Aus: Buddhismus Heute Nr. 35, (Winter/Frühjahr 2003)

Das Gehirn - Quelle des Bewusstseins?

Von Peter Malinowski

Es gibt viele Weisen auszudrücken, was das Ziel des buddhistischen Weges ist. Man kann sich darauf beziehen, dass es darum geht, alle Leiden zu beseitigen und einen Zustand dauerhaften Glücks zu erlangen, oder auch darauf, dass das letztendliche Ziel Buddhaschaft, Erleuchtung oder wie man es sonst nennen möchte ein Zustand höchster Funktionsebene ist, in dem Weisheit, aktive und allumfassende Liebe, Furchtlosigkeit, Freude, Tatkraft und viele weitere Qualitäten vervollkommnet sind. Soll die Grundlage oder Ursache für diesen letztendlichen Zustand betont werden, so kann man ebenso sagen, dass es einem Buddhisten darum geht, die Natur des eigenen Geistes vollkommen zu erkennen.
Diese Definition ist interessant, da sie eine Überschneidung der Interessen von Buddhismus und Wissenschaft deutlich macht. Auch in der Hirnforschung und insbesondere in den Kognitiven Neurowissenschaften („Cognitive Neurosciences“) hat sich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren ein starkes Interesse an der Erforschung des Geistes, oder Bewusstseins, entwickelt. Mancher Hirnforscher legt einen fast euphorischen Enthusiasmus an den Tag bezüglich der Aussicht, dass letztendlich alle Bewusstseinszustände und sogar das Bewusstsein selbst durch neurobiologische Prozesse erklärt werden können. Auf welcher Grundlage gehen Wissenschaftler heute davon aus, dass wir bald eine materialistische Erklärung von Bewusstsein haben und was sind die favorisierten Erklärungsansätze? Was ist dran an diesen Vorstellungen und wie lässt sich dies mit dem buddhistischen Verständnis von Bewusstsein vereinbaren?

ANFÄNGE DER BEWUSSTSEINSFORSCHUNG
Historisch gesehen reicht die experimentelle Untersuchung des Bewusstseins bis in das 19. Jahrhundert zurück. Im Jahre 1879 gründete Wilhelm Wundt in Leipzig das weltweit erste psychologische Laboratorium. Sein Ziel war, mittels „experimenteller Introspektion“ Bewusstsein zu untersuchen. Kontrollierte, messbare Reize wurden verwendet, um unterschiedliche Bewusstseinszustände hervorzurufen. Man ging davon aus, dass diese Zustände ähnlich chemischen Verbindungen eine komplexe Struktur aufweisen. Das Ziel der Introspektion war, diese Strukturen zu analysieren und so die Grundbestandteile zu erkennen. Indem Wundt in dieser Weise geistige Ereignisse in Zusammenhang mit objektiven, messbaren Reizen und Reaktionen brachte, revolutionierte er die Psychologie und begründete ihren Übergang von einer Geisteswissenschaft zu einer Naturwissenschaft. Uneinigkeiten über die Zusammensetzung und Bedeutung der inneren Erfahrungen ließen sich jedoch nicht ausräumen und so wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowohl Bewusstsein als auch experimentelle Introspektion aus der Psychologie verbannt. John Watson, Begründer des Behaviorismus, der Hauptströmung der Psychologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, erklärte: „Die Zeit scheint gekommen zu sein, in der die Psychologie jeden Bezug zu Bewusstsein streichen muss ... ihre einzige Aufgabe ist die Vorhersage und Kontrolle von Verhalten, und Introspektion kann keinen Bestandteil ihrer Methoden darstellen“.

Erst in den 80er Jahren begann sich das Bild zu wandeln und das Interesse an Bewusstsein flammte wieder auf. Zumindest teilweise ist dieser Richtungswechsel auf die wachsende Einsicht zurückzuführen, dass eine Psychologie, die Bewusstsein nicht mit einbezieht, unvollständig ist denn Psychologie ist die Untersuchung von Verhalten und Erleben. Auch die Verfügbarkeit neuer, ausgereifter Methoden Veränderungen im Gehirn (und Körper) zu messen, dürfte das Interesse an Bewusstsein wiederbelebt haben. Zudem haben sich die Grenzen zwischen Philosophie und Wissenschaft dank der Erkenntnis aufgeweicht, dass das Geist-/Körper-Problem kein rein philosophisches Thema ist, sondern zumindest teilweise der empirischen Forschung zugänglich ist. Das daraus entstandene Spezialgebiet der Neurophilosophie nimmt sich besonders dem Grenzbereich zwischen beiden Disziplinen an.

