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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 36, (Herbst 2003)

Die vier Lehren Gampopas

Von Lopön Tsechu Rinpoche

Unsere Übertragungslinie geht auf großartige Meister mit unbeschreiblichen Qualitäten zurück. Die wichtigsten darunter sind Marpa, Milarepa und Gampopa. Von Gampopa gibt es einen Text namens „Die vier Lehren Gampopas“, in dem er die Schritte auf dem Weg zur Buddhaschaft beschreibt. Die erste dieser vier Lehren beschreibt, wie man seinen Geist dem Dharma zuwendet, wie man also mit der Dharma-Praxis beginnt. Bei der zweiten geht es darum, wie man dann den Weg des Dharma praktiziert. Die dritte Lehre erklärt, wie man mit Schwierigkeiten auf dem Weg umgeht. Die vierte Lehre beschreibt die Art und Weise, wie man Unwissenheit und geistige Störungen als Weisheit erkennt.
Die erste der Vier Lehren Gampopas

Wie kommt man dazu, sich dem Dharma zuzuwenden und was ist der Sinn des Dharma? Das erste, was einem die Bedeutung des Dharma bewusst macht, ist die Vergänglichkeit von allem, was uns widerfährt. Aus diesem Grunde lehrte Buddha Shakyamuni als erstes über die Vergänglichkeit.

Als er damals im ersten Lehrzyklus über die „Vier Edlen Wahrheiten“ sprach, lehrt er zuerst, dass alles Zusammengesetzte wieder auseinander fällt. Dies ist das erste der so genannten „Vier Siegel“, der vier buddhistischen Grundlehren.

Als Buddha über Vergänglichkeit sprach, bezog er das sowohl auf die gesamte äußere Welt als auch auf einen selbst als Person. Ein Haus scheint uns zum Beispiel ziemlich solide zu sein, wir halten es normalerweise für beständig. Das ist aber eine Täuschung, denn so wie es einmal zusammengesetzt wurde, so fällt es irgendwann wieder auseinander. Dies gilt für alle Phänomene im ganzen Universum, von den kleinsten Teilchen bis zu den großen Dingen. Wenn das ganze Universum, alles um uns herum, vergänglich ist, dann natürlich auch die eigene Person, der eigene Körper. Deswegen wies Buddha Shakyamuni darauf hin, dass nur geistige Werte für uns von echtem Wert sind. Gleichermaßen sagt Gampopa, dass wir uns der Vergänglichkeit bewusst werden sollten, um so fähig zu werden unseren Geist auf das Dharma auszurichten. Man sollte sich sehr tief gehend damit auseinandersetzen, so sehr, dass ein ganz selbstverständliches und natürliches Verständnis von Vergänglichkeit in einem entsteht.

Vergänglichkeit
Dafür geht man verschiedene Arten von Vergänglichkeit durch: Man sieht zum einen die äußere Vergänglichkeit im Ablauf der Jahre und Tage, dann macht man sich die Aufeinanderfolge der Jahreszeiten bewusst. Man bedenkt, dass alles was offensichtlich zusammengesetzt wurde, irgendwann wieder in seine Bestandteile zerfällt. Um sich die Vergänglichkeit direkt vor Augen zu führen, denkt man auch über die Gewissheit des eigenen Todes nach. Man macht sich klar, dass man selbst, genauso wie jeder andere, irgendwann sterben wird. Es gibt so viele Umstände, die einen plötzlich sterben lassen können, dass die Bedingungen, die einen am Leben erhalten, dagegen ziemlich wenige sind.
Dann denkt man auch darüber nach, wie man den Moment des Sterbens erleben wird. All die äußeren Dinge, die uns jetzt so viel wert sind, haben dann keinen Nutzen mehr. Im Tod sind ganz andere Dinge als all das Äußere wichtig.

Gehen wir auf die einzelnen Punkte ein bisschen näher ein:

Vergänglichkeit im Ablauf der Jahre, Tage usw.
Normalerweise denken wir, dass ein Jahr eine sehr lange Zeit ist. Wenn man aber genauer hinschaut, dann sieht man, dass es sehr schnell abläuft. Die Monate folgen sehr schnell aufeinander.
Dann hat man vielleicht von einem Monat das Gefühl, dass es ein gewisser langer Zeitraum sei. Aber der setzt sich ja auch nur aus einzelnen Tagen zusammen, und wir wissen wie schnell ein Tag vergeht, die Zeit zerrinnt einem zwischen den Fingern. Von dem Moment der Geburt an folgt über die Jahre ein Tag dem anderen, und daraus setzen sich die Jahre zusammen. Der Ablauf dieses Lebens ist ein sehr schnell vonstatten gehender und immer andauernder Prozess.

Vergänglichkeit im Ablauf der vier Jahreszeiten
Die ganze Umwelt ändert sich von Frühling über Sommer, Herbst und Winter. Im Frühling kann man beobachten, wie alles immer wärmer wird, wie die Bäume und Blumen zu blühen beginnen, die Insekten erwachen und aktiv werden usw. Im Sommer wird es heiß, die Felder stehen hoch, die Ernte wächst. Im Herbst zerfällt alles, die Bäume verlieren ihre Blätter usw. Im Winter dann ist die Erde hart und eisig und es schneit. Nichts bleibt wie es ist, alles ändert sich in den verschiedenen Phasen. Die Vergänglichkeit lässt uns die Dinge in unterschiedlichen Weisen erscheinen. Dass alles sich ändert, dass die Jahreszeiten aufeinander folgen, ist nur möglich, weil die Dinge vergänglich sind. Anhand der Veränderung der Welt im Rahmen der Jahreszeiten kann man erkennen, dass alles im ständigen Wechsel ist.

Vergänglichkeit anhand von vier Beschreibungen
1) Alles was aufgebaut wurde, zerfällt auch wieder. Zum Beispiel wird in Haus, das irgendwann erbaut wurde, irgendwann auch wieder zusammenfallen.
2) Wenn in Situationen Menschen oder bestimmte Bedingungen zusammenkommen, dann verlieren diese sich irgendwann auch wieder und die Situation ist zu Ende.
3) Alles was man ansammelt, wird man irgendwann wieder aufgeben und verlieren, man wird davon getrennt werden.
4) Was auch immer geboren wurde, wird irgendwann sterben.

Anhand dieser vier Beschreibungen kann man einen guten Zugang zu der Bedeutung von Vergänglichkeit bekommen. Besonders über den vierten Punkt sollte man sehr gut nachdenken.

