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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 35, (Winter/Frühjahr 2003)

Der lange Weg nach Rumtek

Inventar an Karmapas Sitz in Sikkim nach 5 Tagen abgebrochen

Das gerichtliche Tauziehen um Rumtek dauert an. Zwar konnte ein in der zweiten Juliwoche erstelltes Inventar nicht ordnungsgemäß zu Ende geführt werden; zudem liegt der endgültige Bericht des Gutachters über die Erfassung der Werte am Exilsitz des 16. Karmapa im indischen Bundesstaat Sikkim noch nicht vor. Doch es zeichnet sich bereits ab, dass - wie befürchtet - gleich eine ganze Reihe wertvoller Gegenstände aus dem Besitz des Klosters entwendet worden sind. Sollte sich dies bewahrheiten, würde unweigerlich der Verdacht auf die derzeitigen Statthalter Rumteks fallen, die den Ort seit über neun Jahren besetzt halten:

Der Diebstahl oder eine Vernichtung dieser Güter wäre ohne deren Zutun kaum denkbar. Die Unterstützer des einstigen Karmapa-Kandidaten von chinesischen Gnaden, Urgyen Trinley, stünden womöglich bald als Hehler da. Peinlich wäre dies auch für die Tibetische Exilregierung und dem Dalai Lama, die - obwohl für die inneren Belange der Kagyü-Tradition nicht zuständig - seit Jahren in parteiischer Weise die Ambitionen Urgyen Trinleys auf den Titel des Karmapa stützten.

Wir erinnern uns: Es geht um die Klage, die Mitglieder des Karmapa Charitable Trust (KCT) - unter ihnen Künzig Shamar Rinpoche - gegen derzeitige Bewohner des Klosters Rumtek sowie die Regierung des indischen Unionsstaates Sikkim angestrengt hatten (Wir berichteten in der letzten Ausgabe der Buddhismus Heute). Der Hintergrund: In den Wirren der Auseinandersetzung um die authentische Wiedergeburt des 16. Karmapa hatten am 2. August 1993 Anhänger zweier prominenter Lamas der Kagyü-Linie, nämlich Situ und Gyaltsab Rinpoche, das Kloster Rumtek besetzt; die damals dort wohnenden und von Shamarpa betreuten Mönche wurden unter Zwang vertrieben. Die sikkimesischen Behörden ließen das offensichtliche Unrecht geschehen. Als daraufhin die indische Regierung protestierte, waren Aufbewahrungskästen mit besonders wertvollen Gegenständen und Räumlichkeiten versiegelt sowie Wachposten aufgestellt worden. Bestand doch die Befürchtung, dass etwa die berühmte Schwarze Krone der Karmapas aus Rumtek abtransportiert und ins besetzte Tibet geschmuggelt werden könnte, um sie dort Urgyen Trinley aufzusetzen - jenem Jungen, der damals an Karmapas Stammsitz in Tsurphu unter kommunistisch- chinesischer Kontrolle wie in einem goldenen Käfig lebte.

Es dauerte bis zum Juli 1998, als am für Nord- und Ost-Sikkim zuständigen Bezirksgericht die vollständige Klage des KCT einging, über die momentan verhandelt wird. In der Zwischenzeit waren öffentliche Spekulationen über den Gesamtwert des Klosters Rumtek mitsamt Inventar ins Kraut geschossen: Sogar eine astronomisch hohe Summe von 1,2 Milliarden US-Dollar geisterte durch die indischen Medien. Dies wiederum hatte Spekulationen angeheizt, es ginge bei dem Streit um Karmapas Sitz in Sikkim eigentlich um materielle Ansprüche. Am 17.10.2001 ordnete das Gericht eine Bestandsaufnahme der Werte am Kloster Rumtek an und benannte den Regionaldirektor der Reserve Bank of India aus Kalkutta, V. K. Sharma, als Sachverständigen. Er sollte in Zusammenarbeit mit den beiden Parteien die Erstellung eines "quantitativen Inventars", also einer Gesamtliste der dort vorhandenen Werte, vorbereiten.

