Aus: Buddhismus Heute Nr. 34, ( 2002)

Ein Baum mit tiefen Wurzeln - Teil 1, Anfänge des Buddhismus im deutschen Kulturkreis

Michael den Hoet

Obwohl ursprünglich in Asien beheimatet, erfreut sich der Buddhismus mittlerweile auch in Europa zunehmender Beliebtheit. Auffällig ist hierbei, dass Buddhismus in unseren Ländern nicht so sehr als Sache eingewanderter Asiaten auffällt, sondern sich ein europäischer Stil entwickelt, der zu unserem Alltag passt. Konflikte mit den westlich-demokratischen Gesellschaften haben sich bislang nicht gezeigt und sind in absehbarer Zukunft nicht zu erwarten. Bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, dass Buddhismus in unserer Kultur tiefer verwurzelt ist, als viele denken: In Deutschland gibt es ihn bereits seit etwa 150 Jahren.

Schon in der Antike hatte es Verbindungen Europas mit dem buddhistischen Asien gegeben. Vom historischen Buddha Shakyamuni wird gesagt, dass er Nachkomme arischer Einwanderer gewesen sei, die vor über 3000 Jahren aus Osteuropa nach Indien kamen. Wenige Generationen nach ihm waren mit dem Feldherrn Alexander dem Großen viele Griechen in den mittleren Osten gelangt, was in der Folge zu einem regen kulturellen Kontakt führte: Die buddhistische Kunst auf dem indischen Subkontinent etwa wurde durch griechische Vorbilder maßgeblich geprägt. Der Buddhismus seinerseits scheint sowohl auf die spätere griechische Philosophie als auch auf das frühe Christentum Einfluss ausgeübt zu haben. Mit der massiven Ausbreitung des Islam im 7. und 8. Jahrhundert in den Ländern Vorderasiens kam der direkte kulturelle Austausch zwischen Europa und Indien jedoch praktisch zum Erliegen. Seit dieser Zeit entwickelten sich die Gesellschaften Europas und Asien weit auseinander. Es verging über ein Jahrtausend, bis Europäer Buddhas Lehre neu entdeckten.

Buddhismus hat sich in der Geschichte nicht durch offensives Missionieren weiter verbreitet, sondern in erster Linie durch die persönliche Integrität seiner Vertreter. Weckten diese bei jemandem Interesse, begannen sie auf Nachfrage zu lehren, aber grundsätzlich nicht, ohne darum gebeten worden zu sein. Damit der buddhistische Dharma in einen neuen Kulturkreis gelangen konnte, waren stets bestimmte Bedingungen erforderlich, u. a.: a) der Kontakt als solcher, b) jemand, der buddhistische Lehren kompetent vermitteln konnte (wenigstens einen Lehrer oder zumindest ein intelligentes Buch) und c) Lernwillige mit viel Offenheit und Einfühlungsvermögen für das Neue. Was Europa betrifft, waren die Grundlagen für eine fruchtbare Beschäftigung mit Buddhismus lange Zeit nicht gegeben. Erst nach der Überwindung des Mittelalters, mit Renaissance und Aufklärung entstanden langsam mehr Offenheit und Interesse für andere geistige Angebote, als sie die Kirche bereit hielt. Doch wie kam es schließlich zum Kontakt der Europäer und speziell von Deutschen mit buddhistischer Kultur? Im folgenden seien einige wichtige Stationen des Buddhismus auf dem Weg in unsere Gesellschaft genannt.

Um 1800 herum war Ceylon (Sri Lanka) britische Kolonie geworden, kurz darauf auch Teile von Indochina. Während gut meinende Westler versuchten in diesen Ländern neue Christen anzuwerben - mit mäßigem Erfolg -, gab es eine Hand voll europäischer Wissenschaftler, die sich für Buddhismus zu interessieren begannen. Als ein herausragender Pionier tat sich der Ungar Alexander Csoma von Körös (ung. Csoma Körösi Sándor, 1779-1842) hervor. Auf der Suche nach den kulturellen Wurzeln seines Volkes in Zentralasien kam er im Himalaya mit Tibetischem Buddhismus in Berührung. In einem Kloster in Ladakh lernte er und schrieb in jahrelanger Arbeit das erste brauchbare Wörterbuch Englisch-Tibetisch. 1821 entdeckte der Brite Brian H. Hodgson (1800-1894) alte Manuskripte in einem nepalesischem Kloster, die er zur Auswertung nach Paris schickte. Ungefähr zur gleichen Zeit waren Britische Archäologen auf alte beschriftete Säulen und originale Felseninschriften des früheren Königs Ashoka gestoßen, der im 3. Jahrhundert v. u. Z. viel für die Verbreitung des Buddhismus in Indien getan hatte. Viele Zeugnisse früherer buddhistischer Hochkulturen wurden in nächsten Jahrzehnten ausgerechnet von Europäern ans Tageslicht gefördert: Die große Tempelanlage von Borobudur in Indonesien (sie war mehrere Jahrhunderte von einer Schicht Vulkanstaub bedeckt), vergrabene Statuen in Afghanistan und vieles mehr.

