Aus: Buddhismus Heute Nr. 35, (Winter/Frühjahr 2003)

Ein Baum mit tiefen Wurzeln - Teil 2

Buddhismus im deutschen Kulturkreis - Von Michael den Hoet

In der Zeit des "Dritten Reichs" blieb der Buddhismus in Deutschland eine weit gehend unauffällige Erscheinung. 1933 war es noch möglich, den ersten Europäischen Buddhistischen Kongress in Berlin zu veranstalten (initiiert übrigens von einem NSDAP-Mitglied). Nicht lange danach verließen die ersten Buddhisten jüdischer Herkunft das Land Siegmund Feniger (Nyânaponika) etwa, der 1935 auswanderte und in Ceylon Schüler des bekannten Nyânatiloka wurde.

Auch wenn es durchaus Buddhisten mit zeitweiligen Sympathien für nationalsozialistische Ideen gab, blieb der Buddhismus in Deutschland unpolitisch. Bereits 1920 hatte die "Zeitschrift für Buddhismus" angekündigt, das Hakenkreuz ein im Alten Indien gebräuchliches Symbol nicht mehr zu verwenden, solange es "von politischen Parteien als Kampfeszeichen geführt wird". Adolf Hitlers NSDAP war kurze Zeit vorher gegründet worden.
Während des Zweiten Weltkrieges kam es zu Repressionen gegen die 1922 von Martin Steinke (Tao Chün, 1882-1966) ins Leben gerufene "Gemeinde um Buddha" in Berlin bzw. Potsdam. Mitglieder wurden 1941 für kurze Zeit verhaftet und verhört, die Bewegung verboten, ihre Bibliothek beschlagnahmt. Auch im Buddhistischen Haus Berlin-Frohnau kam es zu Hausdurchsuchungen und Beschlagnahme von Schriften. Gruppen in anderen Städten Deutschlands schliefen ein.

NACH DEM ZWEITEN WELTKRIEG
Die gesellschaftliche Zäsur von 1945 spiegelte sich auch in der Entwicklung des Buddhismus in Deutschland bzw. den deutschsprachigen Ländern wieder. Der Deutsche Buddhismus zwischen Jahrhundertwende und dem Zweiten Weltkrieg war von recht charismatischen Persönlichkeiten zumeist aus der oberen Mittelschicht der Gesellschaft geprägt gewesen, die Inspiration im Buddhismus suchten, ohne eigene kulturelle Wurzeln zu verleugnen. Doch auch diese konnten nicht mehr leisten, als der Zeitgeist und die individuellen Voraussetzungen zuließen. Die Gefahr, dass sich buddhistischer Dharma mit persönlichen Auffassungen seiner Repräsentanten mischte, war nicht zu verkennen. Beziehungen zu authentischen und erfahrenen Lehrern aufzubauen schien fast unmöglich, es sei denn, man siedelte nach Asien über. Die öffentliche Wirkung war entsprechend gering geblieben.

Allerdings waren Verbindungen geschaffen worden, an die beim Neuanfang unter veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen angeknüpft werden konnte. Waren bisher die "Ursprünglichen Lehren" des Theravada vorherrschend gewesen, so entstanden in den nächsten Jahren Gruppen, die den "Großen Weg" (Mahayana) vertraten. Entscheidend hierfür sollte der verbesserte Kontakt zu qualifizierten Lehrern aus Asien werden. Die Meditation selbst erhielt nach und nach einen größeren Stellenwert. Unterschiede zwischen zentraleuropäischer Kultur und asiatischen Traditionen blieben zwar unübersehbar, doch wurde der Buddhismus in Deutschland, Österreich und der Schweiz in den nächsten Jahrzehnten allmählich zugänglicher.