Der Tod
Jeder der einmal geboren wurde, wird ganz sicher auch wieder sterben. Es gibt keinen Weg daran vorbei, es ist völlig sicher, dass auf die Geburt unausweichlich der Tod folgt. Das sollte man sich ganz deutlich bewusst machen.
Buddha Shakyamuni selbst ist für uns das beste Beispiel dafür. Er hat vor langer Zeit hier auf der Erde gelebt, hat Buddhaschaft erlangt und ist gestorben. Das ist eindeutig keiner von uns kann sagen, dass er in diesem Leben dem Buddha begegnen könnte, denn er ist gestorben. Wir können auch an andere große spirituelle Lehrer denken, die wir persönlich gekannt haben, von denen wir vielleicht Belehrungen bekommen haben. Oder wir denken an die, die wir nicht selbst persönlich kannten, aber von denen wir gehört haben, dass sie gestorben sind. Natürlich können wir auch an andere Menschen denken, die uns nahe standen, vielleicht Familienangehörige wie Eltern, Geschwister, Freunde, Menschen, die uns nah und lieb waren. Wir alle kennen genügend Menschen, die bereits gestorben sind. Denken wir zum Beispiel nur einmal an das letzte Jahr, dann fällt wohl jedem von uns der eine oder andere ein, mit dem man ein nahes Verhältnis hatte und der gestorben ist. Durch diese Art des Nachdenkens kommt man dahin zu verstehen, dass es einem selbst auch irgendwann geschehen wird.

Alle sind gestorben, ganz gleich wie hoch verwirklicht sie waren. Denken wir an Milarepa: ein phantastischer Verwirklicher, der völlig unabhängig von äußeren Bedingungen alles Mögliche tun konnte. Er konnte fliegen, er konnte durch Wände gehen, er hatte ganz hohe Verwirklichung aber auch er ist gestorben. Denken wir an Marpa oder Gampopa oder Karmapa, den wir als Buddha selbst ansehen, der völlig unbeschreibliche Fähigkeiten hat. Sie alle wurden geboren, lebten als Menschen und sind deshalb natürlicherweise gestorben, weil der Tod unausweichlich auf die Geburt folgt, er ist die logische Folge der Geburt.

Wenn wir also sehen, dass selbst die großen Bodhisattvas und die hochverwirklichten Meister nicht dem Tod entgehen, was soll dann erst mit uns sein, die keine tiefe Verwirklichung besitzen? Wie sollen wir es dann schaffen, dem Tod zu entkommen? Wenn man in dieser Weise dann verstanden hat, dass der Tod ganz sicher am Ende unseres Lebens steht, dann sollte man darauf achten, wie man damit umgeht. Oft denken wir ja, dass wir zwar sicher sterben, dass es aber irgendwann erst sein wird. Wir denken, dass wir noch sehr viel Zeit hätten bis dahin, dass man noch lange leben wird. Der Tod käme erst viel später, nicht schon morgen. Aber das ist ein falsches Verständnis, denn man hat keinerlei Kontrolle darüber, wann der Tod kommt. Er kann jeden Moment kommen, jederzeit und ganz schnell. Darüber sollte man sich im Klaren sein.
Stellt euch vor, ihr steht auf einem steilen Hügel und lasst einen dicken Stein den Hügeln hinunterrollen. Der Stein wird immer schneller rollen und irgendwann unten aufschlagen. Oder beim Fußballspiel: Wenn man den Ball kräftig genug tritt, dann rollt oder fliegt er immer weiter. Genauso ist es mit dem eigenen Leben.

Es gibt viel mehr Bedingungen, die den Tod herbeiführen, als Bedingungen, die dem Leben förderlich sind. Ein Vers sagt: „Man weiß nie, was schneller kommt, der nächste Tag oder der Tod“. Das ist tatsächlich so. Heute hören wir Belehrungen und denken, dass wir morgen wieder welche hören. Aber wer weiß, ob wir morgen um die gleiche Zeit überhaupt noch leben? Das ist etwas, das immer und an jedem Tag ganz ungewiss ist. Deswegen sollte man sich diese ständige potenzielle Gegenwart des Todes sehr klar machen. Dieses Verständnis motiviert einen den Dharma zu praktizieren. Gerade heutzutage kann man deutlich sehen, wie viele Bedingungen es gibt, die schnell zum Tod führen können. Autos zum Beispiel sind ein angenehmes Mittel und sich schnell zu bewegen, aber tragen zugleich immer eine potenzielle Gefahr in sich. Wo man auch schaut, findet man ähnliche Beispiele. In der Medizin kommt es vor, dass Leute eine bestimmte Kombination von Medikamenten nicht vertragen und vielleicht daran sterben. In der Ernährung kommt es vor, dass bei manchen Leuten bestimmte Nahrungsmittel sich nicht mit ihrer Konstitution vertragen und sie vergiften und sie daran sterben. Man sollte sich klar darüber sein, dass es so viele Möglichkeiten zu sterben gibt und dass es immer möglich ist. Deswegen sollte man Dharma praktizieren.

Im Tod ist man einzig und allein auf sich gestellt. Wenn man einflussreiche Leute kennt und sie beim Sterben um ihre Hilfe bittet, dann können sie nichts für einen tun, selbst wenn sie wollen. Auch großer Besitz nutzt einem nichts. Selbst wenn der reichste Mann der Welt stirbt, kann ihm all sein Geld nicht helfen. Man hat vielleicht viele Freunde und nahe stehende Menschen, aber selbst wenn sie alles in ihrer Macht stehende tun, können sie unseren Tod nicht abwenden. Er ist wie ein riesiger Felsblock, der herabstürzt wie ein großer Wasserstrom, der dahinströmt. Es ist unaufhaltsam.

Im Sterbeprozess verliert der Körper seine Kraft. Man ist zum Beispiel nicht mehr in der Lage Nahrung zu sich zu nehmen. Man hat nicht mehr die Kraft, einen Geschmack wahrzunehmen, selbst wenn man einen Bissen runtergekriegt hat. Der Körper kann das Gegessene nicht mehr verdauen, man kann nicht mehr richtig sehen usw., es fehlt die Kraft für die grundlegenden Körperfunktionen. Dies ist ein ganz natürlicher Prozess, denn der Körper ist aus den vier Elementen zusammengesetzt und löst sich natürlicherweise wieder auf. Dabei verliert man Kontrolle über die Funktionen: Man hat nicht mehr die Kraft zum Einatmen, wenn man ausgeatmet hat, und wenn man eingeatmet hat, kann man nicht mehr richtig ausatmen. Wenn man nicht gelernt hat mit dem Geist zu arbeiten, wenn man nicht Dharma praktiziert hat, dann erlebt man einen sehr schwierigen psychischen Zustand. Normalerweise erlebt man sehr große Angst, wenn man merkt, wie sich das Bewusstsein vom Körper löst. Man hat nichts mehr, woran man festhalten könnte, man weiß nicht, was mit einem geschieht, man hat keinen Halt mehr. Es ist sehr schwierig, wenn man nicht gelernt hat, wie man mit seinem Geist umgeht. In einem Vers heißt es: „Wenn man eine Handlung nicht vollbracht hat, kommt auch ihre Wirkung nicht zur Reife. Aber jede Handlung, die man einmal ausgeführt hat, wird eine Wirkung nach sich ziehen.“ Gerade im Sterbeprozess ist das von großer Bedeutung.

