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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 34, ( 2002)

Russland 2001

Russland im Sommer 2001 - From Russia with Love von Oliver Sroka

Das Reiseziel Rußland erntet zuhause nach wie vor Aufhorchen, Erstaunen oder gar Kopfschütteln - bei Nichtbuddhisten. Wir jedoch haben guten Grund, uns in die Weiten Osteuropas aufzumachen: Unser Lama verbringt dort jedes Jahr viel Zeit und wo Ole ist, da ist es immer spannend...

Es hat sich als gute Idee herausgestellt, den Kurs in Tenovice der Reise voranzustellen und gleich ab Prag mit Ole mitzureisen. Zwei Nächte und 36 Stunden im Zug bis Moskau zeigen einem die Weite des Landes. Der Geist beginnt sich zu entspannen. Im morgendlichen Moskau erwartet uns im buddhistischen Zentrum ein Frühstück in wunderschönen Räumen. Es berührt zu sehen, wie Karmapas Kraftkreis überall eine liebevolle Atmosphäre hervorbringt. Danach unternimmt unsere jetzt 15-köpfige deutsche Reisegruppe einen Ausflug zum "Roten Platz" mit dem Kreml - ein paar Eindrücke aus der elektrisierenden 10-Mio-Einwohner-Metropole aufzuschnappen bevor wir wieder zum Bahnhof gebracht werden - Nachtzug nach Volgograd - durch wochenlange Hitze ausgetrocknete, versengte Buschsteppe. Dann Volgograd, früher Stalingrad - Entscheidungsschlacht des 2. Weltkrieges, 1,2 Mio Tote, Russen und Deutsche. Der Besuch am gigantischen Mahnmal ging tief - etwas Schweres aber auch Verbindendes spüre ich - gemeinsame Vergangenheit. Volgograd ist überhaupt eine bemerkenswerte Stadt: ca. 100 km lang schlängelt sie sich entlang Russlands mächtigstem Fluss. Ein musealer Bus mit defekter Gangschaltung bringt uns gemächlich zum Phowa-Gelände, einem Kindererholungsheim mit zeitlosem sowjetischen Charme. Unser kleines Häufchen Deutscher, um einzelne durch's Riesen-Russenreich streifende Germanen erweitert, verstreut sich unterm Kurszelt - einem bunten Nylonflickenteppich mit reichlich Schlitzen und Löchern, so dass gute Wünsche für trockenes Wetter von Anfang an Praxisbestandteil wurden. Erste Kontakte entstehen, man sieht sich um, beobachtet neugierig die slawischen Kursteilnehmer. Sympathischen Nachbarn mit hochgezogenen Augenbrauen mit "Angliski?", was eine Frage nach ihren Englischkenntnissen sein soll, zu kommen, wird mit einem breiten Grinsen beantwortet: "Niet! You are in Russia!" Aber macht nix, man ist sich näher gekommen. Man teilt Kekse, Schokolade, Blicke. Es wird geflirtet und gelacht. Es ist erstaunlich, wie wenig Worte man braucht um eine Verbindung zu spüren.

Ole ermahnt die Russen des öfteren, nicht zuviel Wodka zu trinken. Letztes Jahr beim Phowa in Moskau ging die Disziplin überm Feiern derart flöten, dass die Zeichen sehr schlecht waren. Auch die Russen wollen gute Schüler sein und so wurde einsgerichtet praktiziert. Daß von 1000 anwesenden Buddhisten ca. ein Drittel Neue das Phowa erfolgreich zu einem Ende brachten grenzt dennoch an ein Wunder: wir hatten das übliche Phowa-Wetter mit teilweise starkem Wind und wild wechselnden Bewölkungen. Immer wieder gab es Risse im Flickendach und fast jede Nacht gab es Regen. Es ist etwas sehr berührendes und zutiefst russisches: zu sehen, wie immer unzählige Männer unermüdlich, einer wilden Segelschiffahrt gleich, sich gegen Dachplanenrisse stemmten oder morgens Scharen von Fleißigen vornübergebeugt mit Lappen die mit Wasserlachen übersäte Bodenplane trockenwedeln. Da gibt es so viel Freude, Eifer und Hingabe, zusammen etwas zu schaffen. Ihre Geschichte hat die Russen zäh und gleichmütig gemacht. Man ist beeindruckt. Nach dem Kurs geht es die drei Stationen weiter zum Schwarzen Meer, diesmal im Bus, und nach einer langen Abschiedsparty sieht man überall nur chaotisch rumliegende Köpfe, Arme und Beine.