Doch die Inventarisierung musste mehrmals verschoben werden: Unterstützer des Karmapa-Kandidaten Urgyen Trinley in Sikkim zeigten sich ausgesprochen unkooperativ und verhinderten durch gerichtliche Eingaben, kurzfristig angesetzte Ritualwochen und schließlich sogar öffentliche Blockadeaktionen die offizielle Erfassung der Schätze für Monate. Sie nahmen das Inventar zum Anlass, erneut öffentlich dessen Kommen nach Rumtek zu fordern: Nur der Karmapa - natürlich der nach ihrer Lesart, also Urgyen Trinley(!) - könne die dort gelagerten "heiligen Gegenstände" wie etwa die berühmte Schwarze Krone anfassen. (Übrigens ein fadenscheiniges Argument: Die wichtigste Reliquie der Karmapas war z. B. Anfang 1992 von Jamgön Kongtrul Rinpoche ausgepackt und gesäubert worden - sowohl Shamar als auch Gyaltsab Rinpoche waren dabei zugegen gewesen.) Auch Tashi Wangdü, ehemaliger Minister für religiöse Angelegenheiten in der Tibetischen Exilregierung, stellte sich hinter diese Forderung: "Der Dalai Lama hat Urgyen Trinley Dorje als den 17. Karmapa anerkannt. Für uns ist er der rechtmäßige Thronanwärter und sollte in Rumtek sitzen", erklärte er im März gegenüber der indischen Presse.

Die Behörden Sikkims zeigten sich wenig interessiert, den Verlauf eines gegen sie gerichteten Gerichtsverfahrens zu beschleunigen. Der Premierminister des Unionsstaates, Pawan Chamling, hatte sich bereits im Frühjahr 2000, kurz nach dem Reißaus von Urgyen Trinley nach Indien und im Angesicht der öffentlichen Aufmerksamkeit, dafür ausgesprochen, den prominenten Exil-Tibeter als Karmapa in Rumtek residieren zu lassen. Der am wirtschaftlichen Fortschritt seines Territoriums sehr interessierte Politiker diktierte damals indischen Zeitungen, dass er sich dadurch eine Belebung des Tourismus und somit mehr Deviseneinnahmen für Sikkim erhoffe. Er hatte dadurch den Unmut einiger Mitglieder der indischen Zentralregierung auf sich gezogen, die bis heute Zweifel an der politischen Berechenbarkeit des Lagers um Urgyen Trinley haben.

Anfang Juni 2002 schaltete sich sogar Karmapa Thaye Dorje mit einer kurzen Erklärung in die Auseinandersetzung um die Inventarisierung ein. Der entsprechend der Tradition von Shamar Rinpoche ernannte höchste Funktionsträger unserer Linie, der eigentlich politische Zurückhaltung bevorzugt, rief dazu auf, den Widerstand gegen die gerichtliche Anordnung aufzugeben: "Frieden und Stabilität eines Landes beruhen auf der Einhaltung seiner Gesetze. Daher appelliere ich in mitfühlender Weise an alle Leute, die Anordnung des Gerichts zu respektieren und den problemlosen Fortgang des Inventars nicht zu behindern oder zu stören." Am 19.6. bekräftigte das zuständige Gericht erneut seine Forderung nach der Durchführung der Bestandsaufnahme. Das Lager um Gyaltsab Rinpoche (das sich inzwischen den Namen "Tsurphu Labrang" gegeben hatte) musste nachgeben, erwirkte aber durch Intervention beim Höchsten Gericht Sikkims, dass die Regeln, die das Bezirksgericht vorgegeben hatte, aufgeweicht wurden: Die Schwarze Krone sollte nicht ganz ausgepackt werden, damit sie nicht berührt werden müsse; auch sollten Objekte, die in Behältern mit dem originalen Siegel des 16. Karmapa aufbewahrt würden, nicht extra aufgelistet werden, wenn dafür die authentischen Siegel beschädigt werden müssten. Auch dem Antrag des KCT, Künzig Shamar Rinpoche zum Inventar hinzuzuziehen - er war seit Sommer 1993 nicht mehr in Rumtek gewesen -, erteilte der High Court eine Absage.