In unserem Leben sind es wir selbst, die uns am allernächsten stehen, die uns am allerliebsten und am wichtigsten sind, worauf wir am meisten Acht geben. Unsere eigene Person, unser Ich, unsere Identifikation mit unserem Körper ist der Mittelpunkt von all unserem Handeln. Alles was geschieht, beziehen wir auf unsere eigene Person und erleben alles aus dieser Perspektive. Dann handeln wir auch aus dieser Perspektive heraus wir tun Positives, Glückbringendes und Negatives, was zu Leid führt. Die Eindrücke aus diesen Handlungen begleiten uns automatisch im Tod. All die positiven und negativen Gewohnheitstendenzen aus unseren Handlungen, aus unserer Lebensweise, sind in unserem Geist vorhanden und begleiten uns. Wir brauchen sie nicht mitzuschleppen oder an einem Seil hinter uns herzuziehen. Wir können ihnen auch nicht sagen: „Ich will euch nicht mehr, bleibt weg.“ Sie sind garantiert immer da, wie der Schatten, der unseren Körper im Leben immer begleitet, ohne dass wir ihn extra bestellen müssen. Es gab einmal einen Geshe aus der Kadampa-Linie, der viel über Vergänglichkeit und den Tod nachgedacht hatte. Er praktizierte in Zurückziehung in einer kleinen hoch gelegenen Höhle. Vor dem Ausgang seiner Höhle war ein Dornenstrauch, und immer wenn der Geshe hinausging um auf die Toilette zu gehen oder Wasser zu holen, musste er sich an diesem Dornenstrauch vorbeizwängen. Es war ziemlich unangenehm für ihn, er hat sich immer wieder weh getan und der Strauch hat ihm die Kleider zerrissen. Als er die die ersten Male raus- und reinging, hat er sich gedacht: „Ich muss unbedingt diesen Strauch rausreißen, ich muss etwas tun.“ Dann aber hatte er beschlossen, den Strauch einfach stehen zu lassen, sich eben daran vorbeizuzwängen und seine Zeit lieber für die Praxis zu verwenden.

Das Wichtigste im Zusammenhang mit dem Nachdenken über Tod und Vergänglichkeit ist, dass man versteht, dass im Moment des Todes nur eine einzige Sache von wirklichem Wert ist: nämlich inwieweit man fähig war durch die Dharmapraxis seinen Geist zu meistern. Man denkt darüber nach, um sich ständig daran zu erinnern, den Dharma zu verwenden, zu praktizieren, sich nicht ablenken zu lassen von Dingen mit nur oberflächlichem Wert. Das Beste ist natürlich, wenn man so intensiv praktiziert, dass man wie Milarepa in diesem Leben jetzt Buddhaschaft erlangt. Das schaffen natürlich nur wenige, aber was auch ganz hervorragend ist:
Wenn man so praktiziert, dass man immer das Gefühl hat, dass es in Ordnung ist, dass man denken kann: „Wenn ich genau in diesem Moment jetzt sterbe, dann habe ich getan, was ich konnte. Ich habe keinerlei Reue, zu wenig gemacht oder es immer verschoben zu haben.“ Es geht darum, dass man sich die eigene Praxis so einteilt, dass man immer die Kraft hat und das Gefühl, alles getan zu haben, was möglich war.

Karma
Wenn man bestimmte Handlungen nie getan hat, wird man auch ihre Wirkungen nicht erleben. Aber jede einzelne Handlung, die man vollbracht hat, wird auch eine Wirkung zeigen. Das trifft ganz sicher immer zu. Grundsätzlich unterteilt man Handlungen in Glück bringende und Leid bringende. Im Allgemeinen hat man eine Mischung aus beiden, aber dennoch überwiegt oft die eine oder andere Tendenz und man kann daran arbeiten, dass man eines stärker werden lässt.
Die Wirkung der Handlungen kommt ganz sicher, früher oder später. Das hängt davon ab, welche Art von Tendenz überwiegt. Wenn jemand zum Beispiel in diesem Leben sehr positiv handelt und praktiziert, zugleich aber auch negative Handlungen ausführt, dann wird im nächsten Leben die Wirkung der positiven Handlungen stärker hervortreten, da diese Tendenz jetzt überwiegt. Er oder sie wird also gute Bedingungen vorfinden, aber eben auch Schwierigkeiten aufgrund der früheren negativen Handlungen. Das Potenzial an positiven Tendenzen wird soviel Freiraum geben, dass man zum Beispiel wieder praktizieren kann.

Wenn aber das Gegenteil der Fall ist, wenn jetzt also bei jemandem die negativen Tendenzen überwiegen, wird sich auch die Wirkung so zeigen, dass die Wirkung der negativen Handlungen am stärksten überwiegt und Leid erlebt wird. Das können dann zum Beispiel die Paranoia-Bereiche sein. Wenn diese negativen Eindrücke im Geist so stark sind, dann wird man nicht einmal mehr den Freiraum haben, an positives Verhalten zu denken. Man ist so eingeengt in seiner Negativität, dass es sehr schwer ist, positive Ansätze zu finden. In dieser Weise bestimmt unser Handeln unsere Zukunft. Das ist auch der Unterschied zwischen dem Erleben eines Buddha und dem Erleben gewöhnlicher Wesen. Was den Geist als solchen betrifft, also seine absolute Natur, so ist da nicht der geringste Unterschied. Bei einem nicht-erleuchteten Wesen sind jedoch alle Handlungen von der Ich- Zentriertheit geprägt. Alles was er oder sie tut, ist auf sich zentriert und damit handelt man dann oft negativ. Es entsteht eine Kette von Bedingungen, die immer nur Leid und schwierige Situationen und Lebenszeiten nach sich zieht. Ein Buddha hat dahingegen einmal das positive Handeln in den Vordergrund gestellt, hat die Einstellung entwickelt zum Wohle aller Wesen Erleuchtung erlangen zu wollen und hat auf dieser Basis die Buddhaschaft erreicht. Durch sein Ansammeln von positiven Handlungen ist immer mehr Freiraum entstanden und er hat sich zur Buddhaschaft hin entwickelt. Das ist der einzige Unterschied zwischen den allgemeinen Wesen und einem Buddha.