Noch in den 1940er Jahren wurden in Berlin, Hamburg und München buddhistische Gruppen wieder belebt, die sich in den folgenden Jahren auch als Vereine konstituierten. In Norddeutschland vermochte ab 1948 Paul Debes (geb. 1906) ein Netzwerk buddhistischer Kreise in Hamburg, Lübeck, Hannover, Kiel und Celle aufzubauen. In Wien kam es 1949 zur Gründung der "Buddhistischen Gesellschaft Wien". Weitere Gemeinschaften folgten, so auch in der Schweiz, wo allerdings die Tendenz der Absonderung stets ein wenig größer gewesen war. 1955 wurde die "Deutsche Buddhistische Gesellschaft" (DBG) von einer Hand voll Gruppen und Einzelpersonen gegründet. Sie sollte als Verbindungsglied zwischen den verschiedenen Gemeinschaften fungieren, als öffentlicher Ansprechpartner in Sachen der buddhistischen Lehre dienen und internationale Kontakte erleichtern. Diese Gründung war nicht zuletzt eine Reaktion auf die Verhältnisse in den 1920er und 30er Jahren, als sich verschiedene Gruppen untereinander nicht grün waren und in hohem Maße an der Gesellschaft vorbei agierten.

DIE GRÜNDUNG DER DBU
1958 wurde die DBG unter dem neuen Name "Deutsche Buddhistische Union" (DBU) in einen Dachverband umgewandelt. Sie wurde eine nützliche und in den nächsten Jahrzehnten durchaus erfolgreiche Einrichtung. Da bei ihr von Anfang das bewahrende Element eine große Rolle spielte, hat sie es aber nicht immer leicht gehabt sich auf neue buddhistische Trends einzustellen. Das von der DBU vorgegebene Modell eines Dachverbandes wurde später auch auf die Schweiz und Österreich übertragen: 1976 fand sich die Schweizerische Buddhistische Union (SBU) zusammen, 1983 ging die Konstituierung der Österreichischen Buddhistischen Religionsgemeinschaft (ÖBR) mit der offiziellen Anerkennung durch den Staat einher. Auch in Deutschland ist die Anerkennung der Dachorganisation deutscher Buddhisten als Körperschaft öffentlichen Rechts wiederholt diskutiert worden. Mitte der 1980er Jahre trafen Angehörige der DBU Vorbereitungen dazu; auch ein Text für das gesetzlich geforderte "Glaubensbekenntnis" wurde verfasst.
Staatliche Stellen signalisierten dann aber, man wolle zunächst die Entwicklung der nächsten Jahre abwarten. 1975 war in Paris die Europäische Buddhistische Union (EBU) gegründet worden. Sie veranstaltet jährliche Tagungen und ist Ansprechpartner internationaler Organisationen. In der UNESCO, der Wissenschafts-, Erziehungs- und Kulturorganisation der Vereinten Nationen ist sie inzwischen selbst Mitglied.

Hamburger Buddhisten gründeten 1962 im schleswig-holsteinischen Roseburg (nahe Mölln) die wohl erste ländliche buddhistische Begegnungsstelle Deutschlands. "Die wissenschaftlichen Arbeiten in diesem Haus solle dazu dienen, die Lehre Buddhas tiefer zu erschließen. Außerdem sollte diese Stätte Keimzelle für einen buddhistischen Orden in Deutschland werden und Mönchen Unterkunft bieten", war in den Statuten der Gesellschaft "Haus der Stille e. V." zu lesen. Roseburg sollte in den nächsten Jahren eine wichtige Anlaufstelle für Buddhisten unterschiedlicher Couleur werden. Verschiedene Zweige des Buddhismus gaben hier ihr Debüt auf deutschem Boden. Für Österreich und Süddeutschland entstand 1975 im niederösterreichischen Scheibbs eine vergleichbare Einrichtung. Mittlerweile besitzen die meisten der später entstandenen Richtungen eigene Zentren und Zurückziehungsstellen.

In den ersten zwei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg war die buddhistische Szene in Deutschland sehr überschaubar geblieben. Doch ähnlich einem Baum, bei dem Äste in verschiedene Richtungen anfangen zu wachsen, sobald der Stamm erst hoch genug ist, bildeten sich im Laufe der Jahre neue Zweige heraus. Insbesondere zwei, die bald an Stärke gewinnen sollten, seien hier ein wenig näher betrachtet: Der Zen-Buddhismus und der Tibetische Buddhismus bzw. Diamantweg-Buddhismus mit seinen verschiedenen Schulen.

