Aus: Buddhismus Heute Nr. 35, (Winter/Frühjahr 2003)

Für Buddha in Budapest

"WARUM BIST DU ALS DEUTSCHER HIERHER IN UNSER ZENTRUM ZUM ARBEITEN GEKOMMEN?" bin ich mehrmals während meiner zwei Wochen in Budapest von einheimischen Kagyüs gefragt worden.

 

DAS PROJEKT

Ja, warum? Weil Lama Ole darum gebeten hatte, weil ich zwei Wochen Zeit hatte und weil ich lernen wollte: Wie funktioniert die Durchführung eines solch großen Projektes? Wie arbeitet die ungarische Sangha? Wie ist die ungarische Mentalität? Ist Budapest wirklich so schön? Aber was ich dann erleben durfte, übertraf bei weitem meine Erwartungen. So viele positive Eindrücke und interessante Zusammenkünfte hätte ich mir nie erhofft!

Als ich im Zentrum ankam, war ich zunächst von der tatsächlichen Größe der Anlage überwältigt. Auch wenn man das mitreißende Video mit der Zukunftsvision für das neue Zentrum gesehen hat: es gibt Räume über Räume, Flure, Treppen, Lager, ein Restaurant, Keller und Dachböden, wohin man sich auch wendet. Insgesamt an die 6000 Quadratmeter nutzbare Fläche!

Zuerst war ich verblüfft, dass alles noch völlig baufällig wirkt. Überall bröckelt der Putz, Bauschutt liegt herum und die Fassade fällt in großen Brocken auf den Gehweg. Eine erste Führung mit Zsuzsa gewährte uns dann aber Einblick in ein paar schön renovierte Zimmer und Wohnungen, die sich in dem Komplex verbergen. Es wohnen bereits 18 Personen hier, natürlich diejenigen, die tägliche Aufgaben im Zentrum verrichten. Die Gompa wird gerade vergrößert und wird mit dann 24 m Länge auf nur 5 m Breite wohl für einige Zeit zur längsten und schmalsten Gompa der Welt.

Dann die Überraschung: Alle seit dem Kauf des alten Fabrikgebäudes im April 2001 renovierten und noch im Bau befindlichen Wohnungen inklusive der Gompa sind nur auf fünf Jahre ausgelegt und werden bald wieder abgerissen! Denn die Baugenehmigung wird später als erhofft erst Ende dieses Jahres erteilt und dann erst kann eine detaillierte Planung erfolgen.

Noch in diesem Jahr muss als Auflage der Stadt die unter Denkmalschutz stehende Fassade erneuert werden, womit aber eine professionelle Firma beauftragt wird. Die eigentlichen Arbeiten beginnen dann im Frühjahr 2003 im südlichen Trakt mit der Erneuerung des Daches und der Errichtung von Wohnungen in den sehr schönen und hohen Stockwerken. Im Anschluss daran werden der westliche und der nördliche Trakt (momentan Lagerhallen, Werkstatt und eine Wohnung) bis auf die Fassade abgerissen und neu aufgebaut. Hier sollten vor allem extern vermietete Konferenz- und Ausstellungsräume entstehen.

Das Zentrum wird keine geschlossene Kagyü-Burg, sondern ein nach außen offener Ort werden, an dem eine Begegnung zwischen dem Diamantweg-Buddhismus und dem öffentlichen Leben stattfinden kann. Vielen Menschen soll die Möglichkeit geboten werden mit dem Diamantweg in Verbindung zu treten, so z.B. auch in dem modernen Pub, das in den Räumen des ehemaligen Restaurants unter der professionellen Führung von Peter entstehen soll. Im zugehörigen Saal werden auch öffentliche Vorträge von Reiselehrern stattfinden.

Festen Sitz in dem Gebäudekomplex finden unter anderem ein Büro für Öffentlichkeitsarbeit, das Dharma Übersetzungs-Team, ein Grafikstudio, die Tibet-Europa-Stiftung und ein Kids' Club.Wohnen sollen im Zentrum insgesamt 50 bis 60 Personen. Und da sich auch die idealistischen Kagyüs Ungarns inzwischen einen Trabi leisten können, wird eine Tiefgarage für 50 Autos unter das Zentrum gebeamt. (Wie das gemacht werden soll, ist mir schleierhaft.) Hoffentlich werden dabei keine archäologischen Entdeckungen gemacht, die das Projekt um Jahre verzögern könnten. Zu guter Letzt wird das mittlere Gebäude abgerissen. Dort soll dann das "Zentrum des Zentrums" entstehen, die Cafeteria, eine Bücherei, ein Mahakalaraum und im zweiten Stock die neue Gompa. Die gesamten Arbeiten sollen nach der (wohl optimistischen) Schätzung Victors in 7 bis 8 Jahren abgeschlossen sein.

DER GASTARBEITER
In Budapest ankommend, erwartete ich eine geschäftige Großbaustelle. Aber wir waren die einzigen, als wir uns am Montag Morgen im Hof einfanden. Wir, das waren: Brigi, die im Zentrum wohnt, Tamás, den ich bereits zwei Wochen vorher auf den Kursen in Becske und Belgrad getroffen hatte und dem ich für seine Freundschaft und unermüdliche Übersetzungshilfe sehr danke, Gergely, der sich gerade in Budapest niederlässt, und ich. Schließlich haben ja die meisten auch einen normalen Beruf, dem sie nachgehen müssen.

Unsere Aufgabe war es, zwei große Lagerhallen voller aufgetürmter Material- und Abfallberge zu ordnen. Die folgenden zwei Wochen waren wirklich "Reines Land": Mit guten Freunden spaßvoll und mit Energie und Tatendrang zu arbeiten, so viele interessante und erwachsene Menschen zu treffen und abends gemeinsam auszugehen und zu feiern ist einfach spannend.