Samsara — Die bedingte Existenz
Als Wirkung früherer Handlungen erlebt man die sechs verschiedenen Daseinsbereiche. Extrem negative Handlungen haben das Erleben der Paranoia-Bereiche zur Folge. Dort wird nichts anderes als extremes Leid erfahren, wie zum Beispiel Hitze und Kälte. Nicht einmal der Name von Glück oder Angenehmen ist dort zu hören. Eine andere sehr leidvolle Daseinsform sind die Pretas, die Hungrigen Geister. Das Erleben aufgrund früherer Handlungen wird hier so beschrieben, dass man immer extrem unter Hunger und Durst leidet, dass aber nicht einmal der Name von Nahrung wahrnehmbar ist, es gibt einfach nichts. Und wenn doch einmal etwas da ist, dann leidet man darunter, dass man es nicht aufnehmen kann, denn die Wesen dort haben riesige Bäuche, aber nur ganz dünne lange Speiseröhren. Selbst wenn sie Nahrung bekommen, können sie also nie satt werden. Eine Beschreibung sagt, dass manche sogar sieben Knoten in ihrer Speiseröhre haben, so dass die Nahrung einfach nicht durchkommt. Es heißt immer, die leidvollste Erfahrung in Samsara seien die Paranoia-Bereiche, aber die Erfahrung der Hungrigen Geister steht dem nicht viel nach. Es ist einfach extremes Leid, das hier erlebt wird. In den Tierbereichen ist es natürlich etwas schwächer, aber auch in diesen Zuständen wird sehr viel Leid erlebt. Man kennt das aus eigener Anschauung, wenn man zum Beispiel gesehen hat wie Tiere in Asien gehalten werden, wie extrem dort zum Beispiel die Arbeitstiere gequält werden um eine Leistung zu erbringen. Im Westen werden zwar die Haustiere gut gepflegt, aber wenn man die Tiere in freier Wildbahn anschaut, dann sieht man, wie viel Leid sie erleben, indem sie sich gegenseitig die ganze Zeit jagen und fressen. So fressen zum Beispiel die größeren Fische die kleineren Fische auf. Es ist ein nicht-endender Strom von Leid.

Im Vergleich zu den Leiden in diesen drei niederen Zuständen ist das Erleben in den drei höheren Zuständen natürlich angenehm aber eben nur im Vergleich dazu. Wenn man jeden für sich betrachtet, findet man etwas ganz anderes vor. Nehmen wir unser menschliches Erleben als Beispiel: Wir wurden einmal geboren, dann altern wird, sind krank und sterben das ist alles leidvoll. Allein schon in der Phase des Embryo im Mutterleib wird sehr viel Leid erlebt. Es gibt Beschreibungen, die sagen: Wenn die Mutter zu wenig isst, hat der Embryo das psychische Erleben zwischen Klüfte herabzufallen. Wenn sie zu viel isst, fühlt er sich, als würde er zwischen Felsbrocken zerquetscht. Auch die Geburt ist für das Kind sehr unangenehm. Erst ist es im Fruchtwasser in einer leichten und für die Haut angenehmen Umgebung, und dann fühlt es sich bei der Geburt, als würde es durch einen engen Eisenschlauch gezogen. Nach der Geburt ist dann natürlich jede Berührung extrem unangenehm, egal wie weich das Tuch ist, auf dem das Kind liegt oder wie weich die Hände sind, die es berühren es ist, als würde man von Dornen gestochen, der völlige Gegensatz zu dem Erleben im Mutterleib. Es ist klar, dass das Kind dann schreit um sein Leid auszudrücken.

In der Jugend und dem mittleren Alter genießt jeder mehr oder weniger sein Leben. Aber dann kommt die Zeit, in der man älter wird und das Leid wieder zunimmt. Man wird gebrechlich, hat Probleme sich hinzusetzen und aufzustehen. Vielleicht war man vorher aktiv, aber ist jetzt zu gebrechlich dafür. Jüngere Leute nehmen einen nicht mehr ernst. Wenn man ihnen etwas vermitteln will, ist die Kommunikation blockiert. Sie lehnen einen völlig ab und man kriegt nur schlechte Reaktionen, was einen alten Menschen sehr verletzt.
Über Krankheit muss man nicht viel sagen. Jeder der einmal krank war, weiß wie unangenehm das ist. Und über das Leiden des Todes haben wir schon zuvor gesprochen. Man verliert einfach jede Kontrolle über sich, und man ist dem Sterben hilflos ausgeliefert. Wenn man das alles bedenkt, dann sieht man, dass auch im menschlichen Bereich nicht so sehr viel echtes Glück zu finden ist. Es ist eben nur im Vergleich zu den Paranoia- Bereichen, den Preta-Bereichen und den Tierwelten sehr angenehm.

Während eines menschlichen Lebens ist man auch oft mit sehr unangenehmen Dingen beschäftigt. Wenn man arm ist, sucht man verzweifelt nach Geld, und überhaupt versucht man ständig mehr und mehr anzusammeln, was auch eine Form von Leid ist. Diejenigen, die es geschafft haben viel anzusammeln, müssen hart daran arbeiten ihren Besitz zu bewahren, zu pflegen, ihn nicht wieder zu verlieren.
Jeder kennt auch das Gefühl, wenn man sich von Menschen trennen muss, die einem sehr nahe stehen, wie zum Beispiel die Familie oder Freunde. Wenn man eine Zeit zusammen verbracht hat und sich dann trennt, ist das auch leidvoll. Dann wiederum ist oft der Kontakt mit Leuten, die man nicht ausstehen kann, die man als Feinde empfindet, auch eine Art von Leid. Dies alles sind verschiedene Arten von Leiden, die unser Leben stark beeinflussen.

Das Leben der Asuras, der Halbgötter, ist von Neid und Eifersucht bestimmt. Sie haben zwar viel positives Karma angesammelt, aber nicht genug um die eigentlichen Götterbereiche zu erleben. Sie sehen das und beneiden deswegen die Götter um ihren paradiesischen Zustand. Ihr Leben ist die ganze Zeit von Neid und Eifersucht erfüllt, das ist ihr Leiden.
Die Götter erleben paradiesische Zustände als Frucht von sehr positiven Handlungen. Sie haben alles, was sie brauchen und wollen, alles manifestiert sich sofort. Sie müssen sich keinerlei Mühe geben Dinge zu bekommen, sei es Nahrung oder die Umgebung. Alles ist sehr angenehm. Aber dieser Zustand dauert eben nur so lange an, wie positives Karma vorhanden ist. Im Erleben dieser angenehmen Zustände verbraucht sich das positive Karma. Dann kommt irgendwann ein Punkt, an dem sich die positiven Eindrücke im Geist erschöpft haben, und hier fangen die Götter extrem zu leiden an. Es ist das Leiden des Todes und bei Göttern besonders stark, weil sie es sehr bewusst erleben. Bei uns ist es ja im Allgemeinen so, dass wir nicht besonders darunter leiden zu wissen, dass es den Tod gibt zumindest solange wir nicht nahe davorstehen, er also etwas abstrakt für uns ist. Die Götter aber bekommen ganz direkt mit, dass sie bald sterben werden und was das für sie bedeutet. Ihnen wird klar, dass sie so viel Positives erlebt haben und all die guten Geisteseindrücke jetzt verbraucht sind und dass damit jetzt viel Leid auf sie zukommt. Sie sehen das sehr direkt und leiden extrem darunter. Es gibt Beschreibungen, die die Zeichen des Todes bei Göttern so schildern, dass sie plötzlich für sie ungewöhnliche, unangenehme Körperausdünstungen haben, dass ihre Kleidung und auch ihre Körper in gewissem Sinne zerfallen. Sie werden von anderen Göttern verlassen, stehen alleine da und wissen ganz deutlich, was auf sie zukommt. Das alles ist sehr leidvoll für sie.