BEGRIFFSBESTIMMUNG
Bevor wir uns nun tief in die Materie stürzen, sollen einige unterschiedliche Bedeutungen des Begriffs „Bewusstsein“ beleuchtet werden.

Bewusstsein als Wachzustand
Häufig wird „Bewusstsein“ mit der Bedeutung Wachzustand verwendet. Jemand, der bewusst ist, ist normalerweise in der Lage wahrzunehmen und mit seiner Umwelt zu interagieren oder zu kommunizieren. In diesem Sinne ist Bewusstsein quantifizierbar vom Zustand tiefster Bewusstlosigkeit (Koma) bis zu einem Zustand höchster Wachheit oder Wachsamkeit.

Bewusstsein als Erleben
Wenn wir im obigen Sinne wach oder bewusst sind, sind wir uns normalerweise einer Sache bewusst. In seiner zweiten Bedeutung beschreibt „Bewusstsein“ daher den Inhalt unseres subjektiven Erlebens von Moment zu Moment: Zum Beispiel wie es sich gerade jetzt anfühlt, eine bestimmte Person zu sein verglichen damit, dass es sich in keiner Weise anfühlt, ein Stein zu sein. Hier geht es also um die qualitative, subjektive Dimension von Bewusstsein, auf die sich Philosophen häufig mit dem Begriff „Qualia“ beziehen.

Bewusstsein im Sinne von Wachzustand und von Erleben sind die beiden Aspekte, mit denen wir uns nach der Auflistung weiterer Begriffsbedeutungen besonders beschäftigen werden.

Bewusstsein als (latentes) Wissen
In der Umgangssprache wird „Bewusstsein“ auch genereller verwendet. Beispielsweise bin ich mir schon seit dem Frühstück bewusst, dass ich heute abend noch meditieren will, auch wenn ich nicht den ganzen Tag daran gedacht habe.

Im Folgenden seien ein paar weitere Bedeutungen des Begriffs Bewusstsein im Sinne von Selbstbewusstsein genannt.

Selbstbewusstsein als Selbstsicherheit oder Selbstvertrauen
Wir sprechen von Selbstbewusstsein, wenn es darum geht, wie viel Vertrauen wir in unsere eigene Person haben. Jemand, der sehr selbstsicher vor vielen Menschen spricht, hat demnach ein gutes Selbstbewusstsein. Spricht er dagegen die ganze Zeit nur von sich selbst, hat er vielleicht ein überzogenes Selbstbewusstsein.

Selbstbewusstsein als Selbsterkennen
Die Fähigkeit sich selbst zu erkennen, also eine Vorstellung oder ein Konzept von der eigenen Person zu haben, wird ebenfalls als Selbstbewusstsein bezeichnet. In der Entwicklungspsychologie wird das Vorhandensein dieses Konzepts an der Fähigkeit, sich selbst im Spiegel zu erkennen, fest gemacht. Gemeinhin geht man davon aus, dass Kinder ab einem Alter von 18 Monaten sowie Schimpansen und Orang-Utans dazu in der Lage sind, andere Affen dagegen nicht.

Selbstbewusstsein als Bewusstsein unseres Bewusst-Seins
Weiterhin können wir uns unserer eigenen geistigen Zustände bewusst sein. Sie helfen uns unser eigenes Verhalten zu erklären: Unsere Wünsche, Vorstellungen, Hoffnungen und Überzeugungen geben vielen unserer Gespräche erst die richtige Würze.

Wie diese kurze, sicherlich unvollständige Auflistung zeigt, gibt es viele Bedeutungen des Begriffs Bewusstsein und es ist wichtig, sich klar (oder bewusst) zu machen, worüber man redet, bevor man in eine Diskussion einsteigt.

