Aus: Buddhismus Heute Nr. 35, (Winter/Frühjahr 2003)

Pilgerreise 2002 mit Hannah Nydahl und Manfred Seegers

Von Beate Nagel und Gernot Bauer

 

26. Februar - Kathmandu

Nach etwa 16 Stunden Flug empfing uns ein unmissverständliches Schild "HANS-GROUP" am Flughafen in Kathmandu. Damit waren ganz eindeutig wir gemeint - die Pilgergruppen A & B, organisiert von HANS Embert aus Schwarzenberg. Schon die Fahrt zum Hotel Gangjong ließ kaum eine Kinnlade der Reisenden geschlossen - schon gar nicht die der ganz frischen, die Asien zum ersten Mal bewundern durften.

Die Kultur unterscheidet sich so sehr von unserer. Der chaotische Verkehr, die vielen Menschen auf den Straßen und vor allem die Fröhlichkeit, Offenheit und die gelassene Lebensweise standen so im Kontrast zu dem von zu Hause gewohnten Bild. Irgendwie fühlten wir uns sofort willkommen. Die vielen neuen Eindrücke zu verarbeiten beschäftigte nicht wenig. Noch am ersten Tag machten wir einen kurzen Abstecher zu Lopön Tsechu Rinpoches Kloster und bewunderten den Swayambhu Stupa, zu dessen Geschichte wir schon bald mehr erfahren werden.

27. Februar - Kathmandu
Der Vollmondtag 27. Februar startete für viele von uns mit einem Abstecher zum herrlichen Bodhnath Stupa. Manfred erklärte uns, dass der Bodhnath Stupa mehr auf die Buddhaaktivität oder den Ausstrahlungszustand ausgerichtet ist. Im Gegensatz zum Swayambhu Stupa, der noch auf den 3. Buddha Mahakashyapa zurückgeht, wurde der Bodhnath Stupa vor etwa 2000 Jahren von einer einfachen Frau und ihren drei Söhnen errichtet (siehe das Buch "Die Legende vom Großen Stupa"). Das mächtige Bauwerk von ca. 110 Metern Breite und 40 Metern Höhe ist oben begehbar, was einige aus unserer Gruppe zur Meditation auf und neben dem Stupa nutzten. Um den Stupa herum liegt Klein-Tibet, wo sich viele Flüchtlinge aus Tibet niedergelassen hatten. Manfred zeigte uns die Klöster der Umgebung, die man von dem Stupa aus sehen konnte. Wir besuchten mit ihm ein Sakya- und ein Nyingma-Kloster: letzteres beherbergt die Wiedergeburt von Dilgo Khyentse Rinpoche. Am Nachmittag gab uns Lopön Tsechu Rinpoche in seinem Kloster eine Einweihung auf Milarepa, die wir zusammen mit Lama Ole, Hannah, Caty, einigen Tibetern und weiteren Gästen erhielten. Die Rückseite der Gompa wurde neu bemalt mit der Lebensgeschichte Milarepas, was trotz des Bekanntheitsgrades von Milarepa sehr selten ist. Rinpoche betonte, dass Lama Ole zum ersten Mal seit über zehn Jahren wieder in Kathmandu ist und dass er mit dieser Einweihung auch seine weltweit große Arbeit auszeichnen möchte.Nach einer Einladung Rinpoches zum Dinner machten wir uns noch schnell vor der Dunkelheit zusammen mit Lama Ole und Hannah Nydahl zum Swayambhu-Stupa auf. Besonders beeindruckt hat uns die Schilderung ihrer allerersten Begegnung mit dem 16. Karmapa Rangjung Rigpe Dorje am 22. Dezember 1969 hier im Kloster von Shamar Rinpoche neben dem Stupa (mehr dazu in "Buddhas vom Dach der Welt" von Lama Ole Nydahl). Der Swayambhu-Stupa drückt die Raum-Natur des Geistes aus (Dharmakaya-Stupa). Eine Geschichte erzählt von seiner Entstehung: Vor langer Zeit war das gesamte Kathmandu-Tal ein einziger See. Inmitten des Sees fand sich ein von selbst leuchtender Lotus, durch eine Erhöhung des Bodens nicht am Grund des Sees, aber dennoch unter der Wasseroberfläche. Der Weisheitsbuddha Manjushri selbst öffnete das Tal mit seinem Schwert, sodass der See abfließen konnte und der Lotus zugänglich wurde. Auf dem nun entstandenen Hügel wurde später der Stupa errichtet.So ergab sich auch der Name der Stadt Kathmandu: Das "Kath" ist eine alte Form von "Stadt" und "mandu" ist eigentlich "manju", eine Kurzform von Manjushri, also bedeutet es zusammen "Manjushri-Stadt". Untersuchungen ergaben, dass in dem Tal vor 200 000 Jahren tatsächlich ein See existierte, der später abgeflossen ist.

