positive Handlungen folgen immer angenehme Erfahrungen und auf negative Handlungen immer Leid und Schwierigkeiten. Durch dieses Verständnis überwindet man falsche Anschauungen in Bezug auf derartige Zusammenhänge, zum Beispiel, dass man den Zusammenhang von Ursache und Wirkung ablehnt. Das Verständnis, dass die Erfahrung von allen Bereichen in Samsara letztendlich nichts anderes als Leid ist, hilft uns zu verstehen, dass es nichts Erstrebenswertes in der bedingten Existenz gibt. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass es in Samsara irgendwas tatsächlich Erstrebenswertes gäbe.
Das Allerwichtigste, worum ich euch bitten möchte, ist dass ihr begreift, wie kostbar eure jetzige Situation ist, dass ihr als Menschen in diesen Bedingungen lebt und vollen Nutzen aus dieser Chance zieht. Sein Leben vollkommen nutzen, das tut man, indem man das Dharma praktiziert. Vergesst das nicht. Lopön Tsechu Rinpoche 1944 traf er in Bhutan den 16. Gyalwa Karmapa, der einer seiner wichtigsten Lehrer wurde. Er erhielt von ihm die Lehren und Übertragungen der Karma-Kagyü-Linie. In den folgenden Jahren wurde Rinpoche sehr wichtig für die Buddhisten in Nepal. Aufgrund seiner jahrzehntelangen großen Aktivität dort gilt Rinpoche als eine Schlüsselfigur für den Zusammenhalt der unterschiedlichen buddhistischen Gemeinschaften in Nepal. 1987 besuchte er auf Einladung seiner ersten westlichen Schüler und engen Freunde Lama Ole Nydahl und Hannah Nydahl zum ersten Mal Europa. Seitdem reiste er viel in West- und Ost-Europa, Nord- und Südamerika und in Australien, gibt Erklärungen und Ermächtigungen in den Karma-Kagyü-Zentren. |
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