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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 35, (Winter/Frühjahr 2003)

Manjushris Palast in China

Angeregt durch den Besuch von Shangpa Rinpoche aus Singapur, der in diesem Sommer zum zweiten Mal in Europa Belehrungen und Einweihungen gegeben hat, wollte ich den Asien-Zwischenstopp zum Besuch des von ihm geleiteten "Karma Kagyud Buddhist Center Singapore" verwenden. Daraus wurde mehr: eine Reise zum buddhistischen Pilgerplatz WuTaiShan, einst auch Aufenthaltsort der Karmapas.

Die Adresse Geylang, Lorong 22, No 38 liegtmitten im Rotlichtviertel Singapurs - das aber"absolutely safe" sei, meint der Taxifahrer, denn:in Singapore ist alles sauber und sicher. In der Tat, so ist es: ein freundlicher Flachbau am Ende der Straße, rundherum preiswerte Hotels -geeignet auch für den stundenweisen Gebrauch, Samsara und Nirvana einträchtig nebeneinander.

Ich werde mit chinesischer Herzlichkeit empfangen und gleich in die Küche gesetzt, "che ba, che ba!", was heißt: iss erstmal was! Und da es sich um eine Laien-Sangha chinesischer Prägung handelt, ist die Küche fast so groß wie die Gompa nebenan, in der gerade die Grüne- Tara-Praxis als Puja inclusive Mudras zum Ton der Trompete praktiziert wird. Zu Vorträgen und gemeinsamer Praxis kommen sowohl junge Berufstätige und Studenten, ganze Familien mit Kindern, ältere Damen sowie auch wohlhabende Geschäftsleute, deren Namen man auf den an tibetischen Klöstern angebrachten Sponsorentafeln wiederfinden kann.

Obwohl die Praxis passend zum chinesischen Kulturhintergrund traditionell gehalten wird und vor allem Robenträger als Lehrer akzeptiert werden, macht ein Blick auf das regelmäßige Programm deutlich, dass Shangpa Rinpoche als Zentrumsleiter ganz großen Wert legt auf Dharmaverständnis und Entwicklung seiner Gruppe. Zur Einweihung der neuen Shedra in Kalimpong Februar 2002 kam Shangpa Rinpoche zusammen mit über 100 Mitgliedern seiner Zentren, alles dokumentiert in dicken Fotoalben, die im Zentrum ausliegen.

Im Gespräch erfahre ich mehr über die Zentrumsorganisation von Büro bis Küche und Programm, es gibt auch eine Kinderklasse und Bestrebungen zur Gründung eines buddhistischen Kindergartens - "....damit sich unsere Kids nach der allgemeinen Pubertätsverwirrung wieder an den Dharma zurückerinnern können", meint ein angehender Vater. Eine weitere Besonderheit ist der Hinweis "for free distribution only" in allen vom Zentrum verlegten Büchern und Broschüren. Denn es wird erst gedruckt, wenn genügend Spenden zusammengekommen sind - und wer später ein Buch möchte, wird oft nochmals eine kleine Spende geben. Mit einem Augenzwinkern bekomme ich auch eine Einweihung in das "geheime Mantra des Singapore-state-of mind", das da lautet "oh money money come". Chinesen sind ja weltweit berühmtberüchtigt für ihr Reichtumsstreben, das auch die buddhistischen Wunschgebete durchdringt. Offenbar gehen diese gemäß Ursache-Wirkung sogar in Erfüllung, wie man in Singapur sehen kann. Die Arbeitswelt wird mir jedoch als sehr stressvoll beschrieben und für viele ist es schwierig, neben einem anspruchsvollen Job noch Freiraum für den Zentrumsbesuch zu finden. Ein gutes Beispiel war die gemeinsame Rezitation von über 100 Millionen Om Mani Peme Hung der gesamten Gruppe zu Jahresbeginn, nach außen für den Frieden in der Welt, und intern für weiteres Wachstum der Zentrumsarbeit, was offenbar Wirkung zeigt.