Deutsche Kultur trifft Buddhismus -> in Russland
Die erste Begegnung deutscher Kultur mit dem Buddhismus fand bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts statt, und dies an einem Orte, wo man es nicht unbedingt erwarten würde: Im Süden Russlands. In den 1760er Jahren hatte die russische Zarin Katharina II. deutsche Siedler in ihr Reich eingeladen, um fruchtbare und dünn besiedelte Regionen an der mittleren und unteren Wolga zu erschließen. Die beiden südlichsten Kolonien lagen in direkter Nachbarschaft zu den buddhistischen Kalmüken - man freundete sich an. Wolgadeutsche Missionare und Händler verbrachten längere Zeit in der Kalmükensteppe. Es amüsiert, wenn man heute Berichte von Herrnhuter Christen liest, die um 1770 von der deutschen Kolonie Sarepta aus Kalmüken besuchten. Ihre Eindrücke über deren buddhistische Kultur tibetischer Prägung:

Die [missionierenden] Brüder fanden ein Volk vor, das keineswegs verdummten Fetischanbetern gleich zu stellen war, sondern das ein fein ersonnenes Religionssystem hatte, in dessen Ceremonien nichts willkürlich war, sondern alles nach Regel und Ordnung behandelt wurde. Selbst die Musik, die ihren Götzendienst begleitete, war kein wüstes Durcheinander, sondern eine Symphonie, nach hergebrachten, bestimmten Weisen ausgeführt, die aber in Rhythmus und Harmonie nicht die geringste Aehnlichkeit mit der unsrigen hatte.1 [...]
Sie finden das Evangelium sehr schön, und loben es, eben weil es, wie sie sagen, dasselbe enthält, wie ihre Religionsschriften. Sagt man einem gelehrten und scharfsinnigen Gellong2 von der Liebe, die unsern Heiland in den Tod getrieben hat, so weiß er von Schachdschamuni (ihrem jetzt regierenden, obersten Burchan oder Gott3 zu erzählen, daß er, wer weiß wie oft gestorben ist, bald um sich in Hasengestalt einem verschmachtenden Wanderer zur Speise zu bieten, bald auf die oder jene Weise einem Andern einen ähnlichen Gefallen zu thun. Hält man ihm vor, daß ein Mittler ist zwischen Gott und den Menschen4, so freut er sich, daß die Kalmüken viele Tausend Mittler haben, und glaubt dadurch im Vortheil zu sein.


Die Kalmükenmission brachte praktisch keine neue Christen hervor, dafür aber einen bedeutenden Wissenschaftler: Isaak Jakob Schmidt (1779-1847) lernte neben der kalmükischen Sprache auch noch Mongolisch und Tibetisch und ging später nach St. Petersburg, wo er sich als Übersetzer historischer und buddhistischer Texte einen Namen machte. Der erste deutschsprachige Autor und Übersetzer buddhistischer Bücher wurde 1829 zum Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften ernannt. Aus seinen Arbeiten ging ein erfolgreiches Institut für Buddhismus-Forschung hervor, das im Westen lange Zeit führende seiner Art.

1822 verboten russische Behörden die Missionierung der Kalmüken durch Russlanddeutsche, doch deren Interesse an ihnen blieb bestehen. Als sich einige Jahrzehnte später an der Universität Leipzig die Zentralasienkunde als Forschungszweig etablierte, spielten die Verbindungen der aus Sachsen stammenden Herrnhutern mit den mongolischen Völkern Russlands (zu denen die Kalmüken gehörten) eine wichtige Rolle. Bereits 1882 konnte man in Leipzig mongolisch bzw. tibetisch lernen.