28. Februar - Reise nach Kalimpong
In drei Zeitetappen starteten wir morgens mit Inlandflügen der Necon-Airline nach Bhadrapur, einer nepalesischen Grenzstadt nahe Indien. Wir hatten dabei eine herrliche Sicht auf den schneebedeckten Himalaya - der Mount Everest wurde von einem Bergspezialisten unter uns sogar erkannt. Nahe der Grenze warteten wir drei Stunden in einem Restaurant, während unsere Organisatoren den Grenzübertritt vorbereiteten. Die Grenzabfertigung in Raniganj selbst dauerte nochmals drei Stunden in einer dichten und unterhaltsamen Menschenschlange. Der Grund für die Schlange lag in dem nicht mehr ganz modernen System der Inder: Ein Grenzbeamter trug handschriftlich die gesamten Passdaten eines jeden in ein großes Buch ein. Anschließend gab es von einem weiteren Beamten noch einen Stempel in Pass und Buch. An der Rückseite des Grenzpostens stapelten sich volle Bücher in und auf großen Stahlschränken. Immerhin beschleunigte sich durch einen Beamtenwechsel die Abfertigung von 15 Minuten pro Person auf etwa 5 Minuten. Trotz der ungewöhnlichen Anzahl von fast 300 Grenzgängern an diesem Tag (inkl. Polen, Russen, etc.) waren die Beamten gegen 22 Uhr immer noch gut drauf. Zur Motivation regnete es aus unserer Gruppe Müsliriegel und Kekse auf den Beamtentisch. Diese waren darüber sehr amüsiert und boten ihrerseits die Kekse auch den glücklichen drei "Mit-dem-Pass-in-der-Hand-schon-am-Tisch-Sitzenden" an. Auf der weiteren Fahrt fuhren wir dann gut durchgeschüttelt immer höher in die Bergregion nach Kalimpong. Ein Blick aus dem Fenster eröffnete uns meist wunderschöne, steile Abgründe, mit wenig Platz zwischen Reifen und Abgrund. Die Straßen hatten inzwischen Grenzrandsteine, was bei den kleinen steilen Bergstraßenwindungen und dem rasanten Fahrstil der ortsansässigen Busfahrer, die sich gegenseitig immer wieder Rennen lieferten, immerhin etwas beruhigte. Nachts wurden die Leute der beiden Busse dann in verschiedene Hotels in Kalimpong verteilt. Nachdem der Verteilerplan jedoch komplett durcheinander war, fanden die letzten gegen 2 Uhr endlich eine Bleibe.

1. März - Kalimpong
Den ersten Vormittag in Kalimpong verbrachten einige erst einmal mit einem ausgiebigen Frühstück im zentralen Treffpunkt "Gompus". "Scrambled egg on toast" sollten wir nun regelmäßig zum Tagesauftakt zu uns nehmen. Erwartungsvoll blickten wir unserer Begegnung mit Karmapa um 13 Uhr entgegen. Die Zeit bis dahin nutzten wir zur Meditation in Karmapas Garten.Unser 17. Karmapa Thaye Dorje gab uns in der neu erbauten Shedra die kraftvolle Einweihung auf den 2. Karmapa "Karma Pakshi". Dieses ganze Mandala entstand, als der Schatzfinder Minjur Dorje eine Vision des 2. Karmapa hatte. Seit dieser Zeit wurde diese Übertragung immer wieder weitergegeben, bis heute ohne Unterbrechung.Eindrucksvoll war auch die ausführliche über zwei Stunden dauernde Mahakala-Puja mit Karmapa, seinen Mönchen und mit Lama Ole.

2. März - Kalimpong
Um 10 Uhr früh erhielten wir Belehrungen von Prof. Sempa Dorje (u.a. Professur an der Universität in Varanasi)zu den Themen "Einweihung" und "Die Kraft der Wünsche". Prof. Sempa Dorje unterrichtet den 19-jährigen Karmapa und bestimmt seinen Studienplan. Er gehört zu den gelehrtesten Dharmalehrern unserer Zeit. Am Nachmittag gab uns Karmapa eine Einweihung auf "Liebevolle Augen". In seinen persönlichen Worten danach drückte er seine Freude über unser Kommen aus. Er kennt ja unsere Länder und weiß, was es für uns Westler heißt, auf den löchrigen, staubigen Straßen Indiens zu reisen. Er wird auch wieder gerne zu uns in den Westen kommen, sobald es möglich wird. Karmapa meinte noch, dass es ganz normal sei, wenn es Hindernisse auf dem Weg der Entwicklung gäbe; wir sollten diese wirklich mutig angehen. Er bat uns die Zeit zu nutzen und viel zu praktizieren - seiner Ansicht nach das Wichtigste überhaupt, was er uns vermitteln kann.