ZEN-BUDDHISMUS
Die ersten ernst zu nehmenden Kontakte mit dem Zen-Buddhismus fallen in die 1920er Jahre, als in Heidelberg protestantisch-christliche Religionsforscher in Aufsätzen versuchten sich der Denkweise des Zen zu nähern. Bald griff das Interesse auf das Philosophie-Institut der dortigen Universität über, wo auch der später sehr bekannte Eugen Herrigel lehrte. Ein akademischer Austausch mit japanischen Nachwuchswissenschaftlern brachte u.a. Professor Shuej Ohasama, einem praktizierenden Laien der Rinzai-Zen Tradition, an den Neckar. 1925 gab er, zusammen mit dem in Marburg lehrenden August Faust (1895-1945), das erste Buch mit ausgewählten Zen-Texten in deutscher Sprache heraus.

Jahre später waren es ausgerechnet zwei Christen, die im Zuge ihrer Missionsarbeit in Japan die Methoden des Zen kennen bzw. schätzen lernten und in Zentraleuropa Interesse weckten: der Jesuit Heinrich Dumoulin (1905-?), der sich in Tokio als Religionswissenschaftler einen Namen machte und gute Bücher zur Kulturgeschichte des Zen verfasste, sowie Hugo M. Enomiya-Lasalle (1898-1990). Pater Lasalle, als Vikar von Hiroshima Überlebender des ersten Atombombenabwurfs am 6. August 1945 und späterer Erbauer der dortigen Weltfriedenskirche, sah in fernöstlicher Meditation ein großes Potenzial für den Westen. Nachdem ihn seine Zen-Lehrer ermächtigt hatten seine Erfahrungen in gewissem Umfange weiter zu vermitteln, gab er ab 1968 Zen-Kurse in Benediktiner-Abteien sowie an anderen Stellen. Sein Versuch einer Synthese zwischen christlicher Religion und buddhistischen Meditationsmethoden trug ihm viel Anerkennung, bisweilen aber auch den Ruf einer "fünften Kolonne" des Vatikan ein.

EINFLÜSSE AUF THERAPIE UND PSYCHOLOGIE
Durch Zen kamen Therapie und Psychologie mit Buddhismus in Berührung. Der aus vornehmen Hause stammende Karlfried Graf von Dürckheim (1896-1988) war in den 1930er Jahren als Kulturattachè des Deutschen Reiches nach Tokio gekommen. Reuevoll wegen seiner früheren Loyalität zum nationalsozialistischen Regime kehrte der habilitierte Psychologe 1947 nach Deutschland zurück und gründete wenige Jahre später im Schwarzwald die "Existentialpsychologische Bildungs- und Begegnungsstätte Rütte". Die von ihm und seiner Frau entwickelte "initiatische Therapie" griff buddhistische Inhalte auf. Daneben betätigte sich Graf Dürckheim auch als Autor in Sachen Zen.
Die psychologische Schärfe des Zen-Buddhismus schätzte auch der Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung (1875-1961), berühmt für seine Weg weisenden Forschungen zum Unter- bzw. Unbewussten im Menschen. Der deutschen Übersetzung des Buches "Die große Befreiung" des bedeutenden Zen-Gelehrten T. D. Suzuki widmete er ein Vorwort, in dem er seine Kollegen ermahnte, sich nicht zu sehr auf den Rationalismus der westlichen Wissenschaft zu beschränken. Von der durchaus anspruchsvollen Sichtweise des Zen könnte man dabei viel lernen: "Den aufmerksamen Leser möchte ich davor warnen, die Geistigkeit des Ostens zu unterschätzen und irgend etwas billiges hinter Zen zu vermuten. [...] Dagegen fordert Zen Intelligenz und Willenskraft." Jung, der 1938 auf einer Indienreise buddhistische Stellen besucht hatte, äußerte sich sehr positiv über verschiedene buddhistische Schriften, wie etwa das Tibetische Totenbuch.