 

BEWUSSTSEIN IN DER HIRNFORSCHUNG
Ein großer Bereich der Bewusstseinsforschung beschäftigt sich damit, die neuronalen Grundlagen von Schlaf und Wachzustand zu untersuchen. Dabei haben sich zwei Hauptströmungen entwickelt: die Messung der elektrischen Hirnaktivität, die mit bestimmten Bewusstseinszuständen einhergeht und die Entdeckung, dass bestimmte Strukturen des Gehirns maßgeblich an der Regulierung verschiedener Bewusstseinszustände beteiligt sind. Im Jahre 1929 publizierte der in Jena arbeitende Österreicher Hans Berger den Aufsatz „Über das Elektroenkephalogramm des Menschen“. In dieser Arbeit führte er die aus dem Ende des 19. Jahrhunderts stammenden Entdeckungen des Liverpooler Arztes Richard Caton fort. Caton hatte mit einfachsten Mitteln elektrische Signale an der Oberfläche des Gehirns von Tieren gemessen und festgestellt, dass sich diese verändern, wenn Licht in das Auge des Tieres fiel. Berger übertrug nun diese Befunde auf den Menschen, indem er elektrische Messungen auf der Kopfhaut seines dafür kahl geschorenen Sohnes Klaus vornahm. Obwohl ihn seine Entdeckungen weltberühmt machten, wurde er 1938 von den Nazis gezwungen, sein Labor zu schließen. Nach weiteren tragischen Geschehnissen nahm sich Berger im Jahr 1941 das Leben. Bergers Ziel war es, die physiologische Basis von Bewusstsein zu erforschen und sein erster Aufsatz dazu endete mit einer Reihe von Fragen, die nachfolgende Generationen von Wissenschaftlern beschäftigten und noch immer beschäftigen: In welcher Weise ist das EEG beeinflusst durch sensorische Stimulation, durch Schlaf, durch bewusstseinsverändernde Drogen und durch intellektuelle Aktivität?

Berger unterschied zwei Rhythmen, die während des Wachzustands auftreten können: den Alpha-Rhythmus mit einer Frequenz von 813 Hz, der das „passive EEG“ kennzeichnet und normalerweise bei geschlossenen Augen aufgezeichnet wird, sowie den Beta-Rhythmus mit Frequenzen über 13 Hz, der geistige Aktivität kennzeichnet. Bald stellte sich heraus, dass langsamere Rhythmen (Teta-Wellen mit 47 Hz und Delta-Wellen mit weniger als 3,5 Hz) Zustände reduzierter Erregung oder Aktivierung charakterisieren.
Ein paar Jahrzehnte später wurde entdeckt, dass während des Schlafs mehrere sogenannte „Rapideyemovement“-Phasen (REM-Phasen) auftreten, Phasen, die durch schnelle Augenbewegungen (bei geschlossenen Augen) gekennzeichnet sind und in denen Personen verstärkt träumen. Das EEG während dieser Phasen ähnelt weitgehend dem EEG im Wachzustand, während in Nicht-REM- Phasen die langsamen Delta-Rhythmen vorherrschen, weshalb diese Phasen auch als „slow wave sleep“ bezeichnet werden.

Darüber hinaus wurde in einigen Studien beleuchtet, in welcher Weise Meditation das vorherrschende EEG-Muster beeinflusst. Prinzipiell hat sich dabei gezeigt, dass Meditation sehr spezifische Merkmale aufweist, die sich deutlich von Zuständen von Entspannung, Schlaf, Hypnose und dem normalen Wachzustand unterscheiden. Eine umfangreiche Studie mit mehreren meditationserfahrenen Zen-Buddhisten zeigte beispielsweise, dass kurz nach Beginn ihrer Meditation auch bei offenen Augen Alpha-Rhythmen mehr und mehr vorherrschten, sich in ihrer Intensität verstärkten und ihre Frequenz auf etwa sieben bis acht Wellen pro Sekunde (7-8 Hz) absank, ein Muster, das man bei „Otto Normalverbraucher“ nicht findet. Zudem gab es eine hohe Übereinstimmung zwischen diesen Veränderungen im EEG und der Einschätzung der Meditationserfahrung durch einen Zen-Meister.
Es ist jedoch noch einiges an Forschung notwendig, um ein wirklich klares Bild davon zu bekommen, welche Arten der Meditation welche Veränderungen in der Hirnaktivität bewirken und welche Bedeutung diese Veränderungen haben.
Die Erforschung dieser verschiedenen Aktivierungs- und Bewusstseinszustände beinhaltet zudem, welche Gehirnstrukturen an ihrer Regulierung beteiligt sind, welche Prozesse auf der Ebene von Nervenzellen ablaufen und welche chemischen Substanzen dabei eine Rolle spielen. Obwohl es sich hier um ebenfalls sehr bedeutende Gebiete handelt, werde ich nicht weiter darauf eingehen, da eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Thema ein zu großes Maß an Kenntnissen voraussetzen würde und damit den Rahmen sprengen würde.