Am 8. Juli war es endlich soweit: Gutachter Sharma und sein Team betraten, flankiert von Vertretern und Anwälten der am Gerichtsverfahren beteiligten Parteien, das Kloster Rumtek. Ihnen lag eine Bestandsliste vor, die noch im Sommer 1993, kurz vor der Vertreibung des KCT, angefertigt worden war. Schon am zweiten Tag geriet der Zeitplan für die auf fünf Tage angesetzte Inventarisierung ins Stocken: Der Schlüssel für den Hauptraum mit den wichtigsten Reliquien war verschwunden. Die Vertreter der derzeitigen Statthalter in Rumtek taten verwundert und behaupteten tatsächlich, diese befänden sich im Besitz des KCT - ein prophylaktischer Versuch, der Gegenseite die Schuld für etwaige Verluste anzulasten? Da der Sachverständige sich nicht bevollmächtigt sah, ohne Rücksprache mit dem Gericht das Schloss aufbrechen zu lassen, wurden zunächst Objekte in anderen Räumen gezählt. Bereits hierbei taten sich Lücken im Bestand auf: Ein sehr fein gearbeitetes Set Glocke und Dorje, das vom 14. Karmapa stammte, fehlte - ein Sprecher des "Tsurphu Labrang" gab zu, dass die beiden Objekte vor längerer Zeit an Urgyen Trinley weitergegeben worden waren. Von einer ursprünglich etwa 350 Teile umfassenden alten Lamatanz-Garnitur aus altem chinesischen Brokat fehlten 226 Stücke. Viele davon waren durch Imitate aus billigen indischen Stoffen ersetzt worden. Auch diverse alte Texte wurden vermisst.

Mit Hilfe eines Schlüsselschmiedes konnte die Kommission schließlich am 12. Juli den Altarraum im ersten Stock des Klosters betreten. In diesem auch als "Schatzkammer" bezeichneten Raum hatten über Jahre die wertvollsten Gegenstände aus dem Erbe des 16. Karmapa gelegen: Eine große Sammlung einzigartiger Statuen - einige gar aus der alten Zeit des Buddhismus in Indien - die berühmte Vajra-Krone und vieles mehr. Auch das in einer goldenen Schachtel aufbewahrte Schriftstück, welches Situ Rinpoche im Juni 1992 als den angeblichen Prophezeiungsbrief des 16. Karmapa präsentiert hatte und mit dem er damals eine folgenschwere Kontoverse um die authentische Wiedergeburt des höchsten Lamas der Kagyü-Linie auslöste, wurde hier vermutet.

Viel Staub hatte sich hier angesammelt. Tenzin Namgyal aus dem Lager Gyaltsab Rinpoches behauptete, dass dieser Staub zehn Jahre alt sein müsse, der Raum sei 1992 von den damals in Rumtek wohnenden Mönchen verschlossen und versiegelt worden. Gyan Joti, Vertreter des KCT, bezweifelte dies und forderte einen Vergleich des aktuellen Siegels mit dem originalen Abdruck. Sie erwiesen sich als nicht identisch: Ein Indiz dafür, dass die sikkimesischen Wachen irgendwann in den letzten Jahren die Augen zugedrückt und einer oder mehreren Personen Zutritt gewährt haben. Auch weitere Siegel - unter anderem die der Aufbewahrungsbox mit der Schwarzen Krone - deckten sich nicht mit denen des 16. Karmapa. Eigentlich wäre dies das Zeichen gewesen, die vorhandenen Kästen und Schränke zu lüften, doch der verantwortliche Gutachter verhielt sich erneut vorsichtig: Viele Statuen, die in Schränken hinter Glas stehen, wurden unter Zeitdruck nur von außen gezählt, ohne die Türen zu öffnen. 26 antike Statuen wurden dem Eindruck nach vermisst; auch die goldene Reliquienschachtel mit Situ Rinpoches vermeintlichem Prophezeiungsbrief wurde nicht gefunden. Der Behälter, der die Schwarze Krone enthalten soll, blieb unausgepackt.