Die l. Station ist Elista, Hauptstadt der Republik Kalmükien. Auch wenn man es schon wusste oder ahnte, dass Russland ein Vielvölkerstaat ist, jetzt versteht man es: gerade noch in Europa sieht man von einem Moment auf den anderen nur noch mongolisch aussehende Leute am Straßenrand und in der Tat sind hier "Wandersleute" hängengeblieben. Elista ist unrussisch sauber und häufig haben die Einheimischen neuerlangte Freiheiten lustig genutzt und setzten vor sowjetisch-graue Bauten buddhistisch-bunte Portale. Neben der vor wenigen Jahren erbauten Stupa unserer Linie gibt es in dieser traditionell buddhistischen Republik viele Ehrenbilder für den Entdecker unseres Geistes. Der Vortrag dort war ein Ereignis der besonderen Art: Die Ränge eines mittelgroßen Saals waren überwiegend von Einheimischen besetzt. Als wir und die ca. 200 vom Phowa kommenden Russen in den Saal strömten, war kein Flecken mehr unbesetzt - weder am Fußboden noch schließlich um Ole und dem glänzenden Übersetzer Wagid herum auf der Bühne. Eine gewisse Spannung war nicht zu übersehen: einerseits die schon aufgrund ihrer Asiatischheit traditionell wirkenden und interessierten Kalmücken und andererseits überwiegend junge, gut ausgebildete, begeisterte und verbreitet militärisch gekleidete Schüler Oles. Ole hat alles getan, um den Einheimischen Brücken zum Diamantweg zu bauen, aber so ganz kamen sie aus ihrer vielleicht traditionellen Zurückhaltung nicht heraus und so waren es doch ausschließlich wieder die Slawen, die letzte Unklarheiten an ihrem Erleuchtungsweg vom Lama beseitigen ließen. Für mich blieb es bei einem exotischen Zusammentreffen.

Die nächste Station - eine Tagesbusfahrt entfernt - war Krasnodar, ein 5-Millionen-Menschen-Ballungsraum. Auch dort gibt es Interesse an dogmenfreien höchsten Belehrungen über unsere wahre Natur und wie noch öfter erfreuten wir uns an den Räumlichkeiten eines alten Theaters im Stil der mitteleuropäischen 20er Jahre. Der Besuch einer Sauna verkürzte die Wartezeit bis zur Abfahrt nach Sotchi, der berühmten Urlaubsstadt am Schwarzen Meer, die sowohl Gorbatschow als auch der jetzige russische Präsident Putin zu schätzen wissen. Sotchi erstreckt sich ca. 140 km entlang der Küste und für diese Größe ist es verwunderlich, dass die Stadt kein Kagyü-Zentrum hat. Als zum aktuellen Lamavortrag außer unserer russisch-deutschen Reisegruppe nur ein einziger Einheimischer erschien, wurde klar: hier wird noch mit Freude in der bedingten Welt verkehrt und wahrscheinlich geht es den Leuten für russische Verhältnisse einfach zu gut, um bemerken zu wollen, dass ihr Glück nicht von Dauer sein wird. Bald jedoch wird es ein attraktives Angebot geben: Unser Lama hat dort soeben eine wunderschöne zukünftige Retreatstelle oberhalb des Schwarzen Meeres inmitten geschützter uralter Wälder eingeweiht.