Ganz lang werden meine Ohren, als ich so nebenbei erfahre, dass man gerade zusammen mit Shangpa Rinpoche eine Pilgerreise nach China zum Manjushri- Platz WuTaiShan (Fünf-Terassen-Berg) sowie zum Ermeishan und Teilen Osttibets plant. Ja, wenn ich mitreisen möchte - warum eigentlich nicht, meint Kohit, der den Ablauf organisiert. Email-macht'smöglich treffe ich mich mit Shangpa Rinpoches 50-köpfiger Reisegruppe sechs Wochen später im Terminal Bangkok Airport zum Weiterflug nach Chengdu/China. Bereits bei der Ankunft erlebe ich perfekte Organisation made in Singapore: Das Gepäck steht ordentlich gekennzeichnet vor zwei Bussen nebst Reiseleitung aufgereiht, bereit zur Abfahrt ins Fünf- Sterne-Hotel mit anschließendem Abendessen an großen runden Tischen voller chinesischer Köstlichkeiten. Ich fühle mich eher an ein Food-Festival denn an eine entbehrungsreiche Pilgerreise erinnert... Der gehobene Singapore-Stil wird für die gesamte Reise beibehalten zu einem ungewöhnlich günstigen Gruppenpreis, ermöglicht aufgrund der guten China-Geschäftsbeziehungen einiger Sangha-Mitglieder. Am nächsten Tag geht es weiter vom hochmodernen Flughafen Chengdu nach Taiyuan, Hauptstadt der Provinz Shanxi, und von dort mit zwei Bussen erst über die neue Autobahn, dann auf einer ebenfalls gut ausgebauten Serpentinenstraße in Richtung WuTaiShan. Die unerwartet gute Infrastruktur selbst hier im Landesinneren macht deutlich, wie schnell sich China in den letzen Jahren wirtschaftlich entwickelt hat.

Unterwegs denke ich an die Beschreibung einer WuTaiShan-Pilgerreise im China der 30er Jahre von John Blofeld, einen (John Blofeld, "The Wheel of Life - The Autobiography of a Western Buddhist", Shambhala Publications, Boston, first edition 1959 ) der ersten westlichen Vajrayana-Praktizierenden und Übersetzer chinesischer Zen-Texte. Neben den Mühen der Pilgerreise erzählt er von der magischen Faszination, die von diesem damals noch recht unzugänglichen Platz ausging:

"...Die letzte Wegstrecke erklimmen wir schweißgebadet, bis sich am Pass der Blick eröffnet auf das Hochplateau mit über 300 großen und kleinen Tempeln, im Tal und an den Berghängen angeschmiegt unter überhängenden Felsen und auf den umliegenden Hügeln gelegen ... hunderte Pilger aus Tibet, der Mongolei und China in schimmernd prachtvoller Zeremonie, zu außerirdischen Klängen der Zimbeln und Mantragesänge ... Die Statue von Manjushri mit dem Schwert der Weisheit, voller Gold und Edelsteine ... ein Ort in unvergleichlicher Großartigkeit, ein Shangri-La auf Erden..."

Es gibt in China vier "heilige buddhistische Berge": der in der Shanxi-Provinz westlich auf Höhe Beijings gelegene WUTAISHAN, der PUTUOSHAN in der Provinz Zejiang, der JIUHUASHAN in Anhui sowie der ERMEISHAN in der Provinz Sichuan, ca. 60 km entfernt von Chengdu, der ebenfalls Teil unserer Pilgerreise ist. Das WuTaiShan-Areal gleicht einem natürlichen Mandala, mit vier zum Teil über 3000 m hohen Bergterrassen in den vier Himmelsrichtungen und einem Plateau in der Mitte. Shangpa Rinpoche erklärt, dass Buddha selbst im Lalitavistara-Sutra, sowie auch Buddhapalita (ein Schüler von Nagarjunas Schüler Aryadeva), der im 5. Jahrhundert lebte, diesen Ort genau beschreibt als einen Platz, an dem sich Manjushri (chin: WenShu PuSan) manifestiert. Der WuTaiShan gilt als einer der wichtigsten buddhistischen Pilgerorte in China ähnlich Bodhgaya in Indien. Damit wir den besonderen Segen dieses Platzes noch besser aufzunehmen können, verteilt Rinpoche nach dem Frühstück an alle Manjushri-Pillen und empfiehlt, so viel wie möglich das Mantra Om Ara Patsana Dhi zu verwenden - es wird sogar gesagt, man könne so hier am WuTaiShan eine unmittelbare Vision von Manjushri erfahren. In den vier uns zur Verfügung stehenden Tagen schaffen wir gerade mal einen Bruchteil aller bemerkenswerten Plätze und Sehenswürdigkeiten: im Zentrum des Tales befindet sich ein großer weißer Stupa, die Bauweise vergleichbar der Stupa im BeiHai-Park in Beijing. Im Innenhof daneben nochmals ein kleiner Stupa, der der Legende nach ein Haar Manjushris enthalten soll. Der WuTaiShan war immer auch ein Zentrum des tibetischen Buddhismus, daher finden sich hier viele Stupas von tibetischen Lamas, u.a. des letzten Dilgo Khyentse Rinpoche. Auf der dahinter liegenden Anhöhe besuchen wir eine ebenfalls beeindruckende Tempelanlage, denn im obersten Gebäudeteil hinter einem Schrein mit vergoldetem Dach hat den Berichten zufolge auch der 3. Karmapa, damals Lehrer des chinesischen Kaisers, längere Zeit gewohnt. Vom 4. und 5. Karmapa, sowie dem 6. und 13. Dalai Lama wird ebenfalls berichtet, dass sie sich hier aufgehalten haben.