3. März - Reise Nach Darjeeling
Von Lama Ole verabschiedeten wir uns morgens um 8 Uhr früh. Er fuhr mit Caty und einigen aus unserer Gruppe sowie Russen und Polen weiter nach Russland. Den letzten Vormittag in Kalimpong nutzten wir zum Einkaufen und versorgten uns mit Rupien für die Weiterreise. Karmapa hatte heute am Sonntag einen "day off" und spielte im Garten seine Lieblingssportart Cricket. Auch wenn es über anderen Teilen Kalimpongs regnete, zur Cricketzeit gab's trockenen Rasen. Um 12 Uhr mittags fuhr unsere B-Gruppe weiter zusammen mit Hannah Nydahl und Manfred Seegers in das 2600 m hoch gelegene Teeparadies Darjeeling. Hier wurde die Gruppe nur noch in zwei unterschiedliche, nah gelegenen Hotels, das Bellevue und das komfortablere Dekeling gebracht. Hannah und Lama Ole kennen die Besitzer des Bellevue Lawang T. Pulger und seine Frau Sonam Choedron Pulger schon seit 30 Jahren. Diese feine tibetische Familie ist seit drei Generation bereits in Darjeeling, einer Station auf dem alten Handelsweg nach Tibet. Sie haben Verbindung zum Dalai Lama und stehen in der Tradition von Kalu Rinpoche. Danielle Ebinger aus der Schweiz erzählte uns, dass Bokar Rinpoche hier im Aufenthaltsraum 1985 eine Einweihung für die damalige Pilgergruppe mit Hannah und Lama Ole Nydahl gegeben hatte. Von der Dachterrasse des Bellevue hat man einen atemberaubenden Blick auf fünf Länder: Bangla Desh, Bhutan, Tibet (20 Tagesritte mit Pferd entfernt), Sikkim und Nepal.

4. März - Darjeeling
Die kühle kurze Nacht endete für die Fitten unter uns um 4 Uhr früh: Ein herrlicher Sonnenaufgang am Tiger Hill mit Blick auf den Himalaja war angesagt. Die Besichtigung des Mahakala-Hügels direkt in der Stadt Darjeeling konnte sich jeder nach eigener Zeitplanung vornehmen. Auch hier - wie so oft in Indien und Nepal - war dieser kraftvolle buddhistische Platz von Hindus vereinnahmt. Wir gingen daher eher im größeren Kreis um diesen Ort. Um 14 Uhr wanderten wir mit Galay Lama in sein Bhutia Basti Monastery. Dies war der allererste Ort, den der 16. Karmapa Rangjung Rigpe Dorje nach seiner Flucht aus Tibet 1959 aufsuchte. Es leben zur Zeit etwa 20 Mönche dort, die von Situ Rinpoches Leuten unterstützt werden. Oben im Raum fanden wir eine beeindruckende alte Guru Rinpoche Statue und eine Statue des 1000armigen Chenresig ("Liebevolle Augen") vor. Leider, wie noch öfters auf unserer Reise, hingen Bilder des "Kandidaten", Gyaltsap Rinpoche und Situ Rinpoche zusammen mit einem wunderschönen, alten Foto des jungen 16. Karmapa am Altar. Im Glenary's in der Nehru Road, fanden wir ein Cafe in englischem Kolonialstil vor mit herrlichem Blick vom hochgelegenen Darjeeling ins weite, tiefe Tal. Hier hatten auch Ende der 60er Hannah und Lama Ole ab und zu gesessen, bei ihren seltenen Ausflügen von Sonada aus, während ihrer Ausbildung bei Kalu Rinpoche. Jetzt gibt's im Cafe eine Internetecke, die eifrig von uns, Changchub und Raju von der Reiseorganisation genutzt wurde. Abends erwartete uns im noblen Cedar Inn ein exzellentes Dinner. Als Highlight bescherte uns Stefanie Hoevel neben ihrer eigenen gekonnten Begleitung am Flügel ein wundervolles, soulig-grooviges Konzert. Wir waren absolut begeistert!