Während wir uns bisher hauptsächlich damit beschäftigt haben, wie sich unterschiedliche (Wach-)Zustände des Bewusstseins in messbarer Hirnaktivität niederschlagen, kommen wir jetzt zu einem meiner Meinung nach noch spannenderen Thema, den Inhalten des Bewusstseins. Insbesondere die Erforschung der visuellen Wahrnehmung hat ein äußerst umfangreiches und detailliertes Verständnis der neuronalen Mechanismen, die mit dem Auftreten von verschiedensten Bewusstseinsinhalten einher gehen, hervorgebracht. So weiß man heute, dass mindestens 30-40 funktionelle und anatomische Hirnregionen an visueller Wahrnehmung beteiligt sind und dass die visuelle Information in parallelen aber miteinander verschalteten Strömen durch diese Areale „fließt“. Weiterhin hat man Hirnregionen gefunden, die bei der Verarbeitung sehr spezifischer Information aktiv sind. So gibt es die sogenannte „fusiform face area“ und die „parahippocampal place area“. In der ersten Region erhöht sich die gemessene Hirnaktivität, wenn ein Versuchsteilnehmer auf Gesichter zu achten hat, in der zweiten Region dagegen, wenn Orte z.B. Abbildungen von Gebäuden zu beachten sind. Diese spezifische Aktivierung ist sogar feststellbar, wenn es sich um transparente, sich überlagernde Bilder von Gesicht und Haus handelt und nur die Aufmerksamkeit entweder auf das eine oder das andere zu richten ist.
Auf dieser Verarbeitungsstufe, so kann man schließen, korreliert die Hirnaktivität also mehr mit den Inhalten des Bewusstseins als mit den physikalischen Eigenschaften des Stimulus. Aus solchen und einer Vielzahl weiterer Experimente leiten Neurowissenschaftler ihre Gewissheit ab, dass sich jede Veränderung im Erleben oder Verhalten in einer Veränderung im Muster neuronaler Aktivität wiederfinden lässt.
Weiterhin wird zwischen impliziten und expliziten neuronalen Prozessen unterschieden. Während explizite Prozesse direkt zu bewusster Wahrnehmung führen, erlauben implizite Prozesse eine Reaktion auf einen Reiz, der bewusst nicht wahrgenommen wird! Ein klassisches Beispiel hierfür ist das sogenannte „Blindsehen“ (engl.: blindsight). Die Zerstörung eines Teils der primären Sehrinde führt zur Blindheit im entsprechenden Abschnitt des Gesichtsfeldes. Trotzdem sind manche Patienten in der Lage in diesem Bereich zu sehen ohne es jedoch zu wissen. Wenn man ihnen z.B. abwechselnd „X“ und „O“ in das blinde Gesichtsfeld projizierte, bestritten sie, irgendetwas gesehen zu haben. Wurden sie dann aber aufgefordert, trotzdem zu raten, ob ein X oder O gezeigt wurde, war ihre Trefferrate deutlich überzufällig. Auf diese Weise konnte die (unbewusste) Unterscheidung von Positionen, Bewegungen, einfachen Formen und Farben nachgewiesen werden. Während diese Fähigkeit für Patienten jedoch kaum von praktischem Wert ist, da sie sich im Alltag nicht bewusst abrufen und einsetzen lässt, ist sie für das Verständnis der Sehprozesse und des damit verbundenen Bewusstseins sehr von Bedeutung. Vor kurzem wurde in einer Studie verglichen, welche Hirnareale bei einem Blindsicht-Patienten aktiv sind, wenn eine derartige Unterscheidung bewusst stattfinden kann und wenn sie nur unbewusst erfolgen kann. Die Ergebnisse zeigen, dass es sich nicht um einen quantitativen Unterschied also mehr oder weniger Aktivität in einer Hirnregion handelt, sondern dass sehr unterschiedliche Regionen an der bewussten und unbewussten Wahrnehmung beteiligt sind. Mit Befunden dieser Art hofft man, ein klareres Verständnis davon zu erlangen, was bewusste und unbewusste Prozesse auszeichnet. Zurzeit befindet sich dieser Ansatz jedoch noch sehr in den Kinderschuhen und es bleibt abzuwarten, ob sich derartige Ergebnisse bestätigen lassen.