Am Abend gibt Shangpa Rinpoche eine Manjushri-Einweihung. Der Klostervorsteher war gegen Spende gerne bereit, einen Raum nebst Assistenzmönch zur Verfügung zu stellen. Überhaupt fällt auf, dass die zahllosen Kulturgüter des WuTaiShan nicht nur die japanische Besatzungszeit sondern auch die andernorts verheerende Kulturrevolution relativ unbeschadet überstanden haben. Die Klöster, meist einer chinesischen Mahayana-Schule angehörend, sind noch oder wieder in Betrieb. Das macht den WuTaiShan auch als Tourismusziel attraktiv, es stehen Hotels aller Kategorien zur Verfügung. Die Äbtissin eines Nonnenklosters mit strenger Disziplinauffassung mag aber offenbar keine "Touristen" - sie beschwert sich bei unserem Besuch lautstark über einen in ihren Augen moralgefährdend kurzen Minirock. Die meisten Tempel- und Klosteranlagen sind für Besichtigungen geöffnet, erreichbar teils über eine abenteuerliche Seilbahn oder endlose Stufen bergauf. Wohin man auch schaut, sieht man reiches chinesisches Kulturerbe und Manjushris in verschiedenen Formen sowie Statuen und Schützer im für den chinesischen Buddhismus typischen Stil, aber auch die südlichen Schulen sind mit Buddhas aus Burma, Thailand und Sri Lanka vertreten. Auf Wunsch Shangpa Rinpoches gelingt es, die chinesichen Reiseleiterinnen zu einer Sondertour auf die umgebenden Gipfel zu bewegen. In kleinen Bussen geht es auf unbefestigten Wegen bergan bis wir die höchsten Stellen mit alten Manjushri-Höhlen und Stupas erreichen - unsere Fahrer sind sichtlich froh, den Weg heil geschafft zu haben. Ständig weht ein scharfkalter Wind und man blickt den Elementen ausgesetzt in den umgebenden, unbegrenzt weiten Raum. Wir fliegen von Taiyuan aus zurück nach Chengdu als Ausgangpunkt für einen Abstecher nach Osttibet, jetzt zur Provinz Sichuan gehörend. Ziel ist das zum UNESCO-Weltnaturerbe gehörende Gebiet um Jiuzhaigou, ein Tal mit türkisfarbenen Seen und Wasserfällen, und die Huanglong-Sinterterrassen. Bei über 4000 m Höhe geht man lieber etwas langsamer mit kleinen Schritten oder greift zu den mitgeführten Sauerstoffflaschen. Ähnlich geht es auch den zahlreichen, laut durcheinanderlärmenden chinesischen Reisegruppen. Die Häuser der tibetischen Bevölkerung, meist als Bönpos an den gegen den Uhrzeigesinn drehenden Gebetsmühlen zu erkennen, sind auffällig gut gebaut und machen einen relativ wohlhabenden Eindruck. Die Vorstellung der tibetischen Kultur beschränkt sich jedoch auf den in China allgegen-wärtigen "Minderheiten-Vorführ- Volkstanz" mit Gesang in chinesischer Sprache, wobei ständig mitten in der Vorstellung Touristen auf die Bühne eilen zwecks Urlaubsfoto mit und ohne Yak, zusammen mit den kostümierten Darstellern.