5. März - Abfahrt nach Patna
6 Uhr früh gab´s wieder eine pünktliche Abfahrt nach Siliguri. Einen kurzen Stop legten wir in Sonada ein, wo Hannah und Lama Ole ihre Vorbereitenden Übungen (Ngöndro) bei Kalu Rinpoche Ende der 60er Jahre gemacht hatten. Hier wurde 1983 die halbjährige Einweihungsserie, das Rinchen Terdzö, gegeben. Leider gehört auch dieses Kloster zur Zeit der "Kandidaten-Seite" an. Aus diesem Grund und aus Zeitmangel sahen wir uns das Kloster nur kurz von außen an. Exakt in der Zeit kamen wir mittags in Siliguri am Bahnhof an, wir liefen samt Gepäck zu den Gleisen mit dem zur Abfahrt bereiten Zug. Nun teilte sich die Gruppe in die privilegierten AC's und die abenteuerlustigen Non-AC's auf. Für den Rest der Reise sollte dies einen prägenden Eindruck hinterlassen. Die AC's, verwöhnt von indischem AC=Air Condition - "langweilig" meinte Rudi auf seinem Rundgang abends nur - lagen ausgestreckt friedlich schlummernd in ihren Abteilen. Dagegen standen die Mutigen in den Non-AC-Abteilen auf "Duft" - und "Tuchfühlung" mit den Locals. Rundherum aufpassen war angesagt. In Indien gleichen die Züge schon fast Marktplätzen. Allerlei Dinge werden feilgeboten, von einfachem Tee, Erdnüssen und Bananen bis zu Radios und Weckern. Bis zur Heiserkeit schallte das "Chai chai chai" stundenlang durch die Abteile, ein Genuss für jeden Schlafsuchenden. Wir wurden nicht überfallen, davor hatte Raju große Angst. Es häuften sich wohl in letzter Zeit Zugüberfälle. Wieder außergewöhnlich pünktlich - Manfred zählte sogar exakt die Sekunden der Ankunft im Countdown - kamen wir um 1 Uhr nachts in Patna an. Da es am Bahnhof nur wenige Dormitory Plätze gab - hübsch kuschelig zu fünft auf einem Bett - verbrachten die meisten den Rest der Nacht "schlafend" auf indisches Maß zusammengeklappt in den Bussitzen. Lama Ole und Hannah hatten uns gewarnt nachts in Bihar zu reisen. Das sei zu gefährlich, da Straßenräuber besonders nachts lauerten. Leider gehört Bihar - "das Land der Klöster", wie es in der Übersetzung heißt - heute zu den ärmsten Staaten Indiens.