Dieser kurze Überblick sollte einen Eindruck davon vermitteln, mit welchen Mitteln in den Neurowissenschaften versucht wird, Wahrnehmungs- und Bewusstseinsprozesse zu verstehen. Doch wenden wir uns nun dem zu, wie das Auftreten von Bewusstsein genau erklärt wird:
Was ist Bewusstsein und wie entsteht es?

NEUROBIOLOGISCHE THEORIEN DES BEWUSSTSEINS
Basierend auf dem ständig wachsenden Wissen über Hirnmechanismen, die an bewusster und unbewusster Wahrnehmung beteiligt sind, haben einige Wissenschaftler begonnen, Theorien zu entwickeln, welche Aspekte dieser Gehirnaktivität für das Auftreten von Bewusstsein verantwortlich sind. Obwohl in der Regel von „neuronalen Korrelaten von Bewusstsein“ (engl.: neural correlates of consciousness, NCC) gesprochen wird, besteht häufig die Vorstellung, dass die entsprechenden Hirnprozesse in der Tat die Ursache für Bewusstsein sind. Wenn es auch verschiedene Ideen gibt, wie Bewusstsein genau entsteht, stimmen einige der Theorien doch darin überein, dass es eine bestimmte Art oder ein bestimmtes Muster der über das Gehirn verteilten neuronalen Aktivität sein muss, das entscheidend für Bewusstsein ist. Der momentan am meisten favorisierte Kandidat dafür ist neuronale Aktivität, die sich in einem Frequenzbereich von etwa 30 90 Hz (dem sogenannten Gamma-Band) synchronisiert, bei der sich also eine große Anzahl von Nervenzellen gleichzeitig 30 bis 90 mal pro Sekunde elektrisch entladen („feuern“). Die Informationsübertragung durch Synchronisation von Nervenzellen hat vielerlei Vorteile. Beispielsweise kann jede Nervenzelle dynamisch an vielen Prozessen teilnehmen. Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass das synchrone Feuern für die Wahrnehmung von Objekten sehr bedeutsam ist. Dazu ein vereinfachendes Beispiel: Wir sehen einen roten Kreis. Da Farbe (rot) und Form (Kreis) von unterschiedlichen Neuronengruppen verarbeitet werden, ergibt sich das sogenannte „binding problem“: Wie werden die unterschiedlichen Merkmale zusammengebracht oder gebunden, so dass wir einen roten Kreis erleben? Man vermutet, dass dies durch die Synchronisation der beteiligten Neuronengruppen im Gamma-Band-Bereich geschieht. Mein Kollege, Thomas Gruber, hat mir freundlicherweise die Daten eines Experiments, welches er zu diesem Thema durchgeführt hat, zur Verfügung gestellt. Er präsentierte den Versuchspersonen Strichzeichnungen verschiedener Objekte. In wiederholten Präsentationen waren diese Zeichnungen dann so weit fragmentiert, dass das Objekt gerade noch erkennbar war oder nicht mehr erkennbar war. Gleichzeitig wurde mit einem Netz von 128 Elektroden (EEG) die elektrische Aktivität auf der Kopfhaut der Versuchspersonen registriert. Wie die Abbildung nebenan zeigt, war in dem Fall, in dem das Objekt gerade noch erkennbar war, eine deutliche Erhöhung der Synchronisation im Gamma-Band feststellbar, während bei nicht erkannten Objekten kaum eine Zunahme der Synchronisation auftrat. Führte die Darbietung eines Reizes zur Objekterkennung, so gab es also eine erhöhte Gamma-Synchronisation, die es nicht gab, wenn kein Objekt erkannt wurde.

