Aus: Buddhismus Heute Nr. 34, ( 2002)

"Wenn man mit ganzem Herzen praktiziert..."

Interview mit Lama Walli

Lama Walli begegnete dem Kagyü-Buddhismus in den 70er-Jahren, als sie von Lama Ole Nydahl gezeigte Dias vom 16. Karmapa sah. Später wurde sie Schülerin von Gendün Rinpoche.
Zusammen mit ihrem Mann, Henrik Havlat, hat Lama Walli dann über 15 Jahre in Zurückziehung verbracht, wo sie von Gendün Rinpoche authorisierte Lehrer wurden. Im Retreat haben sie wichtige Kagyü-Texte aus dem Tibetischen ins Deutsche übersetzt, zum Beispiel "Mahamudra - Ozean des Wahren Sinnes" vom 9. Karmapa. Lama Walli und Henrik leben in Frankreich, wo sie ein Retreatzentrum für Laien leiten. 2001 besuchten die beiden zum ersten Mal die Diamantweg-Zentren in Deutschland.

Wie und wann seid ihr, dein Mann und du, zum Buddhismus gekommen? Ich habe 1975 bei Kalu Rinpoche Zuflucht genommen. Henrik hat Zuflucht beim 16. Karmapa im Osten genommen, als wir in Indien waren.

Wie habt ihr euch kennen gelernt? Wir haben uns 1978 in Paris auf dem Weg zu einem Kurs bei Khenpo Tsultrim Gyamtso kennen gelernt, danach haben wir sechs Monate bei ihm studiert.

Wie hat sich eure Praxis nach der Zufluchtnahme weiter entwickelt? Zuerst haben wir diese sechs Monate bei Khenpo studiert; dann haben wir für einen Monat ein Retreat gemacht und danach schloss sich für sechs Monate ein Retreat unter der Leitung von Tenga Rinpoche an. Im Anschluss daran verbrachten wir weitere sechs Monate in Zurückziehung, ebenfalls unter Tenga Rinpoches Leitung, und schließlich sind wir nach Frankreich zu Gendün Rinpoche gegangen.

Was war ausschlaggebend für euch in dieses lange Retreat zu gehen? Wir waren inspiriert von der Praxis, von diesen kürzeren Retreats, die wir gemacht haben; und der wirkliche Ausschlag war wohl auch, dass wir zuletzt 1980 bei Karmapa waren. Als wir zu ihm ins Zimmer in Sikkim reinkamen, hat er uns gefragt: "Was macht ihr hier, warum seid ihr nicht im Retreat?" (Walli lacht). Dann sagte er noch, wir sollten nicht im Osten Retreat machen, sondern nach Europa gehen, und so sind wir zurückgegangen.

Wie habt ihr das Retreat finanziert? Wir haben von sehr, sehr wenig gelebt, wir kauften einen sehr billigen alten Caravan und wir mussten eigentlich nur unser Essen bezahlen. Später haben wir auf Wunsch von Gendün Rinpoche Bücher vom Tibetischen ins Deutsche übersetzt.

Habt ihr die Länge des Retreats - 15 Jahre - zu Beginn festgelegt? Nein, als wir ins Retreat gingen, wussten wir, dass wir eine Weile da sitzen würden, aber wie lange das genau dauern würde, wussten wir nicht.

Was habt ihr praktiziert? Verschiedene Yidam-Praktiken, Schützer-Praktiken, die Sechs Yogas und Shine, Lhagtong, Mahamudra.

Hattet ihr in dieser Zeit Kontakt zu eurem Lehrer? Ja, Gendün Rinpoche ist regelmäßig jeden Monat zu uns gekommen und hat uns für ein paar Stunden Belehrungen gegeben.

Was war das Schwierigste im Retreat? Schwierig ist es, am Anfang den Geist zu zähmen, weil er sehr wild ist. Abgesehen davon, kann ich nicht sagen, dass wir wirkliche Schwierigkeiten hatten.

Hattest du oder dein Mann Zweifel und wolltest du mal das Retreat verlassen? Zweifel hat man eigentlich, bis man die Natur des Geistes verstanden hat und Sicherheit darin gewonnen hat. Bis dahin kommen immer wieder Zweifel hoch in der Praxis, in der Art, wie man praktiziert. Das Retreat zu verlassen, da kommen schon ab und zu Gedanken, an schönen, sonnigen Tagen (lacht). Aber es war eigentlich nie so, dass wir wirklich gehen wollten.

Eine Frage zur Befreiung: In der Zen-Literatur zum Beispiel wird sie oft als ein plötzliches Erlebnis beschrieben. Ist das wirklich so, oder ist es mehr ein Prozess? Wenn man den Shine-Lhagtong-Mahamudra-Weg geht, dann ist das ein stufenweiser Prozess.

Also kein Blitz aus dem Himmel? Nein (lacht).

Was habt ihr jetzt vor? Welche Pläne habt ihr? Zum Nutzen von anderen zu arbeiten.

Ihr habt dieses Zentrum in Frankreich gegründet. Was passiert dort? Im Moment wird da ein Drei-Jahres-Retreat gemacht; es ist aber nicht so, dass wir einen ganz bestimmten Plan haben, was wir machen wollen; das ist etwas, was sich ergeben hat, weil es sich die Leute gewünscht haben, und wir sind einfach mitgegangen. Wir tun, was die Leute wünschen und was wir denken, was gut für sie ist.

Ist das ein Retreat für Mönche und Nonnen oder auch für Laien? Nein, nein, die Mönche und Nonnen sind in der Dordogne und Le Bost, und bei uns sind nur Laien. Dass es zwei verschiedene Plätze gibt, war ein Wunsch von Gendün Rinpoche.