6. März - Nalanda & Geierhügel, Fahrt nach Bodhgaya
Um 7 Uhr früh, nach einer schnellen Katzenwäsche auf den immerhin einigermaßen sauberen Toiletten am Bahnhof in Patna, ging es endlich wieder weiter. Allerdings im Schneckentempo - die Busse fuhren infolge zahlreicher, tiefer Schlaglöcher die nächsten 80 km so schnell, dass wir schon fast auf die Idee kamen, nebenher zu laufen. Metergroße Schlaglöcher 30 bis 50 cm tief sammelten sich hauptsächlich in der Mitte der Straße, sodass die Busfahrer oft auf den Straßenrand auswichen. Dieser war jedoch meist etwas abschüssig, was die Busse nicht selten in gewisse seitliche Neigung versetzte. Ein interessanter Nervenkitzel, angesichts einer Reihe umgekippter Busse und Lastwagen, die wir am Straßenrand liegend auf der Fahrt bereits beobachten konnten. Um 10 Uhr früh erreichten wir Nalanda - die bisher größte buddhistische Universität. Nalanda ist der Geburtsort von Shariputra, einem Lieblingsschüler von Buddha Shakyamuni. Auf einer Fläche von zehn Kilometern Länge und fünf Kilometern Breite lebten und studierten dort bis zu 10.000 Studenten während einer Zeit von 1200 Jahren. Neben buddhistischer Philosophie wurden auch Medizin und Mathematik gelehrt. In Nalanda war unser Linienhalter Naropa (1016 - 1100 n.Chr. ) der Hüter des Nordtores, sowie Abt der Universität. Nur die Besten waren Türwächter, da sie Diskussionen mit jedem führen mussten, der sie herausforderte. Wer in der Diskussion gewann, dessen Religion, Philosphie musste dann der andere übernehmen - als Hüter einer buddhistischen Universität wäre dann das ganze Institut zum Wechsel gezwungen gewesen. Naropa führte mit seinem computerartigen Gedächtnis beeindruckende 40 bis 50 Diskussionen gleich simultan durch (siehe "Life and Teaching of Naropa", Herbert V. Guenther). Von dieser riesigen Universität, die gegen Ende des 12. Jahrhunderts von islamischen Truppen verwüstet wurde, hat man vor 100 Jahren Ausgrabungen angefangen und inzwischen zirka einen Quadratkilometer freigelegt. Ein Kilometer hinter der Stadt Rajgir liegt auf der rechten Seite (leider sahen wir dies aus Zeitgründen nur vom Bus aus) der Bambushain, das ehemalige Veluvana-Kloster Buddha Shakyamunis. Und direkt auf der gegenüberliegenden linken Straßenseite ist der Fundort, wo Kaiser Ashoka (3.Jh. v.Chr.) Reliquien des historischen Buddhas Shakyamuni gefunden hatte, die er dann an 80.000 Stellen verteilte. Noch einen besonderen Zwischenstop gab es auf der Straße nach Bodhgaya: Den Geierhügel! Wir fuhren hier nicht mit der Sesselbahn (da schauten die Alpenländler) zum japanischen, neuen Stupa wie die meisten Touristen, sondern wanderten unter Polizeischutz das Stück hoch zum Geierberggipfel. Da wir von den Touristenpfaden abwichen, war es sinnvoll in Polizeibegleitung den Aufstieg zu begehen. Manfred erklärte, es sei hier auffallend, dass der japanische Stupa die meisten Touristen anziehen würde, der aus irgendeinem Grund auf dem Nebenhügel erbaut worden war. So könnten Buddhisten, die die eigentliche Stelle kennen - den kleineren Hügel rechts vom Stupa gelegen - dort am Geierhügel dann in Ruhe meditieren. Hier oben hatte Buddha Shakyamuni die Weisheitslehren "Prajnaparamita" gegeben. Hannah gab uns das Herzsutra-Mantra "Teyata. Om gate gate para gate para sam gate bodhiye soha". An diesem besonderen Ort, der einem die Raumnatur des Geistes leichter zugänglich werden lässt, machten wir entsprechende Wünsche und meditierten gemeinsam auf den 16. Karmapa. Bei unserer Ankunft in Bodhgaya im komfortablen "Mahayana Guest House" wurden wir mit fließend kaltem und heißem Wasser und einem anschließenden festlichen Dinner belohnt. Welcher Luxus war es doch, sich voll ausgestreckt und sauber nachts hinlegen zu können.

7. März - Bodhgaya
Die gnädige Reiseleitung hatte denn auch für den 7. März ausnahmsweise mal kein "4 Uhr-Frühprogramm" aufgestellt. Wohl ausgeruht hatten wir den Morgen zur gemeinsamen Besichtigung des Geländes um den Mahabodhi- Stupa zur Verfügung. Hier findet man eine Art Parkgelände vor, wo Ruhe herrscht, da innerhalb dieses Bereiches nicht gehandelt oder gebettelt werden darf. In diesem Park gibt es 80 kleine Stupas, einen See und sieben Stellen, an denen sich Buddha in den ersten sieben Wochen nach seiner Erleuchtung aufhielt. Am wichtigsten ist jedoch der Mahabodhi Stupa mit dem Bodhi-Baum. Unter dem Pippala-Baum (heute als Bodhi-Baum bezeichnet) hatte Buddha Shakyamuni zirka 520 v. Chr. in der ersten Vollmondnacht im Mai die Erleuchtung erlangt. In Bodhgaya haben in unserem Weltzeitalter bisher vier Buddhas die Erleuchtung gezeigt (insgesamt sind es 1000 Buddhas in diesem Zeitraum). Unser "aktueller" Buddha Shakyamuni ist der vierte Buddha, Buddha Maitreya wird der nächste sein und Gyalwa Karmapa kommt als der sechste Buddha Simha (der löwengleiche Buddha). Bodhgaya ist ein besonders starker Wunschplatz. Bei Wünschen ist es hier gut, diese auf die volle Erleuchtung ohne jeden Schleier auszurichten. Wie beeindruckend für uns war doch dieser älteste buddhistische Stupa. Nagarjuna, einer unserer bedeutenden Linienhalter, hatte die Spitze des Stupa erneuert, Reliquien eingebaut und einen Zaun um den Platz errichtet, als Schutz vor wilden Elefanten. Direkt unten im Innern des Stupa steht die älteste Buddhastatue der Welt: Sie soll noch Gesichtszüge Buddha Shakyamunis tragen, da sie bereits zirka 150 Jahre nach seinem Tod hergestellt wurde. Manfred berichtete, dass Marpa in seinen Schriften Folgendes erwähnt: "Er gehe gerne nach Tibet zurück, nur der Abschied von dieser Statue falle ihm schwer." Hannah sagte uns, dass es genau diese Buddhastatue war, die sie und Lama Ole "anlächelte", bevor sie 1972 nach ihrer langen Zeit in Asien von Karmapa zurück nach Europa geschickt wurden.