Wolf Singer, der Leiter des Max Planck Instituts für Gehirnforschung in Frankfurt (Main), ist einer der Hauptverfechter der Anschauung, dass diese Gamma-Synchronisation eine entscheidende Rolle bei Mechanismen, die Sehbewusstsein ermöglichen, spielt.

KORRELATE SIND KEINE URSACHEN
Die grundlegende und selten hinterfragte Sichtweise in den Neurowissenschaften ist, dass das Gehirn die Grundlage von allen messbaren und nichtmessbaren geistigen Prozessen ist. Darauf aufbauend führen die oben geschilderten Beobachtungen fast zwangsläufig zu dem Schluss, dass derartige Vorgänge im Gehirn tatsächlich die Ursache für Bewusstsein sind. Möchte man es jedoch etwas genauer wissen, so stellt man fest, dass es keine überzeugenden Vorschläge gibt, in welcher Weise physiologische Abläufe, die mit Bewusstseinsprozessen einher gehen, diese verursachen könnten. Obwohl man glauben mag, dass mit einem Erforschen der neuronalen Korrelate des Bewusstseins die Frage nach seiner Ursache zu beantworten sei, bleibt völlig ungeklärt, wie ein materieller Prozess ein geistiges Resultat hervorbringen kann.
In der buddhistischen Philosophie wird dagegen die grundlegende Anschauung, Materie als Ursache für Geist zu sehen, hinterfragt. Jeder Nachweis von Materie ist ja letztendlich ein Bewusstseinsprozess. Von einem Objekt (Materie, Gehirn), das unabhängig von einem beobachtenden, experimentierenden, analysierenden Beobachter (Subjekt) existieren würde, kann man daher gar nicht sprechen. Zudem zeigt die Physik und hier insbesondere die Quantenphysik deren Ziel es ist, die Grundprinzipien der materiellen Welt zu entschlüsseln, dass die Vorstellung von solider Existenz eigentlich eine extreme Vereinfachung der Wirklichkeit ist und unsere Entweder-Oder-Vorstellungen im Mikrokosmos eigentlich nicht uneingeschränkt gelten. Gemäss Heisenbergs Unbestimmtheitsrelation lässt sich die Bewegungsbahn eines Teilchens, die sich aus Ort und Geschwindigkeit (genauer gesagt Impuls, dem Produkt aus Geschwindigkeit und Masse) zusammensetzt, nicht eindeutig bestimmen. Je genauer wir den Ort bestimmen, um so weniger ist die Geschwindigkeit bestimmt und umgekehrt. Ein Teilchen befindet sich also nicht eindeutig entweder in einem oder in einem anderen Zustand, sondern der Messprozess, die Frage die wir stellen, entscheidet, was für eine Antwort wir über den Zustand eines Teilchens bekommen. Offensichtlich wird hier, wo man sich nicht mit der groben Erscheinungsweise der Phänomene zufrieden gibt, sondern mehr und mehr ihre Essenz erforscht, die Vorstellung von letztendlicher, fest definierter Seinsweise der kleinsten Bausteine der materiellen Welt in Frage gestellt. Sie weisen mehrere noch nicht realisierte Möglichkeiten auf und erst der Messprozess entscheidet, was wir beobachten werden. Wie kann etwas, das selbst keine unabhängigen Eigenschaften besitzt, Grundlage unabhängiger Existenz sein? Auch einer logischen Analyse hält die Vorstellung, es gäbe kleinste, unteilbare Teilchen nicht stand. Unteilbare Teilchen dürften keine Eigenschaften wie eine Ausdehnung, Richtungen in die sie sich erstrecken, verschiedene Seiten usw., aufweisen. Hätten sie diese Eigenschaften, wären sie weiter teilbar. Weisen sie diese Eigenschaften jedoch nicht auf, können sie sich niemals zu gröberen Objekten anordnen, da sie sich ohne Eigenschaften wie „oben“, „unten“ usw. niemals zu einer Form zusammenfinden könnten.