Schopenhauer und der Buddhaismus
Zu den Lesern Isaak Jakob Schmidts gehörte der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860), der sich bereits in jungen Jahren für östliche Weltanschauungen interessierte. Was lässt sich über sein philosophisches Weltbild sagen? Ausgehend von den Ausführungen des großen Denkers Immanuel Kant (1724-1803) über Raum, Zeit und Kausalität, beschrieb Schopenhauer den Menschen als ein Wesen, der sich durch seinen eigenen Willen5 eine Vorstellung6 von der Welt, eben seine Welt schafft (Die Welt ist im Bewußtseyn vorhanden). Da dieser Wille von Egoismus und Überlebenstrieb bestimmt sei, wäre viel Leid vorprogrammiert. Der Mensch könne davon loskommen, wenn er lerne, sich in seinem Denken dem Diktat des Willens zu entziehen und tief gefühltes, universelles Mitleid mit Allem was Leben hat entwickle. Zur Ruhe käme dieser Wille bei Vertiefung in der Kunst - die ästhetische Anschauungsweise schildert Schopenhauer nahezu meditativ:
In diesem Zustand denkt der Anschauende nicht in Begriffen, er fragt sich nicht nach den Ursachen des betrachteten Objekts, er vergißt wo er sich befindet und er verliert das Gefühl der Zeit.


Viele seiner geistigen Neigungen fand Schopenhauer später im Buddhismus wieder - oder zumindest in dem, was er seiner Zeit vom Buddhismus in Erfahrung bringen konnte, denn viele Bücher zum Thema gab es damals noch nicht. Schopenhauer, der in seinen Werken übrigens gerne gegen Juden- und Christentum stichelte, teilte den Atheismus des Buddha, dessen anspruchsvolle Ethik auch Tiere einschloß und vor Askese nicht zurückschrecke. Den Leitgedanken der Wiedergeburt fand er einleuchtend. Zu hause legte er sich eine Buddhastatue aus Tibet zu, damit - wie er sagte - jeder beim Eintritt schon sieht, wer in diesen "Heiligen Hallen" herrscht.

Er nahm an, dass in einem Europa, welches bald neue geistige Freiheiten entdecken werde, alte indische Weisheiten gegenüber bevormundenden Religionen eine große Zukunft hätten. 1854 schrieb er in Über den Willen in der Natur (2. Auflage):
"Der Verfall des Christentums rückt sichtlich heran. Dereinst wird gewiß indische Weisheit sich über Europa verbreiten. Denn der in allem andern den übrigen weit vorangehende Teil der Menschheit [= der Westen] kann nicht in der Hauptsache [= Religion und Weltanschauung] große Kinder bleiben; angesehn, daß das metaphysische Bedürfnis unabweisbar, Philosophie aber immer nur für wenige ist. Jener Eintritt der Upanischaden-Lehre oder auch des Buddhaismus würde aber nicht wie einst der des Christentums in den unteren Schichten der Gesellschaft anfangen, sondern in den oberen; wodurch jene Lehren sogleich in gereinigter Gestalt und möglichst frei von mythischen Zutaten auftreten werden."

Was Schopenhauers über den Buddhaismus (so nannte er ihn) schrieb, weckte Interesse. Wer in den nächsten Jahrzehnten im deutschen Sprachraum zum Buddhismus kam - z. B. Neumann, Zimmermann, Dahlke, Grimm, Nyânatiloka, Lama Govinda -, hatte in der Regel Werke des aus Danzig stammenden Philosophen gelesen. Aber: der Wegbereiter des frühen deutschen Buddhismus galt - menschlich gesehen - als schwer zugänglicher Zeitgenosse. Er sah die äußere Welt von Leid durchdrungen und bezeichnete sich selbst als Menschenverachter. Und in einem zentralen Punkt der buddhistischen Lehre erlag Schopenhauer einem ernsten Missverständnis: der Deutung des Zieles, dem Nirvana. Das Fremdwort wird mit Erlöschen übersetzt und als ein relatives Nichts beschrieben. So schrieb er in sein Manuskript für die 3. Auflage von Die Welt als Wille und Vorstellung:
"Die Buddhaisten aber bezeichnen mit voller Redlichkeit die Sache bloß negativ durch Nirwana, welches die Negation dieser Welt oder des Samsara ist. Wenn Nirwana als das Nichts definiert wird; so will dies nur sagen, daß der Samsara kein einziges Element enthält, welches zur Definition oder Konstruktion des Nirwana dienen könnte."

Dieser Buddhismus war ein pessimistischer und besaß eine dualistische Note. Hätte es in Schopenhauers Leben einen authentischen Lehrer gegeben, der ihm dargelegt hätte, dass Samsara und Nirvana die gleiche Grundlage haben und dass Leid loszulassen bedingungslose Freude entstehen lässt, wäre der deutschen Nachwelt das lange vorhandene Klischee einer welt- und lebensverneinenden Religion wohl erspart geblieben. Heutzutage verwenden wir statt Nirvana lieber die Begriffe Befreiung und Erleuchtung.