8. März - Bodhgaya
Um 9 Uhr starteten dann wieder alle zusammen zur Mahakalahöhle. Als zweite Alternative stand zunächst eine Fahrt zu einem drei Stunden entfernten Mahakala-Berg zur Aussicht. Dort hätte uns dann ein anstrengender, einstündiger Aufstieg durch Gestrüpp und Dornen erwartet. Hannah meinte, dieser Mahakala-Berg (das Kraftfeld des Zweiarmigen Mahakalas "Schwarzer Mantel" - Ausstrahlung von Vajrapani) sei eine wirklich wilde, furchterregende Stelle und sie wäre gerne mit uns dorthin gefahren. Allerdings hatten sie und das Organisationsteam erfahren, dass erst eine Woche zuvor dort 15 Leute von Banden erschossen worden waren. Diese Banden in Bihar schießen mit selbstgebastelten Gewehren auf alle Leute, die etwas besser gekleidet aussehen - auf Touristen und Inder gleichermaßen. Dieser Ausflug wurde daher als zu gefährlich aufgegeben. Die Mahakala-Höhle war jedoch auch sehr beindruckend für uns. Die Hauptenergie dort ist der Sechs-armige Mahakala - eine zornvolle Ausstrahlung des Buddhaaspekts "Liebevolle Augen". Wir haben oft eine Neigung zu harmoniesüchtig zu sein. Der Sechs-armige Mahakala unterstützt uns mit seiner schneidenden und zugleich liebevollen Energie, die dort nötig ist, wo zu "klebrige" Zustände besser getrennt bzw. durchgeschnitten werden sollen. Etwas oberhalb der Mahakala-Höhle hatte Manfred per Zufall früher einmal - er suchte Schutz vor heftigem Regen - eine Tür öffnen können zu einem Raum, der ganz besondere Statuen enthielt. Auffallend lebendig in ihrer Gestik und Mimik waren dort Statuen unserer Linienhalter. In der oberen Reihe - von links beginnend: Nagarjuna, Aryadeva (ein Schüler von Nagarjuna), Asanga, Vasubandhu, Dignaga (Begründer der Erkenntnislehre). Dharmakirti (der "Ruhm des Dharma"), Gunaprabha und Shakyaprabha. An diesem Ort konnten wir auch eine Statue besichtigen, die Buddha Shakyamuni bei seiner asketischen Praxis zeigt. Sie steht in einer sehr kleinen, engen und stickigen Höhle, in der vor allem Shawaripa, der Straßentänzer, gelebt hat. Er war ein wichtiger Meister unserer Linie und Halter aller drei Mahamudra-Übertragungslinien. Beispielsweise steht er in unseren Grundübungen als Linienhalter des Großen Siegels. Er hat die Übertragung des Einsichtsmahamudras (Weg der Befreiung) von Nagarjuna erhalten und an Maitripa weitergegeben, der es wiederum an Marpa weitergab.