1956 entstand in Berlin mit der "Buddhistischen Gemeinschaft Jodo Shinshu" die wohl erste Vereinigung für japanischen Buddhismus in Deutschland. Sie war eine "Reine Land Schule", in der regelmäßige Anrufungen (Pujas) an den "Buddha des Grenzenlosen Lichts" (japan. Amida) gemacht wurden. Elf Jahre später schlief die Gruppe praktisch ein. Der Besuch von Meister Hakum Yasutani (1885-1973) bei der Buddhistischen Gesellschaft Hamburg im Jahre 1963 regte in Deutschland die Nachfrage nach authentischer Zen-Meditation an. Ab Herbst 1964 fanden in Roseburg regelmäßige Seminare statt, die in den ersten Jahren von Fritz Hungerleider (geb. 1920) geleitet wurden. Der Österreicher mit jüdischen Vorfahren, 1938 vor den Nazis nach China geflohen, war in Shanghai mit östlicher Philosophie in Kontakt gekommen, hatte bald darauf Zen gelernt und 1961 in Japan Lehrerlaubnis erhalten. Während es in den USA bereits in den sechziger Jahren eine Vielzahl von Zen-Vereinigungen gab, nahm in der Bundesrepublik ab 1971 das Interesse an Zen-Veranstaltungen schlagartig zu. In Berlin (West), Hamburg, Frankfurt/Main und anderswo etablierten sich stabile Gruppen. Mittlerweile sind praktisch alle wichtige Schulen des Zen mit Wurzeln in Japan, Korea, China und Vietnam im deutschen Sprachraum vertreten. Sie sind dem Großen Weg (Mahayana) zuzuordnen. Zu einem guten Teil werden im Zen auch formlose Meditationsmethoden des Diamantweg (Vajrayana) gelehrt.

EINE GESELLSCHAFT IM UMBRUCH
Bis ca. 1970 war in der buddhistischen Szene Deutsch-lands der Theravada tonangebend gewesen. Innerhalb kurzer Zeit wurde nun der Zen zur vorherrschenden Richtung des deutschen Buddhismus. Nicht lange danach erreichte die nächste buddhistische Welle Zentraleuropa. Die Schulen des Tibetischen Buddhismus sollten binnen weniger Jahre die Anzahl der Zen-Praktizierenden übertreffen. Woher kam das plötzlich aufkeimende Interesse am "Großen Weg" (Mahayana) bzw. dem "Diamantweg" (Vajrayana)?

Eine Generation nach dem Zweiten Weltkrieg befanden sich die westlichen Gesellschaften im Umbruch:
Studentenunruhen und mit Drogen experimentierende Hippies markierten den Bruch mit alten Traditionen und zeugten vom Drang nach mehr individueller Freiheit. In Deutschland stellten junge Menschen aus der 1968er Bewegung ihren Eltern die unbequeme Frage: "Was habt ihr eigentlich während der nationalsozialistischen Zeit gemacht?" Zunächst versuchte die jüngere Generation auf politischem Wege einiges zu erreichen. Später bekam die persönliche Veränderung einen höheren Stellenwert frei nach dem Motto: "Wer die Welt verändern will, fange am besten bei sich selbst an". Zu einer Zeit, als buddhistische Kulturen in diversen Ländern Zerfallssymptome zeitigten, waren geistige Lehrer Zentral- und Ostasiens froh, dass eine kleine Schar offener und hoch motivierter Westler den Weg zu ihnen fanden, mit denen sie nach eingehender Prüfung ihr B 72 Erfahrungswissen teilen konnten. Diese westlichen Schüler wiederum wollten ihrem Leben einen tieferen Sinn abgewinnen als ihnen eine bürgerliche Existenz vor vertrautem Hintergrund bot. Für verantwortungsbewusste Idealisten erwies sich die umfassende Sichtweise des Großen Weges sowie des Diamantweges als dessen Fortsetzung mit seinen klaren, effektiven und in verschiedenen Kulturen bewährten Mitteln als ein willkommenes Angebot.