In dieser Weise sieht man, dass es in Samsara nichts Erstrebenswertes gibt. Ganz gleich, wo man in Samsara geboren wird: Es gibt keine wirkliche Freude, kein wirkliches Glück, höchstens vorübergehend angenehme Zustände. Es ist, als würde man auf einer Nadelspitze sitzen, man fühlt sich dort nicht wohl.

Der kostbare Menschenkörper
Ob man den einen oder anderen Zustand in Samsara erfährt, hängt immer nur von einem selbst ab. Es ist immer die Konsequenz des eigenen Handelns, die sich als äußere Welt widerspiegelt. Es hängt vom Ausmaß der positiven und negativen Handlungen ab, die man ausführt. Als Mensch hat man den Raum zu entscheiden, ob man positiv oder negativ handeln will. In den anderen Daseinsbereichen hat man diesen Freiraum der Wahl im Handeln nicht. Man ist so eingeengt von negativem Karma oder den äußeren Bedingungen, dass man keine Wahl hat. Deswegen wird das menschliche Leben auch als so besonders wertvoll angesehen. Hier verfügt man über den Willen zu entscheiden, dieses zu tun und jenes zu unterlassen. Man hat hier die Möglichkeit sehr viel Positives anzuhäufen und dadurch die Voraussetzung zu schaffen, sich in Zukunft mehr und mehr der Befreiung und Buddhaschaft zu nähern. Diese Chance ist die Wirkung von eigenen früheren Handlungen und man sollte auf sie Acht geben. Man sollte diese Chance wirklich voll nützen und sein Leben nicht nur sinnlos vergeuden, indem man die Frucht früherer Handlungen genießt, sich aber nicht bewusst positiv weiterentwickelt. Das Wichtigste in unserem menschlichen Dasein zur Zeit ist, dass man begreift, wie wertvoll es ist. Wertvoll, weil man hier in der Hand hat, wie es weitergeht. Wenn man sich gar nicht darum kümmert, dann besteht die Möglichkeit, in den niederen Daseinsbereichen wiedergeboren zu werden. Die Voraussetzungen sind da, man kann negativ handeln. Entscheidet man sich aber, den Zustand der Buddhaschaft anzustreben, dann hat man als Mensch die Fähigkeit, entsprechend zu leben und zu handeln, also Verdienst und Weisheit anzusammeln.

Deswegen sollte man sehr Acht geben, wie man lebt. Man sollte bei negativen Handlungen zum Beispiel nicht nachlässig sein und denken: „Das ist ja nur geringfügig negativ, es spielt keine Rolle, ob ich es tue oder lasse.“ Stattdessen sollte man darauf achten, jede Art von negativer Handlung zu unterlassen, selbst die, die sehr geringfügig erscheinen, denn ihre Wirkung kann sehr leidvoll sein. Auf der anderen Seite sollte man sich um alles Positive bemühen, auch wenn es nur geringfügig zu sein scheint. Dazu hat man ja viel Gelegenheit, sei es im Sinne von Freigiebigkeit, im Sinne von konsequenter Dharmapraxis, in Form von Meditation, der Verwendung von Mantras, von Verbeugungen, von allen möglichen Arten der Praxis. Es geht darum, dass man diese Chance erkennt und sich dazu entscheidet, dass man sie voll verwendet. Buddha hat Buddhaschaft erlangt, weil er sich dazu entschlossen hat, einen Weg zu gehen. Er hat den Zustand von Allwissenheit erlangt, einen Zustand, der ihn befähigte, den Überblick zu haben. Das ermöglichte ihm zu unterrichten und zu beschreiben, welche Zustände es in Samsara gibt. Unsereins hat ja nicht den Überblick zu sagen, was überall von den Wesen erlebt wird. Ich selbst zum Beispiel weiß nicht aus eigener Erfahrung, was in den Paranoia-Bereichen erlebt wird. Sicher war ich früher auch in diesen Zuständen, aber ich habe keine Erinnerung daran. Genauso wenig wissen wir aus eigener Erfahrung, was der Zustand der Buddhaschaft tatsächlich bedeutet. Ich kann darüber nicht aus eigener Erfahrung lehren, weil ich diesen Zustand nicht erfahren habe. Der Buddha aber war von seinem Zustand der Verwirklichung der Allwissenheit aus fähig, das zu zeigen und zu erklären.
Heutzutage können wir ihm aber nicht persönlich begegnen, und deswegen ist der Lama so wichtig. Die erste Zuflucht, die wir nehmen, ist zum Lama. Er ist derjenige, der uns heute die Belehrungen Buddhas gibt. Natürlich haben viele überhaupt kein Vertrauen dazu, dass man aufgrund des Weges Buddhaschaft erlangen kann. Aber wir orientieren uns an dem, was Buddha Shakyamuni lehrte und wie er unterrichtete. Buddha selbst hat ja zum Beispiel kein Kind geboren. Wenn er also darüber lehrte, was ein Kind dabei erlebt und welches Leid die Mutter durchmacht, dann sprach er darüber aus seinem Zustand der Allwissenheit heraus.

Es gibt eine Erzählung über einen Schüler des Buddha namens Arya Katayana. Er war fähig die verschiedenen Daseinsbereiche direkt zu erleben. Nicht nur unseren eigenen Menschbereich und die Tiere, sondern alle.
Einmal sah er eine Frau, die gerade ihrem Säugling Milch gab und zugleich näherte sich ein Hund. Während sie sich liebevoll um das Kind kümmerte, warf sie einen Stein nach dem Hund und zugleich war sie dabei einen Fisch zu essen. Katayana war sehr betroffen davon, denn er sah, wer hier in dieser Situation zusammengekommen war. Er konnte die vergangenen Lebenszeiten der Beteiligten sehen und er sah, dass das Kind im letzten Leben der ärgste Feind der Frau gewesen war. Der Fisch, den sie aß, war im letzten Leben ihr Vater und der Hund war ihre Mutter. Katayana war sehr betroffen davon.

Wenn man jetzt die Chance eines menschlichen Lebens mit all den vielen Möglichkeiten hat, dann sollte man sie in jeder Situation nutzen und sie nicht vergeuden. Solange man Tod und Vergänglichkeit nicht wirklich begriffen hat, wird man auch nicht fähig sein sich wirklich dem Dharma zuzuwenden. Man wird Dharma nicht ernsthaft praktizieren können, denn man wird die Bedeutung des Dharma nicht richtig erkannt haben. Deswegen sagt Gampopa in seinem Text, dass das Begreifen von Tod und Vergänglichkeit die unerlässliche Grundlage für ernsthafte Praxis ist. Man sollte immer wieder darüber nachdenken, bis es zu einer inneren Gewissheit und Selbstverständlichkeit geworden ist.