Jeder Versuch Materie nachzuweisen, stellt einen Bewusstseinsprozess dar. Da Materie also unabhängig von Bewusstsein niemals auftreten kann, erscheint die Idee, das (materielle) Gehirn sei die Grundlage von allem inklusive Bewusstein, äußerst willkürlich. Sie kommt dadurch zustande, dass unser Geist eine enorm starke Gewohnheit hat, nach außen zu schauen, während er keine Erfahrung darin hat, sich selbst zu erleben. Den außen erlebten Phänomenen sprechen wir daher mehr Realität zu als dem inneren Raum oder Geist, der dies alles erfährt.
Da Materie niemals unabhängig von Bewusstsein auftritt, in Meditation aber Bewusstseinszustände auftreten können, in denen wir bewusst sind, ohne uns einer Sache bewusst zu sein, fällt es einem meditierenden Buddhisten nicht schwer, Geist und Bewusstsein als Grundlage aller Erlebnisse anzusehen. Um eine solche Sichtweise auch einem nicht meditierenden Wissenschaftler näher zu bringen, wäre jedoch ein wissenschaftlicher Nachweis, dass Bewusstsein unabhängig von Materie dem Gehirn existieren kann, ein äußerst schlagkräftiges Argument. Interessanterweise kommen uns hier Untersuchungen aus Großbritannien zur Hilfe. Forscher interviewten eine Vielzahl von Patienten, die einen Herzstillstand erlitten hatten, aber wiederbelebt werden konnten. Ein Herzstillstand wird allgemein als der Zustand angesehen, der uns am dichtesten an den wirklichen Tod bringt. Von besonderem Interesse für den Zusammenhang zwischen Gehirn und Bewusstsein ist dabei die Tatsache, dass etwa 10 20 Sekunden nach Aussetzen des Herzens keine messbare Hirnaktivität mehr feststellbar ist.
Obwohl dem so ist, erinnerten sich etwa zehn Prozent der Befragten Patienten an Erlebnisse aus der Zeit während des Herzstillstands. Die meisten dieser Erinnerungen fallen dabei in den Bereich der schon katalogisierten sogenannten Nahtoderfahrungen, wie dem Sehen eines Tunnels, eines hellen Lichts, verstorbener Verwandter oder mystischer Wesen, sowie auch dem Erlebnis außerhalb des eigenen Körpers zu sein und alles von oben zu sehen. Das Auftreten klarer, wohlstrukturierter Gedankenprozesse zusammen mit Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprozessen zu einem Zeitpunkt, zu dem es keine messbare Gehirnaktivität mehr gibt, lässt sich mit den allgemein üblichen Deutungen von Nahtoderfahrungen nur schwer erklären. Halluzinationen beispielsweise, die durch verschiedene Substanzen ausgelöst sein können, treten üblicherweise nur in einem funktionierenden Gehirn auf. Außerdem weiß man, dass Gedankenprozesse an die Interaktion mehrerer Hirnareale gebunden ist, die sicherlich in diesem Zustand nicht mehr möglich sind. Weiterhin wird in der Medizin das Erinnerungsvermögen als ein sehr genauer Indikator für die Schwere einer Hirnschädigung angesehen, wobei normalerweise keine Erinnerungen für Ereignisse kurz vor und nach der Schädigung vorhanden sind. Von diesem Gedächtnisverlust sollten daher auch die Erinnerungen während des Herzstillstands betroffen sein. Diese und weitere Argumente lassen sich gegen die üblichen Erklärungen von Nahtoderfahrungen anbringen, wobei jedoch nicht völlig ausgeschlossen werden kann, dass es sich bei den berichteten Erinnerungen um nachträgliche (wenn auch unbewusste) Rekonstruktionen handelt. Nicht anfechtbar und äußerst überzeugend ist meiner Meinung nach jedoch das Argument, dass sich einige Patienten daran erinnern konnten, was während der Zeit des Herzstillstands und der Wiederbelebungsversuche um sie herum passierte; Erinnerungen, die vom anwesenden Krankenhauspersonal als zutreffend bestätigt wurden. Hier waren also Patienten in der Lage zu berichten, was um sie herum vor sich ging, selbst während ihr Gehirn all die Funktionen, die angeblich für Bewusstseinsprozesse verantwortlich sind, mit Sicherheit nicht ausführen konnte. Wäre das Gehirn die Ursache für Bewusstsein, wären solche Erinnerungen nicht möglich.