TIBETISCHER BUDDHISMUS
Wie fand der Buddhismus Tibets schließlich seinen Weg zu uns?
1952 war mit dem deutschen Zweig von "Arya Maitreya Mandala" die erste buddhistische Vereinigung mit tibetischen Wurzeln gegründet worden1. Ihr Lehrer, der aus Sachsen stammende Lama Govinda, hielt sich nach verschiedenen Richtungen offen; der direkte Kontakt mit authentischen tibetischen Lehrern unterblieb zunächst. Dies sollte sich infolge der chinesischen Annexion Tibets im Jahre 1950 bald ändern. Nach einem blutig gescheiterten Aufstand gegen die Besatzer 1959 flüchteten mehrere Zehntausend Tibeter nach Indien, Nepal, Sikkim und Bhutan. Nachdem Chinesen während der so genannten "Kulturrevolution" der Jahre 1966-76 über 99,9% der buddhistischen Einrichtungen Tibets zerstörten, blieben nicht mehr viele Linienhalter für die nur auf dem Dach der Welt vollständig bewahrten Übertragungen des Diamantweges übrig. Südlich des Himalaja, wo die meisten von ihnen zunächst in Flüchtlingslagern gegen Hunger und Seuchen kämpften, waren die Bedingungen für die Ausbildung von Schülern lange Zeit sehr schlecht.

In dieser Situation nahm die Schweiz Anfang der 1960er Jahre ca. 1000 Tibeter bei sich auf. In Rikon (nahe Zürich) entstand das klösterliche Tibet-Institut. Diese 1968 eingeweihte Einrichtung sollte Anlaufstelle für die verschiedenen Linien des Tibetischen Buddhismus sein, wobei der Einfluss der Gelugpa-Schule wie einst in Tibet überwog. Von hier aus wurden andere Tibetisch-buddhistische Zentren in Gang gesetzt, wie etwa 1977 das Gelugpa-Institut für Höhere Tibetische Studien nahe Lausanne oder das Tibetische Zentrum in Hamburg-Berne, das alsbald einen sehr gelehrten Residenzlama erhielt. Der 16. Karmapa beklagte jedoch bei einem Besuch im Jahre 1975, dass Rikon auch ein Ort wäre, an dem etwas zu viel tibetische Politik betrieben würde. Inzwischen leben in der Schweiz etwa 2500 Tibeter.

Ein ebenfalls in der Schweiz ansässiger Sakya-Lama, Geshe Sherab Gyaltsen Amipa (geb. 1931), setzte Gruppen der Sakya-Linie in Gang, wie z. B. 1975 in Hannover und bald darauf in Freiburg (Breisgau). Das Dzogchen ("Große Vervollkommnung", Sanskrit Maha Ati) wurde in Europa zuerst durch den Nyingmapa-Lama Namkhai Norbu (geb. 1938) gelehrt, der 1960 vom Asienkundler Prof. Guiseppe Tucci (1894-1984) nach Rom geholt worden war. Seit 1983 ist die Linie der Nyingmapas mit stabilen Gruppen in Deutschland vertreten. An mehreren Universitäten im deutschen Sprachraum (Leipzig, Bonn, Wien und Hamburg) wurden zwischen 1960 und 1988 Professuren für Tibetologie eingerichtet.

Die ersten tibetischen Lehrer, die nach Europa kamen, hatten es nicht leicht, sich auf die hiesige Mentalität einzustellen. Und so lehrten viele von ihnen auf eine Weise, wie sie es aus ihrer Kultur kannten. Ihr großes Wissen um den Geist in Verbindung mit einer gewissen Integrität und Würde, die sie ausstrahlten, hat ihre westlichen Schüler jedoch zuweilen dazu verleitet, nicht immer scharf genug zwischen dem "Inhalt" der Lehre (= dem buddhistischen Wissen an sich und seine effektiven Mittel zur Entwicklung des Geistes) und seiner "Verpackung" (= dem tibetischen kulturellen Hintergrund) zu unterscheiden. Das führte nicht selten zu einem übertriebenen Festhalten an tibetischen Formen und Ritualen: Die tibetische Lebensweise mit ihrem Mangel an Demokratie und Meinungsfreiheit sowie dem sehr starken Einfluss der Klöster auf die Gesellschaft wurde oft verklärt.