Die zweite der Vier Lehren Gampopas

Hier geht es darum, wie man den Dharma als Weg praktiziert. Der Kern der Dharmapraxis ist, dass man die Einstellung des Erleuchtungsgeistes Bodhicitta entwickelt. Das heißt, dass man Liebe und Mitgefühl für alle Wesen entstehen lässt, indem man sich in andere hineinversetzt. Zugleich entwickelt man die Sichtweise, dass alle Phänomene, alle äußeren und inneren Erlebnisse, in gegenseitiger Abhängigkeit voneinander entstehen. Es gibt nichts, was unabhängig von anderem existieren würde. Auf dieser Basis versteht man, dass alle Phänomene einem Traum, einer Illusion, gleichen.

Zuerst geht es also darum, Liebe gegenüber allen Wesen in uns entstehen zu lassen. Dafür stellen wir uns vor, dass alle Wesen vor uns im Raum sind. In unserer Meditation lassen wir dann all diesen Wesen gegenüber die tiefe Zuneigung und Liebe entstehen, die wir gegenüber unserer Mutter empfinden. Dabei unterscheiden wir nicht in Feinde und Leute, die wir besonders gern mögen, und andere, die uns egal sind. Ohne all diese Wertungen, die wir sonst treffen, denken wir an alle Wesen so als wären sie unsere eigene Mutter.
Der erste Schritt, wenn man den Dharma als Weg geht, ist das Entwickeln von Liebe allen Wesen gegenüber. Danach entwickelt man dann Mitgefühl. Wenn ihr praktiziert, dann ist es sinnvoll auf die Entwicklung von Liebe allen Wesen gegenüber viel Zeit zu verwenden. Je stabiler das in euch gefestigt wird, umso leichter werden die darauf aufbauenden Schritte.

Als nächstes kommt dann die Entwicklung von Mitgefühl allen Wesen gegenüber. Dafür denken wir zuerst über die Situation nach, in der sich die Wesen im Allgemeinen befinden sie alle erleben den einen oder anderen Bereich in Samsara. Mit all diesen Wesen haben wir eine sehr persönliche Verbindung, denn wir alle haben unzählige Wiedergeburten gehabt, so dass in irgendeinem Leben jedes Wesen einmal unsere Mutter oder Vater war. All die Wesen haben den Wunsch von Leid frei zu sein, aber meistens handeln sie nicht dementsprechend.
Sie schaffen mit ihren Handlungen Ursachen, die Leiden nach sich ziehen. Obwohl sie Glück und Freude haben wollen, schaffen sie es meist nicht, die entsprechenden Ursachen dafür aufzubauen. Als Resultat erleben sie die verschiedenen Leiden in den sechs Bereichen Samsaras: extreme Hitze und Kälte in den Paranoia-Bereichen, Hunger und Durst in den Preta-Bereichen. Gejagt, gefressen und geschlagen werden in den Tierbereichen. In der Menschenwelt Geburt, Alter, Krankheit und Tod. In den Halbgötter-Bereichen das Leid des ständigen Neides und der Eifersucht und in den Götterbereichen das Leid des Sterbens. Wenn man das einmal klar verstanden hat, dann ist es nicht mehr weit bis zu dem folgenden Schluss: Man selbst kann es ja irgendwie schaffen glücklich zu werden. Man kann daran arbeiten, dass man die Ursachen für Glück aufbaut. Aber dann ist nur einer glücklich, man selbst, und die vielen anderen Wesen leiden immer noch. Daraus lässt man den Wunsch entstehen, dass man wirklich fähig werden will allen Wesen zu helfen. Man nimmt sich vor alles zu tun, um die Wesen allmählich von ihrem Leid zu befreien. So ist Mitgefühl definiert.

Der Erleuchtungsgeist, Bodhicitta, ist alles, worum es in der Praxis geht. Das sieht man auch bei den Erleuchteten. Es gibt die verschiedenen Ebenen der buddhistischen Wege und die entsprechenden Praktizierenden: Einerseits hat Buddha die beiden Wege der Shravakas und Pratyekabuddhas, der Hörer und der Selbstverwirklicher, gelehrt. Buddha selbst wiederum hat deswegen die Erleuchtung erlangt, weil er den Erleuchtungsgeist in sich entstehen ließ. Alle Lehren Buddhas sind nur aus dem Grunde vorhanden und können praktiziert werden, weil Buddha Bodhicitta entwickelt hat. Wer diesen Erleuchtungsgeist entwickelt, ihn praktiziert und mehr und mehr verwirklicht, wird zu einem Bodhisattva. Ohne Bodhicitta gibt es keine Erleuchtung und keine Ebene der Lehre Buddhas.

Man spricht von drei Arten des Erleuchtungsgeistes:
1) Zum einen das Bodhicitta, das darin besteht zu verstehen, dass man selbst und andere gleich sind.
2) Zum zweiten, dass man sich in die Lage der anderen versetzt, sich in sie hineindenkt.
3) Zum dritten dann, dass man das Wohl der anderen vor das eigene stellt.

Bei der ersten Stufe geht es darum, dass man von sich auf andere schließt. Genauso wie man selbst glücklich sein und nicht leiden möchte, wollen das auch andere. Wir haben gerne gutes Essen, angenehme Kleidung, wollen liebevolle Worte hören, haben gerne liebevolle Unterhaltung usw. und genauso geht es allen anderen, egal in welchem Daseinsbereich sie sind, ob Menschen, Tiere oder woanders. Hier geht es um das Verständnis, dass wir alle diese grundlegenden Wünsche teilen.
Bei der zweiten Stufe verwenden wir die Meditation des Geben und Nehmen. Wir denken daran, wie viel Leid die Wesen erleben Krankheiten, psychisches Leiden, physisches Leiden, Schwierigkeiten usw., und wir wünschen, dass wir fähig werden all das Leid auf uns zu nehmen. Wir selbst haben ja auch alle möglichen Leiden und wir wünschen uns, dass sich in unseren Schwierigkeiten das Leid der anderen Wesen sammelt. Wir denken, dass dadurch, dass wir diese Probleme haben und die Probleme der anderen mit auf uns nehmen, die anderen von ihnen befreit werden mögen.

Das verbinden wir dann mit unserem Atem. Wir atmen ja sowieso die ganze Zeit völlig natürlich ein und aus und können dann diese Atemzüge für die Meditation verwenden. Das machen wir in der Form, dass wir uns denken: Die ganzen Leiden der Wesen ballen sich in Form von dunklem Licht zusammen und strömen mit unserem Einatmen in uns hinein. Beim Ausatmen lassen wir dann alles Positive aus uns herausströmen und schenken es allen Wesen, so dass alle daran teilhaben. Alles was wir an Positivem haben Freude, Glück, Verdienst, Einsichten, die wir erlangt haben, Verwirklichungen, Gesundheit, usw. schenken wir den Wesen mit unserem Ausatmen. Diese Art der Meditation, in der man die Leiden anderer mit dem eigenen Glück austauscht, ist die Haupt-Meditation an sich das Wichtigste.
Das Geben und Nehmen ist von sehr großem Nutzen für einen selbst, weil man dadurch den Erleuchtungsgeist immer stärker werden lässt. Und gleichermaßen ist es von großem Nutzen für andere, weil dadurch die Kraft der Wünsche aufgebaut wird und die Verbindung mit dieser Einstellung gemacht wird, sodass man tatsächlich fähig wird anderen in der Zukunft zu helfen. Diese Kraft der Wünsche ist das Potenzial, das man in Zukunft zum Wohle anderer entfalten kann.