Sprachprobleme gab es kaum, denn die meisten Ungarn sprechen gut Englisch oder Deutsch. Und die Phasen, in denen Gespräche zwischen den Einheimischen liefen, habe ich genutzt, um an den Schleiern in meinem Geist zu arbeiten und mich im Gedankenlesen zu üben ... oder einfach Gestik und Mimik aufgeweckter Leute zu beobachten. Ein paar Wörter habe ich auch gelernt: "Itt és most" (Hier und Jetzt) sowie "Buli" (Party). Am Wochenende gab es dann eine Sangha-Buli! Die allseits bekannte Partylust der Ungarn hatte ich auch schon in Becske erleben dürfen sowie bei der inoffiziellen Party beim Belgrad-Phowa. Dort sprangen 150 Leute auf dem Parkplatz hinter den Lautsprechern meines Autos wild durch die Gegend. In Budapest waren es dann ein paar Leute weniger, dafür war die Anlage professionell.

Erheiternd fand ich das täglich wiederkehrende Ritual der exakt um 19:00:00 Uhr beginnenden Meditation. Fünf Minuten vorher beginnt ein allgemeines hektisches Gelaufe und Teller bleiben halb leer gegessen stehen. Ich muss gestehen, dass ich dies zuerst für einen Scherz gehalten habe, da es scheinbar so sehr in Widerspruch zur insgesamt spontanen, lockeren und wenig geplanten Lebensart steht, aber auf Zuspätkommer wird nicht gewartet!

Dieses bewundernswerte Potential an Disziplin könnte auch genutzt werden um notwendige Planungen sofort zu erledigen und den Informationsfluss zu verbessern. Die Arbeit hätte teilweise effektiver sein können. So verbrachten wir einen Tag damit, die in der ersten Woche von uns erstellte Ordnung in den Lagerräumen wieder umzuschichten, da uns niemand die notwendigen Anweisungen hatte geben können. Und tonnenweise Müll musste mangels Containers (kostet Geld und Geld ist knapp) mehrfach in andere Ecken geschichtet werden.

Die Durchführung solch eines immensen Bauvorhabens durch unerfahrene Laien, die zudem noch zum ersten Mal zusammenleben und -arbeiten, bedeutet für die Sangha einen enormen Lernprozess. Dies wird von allen Beteiligten nach eigenen Angaben als faszinierend und äußerst spannend erlebt. In Zukunft soll es einen Verantwortlichen für die Aufgabenverteilung als Ansprechpartner für die Gastarbeiter geben, eine Kochmöglichkeit eingerichtet sowie eine Waschmaschine zur Verfügung gestellt werden. Außerdem sind Internetseiten in Vorbereitung, welche den Stand der Arbeiten zeigen und Projektausschreibungen veröffentlichen. Damit sollen bestimmte Bauabschnitte ausgelagert werden, indem z.B. für die Errichtung von Mauern zu einem bestimmten Datum ein Team gesucht wird, welchem Bilder, Pläne und Material gestellt werden und das selbstorganisiert innerhalb der vorgegebenen Zeit die Arbeiten verrichtet. Als wir über die Steigerung der Effektivität unserer Arbeit nachdachten, erinnerten wir uns daran, dass sogar Milarepas Arbeit nicht ergebnislos war: schließlich wurde er erleuchtet ...

Aber im Ernst: Ole erklärt, Sangha-Arbeit sei wie ein zweites Ngöndro. Denn das Kraftfeld des Lamas bzw. das Segensfeld der Buddhas ist in der Sangha ständig aktiv und arbeitet mit unserem Geist. Entstehen bei der Arbeit unangenehme Gefühle, dann handelt es sich um Reinigungen, bei denen Sachen aus dem eigenen Geist hochkommen und schnell verarbeitet werden. Entstehen angenehme Erfahrungen, kann man diese als Segen betrachten und es werden gute Eindrücke aufgebaut. Damit ist Sangha-Arbeit ein Platz sehr schneller Entwicklung und immer sinnvoll.

Zum Abschluss der zwei Wochen gab es noch eine Überraschung, als völlig unerwartet Lama Kalsang auf den Hof fuhr. Er unternahm eine Besichtigungstour und bewunderte die Fortschritte der Arbeiten. Was für ein Extra-Segen!

FAZIT
Die Mitglieder des Budapester Zentrums möchten sich auf diesem Weg bei allen Helfern aus anderen Ländern bedanken. Alle hätten einen wirklich sehr guten Eindruck hinterlassen und sollten doch wiederkommen. Die Budapester Sangha möchte die Hilfe von Freunden von draußen verstärken und ist dankbar für jede Form von Unterstützung, auch finanzieller Art.

Ich selbst bin überrascht, dass bislang nur eine Hand voll Helfer hierher gefunden hat und kann nur jedem empfehlen diese Erfahrung zu machen. Wollt ihr euren Geist mit guten Eindrücken auffüllen, etwas Sinnvolles zum Nutzen aller Wesen tun und eure eigene Entwicklung vorantreiben? Dann kommt nach Budapest! Ich habe eine wundervolle Zeit mit wundervollen Menschen an einer freudvollen Stelle voller Raum für Entwicklung verbracht und möchte keine Sekunde davon missen.

Vielen Dank an die Budapester Sangha und ich komme auf jeden Fall wieder!!!


Johannes Ambrosius, 2000 Zuflucht bei Karmapa, Heimatzentrum Heidelberg-Mitte, Ausbildung zum Gymnasiallehrer (Biologie, Musik) , tätig als Klavierlehrer