Europäer, die für eine buddhistische Ausbildung nach Asien reisten und dort die teilweise schwierigen Verhältnisse direkt kennen lernten, waren für eine solche Idealisierung offenbar weniger anfällig. Sie schafften es meist besser, die zeitlosen Methoden des Buddhismus in einer Form zu präsentieren, die unserer Kultur entspricht. Der mit Abstand erfolgreichste westliche Lehrer, Lama Ole Nydahl (geb. 1941), ist bei aller Bescheidenheit das wohl eindringlichste Beispiel. 1972 gründete er in Graz das erste Zentrum der Kagyü-Linie in Österreich, Gruppen in mehreren deutschen Orten folgten bald. Bedeutende Meilensteine für die Entwicklung unserer Linie waren zwei Europa-Reisen des 16. Karmapa Rangjung Rigpe Dorje in den 1970er Jahren. Zum Jahreswechsel 1974/75 gab er im "Haus der Stille" in Roseburg die erste Schwarze-Kronen-Zeremonie auf deutschem Boden. Das damals noch geteilte Land in der Mitte Europas hielt Karmapa anscheinend als für den Diamantweg sehr geeignet: "Deutschland ist ein schlafender Riese", sagte er damals. Inzwischen hat auch der 17. Karmapa Thaye Dorje Deutschland sowie Österreich und die Schweiz besucht.

Die Entwicklung der letzten 30 Jahre, speziell des Kagyü-Buddhismus, ist beachtlich. Inzwischen gibt es in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz ca. 100 Zentren und Gruppen unter der geistigen Leitung von Karmapa Thaye Dorje, die von Lama Ole betreut werden. Des weiteren gibt es einige Kagyü-Gemeinschaften mit anderen Lehrern. Innerhalb der DBU ist der von uns vertretene "Buddhistische Dachverband Diamantweg e. V." (BDD) der mit Abstand größte Einzelverband.

Es dürfte ca. 100 000 Deutsche geben, die sich bewusst für den Buddhismus entschieden haben. Die Zahl der Sympathisanten, die nicht regelmäßig meditieren, dürfte weitaus höher liegen. Genaue Schätzungen sind nicht einfach, denn sich mit Buddhismus zu beschäftigen ist für den modernen Deutschen eher eine Sache der Einstellung und nicht so sehr eines Bekenntnisses oder gar einer formalen "Kirchenzugehörigkeit". Daneben leben noch ca. 120000 Asiaten aus buddhistischen Ländern in Deutschland. 1976 gründeten Deutsche und Thailänder in Bonn eine Gemeinschaft, aus der die "Thai-Buddhistische Vereinigung in Deutschland e. V." hervorging. Den größten Anteil der asiatischen Buddhisten stellen aber die Vietnamesen. 1978 richteten einige von ihnen in Hannover einen Tempel ein. Ihre 1991 erbaute Pagode Vien Giac ist die größte ihrer Art in West- bzw. Zentraleuropa.

BUDDHISMUS IN DER DDR
Werfen wir noch einen kurzen Blick hinter den früheren "Eisernen Vorhang". Stark eingeschränkte Reise- und Informationsfreiheiten machten es in der ehemaligen DDR sehr schwierig, buddhistische Meditation unter kundiger Anleitung zu lernen und zu praktizieren. Doch war es immerhin möglich, sich an der Universität Leipzig akademisch mit Buddhas Lehre zu befassen, wo es seit 1841 eine Abteilung für Indologie und ab 1960 auch für Tibetologie gab. Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen dieser Institute zum Buddhismus waren von bemerkenswerter Qualität, was angesichts der politischen Verhältnisse in dem sozialistisch-atheistischen Staat alles andere als selbstverständlich war. In den späten 1980er Jahren gab es angeregt durch heimliche Kontakte mit dem Westen kleine, versteckte Meditationsgruppen. Ich selbst lernte bei Besuchen in der DDR eine kleine Mahayana-Gemeinschaft in Potsdam sowie einen Zen-Kreis in Ost-Berlin kennen. Nach 1989 erfuhr ich, dass beide von Informanten des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi) bespitzelt worden waren. Durch gelegentliche Tagesbesuche von Lama Ole angeregt, existierte zeitweise eine kleine Kagyü-Meditationsgruppe im Ostteil Berlins.