Die Straße windet sich dem tief unten liegenden Fluß entlang zurück nach Chengdu als Zwischenstation, von wo aus wir den großen Buddha von Leshan besuchen. Eigentlich hätte ich an diesem bekannten Touristenziel keine besondere geistige Schwingung erwartet. Daher berührt mich neben den gigantischen Ausmaßen des in den Fels gehauenen Buddhas, der direkt auf den Zusammenfluss zweiter hochwassergefährdeter Flüsse blickt, die spürbare Gegenwart der hier seit Jahrhunderten gemachten starken Wünsche. Man vermutet zu Recht in der VR China an die 400 Millionen Menschen, die sich bei freier Religionsausübung wohl als Buddhisten bezeichnen würden. Das Interesse ist groß, auch unsere beiden lokalen Reiseleiterinnen wollen von Rinpoche Segen und ein Mantra haben, und bedanken sich dafür mit einem süßen Karaoke-Song. Nahe Leshan liegt der heilige buddhistische Berg Ermeishan, dessen Tempel auf dem "Goldenen Gipfel" am Rande der schroff abfallenden Felsen an ein entrücktes chinesisches Tuschgemälde erinnert. Hier kann man seinen Wunschgebeten durch Entzünden von bis zu zwei Meter langen Räucherstäben den nötigen Nachdruck verleihen. Gnädig verhüllt der Nebel den Blick auf die in unmittelbarer Nachbarschaft errichtete Antennenanlage, aber leider auch hinaus auf's Tal und die umliegende Landschaft. Ansonsten gibt es reichlich touristische Angebote, Souvenirshops und eine Kabinenseilbahn österreichischer Bauart bis wenige Meter unter den Gipfel. Wir begegnen aber auch Gruppen älteren Chinesen, die den Ermeishan lieber in zweitägigem Aufstieg zu Fuß vorbei an Pagoden und Wasserfällen durch subtropische Wälder erpilgern.

Bei chinesischer Gesundheitsküche am Abend vor dem Rückflug nach Bangkok lobt Shangpa Rinpoche mit diplomatischem Geschick nochmals den Einsatz der unermüdlichen Organisatoren sowie der gesamten Reisegruppe. Mit Blick auf mich als einziger nichtasiatischer Teilnehmerin weist er ausdrücklich darauf hin, dass es "im Westen" über 300 Kagyü-Zentren gibt. Er würde sich sehr freuen, wenn auf seiner zweiten Tour durch Europa im Sommer ein verstärkter Ost-West- Kontakt in Gang kommt und sich die asiatischen und westlichen Kagyü- Laienpraktizierenden mit der Zeit auch durch persönlichem Austausch näher kennen- und verstehen lernen.

Shangpa Rinpoche
geboren 1960 im Grenzland zwischen Tibet und Nepal, wurde im Alter von zwei Jahren als Inkarnation des großen Yogi Shangpa Rinpoche erkannt, eines Schülers des 15. Karmapa. Mit neun Jahren in Nepal vom 16. Karmapa ordiniert, ist er seit 1978 als Abt für das Jangchub Choeling Kloster in Pokhara verantwortlich. Bereits als Kind hat er unter Dupsing Rinpoche und anderen Lehrern Rituale und etliche Schriften studiert und auswendig gelernt. Mit 16 Jahren begann er sein Studium der buddhistischen Philosophie, Literatur und Sanskrit am "Tibetan Higher Institute of Buddhist Studies" in Varanasi/Indien. Darüber hinaus hat er Übertragungen und Belehrungen von vielen herausragenden Lehrern erhalten, insbesondere vom 16. Gyalwa Karmapa, Künzig Shamar Rinpoche, Urgyen Tulku Rinpoche, Tenga Rinpoche, Khunu Rinpoche und Khenpo Rinchen. 1982 wurde er von Shamar Rinpoche gebeten, sich als Lehrer und spiritueller Leiter um das Karma Kagyud Buddhist Center in Singapur zu kümmern. 1997 wurde er von den Zentrumsmitgliedern zum Leiter und Abt gewählt. Außerdem leitet er mehrere Kagyü-Zentren in Südostasien, die er für Belehrungen und praktischen Ratschlag regelmäßig besucht. 1996 gründete er die in Nepal registrierte Shangpa Foundation, deren aktuellstes Projekt das "International Buddhist Institute and Retreat Center" in Kirtipur darstellt, gelegen ca. 20 Minuten Fahrtweg außerhalb im Westen Kathmandus. Shangpa Rinpoches Vision ist es, hier einen Platz für Laienpraktizierende aus Ost und West zu schaffen mit modern komfortablen Guesthouse-Zimmern, Lehrräumen und Bibliothek, geeignet für kurze oder längere Retreats und einem regulären Studienprogramm-Eröffnung geplant für 2004.

Weitere Informationen siehe:


http://www.shangpa.org/

http://www.kagyu-asia.com/

http://www.karma-kagyud.org.sg/


von Uschi Winterer, seit 1989 Schülerin von Lama Ole, Russland-, China und SO-Asien-süchtig, ab Ende 2002 in Burma