9. März - Fahrt nach Varanasi - Sarnath
Um 5 Uhr früh hieß es wieder Abschied nehmen von Bodhgaya. Auf der verkehrsreichen Ost-West-Verbindung brauchten wir neun Stunden bis Sarnath in der Nähe von Varanasi, dem Ort, an dem Buddha Shakyamuni das erste Mal das Rad der Lehre gedreht hatte. Auf der Fahrt dorthin legte sich eine leicht verwirrte einheimische Frau vor einen unserer Busse. Der Fahrer konnte noch rechtzeitig bremsen und sie retten. Uns wurde wieder wie so oft vor Augen geführt, unter welchen Bedingungen die Menschen dort heute leben. Mittags besuchten wir das Museum von Sarnath. Dort gab es einige beeindruckende Statuen, unter anderem eine wunderschöne Darstellung des lehrenden Buddha (Gupta-Kunst, 5. Jh.n.Chr.), sowie eine kleinere "Rote Weisheit"- Statue (Dorje Phamo) und Statue der "Befreierin" (Tara). Auch in Sarnath ließ Kaiser Ashoka (3.Jhr. vor Chr.) eine monolithische Ediktsäule errichten. Zur Meditation an diesem Platz hatten wir leider keine Zeit mehr, aber es erwartete uns noch eine besondere Überraschung in der nahe gelegenen Maha Bodhi Society of India. Um 19 Uhr erhielten wir die Möglichkeit original erhaltene und historisch die wohl best untersuchtesten Reliquien (kleine Knochenstücke) von Buddha Shakyamuni zu sehen. Zuvor hatten wir gemeinsam meditiert und die uns bekannten Meditationen auf Tibetisch gesungen "Om ma dak..." (Meditation auf den Schützeraspekt "Schwarzer Mantel") und "Em ah ho..." (Lobpreisung an den "Buddha des Grenzenlosen Lichtes" ). Der ceylonesische Lama Ven. K. Siri Sumedha, der die Hauptverantwortung für die Buddhareliquien hatte, wollte sich erst davon überzeugen, ob wir wirklich praktizierende Buddhisten sind. Touristen - auch mit hohem Geldgebot - würde er die Besichtigung der Reliquien nicht gestatten. Die kostbaren Reliquien wurden von einem der jungen Mönche aus dem tiefen Fundament heraus geholt. Manfred trug sie dann über seinem Kopf - Zeichen für Respekt - in den Raum. Jeder von uns konnte dann einen Blick darauf werfen. In seiner Ansprache an uns meinte Lama Sumedha, dass er uns diese Besonderheit gerne gezeigt hat, um damit den Buddhismus in Europa zu stärken und dass wir gerne im nächsten Jahr wieder kommen könnten!

10. März nach Kushinagara
Morgens hieß es wieder: Busfahrt nach Kushinagara. Zuvor ließen es sich die ganz Hartgesottenen unter uns jedoch nicht nehmen, einen weiteren Sonnenaufgang um vier Uhr morgens über dem Ganges zu bewundern. In Tücher gewickelte Tote wurden an ihnen vorbei zur hinduistischen Verbrennungsstelle getragen. Auf der Fahrt leiteten dann unsere Bustrainings-Coaches Jürgen vom Schwarzenberg und Guido aus Salzburg abwechselnd die besonders geschlauchten hinteren Bussitzenden mit einem durchaus effektiven Flugzeugsitz-Gymnastikprogramm an. Die hinteren Reihen klebten zwischendurch im wahrsten Sinne des Wortes an der Decke mangels ungenügender Busfederung. Nach neun Stunden erreichten wir abends Kushinagara, wo Buddha Shakyamuni 80jährig gestorben und ins Parinirvana - das vollkommene Nirvana - eingegangen war. Beeindruckend ist die große, in der Löwenhaltung liegende Buddhastatue. Diese 6,20 m lange Sandsteinskulptur stammt aus dem 5. Jh. n.Chr. Wünsche in Kushinagara sollten sich darauf richten, die Vergänglichkeit zu verstehen und dadurch das eigene Leben und das anderer sinnvoll zu gestalten.