Erste Berührungen mit der deutschen Öffentlichkeit

Dennoch: Der Buddhismus hatte Eingang in die deutsche Philosophie gefunden, die also bereits im 19. Jahrhundert Anknüpfungspunkte zu buddhistischem Gedankengut aufwies. Kurz nach Schopenhauer beschäftigte sich u. a. Friedrich Nietzsche (1844-1900) mit Buddhismus. Und sogar der Komponist Richard Wagner (1813-1873) wurde ein Anhänger des Erhabenen. Er wollte dem herrlichen Buddha, diesen vollkommen befreiten, aller Leidenschaft enthobenen Menschen sogar eine Oper mit dem Titel Die Sieger widmen, doch blieben die Entwürfe dazu letztlich in der Schublade liegen.
In den nächsten Jahrzehnten erschienen bemerkenswerte Bücher über Buddhismus in deutscher Sprache. 1857/59 kam in Leipzig ein 2bändiges, dickes Werk heraus, welches der mit dem kommunistischen Vordenker Karl Marx befreundete Karl Friedrich Köppen (1808-1863) geschrieben hatte. Er gab zwar den historischen Hintergrund gut wieder, seine Schilderung des Buddhismus selbst aber war von seinem religiösem Misstrauen gefärbt. 1881 kam Buddha, sein Leben, seine Lehre, seine Gemeinde des in Paris tätigen Indologen Hermann Oldenburg auf den Markt. 1888 veröffentlichte Friedrich Zimmermann (1852-1917) unter seinem Künstlernamen Bhikshu Subhara einen Buddhistischen Katechismus, als ein Gegenstück zu einem Buch aus der Theosophischen Bewegung. Es heißt dort:
Die Lehre Buddhas wendet sich an alle die, welche nicht von "göttlicher Gnade ohn' eignes Verdienst" das Heil erwarten, sondern die Muth und Kraft genug haben, auf eigenen Füßen zu stehen; die kühn genug sind, nicht glauben, sondern wissen, und nicht blind der Autorität folgen, sondern selbst für sich denken zu wollen. Sie ist die wahre Zuflucht derer, die nicht in materiellem Fortschritt und gesteigertem Wohlleben das höchste Ziel des Daseins erblicken, sondern abgestoßen [sind] von dem wilden Kampfe um Besitz und Genuß, den die Selbstsucht trotz unserer hochgesteigerten Kultur noch heute so erbarmungslos führt.

Der Preußische Oberpräsidialrat Theodor Schultze brachte 1894 Buddhismus als Religion der Zukunft heraus. 1891 begann der Österreicher Karl Neumann mit der Übersetzung von originalen Sutratexten aus dem Pali.
Am 15.8.1903 wurde auf Initiative des Indologen Karl Seidenstücker (1876-1936) in Leipzig mit dem Buddhistischen Missionsverein für Deutschland die erste buddhistische Vereinigung im damaligen Kaiserreich gegründet (1906 in Buddhistische Gesellschaft für Deutschland umbenannt). Seidenstücker trat bald darauf als Herausgeber verschiedener buddhistischer Zeitschriften in Erscheinung. Bis zum ersten Weltkrieg entstanden in mehreren Großstädten, wie Berlin, München und Hamburg, buddhistische Gruppen. Ab 1909 existierte in Breslau (heute Wroçaw/PL) für einige Jahre ein Buddhistischer Verlag. Der in Dresden lebende dänische Schriftsteller Karl Gjellerup (1857-1919) verarbeitete buddhistische Inhalte in seinen Romanen. Für Werke wie Der Pilger Kamamita erhielt er 1917 den Nobelpreis für Literatur.