Die bisher gefüllten Seiten sollten einen Eindruck davon vermitteln, wie in den Neurowissenschaften heute mit dem Thema Bewusstsein umgegangen wird. Mit Sicherheit ist die Darstellung unvollständig und an einigen Stellen stark vereinfacht. Zudem teilt nicht jeder Hirnforscher die hier vorgestellten Ansichten. Beispielsweise gibt es neuere Ansätze, die sich in der Zukunft vielleicht als wichtig und spannend herausstellen. So sind einige Wissenschaftler auf ein großes Ungleichgewicht in ihrer Forschung aufmerksam geworden. Während es ein umfassendes und systematisches Detailwissen über unterschiedlichste Hirnprozesse gibt, ist das Wissen über den Aspekt, der eigentlich erklärt werden soll, sehr begrenzt. Über das Erleben selbst wissen wir vergleichsweise wenig und verlassen uns darauf, dass jeder in etwa das gleiche erlebt, wenn er den gleichen Reizen ausgesetzt wird. Von einer detaillierten Systematik des Erlebens ist die Wissenschaft weit entfernt. Die interessante Schlussfolgerung einiger Forscher ist, Meditation als über Jahrtausende erprobtes und systematisiertes Werkzeug zur Erforschung des Erlebens einzusetzen! Es bleibt abzuwarten, ob dieser Ansatz breitere Anerkennung findet und sich die Labore der Hirnforscher mit meditierenden Versuchspersonen füllen.

Was fangen wir nun mit all dem Gesagten an? Ich hoffe, es ist deutlich geworden, dass die Neurowissenschaften enorme Fortschritte im Verständnis der Hirnprozesse, die mit unserem Erleben korrelieren, gemacht haben. Diese Erkenntnisse werden unter anderem sehr hilfreich sein, um intelligentere Roboter zu bauen. In der Medizin wird das Wissen sehr erfolgreich bei der Entwicklung von Kochleaimplantaten und künstlichen Netzhäuten eingesetzt, die helfen Menschen wieder Hören und Sehen zu lassen.
Wenn wir jedoch unseren Geist und unser Bewusstsein verstehen wollen, dann, so sollte klar geworden sein, ist ein wissenschaftlicher Zugang nicht ausreichend. Diskussionen des Themas können hilfreich sein (und ich hoffe, diese ist es auch) Missverständnisse auszuräumen und eine klarere Sichtweise zu entwickeln, wie sich unser Geist und seine Funktion Bewusstsein nicht erklären lassen. Sie sollten eine Gewissheit vermitteln, dass jeder Ansatz, der darauf beruht, Subjekt und Objekt als getrennte Einheiten zu betrachten nur eine begrenzte Aussagekraft haben kann. Dagegen kommt wirkliche Erkenntnis genau dann zum Vorschein, wenn wir all dies gehen lassen können, um in dem zu verweilen, was wirklich ist. Wenn wir bewusst sind, ohne einer Sache bewusst zu sein, wenn ein natürlicher nicht an Konzepten und Vorstellungen haftender Zustand eintritt, wird plötzlich die grundlegende Seinsweise aller Phänomene erlebt daher: meditiert! 


PETER MALINOWSKI, geb. 1964 promovierter Diplompsychologe, tätig in der Hirnforschung. Seit 1990 Schüler von Lama Ole Nydahl, bis 1998 Aufbau des Zentrums in Braunschweig, danach Mitarbeit im Zentrum Konstanz. Seit 2001 Aufbau des nächsten Zentrums, diesmal in Liverpool, reist als Lehrer seit 1994