Auch im Zusammenhang mit anderen Meditationen ist es sehr wichtig sich immer wieder den Erleuchtungsgeist zu vergegenwärtigen. Ob man auf die verschiedenen Buddha-Aspekte meditiert oder die Grundübungen macht, ganz gleich, was man meditiert: Das Essentielle ist sich immer zu Beginn den Erleuchtungsgeist zu vergegenwärtigen. Es ist die leichteste Meditation, die es gibt und zugleich die mit dem größten Nutzen.
Bei der dritten Ebene von Bodhicitta geht es darum, dass man versteht, dass andere wichtiger sind als man selbst. Das Wohlergehen der anderen wird einem wichtiger als das eigene Wohlergehen. Im täglichen Verhalten kann sich das zum Beispiel so zeigen: Wenn es nur zwei Mahlzeiten gibt und eine davon viel schlechter ist als die andere, dann lässt man dem anderen die gute und nimmt selbst die schlechte. Oder man schenkt anderen die schöne Kleidung und behält die weniger schöne. Es gibt viele solcher Beispiele. Normalerweise ist man jetzt zu so etwas noch nicht fähig. Man entwickelt also die Einstellung, dass das Wohlergehen der anderen wichtiger ist als das eigene. Zum Beispiel denkt man: „Es ist nicht wichtig, dass ich jetzt hungrig bin. Hauptsache ist, die anderen kriegen was zu essen.“ Wenn man Leute kennt, die krank sind, dann wünscht man sich wirklich ihnen zu helfen, denn man weiß ja, wie man sich in so einer Situation fühlt. In der Praxis des Geistestraining (tib.: Lodjong) gibt es einen Vers, in dem es heißt: „Allen guten Ruf, Ruhm, Gewinn und Vorteile schenke ich anderen. Ich nehme die Schwierigkeit in Kauf, selbst keinen Ruhm und Vorteile zu haben und schenke den anderen dafür alles Gute.“
Um diese Art von Einstellung geht es und man sollte nie denken, dass man dazu nicht fähig wäre. Man lässt diese Einstellung allmählich im eigenen Geist entstehen und entwickelt sie dann Schritt für Schritt. Wenn man die Beschreibungen von den früheren Leben Buddhas liest, als er noch als Bodhisattva gewirkt hat oder die Lebensgeschichten von anderen großen Meistern, dann sieht man, dass sie diese Einstellung auch immer wieder zum Ausdruck gebracht haben. In einem Fall hat der Buddha sogar Tieren seinen Körper als Nahrung gegeben, damit sie überleben konnten.

Der so genannte relative Erleuchtungsgeist ist dieses Entwickeln von Liebe und Mitgefühl. Das ist die notwendige Grundlage, um darauf aufbauend auch den Absoluten Erleuchtungsgeist zu entwickeln. Dieser ist das Verständnis, dass alle Phänomene Äußeres, Gedanken, Gefühle, einfach alles in gegenseitiger Abhängigkeit voneinander entstehen. Es gibt nichts, das unabhängig von anderem existieren würde, nichts hat eine wahrhafte Eigennatur, die unabhängig für sich bestehen würde.
Diese Sichtweise, dass alles wie ein Traum, wie eine Illusion ist, wird als absolutes Bodhicitta bezeichnet. Man kann sehr viel darüber erklären, aber um es kurz zu fassen:
Was heißt das, dass alle Dinge in gegenseitiger Abhängigkeit voneinander sind? Es bezieht sich darauf, dass es zum Beispiel ein Du nur dann gibt, wenn irgendwo auch ein Ich ist. Ich empfinde mich als Ich, weil ich im Verhältnis zu etwas anderem stehe. Die eine Seite gibt es nur, weil es auch die andere gibt, alles ist immer in gegenseitiger Abhängigkeit.

Eine Frucht gibt es nur, weil einmal ein Same da war, ohne ihn gäbe es keine Frucht. So ist alles bedingt, steht im Zusammenhang von Ursachen und Bedingungen und hat an sich keine Eigennatur, die bestehend und fest wäre. Zum Beispiel können wir, wenn wir träumen, alles Mögliche erleben.

Es kann ein wunderschöner Traum oder ein Albtraum sein. Wir können die schönsten Dinge erleben, das beste Essen essen, die angenehmsten Erfahrungen machen aber den Erfahrungen ist keine tatsächliche wahrhafte Natur zueigen, es ist nur ein Traum. Ebenso verhält es sich mit den Dingen, die wir im Wachzustand als fest erleben. Es gibt nur deswegen einen Vater, weil es einen Sohn gibt und umgekehrt. Man würde nicht von einem Vater sprechen, wenn er keinen Sohn hätte. So ist alles voneinander abhängig. Die Erde, Wasser, Steine, Feuer, Wind usw. bestehen nur deswegen in dieser Form in unserem Erleben, weil wir sie im Zusammenhang mit anderen sehen und weil sie von Ursachen und Bedingungen abhängig sind. Jemand ist groß oder klein, weil es abhängig vom Großen das Kleine und abhängig vom Kleinen das Große gibt. Das sind Beispiele dafür, dass die Dinge, die wir als fest erleben, im Grunde keine wirklich existente Eigennatur besitzen. Sie sind von der Qualität einer Illusion oder eines Traumes.

In unserer Dharmapraxis geht es vor allem um diese beiden Aspekte. Einerseits das Entwickeln von Liebe und Mitgefühl in unserem Geist. Wir lassen die beiden Arten von Zuneigung den Wesen gegenüber immer stärker werden, bis es eine völlig natürliche und ungekünstelte Einstellung geworden ist.
Andererseits entwickeln wir auch das richtige Verständnis der Dinge. Man begreift mehr und mehr, dass alle äußeren und inneren Phänomene keine wahrhaft existente Eigennatur haben, sondern wie ein Traum sind. Diese beiden Aspekte in der Dharmapraxis zu entwickeln, das ist es was den Weg ausmacht, das ist wirklich die Praxis des Dharma.


Die dritte der Vier Lehren Gampopas

Hier geht es darum, wie man Verwirrung auf dem Weg entfernt, also um unsere verschiedenen Illusionen. Einen Teil davon haben wir bereits besprochen:
Das Nachdenken über Vergänglichkeit ist eine Methode um eine bestimmte Art von Verwirrung aufzulösen. Nämlich die, dass man denkt, das Leben wäre dauerhaft, die Dinge seien beständig.