Ole ist dann zusammen mit Hannah, Wagid und Axel über Moskau nach Blagoveschinsk in Sibirien geflogen um dort den Leuten das bewusste Sterben zu lehren. Unsere deutsche Reisegruppe ließ es sich bei immer noch sommerlichen Temperaturen fünf Tage lang am Meer gut gehen. Eine ganze Reihe von Mantren wurde den Strand rauf- und runtergemurmelt. Mögen es Samen für künftige Entwicklungen werden in dieser  wunderschönen Umgebung am Fuße des Kaukasus. Wie insgesamt, so hielten auch hier unsere Reiseleiter Toiek und Marina, beide aus St. Petersburg, immer etwas Interessantes im Programm für uns bereit. In dieser Zeit wurde auch das Karma reif für außerordentliche globale Veränderungen. Mit Fassungslosigkeit nahmen wir die Meldungen vom 11. September auf - über CNN auf russisch! - und bemerkten sowohl bei den russischen Urlaubsgästen wie an der öffentlichen Stellung- und Anteilnahme Präsident Putins wie der russichen Medien: die Zeiten des kalten Krieges sind vorüber. Das Mitgefühl war echt und die Zeit gekommen, um gemeinsame Werte und Interessen wiederzuentdecken.

Dann fuhren wir mit ca. 38 Stunden Zugfahrt nach Kiev in die Ukraine und von dort weiter zum Kurs nach Chernigev, 2 Stunden nördlich davon. Beide Städte sind schon sehr alt, ca. 1500 Jahre, Kiev war die l. Hauptstadt eines Vorgängers des russischen Reiches und die Städte haben trotz 70-jähriger Sowjetzeit ihre Klasse nicht eingebüßt. Nach einem sonntagmittäglichen Vortrag von Lama Ole im geradezu royalistischen Theater von Chernigev und unserer Unterbringung im Hotel begann der Meditationskurs mit 400 Leuten in einer Turnhalle. Auch in der Ukraine ist somit die Vielfalt buddhistischer Meditationspraxis bekannt und die Neugier und der Wissensdurst unzähliger Fragen gestillt. Besonderen Beifall gab es, als Ole bekanntgab, dass von ihm und der Diamantweg-Stiftung/Ukraine soeben ein Hotel mit Gelände im Westteil des Landes für sage und schreibe 7.000 Dollar erworben wurde. Eine weitere Gelegenheit, überschüssigen Yogi-Eifer beim Ausbau beizusteuern und sicher in baldiger Zukunft eine weitere preiswerte Zurückziehungsstelle im ländlichen Südosteuropa.

Jetzt auf der Rückfahrt im Zug im Grenzgebiet zwischen Polen und der Ukraine denke ich an diese tolle Zeit. Wie Ole sagt, lernt man auf diesen Reisen seinen Geist kennen - das Verlassen der gewohnten Umgebung ist die halbe Miete auf unserem Weg. Und dafür ist Russland höchstgeeignet. Das Land steckt voller Überraschungen und Unwägbarkeiten und während man gerade mit freudigem Erstaunen das Verdauen der ersten "Kulturschocks" beobachtet, werden die erweckten Anpassungsmechanismen schon wieder der nächsten Prüfung unterzogen. So wandelt sich Selbstbezogenheit zu einem Suchen nach Nützlichem für die Gruppe und auch der Cocktail aus Enge, Schlafmangel und Ungewohntem wird im schützenden Kraftkreis der Lamas zur interessanten Erfahrung. Man erlebt, wie man über sich hinauswächst. Man wird größer. Es ist ein Riesengeschenk, mit Ole reisen zu können, eine großartige Möglichkeit zur Entwicklung und es bleibt Dankbarkeit. Ole betont immer, wie sehr er sich wünscht, dass wir uns begegnen, Ost und West, und wir wollen doch alle gute Schüler sein...


Oliver Sroka
Schüler und Gelegenheits-Mitreisender von Lama Ole Nydahl
Ausser diesem Text lag bis zum Redaktionsschluss nichts über den Autor vor
Scheint aber ein interessanter und netter Kerl zu sein
oliver.sroka@web.de

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