Wie geht es nun weiter? Der Sachverständige legte inzwischen dem Gericht seinen Zwischenbericht vor, dessen Inhalt uns bislang nicht bekannt ist. Ob das Inventar fortgesetzt wird, ist noch unklar. Gyaltsab Rinpoches Anwälte beschäftigten indessen das Gericht mit dem Antrag, den so genannten "Tsurphu Labrang" zum Gerichtsverfahren zuzulassen. Ein Gremium mit diesem Namen wäre, so argumentierten diese, über Jahrhunderte für die Verwaltung der Angelegenheiten Karmapas sowie seines Hauptklosters in Tibet zuständig gewesen. Auch hätte der vormalige Tsurphu Labrang in den 1960er Jahren bei der Gründung des Karmapa Charitable Trust Pate gestanden. Daher solle doch diese Vereinigung als rechtmäßiger Besitzer Rumteks anerkannt werden. Ein interessanter Schachzug, der im Falle eines Erfolges auch den Beschuldigten Gyaltsab Rinpoche aus der Schusslinie gebracht hätte. Doch es sieht nicht danach aus, dass der Richter dieser Linie folgt: Ein früherer Sekretär des 16. Karmapa, als Generalsekretär des Tsurphu Labrang vorgesehen, konnte keine Autorisierung vorweisen - außer einer von "Karmapa" Urgyen Trinley ausgestellten "Ernennungsurkunde". Diese wurde vom Gericht nicht anerkannt: Gyaltsab Rinpoche musste 5000 Rupien Gebühr bezahlen, um sich bescheinigen zu lassen, dass Urgyen Trinley hier seine Befugnisse überschritten hatte, indem er als Karmapa auftrat. Auch ein Antrag, das ganze Verfahren wegen Verjährung einzustellen, scheiterte.

Künzig Shamar Rinpoche hat in einer ersten Stellungnahme nach der Inventarisierung juristische Schritte angekündigt für den Fall, dass tatsächlich wichtige Posten aus dem früheren Bestand fehlten. Als mutmaßlicher Hauptbelastungszeuge wird er bald seine Aussage machen, die er wahrscheinlich zu Protokoll geben wird: Der Unionsstaat Sikkim verweigert ihm nach wie vor die Einreise.

Und was macht Urgyen Trinley, dessen mögliche Niederlage sich vor Gericht abzeichnet? Er befindet sich nach wie vor als Gast im Gelugpa-Kloster Gyuto, nicht weit vom Sitz des Dalai Lama in Dharamsala. Für ihn, dem es indische Behörden bisher nicht gestattet haben, seinen Mentor Situ Rinpoche in dessen Residenz in Nordindien zu besuchen, wäre es ein nahe liegender Gedanke, sich in den nächsten Jahren irgendwo in Indien eine eigene Stelle aufzubauen. Samdhong Rinpoche, Premierminister der Tibetischen Exilregierung, äußerte bereits, dass er bei indischen Stellen vorgefühlt hätte und sich in diesem Sinne für Urgyen Trinley einsetzen würde. Doch der junge Exiltibeter wiegelt beharrlich ab: In einer Pressekonferenz im September spielte er das Gerichtsverfahren herunter und meinte, Einzelne wollten aus "persönlicher Vorteilsnahme" die Kontrolle über das Kloster Rumtek erlangen. Vielleicht hoffte er auf die nächste Instanz, als er meinte: "Mein Endziel ist das Kloster Rumtek. Ich glaube, dass ich in zwei Jahren dort sein werde." Man darf über den weiteren Verlauf der Dinge gespannt sein.

Kurz vor Redaktionsschluss erreicht uns eine neue Information bezüglich des Gerichtsverfahrens: Am 17.11.02 hat das Bezirksgericht den Antrag auf Zulassung des von Unterstützern Urgyen Trinleys ins Spiel gebrachten "Tsurphu Labrang" abgelehnt. Es wurde festgestellt, dass der Karmapa Charitable Trust der Rechtsnachfolger des Tsurphu Labrang aus alten Tibetischen Zeiten ist. Damit gilt es als sehr wahrscheinlich, dass sich Gyaltsab Rinpoche für materielle Verluste des Klosters Rumtek wird verantworten müssen.


Michael den Hoet