Das Nachdenken über Karma, den Zusammenhang von Ursache und Wirkung, ist eine Methode um eine andere Art von Verwirrung aufzulösen. Auf eine Ursache folgt immer eine Wirkung, die der Natur der Ursache entspricht. Auf positive Handlungen folgen immer angenehme Erfahrungen und auf negative Handlungen immer Leid und Schwierigkeiten. Durch dieses Verständnis überwindet man falsche Anschauungen in Bezug auf derartige Zusammenhänge, zum Beispiel, dass man den Zusammenhang von Ursache und Wirkung ablehnt. Das Verständnis, dass die Erfahrung von allen Bereichen in Samsara letztendlich nichts anderes als Leid ist, hilft uns zu verstehen, dass es nichts Erstrebenswertes in der bedingten Existenz gibt. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass es in Samsara irgendwas tatsächlich Erstrebenswertes gäbe.
Die Entwicklung von Liebe und Mitgefühl ist ein Mittel, das uns hilft auf dem richtigen Weg zu bleiben. Im Buddhismus gibt es ja das Kleine und das Große Fahrzeug. Das Besondere am Großen Fahrzeug ist dabei, dass die Entwicklung von Liebe und Mitgefühl im Vordergrund stehen. Dadurch werden wir unterstützt auf dem richtigen Weg zu bleiben und nicht in das Kleine Fahrzeug abzugleiten.
Unser Verständnis davon, dass alle Dinge wie ein Traum sind, hilft uns mehr und mehr, unsere Illusion in Bezug auf die Natur der Dinge zu überwinden. Wir denken, die Dinge seien wahrhaft existent, was aber eine Illusion ist. Das ist ein sehr wichtiger Punkt auf unserem Weg. Es ist wichtig, dass man Unklarheiten, Verwirrungen und Illusionen aufgibt um den Weg richtig zu gehen.
Will man irgendwohin fahren, muss man den Weg dahin kennen. Man muss wissen, was der falsche Weg ist, denn schlägt man den ein, kommt man nicht an sein Ziel. Mit unserer Praxis streben wir die Buddhaschaft an. Es ist der Punkt, an dem man fähig ist die dem Geist innewohnende Fähigkeit zur Erkenntnis zu entfalten. Man hat sich dazu gebracht, dass der Geist fähig ist, seine eigene Erleuchtungsnatur voll zu erkennen. Macht man jedoch Fehler und hält an bestimmten Illusionen weiter fest, dann kommt der Geist nicht dahin seine eigene Natur zu entdecken. Deswegen muss man die Illusionen kennen und die entsprechenden Gegenmittel anwenden um sie zu überwinden.


Die vierte der Vier Lehren Gampopas

Wie man Illusion als Weisheit erkennt, wird an dem Punkt wichtig, an dem man die verschiedenen Illusionen entfernt hat. Dann kann man die Weisheit erkennen, die dem Geist innewohnt. Man erkennt die Illusion als Weisheit, weil man die wahre Natur der Dinge erkennt. Dies wird als der „Zustand frei von jeglichen Vorstellungen, Einbildungen und Gekünsteltheiten“ beschrieben. Ist man einmal in die wahre Natur des Geistes eingeführt worden, dann ist der Geist fähig diese ihm innewohnende Weisheit zu erkennen.
Diese Frucht der Verwirklichung kann im Allgemeinen nur erreicht werden, wenn man zuerst fähig war den Geist auf das Dharma auszurichten, das Dharma als Weg zu praktizieren und die verschiedenen Illusionen aufzulösen. An diesem Punkt wird die letztendliche Wirklichkeit erkannt. Auf unerleuchteter Ebene spricht man von „Geist“ und „Bewusstsein“ auf reiner Ebene verwendet man einen anderen Begriff, nämlich „Weisheit“. Es ist die Erkenntnis, die frei von allen extremen Vorstellungen ist, frei vom Glauben an wahres Bestehen oder Nicht-Bestehen, an ein tatsächliches Kommen, ein tatsächliches Gehen, Entstehen oder Vergehen. Es ist ein Zustand frei von allen begrenzenden Sichtweisen, in dem die eigentliche Natur der Dinge erkannt ist. Damit ist Illusion als Weisheit entstanden.

Es ist die Verwirklichung der wahren Natur des Geistes, die Verwirklichung der Einsicht, die frei ist von allen Eingrenzungen. Der einzige Grund dafür, dass man diese Erkenntnis nicht schon hatte oder gerade jetzt hat, ist der, dass einen die ganzen Illusionen davon abhalten. Dies ist das Hindernis, das uns einschränkt, die wahre Natur des Geistes zu erkennen. Hat man es also einmal geschafft die Illusion in den Griff zu bekommen und sie zu entfernen, kommt man natürlicherweise dahin, die wahre Natur des Geistes zu erkennen. Das bezeichnet man als „Weisheit“.

Um dahin zu kommen braucht man die verschiedenen Phasen der Entwicklung und die Einführung in diese wahre Natur des Geistes. All die verschiedenen Methoden, die wir dafür verwenden, haben genau diesen einzigen Sinn: uns dazu zu bringen eine direkte Erkenntnis der wahren Natur unseres Geistes zu erreichen. Man sollte die verschiedenen Methoden und Schritte, die wir hier besprochen haben, wirklich verwenden. Man kann nicht alles auf einmal machen, aber man kann abwechselnd die verschiedenen Stufen der Meditation, wie zum Beispiel die von Liebe und Mitgefühl, verwenden. Die höchsten Stufen der Praxis kann man nur praktizieren, wenn man eine Basis dafür geschaffen hat. Um den vollen Nutzen der Praxis zu erzielen, ist solch ein schrittweises Vorgehen sehr wichtig.

Das Allerwichtigste, worum ich euch bitten möchte, ist dass ihr begreift, wie kostbar eure jetzige Situation ist, dass ihr als Menschen in diesen Bedingungen lebt und vollen Nutzen aus dieser Chance zieht. Sein Leben vollkommen nutzen, das tut man, indem man das Dharma praktiziert. Vergesst das nicht.


Lopön Tsechu Rinpoche
Wurde 1918 in Bhutan geboren. Mit 13 Jahren ging er mit seinem Onkel und geistigem Lehrer Drukpa Rinpoche Sherab Lama nach Nepal um dort zu studieren und zu meditieren. Rinpoche erhielt eine vollständige buddhistische Ausbildung und meditierte oft unter härtesten Bedingungen in den Höhlen Milarepas und den heiligen Stellen Guru Rinpoches.

1944 traf er in Bhutan den 16. Gyalwa Karmapa, der einer seiner wichtigsten Lehrer wurde. Er erhielt von ihm die Lehren und Übertragungen der Karma-Kagyü-Linie.

In den folgenden Jahren wurde Rinpoche sehr wichtig für die Buddhisten in Nepal. Aufgrund seiner jahrzehntelangen großen Aktivität dort gilt Rinpoche als eine Schlüsselfigur für den Zusammenhalt der unterschiedlichen buddhistischen Gemeinschaften in Nepal.

1987 besuchte er auf Einladung seiner ersten westlichen Schüler und engen Freunde Lama Ole Nydahl und Hannah Nydahl zum ersten Mal Europa. Seitdem reiste er viel in West- und Ost-Europa, Nord- und Südamerika und in Australien, gibt Erklärungen und Ermächtigungen in den Karma-Kagyü-Zentren.

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