Kann jeder dahin gehen um da zu meditieren? Wenn wir ihn kennen, ja (lacht).

Wie ist euer Verhältnis zu Lama Ole und Hannah? Wir haben sie in den siebziger Jahren kennen gelernt; dann waren wir über zwanzig Jahre weg aus Deutschland und aus der "Szene". Vorletztes Jahr haben wir uns zum ersten Mal wieder gesehen und ich hoffe, dass es eine fruchtvolle Zusammenarbeit wird.

Es gibt Stimmen, die behaupten, Frauen im Buddhismus brauchen besondere Belehrungen und Meditationen. Andere sagen aber, dass der Geist kein Geschlecht hat... Es gibt keinen Zweifel, der Geist von Frauen und Männern ist derselbe. Es gibt nur einen Geist, keine zwei verschiedenen. Die Praxis ist eigentlich auch für beide dieselbe, Männer und Frauen müssen gleichermaßen ihre Schleier reinigen und ihr Haften an der Realität loslassen, die ja keine ist. Einen wirklichen Unterschied - etwa in der Herangehensweise - kann ich nicht sehen.

Auch nicht im Alltag? Die Praxis, die man macht und die Aufgaben, die man hat, sind dieselben, und die formellen Praktiken sind ebenso dieselben.

Wie hat sich eure Beziehung durch das Retreat geändert? Es hat sehr viel mehr Nähe und Offenheit geschaffen.

Wie können Praktizierende von ihren eigenen Beziehungen profitieren? Generell geht man durch das Praktizieren in einen Entwicklungsprozess rein, und wenn man das zusammen machen kann, dann ist es eigentlich wie eine sehr schöne Entdeckungsreise, die man zusammen macht. Und man wird feststellen, dass sich die Beziehung von einer oberflächlichen Ebene weg bewegt und dass es sehr profund wird. Das geht einher mit einem Verständnis von der Praxis, das man zusammen entwickelt. Also ich würde sagen, dass die Beziehung profitiert, besonders wenn beide praktizieren.

Werdet ihr Zuflucht geben und eigene Schüler annehmen? Das passiert jetzt schon.

Kannst du etwas über Gendün Rinpoche erzählen? Ja, wenn du heute Nacht viel Zeit hast..... (lacht).

Etwas Kurzes vielleicht, etwas Beeindruckendes?
Gendün Rinpoche war ein wirklich, wirklich großer Meister, und sein Segen und seine Kraft ist etwas, das wir immer und immer wieder erfahren können und sehen können. Die Qualitäten des erleuchteten Geistes, die er einfach so mühelos demonstriert hat, was uns wiederum inspiriert hat, einfach immer weiter zu praktizieren und ein  bisschen mit den Resultaten zufrieden zu sein. Das Hervorragende an ihm war immer wirklich seine außergewöhnliche Segenskraft, sein enorm großes Mitgefühl, seine Fähigkeit Schüler zu leiten, sein Interesse, sein wirklich tiefes Engagement, bei den westlichen Schülern wirklich etwas zu etablieren und zu hinterlassen.

Wie ist eure Einstellung zu Laien- und Mönchsbuddhismus? Die Frage, ob man den Weg als Laie oder als Mönch geht, ist letztendlich eine karmische Situation, in der man sich findet. Die Aufgaben, die beide haben, sind eigentlich dieselben, beide müssen ihren Geist erkennen, als das, was er ist. Es ist nicht so, dass sie verschiedene Aufgaben haben, das ist schon dieselbe Aufgabe, sie müssen beide praktizieren. Es ist nicht so, dass für Laien der Weg ohne Praxis geht, auch die Laien müssen praktizieren um etwas vom eigenen Geist zu verstehen. Es ist eigentlich nur die Frage, was für einen relevanter ist, in welcher Form man den Weg gehen möchte. Aber die Aufgabe, die beide haben um den Geist zu verstehen, um sich ihrer Verwirrung und Verblendung zu entledigen, ist für beide dieselbe. Wie man seinen Weg gehen möchte, ist eine individuelle Entscheidung. Es ist schwierig von außen zu entscheiden, ob es richtig oder falsch ist.

Was macht die Praxis effektiv? Wenn man mit ganzem Herzen praktiziert. Wenn man eine Sache ganz machen kann, genau wie alles andere in unserem Leben. Alles, was wir wirklich voll und ganz machen können, wo wir uns richtig darauf einlassen können, dort werden wir auch Resultate haben. Wenn man sich nur zum Teil auf eine Sache einlässt, kann man auch Resultate entwickeln, das ist dann aber nicht dasselbe.

Vielen Dank für das Gespräch!

Lamo Walli (geb. 1951) praktizierte gemeinsam mit ihrem Partner Henrik 16 Jahre in Zurückgezogenheit. Das erste Jahr unter der Anleitung von Tenga Rinpoche, fünfzehn Jahre unter der Leitung von Gendün Rinpoche. 1986 wünschte Gendün Rinpoche, dass sie die Funktion von Lamas übernehmen. Seit 1996 leiten sie ein Retreat-Zentrum für Laien in der Dordogne, wo zur Zeit unter anderem ein 3-Jahres-Retreat stattfindet in dem auch Paare praktizieren.

Maria Przyjemska;
kommt aus Gdansk in Polen;
dort hat sie 1994 Zuflucht bei Lama Ole genommen;
sie ist Anglistin;
lebt in Berlin;
studiert dort Tibetisch und Sanskrit

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