RESÜMEE
Im "Juwelenschmuck der Befreiung" beschreibt der große Meditationsmeister und frühere Kagyü-Linienhalter Gampopa (1079-1153) 18 besondere Bedingungen, die vorhanden sein müssen, um im buddhistischen Sinne mit dem Geist arbeiten zu können. Auch das Land, in dem man lebt, muss bestimmte Qualitäten aufweisen.
Buddhismus hat in der Geschichte wiederholt mehrere Jahrhunderte gebraucht, um vollständig von einem Land in ein anderes zu gelangen. Man sagt, dass beim Übergang der Lehre in einen anderen Kulturkreis immer wieder erst bestimmte Bedingungen geschaffen werden müssen, damit Bodhisattvas dort wiedergeboren werden und sich der Dharma in neuen Gebieten verbreiten kann. Wie steht es in diesem Sinne mit dem großen Land in der Mitte Europas?

Die gesellschaftliche Entwicklung Deutschlands der letzten Jahrzehnte kann sich sehen lassen: Noch Mitte des 19. Jahrhunderts war Deutschland in mancher Hinsicht rückständig, entwickelte sich trotz starker Rückschläge wirtschaftlich und kulturell enorm und brachte es auch mit Hilfe anderer Länder schließlich zu einer modernen, freiheitlichen Demokratie. Buddhismus konnte sich immer dort gut entfalten, wo die Gesellschaft ein Interesse an der geistigen Entwicklung des Individuums hatte oder ihm zumindest die Freiheiten dazu einräumte. In diesem Sinne sind die Rahmenbedingungen in den heutigen westlichen Demokratien mit ihren hohen Bildungsstandards sehr gut. Hier wird es sicherlich nicht mehrere Jahrhunderte dauern, bis sich ein Buddhismus herausbildet, der trotz asiatischer Wurzeln in seiner ganzen Bandbreite zum zentraleuropäischen Hintergrund passt, aber inhaltlich authentisch bleibt. In Deutschland sowie umliegenden Ländern wurde dazu seit über 150 Jahren, nahezu unbemerkt, "Vorarbeit" geleistet. Doch viel Zeit bleibt nicht: In diversen asiatischen Ländern befindet sich der Buddhismus in der Krise; besonders der Fortgang der tibetischen Kultur ist ungewiss.

Als kleiner Setzling kam der Buddhismus vor ca. eineinhalb Jahrhunderten nach Zentraleuropa. Trotz anderer Wachstumsbedingungen als in Asien hat sich der hiesige Boden als sehr fruchtbar erwiesen. Inzwischen ist daraus ein Baum mit breitem Stamm und tiefen Wurzeln geworden, der unserer westlichen Zivilisation einiges an Früchten anzubieten hat: Sowohl ein immenses Wissen über den Geist als auch in vielen Kulturen bewährte Mittel um ihn in einer intelligenten Weise zu verwenden, zum dauerhaftem Glück von sich und anderen. Auch wenn rein praktisch gesehen noch immer vieles in der "Erprobungsphase" befindet, gibt es viele Lebensbereiche, in denen sich abzeichnet, dass buddhistische Erfahrungen und Wissen weiterhelfen können, zum Beispiel in der Sterbebegleitung, zur Stressbewältigung, in der Kunst, aber auch in wissenschaftlichen Disziplinen wie Philosophie, Psychologie, Gehirnforschung, Kernphysik usw. Als westliche Buddhisten haben wir gute Gründe, dankbar zu sein über das hohe Ausmaß an Freiheit, Frieden, äußeren Wohlstand, Demokratie, Bildung usw., das wir heute vorfinden. Es ist zu wünschen, dass wir den westlichen Gesellschaften dafür etwas Wertvolles zurückgeben und einen Beitrag zu ihrer Bereicherung leisten können.

1 Vernachlässigt sei hier der von Kalmükischen Flüchtlingen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nahe München gegründete Tempel Thegchen Chö Ling, der öffentlich praktisch nicht in Erscheinung trat. Die meisten der weniger als 1000 Kalmüken wanderten 1951/52 un die USA aus.

Ayya Khema

Literaturauswahl zum Thema


Michael den Hoet, Jg. 1964, norddeutscher Historiker mit niederländischen Vorfahren. Seit 1986 Buddhist, gelegentliche Vorträge und Artikel, zumeist zur buddhistischen Geschichte. Mitarbeit in Presseangelegenheiten für den BDD und Lama Ole.