11. März Nach Lumbini
Um 5 Uhr früh starteten wir zum letzten "Nadelöhr" der Pilgertour: Die indisch-nepalesische Grenze in Richtung nach Lumbini, dem Geburtsort Buddha Shakyamunis. Alles ging dieses Mal leichter und schneller als bei der Einreise - oh Wunder. Den Grenzübergang von Indien nach Nepal empfanden wir wie eine Erleichterung. Obwohl Nepal zu den ärmsten Ländern der Welt gehört, schienen die Menschen dort doch deutlich entspannter als die im von Armut und Überbevölkerung gebeutelten Nordindien, das wir eben passiert hatten. Plötzlich gab es wieder menschenleere Landstriche und kaum befahrenen Straßen - ein starker Kontrast von Grenze zu Grenze. In Lumbini findet gerade eine Ausgrabung statt, bei der auch deutsche und japanische Wissenschaftler beteiligt sind. Wir konnten jedoch ungestört am See meditieren, genau dort wo Königin Mahamaya ihren Sohn Siddhartha, den späteren Buddha Shakyamuni geboren hatte (6. oder 5. Jh. v.Chr.). Königin Mahamaya war unterwegs von Kapilavastu, dem Wohnort von ihr und ihrem Mann König Suddhodana der Sakya-Dynastie (Kriegerkaste) zum Heimatort ihrer Eltern (das war Tradition zu dieser Zeit). 25 km östlich von Kapilavastu bei dem Dorf Lumbini setzten jedoch die Wehen ein. Im See von Lumbini hatte die Mutter Mahamaya ihr Neugeborenes gebadet. Hier zu meditieren war einfach wunderbar. In Lumbini kann man besonders Wünsche machen, Befreiung aus dem Kreislauf der Existenz zu erlangen und zu verstehen, dass die Natur des Geistes Raum und Freude untrennbar ist. Einige Frauen aus der Gruppe entdeckten noch wunderschöne Reliefs der Geburt Buddhas. Sie waren sichtbar "gerührt" von dem kleinen Baby-Buddha, der in seiner Geste eindeutig zu verstehen gab: "Hier bin ich!". In alten deutschen Mercedesbussen - wir konnten im Gegensatz zu den Einheimischen lesen, was da in Deutsch stand, z.B. "Nicht mit dem Fahrer sprechen" - fuhren wir unsere letzte Etappe zurück nach Kathmandu. Die ursprünglich geplanten sieben Stunden - wir sollten vor 9 Uhr abends dort eintreffen wegen der militärischen Absperrungen in Kathmandu - wurden stattdessen zu 15 Stunden. Infolge eines Unfalls zweier Lastwagen - ein geringer Schaden mit jedoch unverhältnismäßigen drei Stunden Verhandlungsphase - ergab sich eine erste lange Wartezeit. Nachdem über 100 Fahrzeuge erst einmal an uns vorbei fuhren, konnten wir die engen, bergan steigenden Straßen wieder weiterfahren. Ursprünglich sollten wir mit drei Bussen fahren - einer hatte jedoch kurz vorher noch einen Unfall - also waren es nur noch zwei. Wir saßen sehr beengt und unsere vier Kranken unter ärztlicher Betreuung von Doktore Christoph aus Aschaffenburg auf dieser letzten Strecke waren besonders tapfer. Denn ausgerechnet in dem Bus mit der "Krankenstation" fiel immer wieder das Kühlsystem des Motors aus. Das hieß: etwa alle halbe Stunde stoppen, erstmal abkühlen lassen, Wasser nachfüllen bis zum nächsten Stop. Dazu kam dann noch ein weiterer Motorschaden, den dann die einheimischen Techniker mit einem kleinen Holzstück als Ersatzrelais doch so notdürftig reparieren konnten, dass auch dieser Bus um 5 Uhr früh endlich im noblen Gangjong Hotel in Kathmandu ankam. Die Militärsperren hatten uns zum Glück ohne Hindernisse passieren lassen. Nachdem ja alles so ungewöhnlich pünktlich und glatt lief, hatten wir also doch noch eine "kleine Reinigung" auf unserer Pilgertour. "Buddha sei Dank" äußerst harmlos im Verhältnis zu dem, was in Bihar oder im gerade von Unruhen geplagten Nepal hätte geschehen können.

12. März Kathmandu
Am letzten Tag in Kathmandu verabschiedeten wir uns morgens von Lopön Tsechu Rinpoche und Lama Kalsang. Mittags waren wir zu Beru Khyentse Rinpoches Kloster bei der Bodhnath-Stupa eingeladen worden. Beru Khyentse ist an der 5. Stelle innerhalb der Kagyü-Linie. In seinem Hauptkloster lebt sein Sohn, die neue Wiedergeburt des Jamgon Kongtrul Rinpoche (4. Linienhalter). Wir erhielten von Rinpoche einen 8. Karmapa-Lung und er erklärte uns die wunderschönen, neuen Malereien in seinem Kloster. Der Nachmittag wurde für Shopping genutzt. Abends verabschiedeten wir uns von Hannah. Sie reiste wieder zurück nach Kalimpong. Zusammen mit Shamarpa sollte sie nach Rumtek reisen um dort bei der Bestandsaufnahme der versiegelten Güter zu helfen.

Am 13. März 2002
landete der größte Teil der Gruppe B wieder in Deutschland. An Orten wie Bodhgaya haben wir empfinden können, Teil einer weltweiten, großen, buddhistischen Gemeinschaft zu sein. So wie wir Inder, Japaner, Ceylonesen fotografiert haben, so wanderten wir während wir meditiert haben oder Verbeugungen machten auch in japanische Fotoalben. Was uns besonders auffiel, war die noch immer spürbare "Präsenz" von Buddha Shaykamuni und unseren Linienhaltern, von denen wir schon so viel gehört hatten, wie Saraha, Nagarjuna, Shawaripa, Naropa, Marpa...


Beate Nagel, Projektleiterin im Bereich Großraumbeduftung, Duftmarketing, seit 1981 Buddhistin und lebt seit 1991 in Schwarzenberg

Gernot Bauer, Dipl. Ing. für Elektro- und Informationstechnik, hat 1998 bei Lama Ole Zuflucht genommen, lebt und arbeitet in München

Unser ganz besonderer Dank geht an Hannah Nydahl, Manfred Seegers und an Hans Embert.