Deutsche Asienreisende
Wer sich im Deutschland des späten 19. bzw. des früheren 20. Jahrhunderts mit Buddhismus beschäftigte, gehörte fast ausschließlich akademischen Kreisen bzw. dem Bürgertum an. Man schätzte die Lehre und sah sie durchaus als Bereicherung des eigenen Horizonts an, z. B. in Kreisen der Theosophischen Gesellschaft. Doch ein direkter Erfahrungsaustausch mit Buddhisten Asiens fand lange nicht statt. In der ersten Phase des Deutschen Buddhismus blieb vieles Theorie. Dies änderte sich erst, als einzelne Deutsche, Österreicher und Schweizer nach Asien reisten, um dort mit Buddhismus vertraut zu werden.
Das unter britischer Kolonialherrschaft stehende Ceylon (heute Sri Lanka) war besonders beliebt - es war in der Zeit das vergleichsweise am einfachsten zu erreichende buddhistische Land. Dies erklärt auch, weshalb der dort vertretene Theravada-Buddhismus, der sich an den frühen Quellen von Buddhas Lehre orientiert, zur vorherrschenden Strömung der nächsten Jahre in Deutschland wurde. 1903 entschied sich Florus Anton Gueth als wohl erster Deutscher für eine Existenz als buddhistischer Mönch und nahm den Namen Nyânatiloka an. Ein mutiger Schritt, dem bald andere folgten. Der Übersetzer Karl Neumann hatte bereits in den 1890er Jahren auf Ceylon Kontakte mit buddhistischen Gelehrten geknüpft. Auch der Berliner Arzt Paul Dahlke wurde 1900 dort Buddhist. Er war eine markante Persönlichkeit des frühen Deutschen Buddhismus, lebte spartanisch, verfasste viele Schriften und baute das Buddhistische Haus in Berlin-Frohnau. Als einflussreicher Vertreter der damaligen Buddhistischen Szene sei noch Georg Grimm (1868-1945) erwähnt. Der Richter lernte privat Pali und gründete 1921 die Buddhistische Gemeinde für Deutschland, welche in den 30er Jahren in Altbuddhistische Gemeinde umbenannt wurde und noch heute besteht. Sein Verhältnis zu Dahlke war gespannt.

In Wien kam es 1923 zur ersten bekannten Gründung einer Buddhistischen Gemeinschaft Österreichs. In der Schweiz gab es zwar bereits kurz nach der Jahrhundertwende engagierte Einzelpersonen. Es dauerte aber bis 1942, als mit der Buddhistischen Gemeinde Zürich der erste Zusammenschluss schweizerischer Buddhisten entstand. Er orientierte sich am Pali-Kanon.

Der Buddhismus erhielt auch Eingang in die Deutsche Literatur. Bekannt sind neben einigen Dichtungen von Rainer Maria Rilke (1875-1926) aus der Zeit zwischen 1905 und 1908 besonders Werke von Hermann Hesse (1877-1962). Er hatte von einer längeren Asienreise einen äußerst kritischen Eindruck der dortigen buddhistischen Realität bekommen, war aber von der Biographie des Buddha durchaus angetan. In seinem Roman Siddhartha - 1922 erschienen und inzwischen ein Klassiker von Weltrang - schildert er die Geschichte eines Brahmanensohnes im alten Indien. Als Wahrheit Suchender begegnet er dem Buddha persönlich, verlässt ihn aber wieder, da ihm, wie er sagt, auch eine erlesene Lehre nicht die eigene Lebenserfahrung ersetzen könne. 1946 bekam Hesse den Nobelpreis für Literatur verliehen. Siddhartha war später besonders zu Zeiten der Hippie- und Studentenbewegung der 1960er Jahre ein viel gelesenes Buch.

Buddhismus in der Deutschen Literatur - ein Beispiel
Aus dem Jahre 1958 stammt das folgende Gedicht des Literatur-Nobelpreisträgers Hermann Hesse.

Uralte Buddha-Figur
in einer japanischen Waldschlucht
verwitternd
Gesänftigt und gemagert, vieler Regen
Und vieler Fröste Opfer, grün von Moosen
Gehn deine milden Wangen, deine großen
Gesenkten Lider still dem Ziel entgegen,
Dem willigen Zerfalle, dem Entwerden
Im All, im ungestaltet Grenzenlosen.
Noch kündet die zerrinnende Gebärde
Vom Adel deiner königlichen Sendung
Und sucht doch schon in Feuchte, Schlamm und Erde,
Der Formen ledig, ihres Sinns Vollendung.
Wird morgen Wurzel sein und Laubes Säuseln,
Wird Wasser sein, zu spiegeln Himmels Reinheit,
Wird sich zu Efeu, Algen, Farnen kräuseln, -
Bild allen Wandels in der ewigen Einheit.


Fußnoten:
1 Hier versuchte man Pujas zu beschreiben
2 Gelong: Mönch bzw. Lama
3 Gemeint ist natürlich Buddha Shakyamuni
4 Umschreibung für Jesus Christus
5 d. h. Triebe, Begierden, Neigungen, Instinkte, Gewohnheiten
6 Wir würden heute eher das Wort Projektion gebrauchen


Michael den Hoet, Jahrgang 1964, norddeutscher Historiker mit niederländischen Vorfahren. Seit 1986 Buddhist, gelegentliche Vorträge und Artikel, zumeist zur buddhistischen Geschichte. Mitarbeit in Presseangelegenheiten für den BDD und Lama Ole.

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